Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433076--2724-2436620- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
| Kr. 5J Jüdische» Volksblatt Seite 3 Hesitz eine Erhöhung der Zahl seiner Mandate 10 auf 16 erreicht Hai. Da ließen jedoch die Landtag S-!ahgeorbneten Wiedmann, Skedl und v. Landwehr die Juden im Stiche, ja ne stimmten sogar für die Vorlage und Doktor S trau che r, Tittinger, Dr. Weidende l d und Langenhahn stimmten a l s einzige gegen dieselbe. Als Lohn für jfjjt verräterisches Vorgehen strichen die Deutschen d'aS Landtagsmandat in Ko fch und M ona st erzySka, das eigens zu diesem Zwecke gebildet wurde, ein. Das ist das Lied von der deutschen Treue! Sie zeigten hierdurch nicht nur, daß sie nichts auf politische Treue, sondern auch nichtauf Anstand gebe». Denn ist es anständig, nachdem man sein Schäflein ins Trockene gebracht, die anderen im Stiche zu lassen? Dieselben Motive leiteten die Freisinnigen, als sie die Handels- und Gewerbekammer auch nicht miteinemeinzigen neuen Mandate bedachten, sondern es bei den zwei Mandaten bewenden ließen, trotzdem ihre Wähleranzahl seit dem Jahre 1661 auf das Dreifache gestiegen ist. Dagegen ließ mau die Maske in den Landgemeinde-Wahlbezirken fallen. Hier herrscht ein einheitlicher Steuerzensus für alle Wähler; wer überhaupt Steuern zahlt, wählt mit. Denn hier fürchtet man die Juden wegen ihrer relativ geringen Anzahl nicht. In der allgemeinen Wählerkurie sind ebenfalls die Wahlbezirke so zusammengesetzt, daß den Juden kaum Platz bleibt, auch nur ein Mandat zu erlangen. Ganz einzig in ihrer Art ist die G e m e i n d ewahlordnung. Hier wählen ebenfalls sämtliche Steuerzahler ohne Rücksicht auf dieHöhe der Steuern in drei Kurien nach der Kopfzahl. Die Tendenz ist, den Juden selbst als Minorität ihren Anteil an der Gemeindeverwaltung zunehmen. Als Dr. S t r a u ch e r daher verlangte, daß in der Gemeinde auch für die Intelligenz und die höhere Steuerleistung eine Kurie geschaffen werde, ein Antrag, dem man seine Berechtigung schon aus dem Grunde nicht versagen darf, weil der Bauer in der Bukowina als Analphabet und großenteils auch als Alkoholiker zur Verwaltung der Gemeinde ungeeignet und unreif ist, meinte Landtagsabgeord- »eter Nikolai v. W a s f i l k o, »niemand könne behaupten, daß er ein Judenfeind fei, aber er könne den Juden keine Privilegien geben, trotzdem er die Gleichberechtigung Hochhalte". Nun, wie eS mit der Gleichberechtigung bestellt ist, ist hier ersichtlich; wenn aber Nkolai v. Waffilko und Aurel v. Oneiul damit flunkern, daß sie nur die Gleiberechtigung wahren, wenn sie den Inden ihre Privilegien nehmen, wie kommt es dann, daß sie dem rumänischen Großgrundbesitze 15 Mandate sammelten. So geschah es auch diesmal. Man saß um den T.sch herum, an der Spitze der Tafel der Rabbiner, die Gesellschaft mit anregenden Gesprächen unterhaltend. Plötzlich machte der Rabbiner auf seinem Stuhle eine unwillkürliche Bewegung und rückte hin und her. Da rief am anderen Ende der Tafel einer der Gegner ihm zu: „Rebbe, ist Ihnen der Sitz zu hoch?" Es sollte dies eine Anspielung sein, daß er für diese hohe Stelle nicht ganz würdig sei. Schlagfertig entgeguete er ihm: „Nein, der Tisch ist mir zu niedrig!" Mit dem Antritte dieses Predigers kam ein neuer Geist in die Gemeinde, der Geist der Aufklärung und des Strebens nach Bildung und allmählich schwand das Zelvtentum. Er animierte, er förderte dieses Streben durch seine Aneiferung, in seinen Predigten. Bei dem „Schijur", den er so!wie früher täglich vor 15 bis 20 Bachurim abhielt, trug er zweimal in der Woche die Elemente der >Logik und Metaphysik und andere wissenschaftliche! Abhandlungen vor. DaS Lesen deutscher Bücher war bisher veripönt und die Fanatiker nannten diejenigen, die!das taten, „Apikorsirn" oder Gottesleugner und jfeindeten sie au. Nun, durch das Beispiel des neuen Rabbiners angeregt, befleißigte sich der aufgeklärte Teil der Gemeinde der Lektüre deutscher Klassiker und wissenschaftlicher Werke. Es entstanden Leihbibliotheken und m»t Heißhunger wurden die auSgeliehenen Bücher verschlungen. Auch der Sinn fü. Musik wurde geweckt, die jungen Männer und Mädchen lernten Klavier. Violine, Gesang und Musik- und Gesang-Vereine wurden gegründet, der Gottesdienst wurde „geregelt". Nun begannen die gegeben haben, um fünf mehr, als sie schon hatten, warum haben sie nicht dort mit dem Aufräumen der Privilegien begonnen?... 1 Denn entweder herrscht das Prinzip der Interessenvertretung oder nicht, aber da- Prinzip der Interessenvertretung behalten und es nur dort fälschen, wo es den Juden günstig wäre, kann doch nicht im Ernste als Gleichberechtigung angesehen werden. Ziehen wir nun da- Fazit der neuen Landtagswahlordnung. In dem Großgrundbesitz haben die Juden ebensowenig oder ebensoviel Möglichkeit, ein Mandat zu erhalten, wie früher. In Czernowitz werden die Juden das Mandat behalten, vielleicht auch das zweite bekommen, aber nicht infolge der Reform, sondern weil dies auch früher möglich war. Die Städte Suczawa, Radautz und S e r e t h, in welchen binun jüdische Majoritäten bestanden, sind nunmehr für die Juden verloren. Die übrigen fünf Wahlbezirke oder Kurien der „Städte und Orte" sind höchsten- bis auf einen in den Händen anderer Volkstämme. In der Han.dels- und. Gewerbekammer wird das jüdische Mandat bleiben, das zweite Hütten die Juden auch früher erreichen können. In den Landgemeinden und der allgemeinen Wählerkurie besteht keine Aussicht auf ein jüdisches Mandat. Die Situation hat sich also nirgends gebessert, sondern in vieler Hinsicht sogar erheblich verschlimmert, da mindestens drei früher ganz sichere Mandate, sofern es darauf angekommen wäre, verloren find. Dagegen ist die Anzahl der Abgeordneten von 31 auf 55, also fast auf das Doppelte, gestiegen, so daß sich die Situation der Juden um etwa 200% verschlimmert hat. Bisuun hatten die Juden bei einer Gesamtzabl von 31 Mandate« 3, sie hatten jedoch die Möglichkeit, durch eigene Kraft diese Zahl auf 7, auf sämtliche Mandate der Städte und der Handels¬ und Gewerbekammer, zu erhöhen. Nunmehr werden sie überhaupt nur die Möglichkeit haben, 4—5 Mandate bei einer Gesamtzahl von 55 zu erlangen, darüber hinaus werden die Juden sehr schwer ein Mandat erobern. Wenn den Juden trotz all' dieser Wahlmachinationen die Möglichkeit verbleibt, die zwei Mandate von der inneren Stadt Czernowitz und die zwei der Handels-und Gewerb, kämm er sowie mit äußerster Anstrengung auch das Mandat des Wahlbezirkes S t or o c z y n e tz, C z u d i n, B o j a n und S a dag o r a zu erhalten, so ist dies eben deswegen, weil die Juden in der Bukowina, 100,000 an der Zahl, etwa ein Siebentel der Gesamtbevölkerung, doch etwas bedeute« und keine künstliche, Eltern ihre Söhne in Gymnasien und auf die Universitäten in die nabegelegenen, oft auch in die entfernteren Städte, wie Olmütz, Brünn und Wien, zu schicken. Die Erfolge dieser neuen Aera waren äußerst günstige und eine Schar hervorragender Männer der verschiedensten Berufe entstammte jener Epoche. Ich führe nur einige derselben namhaft an, die eine hohe Stufe erreichte«. (Fortsetzung folgt.) Kleines Feuilleton. Russische Bilder. Die Befürchtungen wegen öer Demonstrationen von Reservisten im Kiewer Gouvernement neömcit immer größere Dimensionen an. In Radvmysl fürchtet die Bevölkerung wegen der Ausschreitungen derart, daß man eine halbe Svtnie (50 Mann) Kvsaken herbeorderter letztere trafen noch Sonntag am 16. ds. ein und erwarten den 28. ös., an welchem Tage 2500 Reservisten hier anlangen sollen. In der Nähe von NadomySl liegt das Städtchen Malin und in diesem Städtchen haben die Reservisten sich nicht mit dem usuellen Zertrümmern der Fensterscheiben begnügt, sondern sie rasten und bedrohten sogar das Leben der jüdischen Bevölkerung. So groß war ihre Wut, daß sie selbst dann nicht auseinandergingeu, als die Gendarmerie von der Waffe Gebrauch machen wollte. — Raöomysl hat Festschmuck angelegt, überall, wo mich mein Beruf hinführt, bemerke ich erwartungsfrohe, heitere Gesichter. Bor dem Hause des Ivel Hornstein war sondern eine «atÜrlichepolitischeExistenz besitzen. Nunmehr sollen sie nicht einmal eine ihrer Zahl, geschweige denn ihrer Steuerleistung und Intelligenz entsprechende Vertretung finden. Die Juden sollen nur zuschauen, wie die anderen in die Landstube eintreten, sebst aber schön draußen vor dem Eingänge bleiben. Wo steckt nun in diesem Gesetze der Freisinn? Als man diese Frage mit Recht aufwarf, antwortete Aurel v. O n c i u l, daß er, vor die Wahl gestellt, zwischen dem Freisinn und der Existenz seines Volkes zu wählen, stets das letztere wählen werde. Warum hat er dies nicht vor den Wahlen gesagt, warum hat er damals den Juden Sand in die Angen gestreut, um jetzt «ach den Wahlen rücksichtslos sein wahres Antlitz zu zeigen?! Die Behauptung Onciuls, daß die Existenz seines Volkes gefährdet wäre, wenn er nicht seine Künste aufgeführt hätte, ist so absurd, daß sie überhaupt nicht ernst genommen werden kann. Die Wahlreform zeigt vielmehr daS maßlose Bestreben der Freisinnigen, sich eine unbegrenzte Herrschaft über die Köpfe der Inden hinweg und auf ihre Kosten zu sichern, die Juden zu ihrem ExpansionSobjekt« zu machen und dieselben den Interessen der Bauern zu opfern. Anstatt selbst ihnen aufzuhelfen, anstatt in ihre Taschen zu greifen und den griechisch-orthodoxen Religionsfonds, der ein Drittel des Landes sein eigen nennt, zu einer Hilfsaktion zu veranlassen, wollen sie die Juden, die kaum' ihres eigenen Elends Herr werden könnev, für die Bauern herhalten lassen, wie sich dies bereits aus einer Menge von schon geschaffenen Landesgesetzen ergibt. Zu diesem Programme, das sich die Freisinnigen nach den Wahlen gebildet haben, geben diese Wahlordnungen die Grundlage ab, hier wird die Axt angelegt, um die politische und wirtschaftliche Existenz des jüdischen Volkes an der Wurzel zu treffen. Und dies tun die Freisinnigen ganz sachte, ohne speziell der Juden zu gedenken. Denn wozu der Lärm, wenn sich alles still erreichen und hierbei noch unter freisinniger Flagge segeln laßt. Unsere Freisinnigen haben den Chrrstlichsozialen von der Wiener Landstube noch nickt abgeguckt, wie sie sich räuspern und wie sie spucken, aber ihren Geist haben sie voll erfaßt und zur praktischen Anwendung gebracht. Er ist in der Landtags- und Gemeindewahlordnung niedergelegt. Dazu kommt noch, daß der Landtag ein fast ausschließlich agrarisches Gepräge haben wird, da die Städte nur eine Sch einVertretung erhalten werden. Dis Juden müssen daher mit allen Mitteln und aller Energie der Sanktion dieser durch Verrat zustande gekommenen Landtags- und Gemeindewahlordnung e n t g e g e n t r e t e n, weil diese imstande ist, die Kräste des jüdischen Volkes auf Jahrzehnte zu untergraben und lahmzulegen. ein Drangen und Wogen; letzterer verheiratete seine Tochter. Die jüdische Wohltätigkeit ist ja bekanntlich sprichwörtlich. So oft sie auch in Anspruch genommen wird, immer wieder gibt und spendet sie, gibt und spendet sie gerne und mit vollen Händen. So hat auch der Herr Joel Hornstein eine reichhaltige Tafel, mit den besten Speisen und Getränken versehen, für die Armen bereiten lassen und spendete einige tausend Rubel für die städtischen Annen und für wohltätige oder gemeinnützige Anstalten. — Auf meiner jüngsten Reise nach Kiew traf ich auf dem Kiewer Bahnhöfe zirka hundert Menschen, die nach Amerika und Australien auswandern. Ihr elendes Aussehen, ihre abgehärmten Züge erzählten mir nichts Gutes. Viele erzählten, daß sie schon mehrere Wochen herumreisen und sich vom trockenen Brote und Wasser nähren. Kranke Frauen und Männer standen abseits, Verzweiflung in den Mienen, Kinder weinten und drängten sich an ihre unglücklichen Mütter. Sie fuhren nach Minsk zum Agenten. Auf gewöhnlichem Wege können die Unglücklichen nicht reisen, da man nach russischem Gesetze nur mit einem Gonvernementspaß über die Grenze fahren darf. Ein solcher Patz ist aber für arme Leute nicht erreichbar, um so weniger, wenn — wie in diesem Falle — unter den Auswanderern sich Personen befinden, die ihrer Militärpflicht noch nicht genügt haben. Der Agent übernimmmt nach Einzahlung deS Geldes die Verpflichtung, dieselben nach New Aork zu bringen; namentlich verbürgt er sich dafür, dieselben aus nur ihm bekannten geheimen Umwegen ungefährdet über die Grenze zu schmuggeln.