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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-30 · 53 (30.12.1904) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
53 (30.12.1904)
Date
1904-12-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. SS ZyMe angeschnitten, n$$btm er sich alle Praktik« derHhrWichsozialen aMeignet hatte. ' Her gelehrige Müler hat seinen großen Meister HerttMn. M Bukowinaet handtckgSwahlordnung übertrumpft ,bei weitem ihr leuchtettdejj BoMd. Hie HrMichWale standta^-wahlürdnuntz ist Achtals elenKetz Klickwerk gegen da- OpuS de-Kan.dtags-ÄbgeothMen Aurel v. Onciu.l. Gelten noch ist in einem Gesetze die Tendenz so klar zutage getreten wie in dieser Gesetzesvorlage; aber auch selten wurde die Tendenz so wenig verheimlicht wie bei dieser Reform. Klipp und klar spricht eS der Motivenbericht des Landtags-Abgeordneten Aurel v. Onciul auS, eS lag die Tendenz ob, die nationalen Reibereien zu vermeiden und die Gleichberechtigung der Volksstämme durchzuföhren. Aber welche nationalen Reibereien und welcher BolkSstämme? DaS sagt die Vorlage ganz deutlich, die Wahlbezirke sollen entweder überwiegend rumänisch oder r u t h e n i s ch sein. Man schritt nicht nur über die Juden gleichgültig hinweg, was für sie unter den vorliegenden Umständen noch ein Glück zu nennen gewesen wäre, sondern man praktizierte alles, um den Juden ihr Wahlrecht zu rauben, um ihre Stimmen in einer künstlichen Wahlgeometrie zu ersticken. Und daist es, wogegen sich jetzt die Juden mit aller Macht stemmen. Die Juden wollen keine Privilegien, sie wollen bloß jedem andere« Wähler gleichgestellt werden; aber sie müssen sich entschieden dagegen wehren, das Opfer einer gekünstelten Wahlgeometrie zu werden, die alles daransetzt, den Juden die Kehle einznschnüren, um für sich auf ihre Kosten mehr Mandate zu ergattern. Die Mittel, deren sich die Freisinnigen zur Erreichung dieses Zweckebedienen, sind ein eigens zurechtgelegter Wahlzensus und eigengebildete Wahlbezirke. Während nach der «och in Kraft befindlichen Landtagswahlordnung vom Jahre 1861 diejenigen wählen, welche die ersten zwei Drittel der direkten Steuern ohne Unterschied des Steuerobjektes zahlen, wird jetzt das Prinzip des gleichen Steuerzensus fallen gelassen und ein durchaus verschiedenartiger Wahlzensus eingeführt, der niederösterreichischer Provenienz ist, aber um vieles ausgeprägter, damit er u« so sicherer seinen Zweck erreiche. Es wählen nunmehr in der Kurie der „Städte und Orte" diejenigen, welche 2 Kr. an Realsteuern, 5 Kr. an Real- und Personalsteuern und 10 Kr. an Personalsteuern aller Art entrichten. Der Zweck ist offenkundig; der handeltreibende Jude, der ein geringe- Einkommen besitzt, der kleine Geschäftsmann, der kleine Handwerker, der Schenker, der Hausierer, der Mäkler und was sie alle sind, sollen vom Wahlrechte ausgeschlossen werden «nd die wenigen übrigbleibenden wohlhabenden Juden, die schon ein recht ansehnliches überschritten werden durfte. Es wurde eine Heiratsbewilligung nur dann erteilt, wenn durch Todesfall die Zahl vermindert war. Mau nannte diese Bewilligung mit dem eigentlichen Name« Familia und der damit Beteilte hieß Familiant. Oft mußten Heiratskandidaten zehn bis zwölf Jahre warten, bis solche Todesfälle eiutraten, und da wurde von den Bewerbern nur ein Erstgeborner bedacht, in Ermanglung eines solchen ein Zweit- oder Drittgeborner. Oft traten aber mehrere »Erstgeborne" auf, wodurch langwierige Verhandlungen und Prozesse entstanden, wobei häufig die größten Bestechungen den Ausschlag gaben, weshalb nur ein Vermögender als Bewerber auftreten konnte. Wie viele Liebespaare gab eS, die in ihrer Jugendzeit vergebliche Sehnsucht nach Vereinigung fühlten und erst mit grauen Haaren das Ziel der Verehelichung erreichten! Es gab aber Leute, die keine Erstgebornen oder Kinder reicher Eltern waren und dennoch heiraten wollte» oder mußten. Solche ließen sich ohne Bewilligung durch einen Dajan kopulirev. Diese Ehen wurden von der Behörde als Konkubinate behandelt und streng bestraft. Im BolkSmunde nannte man sie „Emigranten". Es wäre interessant, der Etymologie dieser Bezeichnung nachzuforschen. Die Legitimierten oder Familianten sahen auf diese sogenannten »Emigranten" mit Stolz herab und dünkten sich eine bevorzugte Klaffe, eine eigene Aristokratie. Hatte ein Hsiratskandidat nach langem Warten und aufgelaufenen Kosten sein Ziel erreicht und wollte zur Eheschließung schreiten, so mußte er und seine Braut zuerst sich einer Prüfung in Religion beim Plumenauer Ober- Einkommen haben müflen, wenn sie 10 Kr. Steuer zahle« sollen, werden durch die maffenhafte Anzahl der 2 Kr. Realsteuer zahlenden Bauern in de« Hhstinettzen der Städte und in den Orte« einfach ertränkt. Hierdurch sind die Juden schon von vornhereitt gegenüber den übrigen Nationen im Nachteile. Während bei diesen die Mafien wählen, wählen hier nur die wenigen oberen; jene haben hierdurch schon vo» vorneherein fast da- Dreifache vor. es müssen daher die Juden fast einer dreifachen Ueberzahl gegenüber gewachsen sein, um den Kampf siegreich bestehen zn könne». Es ist den Freisinnige« nicht zu glaube«, daß es ihnen mit der Demokratisierung des Wahlrechtes ernst war: das mit einem Seitenblick auf die Re* gireung ausgedrückte Bedauern des Herrn v. Onciul, daß er derzeit nicht das allgemeine Wahlrecht ein» flhren könne, hört sich wie eine Farce an, wenn er in demselben Atemzuge in der Kurie der Städte und Orte einen Steuerzensus von mindestens 10 Kr. Personalsteuern anfstellt «nd dadurch eine gewaltige Menge von steuerzahlenden Bürgern, die allerdings Juden sind, deswegen vom Wahlrechte ausschließt, weil sie sich mit ihrem Vermögen, das dem der 2 Kr. Realsteuer zahlenden Bauern nicht nachsteht, in dem Innern der Städte ein eigenes Heim nicht erschwingen können. Alle schönen Prinzipien galten eben den Freisinnigen nichts, wenn e» sich darum handelte, den Juden zu treffen. Auf diese Weise haben die Freisinnigen den Juden die drei Städte Snczawa, Radantz und Sereth, die stets jüdische Majoritäten hatten, entrissen. Denn was nützt denn auch jetzt de« Jude« die Majorität in der Bevölkernngszahl, wenn der kleine jüdische Bürger, die Mehrzahl der Juden nicht zur Wahlurne zugelassen werden! Die Bukowina ist somit das zweite Kronland in Oesterreich, welches die Steuer verschieden bewertet, als ob die Not deS kleinen Juden nicht »m vieles drückender wäre, als die des Bauern. Wo aber selbst dieser gekünstelte Steuerzensus nichts half, in Städten und Märkte«, wo die Juden ei«e überwiegende Majorität besitzen, da griff die „Freisinnige Bereinigung" zu eine« anderen probaten Mittel. Solche Städte und Marktgememden wurden mit weitausgedehnten Dörfern zu Wahlbezirken verbunden, so daß die Stimmen der jüdischen Wähler vo« den vielen Häuslern der Dörfer erstickt werden. Die Bukowina ist um eine Kuriosität reicher geworden, aus der Kurie der Städte wurde die Kurie der „Städte und Orte" und so löste man das Problem der Majorifierung der jüdischen Städte und Marktgemeinden, indem man an dieselben so viele Dörfer anfügte, daß die hinzugekommenen Häusler mit ihren Realstenern von zwei Kronen den jüdischen Städtern über waren, bis dieser Wahlbezirk entweder überwiegend gut amte unterziehen. ES gab ein behördlich vorgeschriebeuesBuch, »B'n e Zion" genannt, welches sie auswendig lernen mußten, «nd wen« sie die Prüfung nicht bestanden, «ußten sie dieselbe so oft wiederholen, bis sie approbiert wurde». Mit strenger Amtlmiene «ahm der Oberamt«ann oder als Stellvertreter der Amtsschreiber diese Prüfungen vor. ES ereigneten sich bei solchen Anläffen mitunter recht komische Szenen. Eine solche mir noch erinnerliche Szene sei hier anfgetischt: Eine Braut trat einmal voll Eifer rasch in das Prüfungszimmer ein. Der Oberamtmann fragte: „Wer sind Sie?" und im Glauben, daß die Prüfung schon begonnen habe, rief sie voll Pathos: „Ich bin der Ewige, driu Gott, der dich auS dem Lande Mizraim befreit hat." Die jetzige Generation dürfte diese Verhältnisse fabelhaft, ja unglaublich finde», und doch haben tatsächlich solche durch Jahrzehnte geherrscht. Die K u l t u s a n g e l e g e n h e i t e n wurden durch eisen Rosch Hakohol (Kultusvorstehrr) besorgt, der von der Behörde ernannt wurde, und von zeh» Ausschußmitgliedsrn, die von den Familianten gewählt wurden. Die Publizierung und Bekanntmachung aller Erlässe des Amtes sowohl als auch der Knltusgemeinde wurden durch Trommelschlag bewerkstelligt, aber auch Privatangelegenheiten, Lizitationen, Anzeigen von Verlusten usw. wurden auf diese Weise kundgemacht. Der Mann, der mit diesen Funktionen betraut war, stellte sich inmitten der Gasse auf und schlug auf die Trommel, daß alle Fenster der benachbarten Häuser erklirrten. Die neugierige Menge sammelte sich um ihn. Die Einleitung war rumänisch oder aut ruthenisch war «d,{o nationale Zwist ^beseitigt" schien. * v So wurden die jüdische« Städte W i z n ttz,W a s z k o u tz, K i m pokuns «nd die jüdische« Markt tzemeinde« Hxtzrr a- Watra, Gurah umora, Kotz man, Z ast a w n a re. durch Dörfer unter^ Zuhilfenahme des eigenausgeklügelten Steuerzensus überstimmt. Das ist keine Interessenvertretung «ehr, wen« Städte, Märkte und Dörfer zusammen wähle«, daist eine brutale Parteiherrschaft der „freifinnigen Vereinigung", die ihre Macht zum Unglück der Juden mißbraucht, nachdem sie durch die Juden zur Herrschaft gelangt ist und durch ihre Hilfe aus einer Minorität von fünf Mann hoch zur herrschenden Majorität wurde, die Über die »Bojaren" triumphieren konnte «nd überhaupt die Möglichkeit, eine Wahlordnung zu machen, die sich aber gleichwohl in erster Linie gegen die Inden kehrt, erlangte. Mit den Juden trafen sie auch die Städte sowie ihre Kurie in- Mark, da der agrarische Charakter ihrer Vertretung unverkennbar ist. B esonders schlecht ist die StadtCzernowitz davongekommen. Aus den fünf Vorstädten wurden zwei getrennte Wahlbezirke gebildet, während die innere Stadt ebenfalls nur zwei Mandate behält. Diese Verteilung der Mandate steht jedoch in gar keinem Verhältnisse zur faktischen Lage; während die Stadt Czernowitz bei den letzten Landtagswahlen etwa 4000 Wähler aufwteS, zählten sämtliche fünf Vorstädte im ganzen etwa 500 Wähler, ebensowenig besteht ein BerhältnfS mit Rücksicht auf die Einwohnerzahl oder auf dl« Steuerleistung. Der Antrag des Landtagsabgeordneten Doktor Straucher, der Stadt Czernowitz noch zwei Mandate zu g e b en, scheiterte an dem Widerstande der deutschen, durchwegvon jüdischen Majoritäten gewählten Abgeordneten von Landwehr, Professor S k e d l und insbesondere an dem des Magistratsdirektor- Wiedmann, der trotz dieser Stellung gegen den einstimmigen Beschluß des Gemeinderates der Stadt CzernowiH stimmte. Zur Vermehrung ihrer Mandate bestand Ursprünglich zwischen diesen und den jüdischen Landtagsabgeordneten Dr. Straucher, Tittinger, Dr. W e i d e n f e l d und dem mit ihnen zusammengehenden, ebenfalls von einer jüdischen Majorität gewählten deutschen Landtagsabgeordneten Langenhahn der Plan, die Vorlage nötigenfalls durch ihre Abwesenheit zu obstruieren, da in diesem Falle die zur Beschlußfähigkeit über die Änderung der Landtagswahlordnung erforderliche Anwesenheit von drei Vierteln aller Mitglieder nicht vorhanden gewesen wäre, eine Obstruktion, die um so gerechtfertigter gewesen wäre, als durch die gleichen Drohungen der ohnehin privilegierte Großgrundstets: »Liebe Raboßai, es wird bekanntgemacht," und darauf folgte die betreffende Kundmachung. Ich erinnere mich «och einer solchen Kundmachung, in welcher ehieß: „Liebe Raboßai! Es wird bekanntgemacht, daß die Frau Rebezin ist heruntergefallen vom Dachboden . .Pause. Entsetzt liefen die Leute herbei, «m Näheres über den Unglücksfall zu vernehmen. Unbeirrt und mit voller Gemütsruhe fing er von neuem an: „Die Rebezin ist heruntergefallen vom Dachbodenein Unterrock, der Finder wird gebeten, ihn zurückzubringen." Lachend gingen die Leute auseinander. Einer der wichtigsten Akte im Gemeindelebe« war die Wahl eines Rabbiners. Ich habe eine solche mitgemacht. Unser Rabbiner wurde nach Pest berufen und cs sollte eine Neuwahl stattfinden. Zwei Parteien rangen miteinander: die Freisinnigen und die Orthodoxen. Es meldeten sich auch zwei Kandidaten, ei« Strenggläubiger und ein Reformer. Alle Famllianten waren wahlberechtigt. Lange schwankte die Entscheidung, bis sie endlich mit großer Stimmenmehrheit zugunsten des Neuzeitlichen ausfiel. Der neue Rabbiner wurde mit großem Pomp und großem Wagengeleite aus der naheliegenden Endstation eingeholt. Am Sabbat hielt er die erste Predigt und statt der bisherigen, vom vorigen Rabbiner abgehaltenen Derascha aus Talmud mit Prlpul vernahmen sie eine deutsche Rede. Der freisinnige Teil der Gemeinde war entzückt U«d die gegnerische orthodoxe Partei mußte ihre« Üumut unterdrücken. Gr war Sitte, daß am erstes Sabbath nachmittags die Hervorragendsten Mitglieder sich beim Rabbiner zum Schalessudever.

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