Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 53 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion: II/3, Lropoldsgasse 2a. Telephon Nr. 14728« Gprechstnnden r An Wochentagen von 4 dir 8 Uhr nachm. Postadresse: Jüdische» «ottSvlatt, Wien. N>8. BMbweKWn wegen verspäteier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir «n» dringend. — Männekelvte iverae» nie»« »«rKedgeeteii». Postsparlassen-Konto 847037. In da» vbbonement rann man täglich eintreien. Erscheint jeden Freitag. Wzrntiimrr und Hrn>»Sßkber: Iaded Krausj. Inserate übernehmen di« firmen: M. Dufts Nachf., yaasenstein k Vogler, Kudolf Masse, M. Pozsonyi. 8. Schal«! in Wien, ferner alle Annoncen. Expeditionen im Nuslande. Einzel - Nummer in Wien SV Heller. Administration: II/8, Leopoldsgaste 2. Telephon Nr. 14728 Abonnements « PreiSr Für Wien u. Oesterreich- Ungarn f. Frankozustellung: Ganzjährig. . Halbjährig . . Vierteljährig . . K 12.- . K O.- .K Für das gesamte Ausland samt Frankozustellung: Ganzjährig . . . K 18.66 Öti] . . .IC 0.88 ährig. . .K 8.42 Versckleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegenaenommen werden: Hermann Goldschnndt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion", Wien, 11/3, Untere Angartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse._ Ur. 53 Wien» 30. Dezember 1904 (22. Tebeth 5665). VI. Jahrgang. An unsere geschützten Abonnenten und Leser. Anläßlich des bürgerlichen Jahreswechsels beehren wir uns, die geschätzten Abonnenten, Freunde und Leser dieses Blattes zum Abonnement, respektive zur Ernerrerung desselben höftichst einznladen. Das „Jüdische Bolksblatt" hat seine Aufgabe, die wahren Interessen des jüdischen Volkes nach außen und innen zu vertrete«, stets mutig, selbstlos und ohne Rücksicht auf Nebeninterefsen erfüllt. Durch die mit 1. Dezember d. I. durchgeführte Erweiterung erhob sich das „Jüdische Bolksblatt" zum reichhaltigsten und demznfolge billigsten jüdischen Wochenblatte in Oesterreich. Dadurch, daß es uns gelungen ist, die hervorragendsten Schriftsteller und Publizisten zu Unseren Mitarbeitern z» gewinnen, sind wir in der Lage, unseren Lesern stets das Beste z« bieten, was jüdischer Geist prodnziert. Die Reorganisation des Nachrichtendienstes macht.es «ns' möglich, unsere Leser immer ans dem länfenden zu erhalten und ihnen imm.er das Neueste aus dem jüdischen Leben zn! übermitteln. Der Anklang, welchen unsere erst vor einen» Monat eingeführten Beilagen: „Auswanderung «nd Kolonisation", „Synagoge, Schule nnd Haus", „Handel und Gewerbe", „Der Arbeiter", „Wissenschaft, Kunst nnd Literatur" bei dem Publikum gefunden haben, beweist, daß wir auch mit dieser Einrichtung einem seit langem empfundene« Bedürfnisse entsprochen haben, und wollen wir anch in Zukunft diese» Beilagen eine besondere Sorgfalt widmen. In der Rubrik „B e r e i n s n a ch r i ch t e n" soll fortan ein gedrängtes und doch anschauliches Bild des jüdischen Vereinslebens geboten werden. Feuilleton. Krrltirrbttder tut* dem Ghettoleben In Krotznitz (1820 bis 1845). Von Adolf Steinschneider. Schwarze Finsternis, undurchdringliche geistige Nacht hatte während des Mittelalters in Europa geherrscht «ud der krasseste Aberglaube hatte, die Völker, selbst in den obersten Schichte«, in seinem Banne gehalten. Die Kreuzzüge, bei welchen im Namen der Religion wilde Scharen sengend und ckordend zur Eroberung des heiligen Landes auszogen, ginge« voran, dann kamen die Scheiterhaufen, ans welchen die Ketzer zur größeren Ehre Gottes verbrannt wurde», und als Krönung des Ganze» der dreißigjährige Krieg, in welchem wieder i« religiösen Fanatismus Millionen von Menschen sich gegenseitig abschlachteten und Europa, entvölkert, eine öde Wüstenei wurde. Doch die ärgste» Greuel, die größte« Schreckenstaten' wurden an unseren Stammesbrüdern verübt. Man denke fich die schauderhafte« Katastrophen von Kische»ewund H o m e l verhundertfacht in Städten wie Mainz und WormS, die Massakers, welche beinahe die ganze jüdische Bewohnerschaft unter der Beschuldigung der Brunnenvergiftung ° oder der Ritualmorde vernichteten, man rechne, hierzu ihre Vertreibung von Land zu Land, aus ^Spanien, Frankreich und Deutschland, bis sie i» Holland oder Polen Zuflucht fanden, und mit Schaudern wendet man sich von diesen Erinnerungen ab. Der zionistischen Bewegung soll in unserem Blatte ei« ihrer Bedeutung entsprechender Platz eingeräumt werden, weshalb wir in einer besonderen, stets inhaltsreichen Rubrik: „Aus der zionistischen Bewegung" die einzelnen Phasen im Leben dieser immer mehr anwachsenden Partei mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgen wollen, indem wir außer offizielle» Mitteilungen der österreichischen Parteileitung auch die wichtigsten Momente ans dem Leben der Gesamtpartei zur Mitteilung bringen werden, wodurch unser Blatt der verläßlichste Informator über diese bedeutsame Bewegung sein wird. Die Grundtendenz des „Jüdischen Bolksblatt" jedoch ist nnd bleibt, den Kampf zu führen für unser arg bedrängtes jüdisches Volk den politischen Kampf der Gegenwart und mitzuarbeiten an der Erlangung der Selbständigkeit der jüdischen Nation. Wer uns in diesem freie», nnerschrockenen Kampfe unterstützen will, wer Jude genug ist, trat mitznhelfen an der Befreiung unseres Volkes von tausendfachem Joche, der wird auch diesem seinem Organe gegenüber fr»möigst seine Pflicht erfüllen. Unsere Macht liegt in unserer Unabhängigkeit, in der Heiligkeit der Sache, die wir vertrete«, und deshalb rechnen wir mit Sicherheit auf die Mithilfe unserer Stammesbrüder. Die Bezugspreise nuferes Blattes sind: Für Wien und Oesterreich-Ungarn samt Frankozustellnng: Ganzjährig Kr. 12.—, halbjährig Kr. 6.—, vierteljährig Kr. 3.—. Für das gesamte Ausland samt Frankozustellnng: Ganzjährig Kr. 13.66, halbjährig Kr. 6.83, vierteljährig Kr. 3.42. Die Redaktion nnd Administration. Bis zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatte diese Umnachtung der Geister gedauert. Da, im Jahre 176S, kam, von den erleuchteten Männer« Diderot, Rousseau, Voltaire vorbereitet, ein Licht über die Welt und die Finsternis begann zu schwinden. Die Revolution stürzte das Bestehende um ««d unter dessen Trümmern lag das Königtum und die bisherige Weltordnüng. Feierlich wurden die Menschenrechte proklamiert, Freiheit. Gleichheit und Brüderlichkeit, mithin anch die Gleichberechtigung aller Religionen, als Schlachtruf ausgegkben. Doch außer Frankreich hatten die Jude» der übrigen Länder nicht teil daran. Wohl die ärgsten Verfolgungen hatten aufgehört, sie wurde« nicht gefoltert, geplündert, gemordet und ausgetriebe», aber «och lebte» sie fort unter Ausnahmsgesetzeu, wurde» ihnen die meisten besseren Berufe vorenthalten, durfte« sie keinen liegenden Besitz erwerben. Nach wie vor wurden sie in Ghetti eingepfercht und durften außerhalb derselben nicht wohne», biim Jahrs 1646 anch diese Schranken fielen. In diese Zeit von 1820 bi» 1846, in dieses Milieu führe ich den werten Leser dieser Skizzen ei«, schildere Sitten und Gebräuche des damalige» Zeitabschnittes. Es ist die zweitgrößte jüdisch« Gemeinde Mährens und die Schilderungen find Selbstgeschautes ans meine« Knaben- und JünglingSzeit. Die jüdische Einwohnerschaft von Prvßnitz betrug damals ungefähr 2000 Seelen, die der ganzen Stadt 14.000. Das Ghetto oder die Judenstadt bestand aus einer großen langen Gaffe mit Wenn man dem „Freisinn" — anderer vertraut. Die Bnkowinaer Landtags- und Ge memdewahlorduung. Die jüngst beschlossene Landtag-- und Gemeindewahlorduung hat die Juden in der Bukowina von Grund aus aufgewühlt und sie in eine tief vibrierende Aufregung versetzt. Sie glaubten au den von der landtäglichen „freisinnigen Vereinigung" in alle» Sprache« mit vielem Pomp verkündete« Freisinn. Und ans diesen freisinnige» Rummel folgt nun eine solche Landtags- «nd Gemeindewahlordnung. Es kann keinem Zweifel unterliegen, die Juden in der Bukowina sind von den „Freisinnigen" schmählich hintergangen und betrogen worden und daß dieser Wahlrechtsraub und Wahlrechtsschwmdel unter der Maske und unter dem Schlagworte des Freisinns geschieht, macht die Lage um vieler unerträglicher; denn gegen offene Feinde hätten sich die Juden schon zu wehren gewußt; vor Verrätern haben sie sich freilich nicht vorgesehen. Sie ahnten nicht die Tücke ihrer Feinde; sie hätten sonst gewiß nicht alles darangesetzt, um diejenigen zu wählen, die sie durch ihren Freisinn in diesen beispiellosen Schrecken versetzen. Landtags - Abgeordneter Aurel v. O n c i u l, der Führer der „freisinnigen Bereinigung", hat diese Landtagswahlreform aus dem Westen in die Bukowina gebracht, nachdem er sie der christlichsozialen Majorität des niederösterreichischeu Landtages abgeguckt hatte. Hier hat er sie für seine mehreren Nebengäßchen, und war von der Christenstadt ringumgeben, außerdem gab es auf der anderen Seite durch de» großen Ringplatz abgetrennt «och eine Gasse mit jüdischen Bewohnern, die sich anß den ärmsten Leuten rekrutierten. Zwei Meilen entfernt war das fürstlich Liechtensteinsche Schloß Plnmenau mit einer zahlreichen Beamtenschaft, au deren Spitze ein Oberamtmann war. Damals, vor 1848, bestanden noch die Patrimonialgerichte, bei welchen in übertragenem Wilknngskreise die Gutsherrschaft sowohl die politisch administrative als auch die juridische und strafrechtliche Gerichtsbarkeit über alle ihr untergebenen Ortschaften ausübte. Auch die Proßnitzer Judengemeinde gehörte zu ihrer Domäne. Sie war die erste Instanz in allen Zivilstreitsacheu, in allen Fällen von Familien-, Ehe«, Testaments-, Waisenamts- und sonstigen derartigen Angelegenheiten sowie auch für Untersuchung und Aburteilung von Vergehen und Verbrechen. Die höhere Instanz war da- Olmützer Kreisamt. Alle diese Verhandlungen wurden demnach von der Plumraauer Guts- Herrschaft und deren Judiziar vorgenommen und erledigt. Der Oberamtmann hatte beinahe unbeschränkte Macht, konnte sogar Leiberstrafen verhängen, die auch mitunter angeweudet wurde». Der Verkehr der Judeufiadt mit Plumenau war demnach ein sehr reger. Besondere Judensteuern auf Fleisch, Geflügel, Kerzen .und andere Lebensmittel wurden vom Drab (Gerichtsdiener) streng eiugetrieben. Zur Bewilligung der Verheiratung, zur Begründung eines Familienstandes mußte obrigkeitliche Bewilligung eingeholt werden und es war eine Zahl von Familien festgesetzt, 325, die nicht