Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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V Der Arbeiter. Beilage ju ®r. 52 des „Jüdischen Volksblakl". Et« Vorurteil welliger. Die Menschen, die von Romantik befallen sind — nicht bloß heucheln, es zu sein — sind durchwegs sympathisch. Denn sie haben Seelen, die nach dem Erhabenen ausschauen. Die geistige und gemütliche Kraft, um die Erhabenheit des fließenden Lebens, der Entwicklung zu schürfen. Darum verfallen sie darauf, sich am Toten, Zukunftslosen, Formelhaften, wenn es nur irgendwie in erhabenen oder erhaben dünkenden Linien erstarrt ist, zu schwelgen. Und dadurch werden Romantiker gefährlich. Es kann nicht ausbleiben, daß sie aus dem romantische:: Spiel irgendwie Ernst machen wollen, wobei nichts Gutes für die Allgemeinheit herauskommt: Fehlerhafte oder falsch gesteckte Ziele, falsche Taktiken und Methoden, Falschwertung von Menschen, Menschengruppen und ihren lebendigen Kräften. Es ist die Lebensfrage des Nationalismus, aus der Romantik herauszukommen — des jüdischen, der von dem erstickenden Zeug gerade genug in sich hat, nicht minder wie rrgend eines andern. Der jüdische Nationalismus wird manche Liebhabereien aufgeben und manche Aufgaben, an welche er vorläufig wenig Mühe wendet, übernehmen müssen. Eine der vornehmsten dieser Aufgaben ist wohl die Revision der annoch herrschenden Vorstellungen vom östlichen Juden. Die jüdffche Romantik des Westens — und sie ist in ihrem Wesenskerne den Nationalen und Nichtnationalen gemeinsam — hat sich diese überwältigende Mehrheit des jüdischen Volkes sozusagen zum Negativbild ausgewählt. Mnn kehre das östliche Judentum gütigst um und die Herrlichkeit der Vergangenheit erscheint: Natürlichkeit, Kraft, Heldentum, Schönheit! Nun soll gar nicht behauptet werden, daß das östliche Judentum das positive Idealbild vorstelle. Für unromantische Blicke ist derlei Jrreschauen gar nicht möglich. Für erkennende Enthusiasten handelt sich's gar nicht um Idealbilder, die in der Vergangenheit, sondern um solche, die in der Zukunft liegen, um Jdealmenschen, wie sie werden sollen; für die Gegenwart aber nur um ein gerechtes und frohes Würdigen guter Ansätze, mögen sie auch mit einer noch so dicken Kruste unsauberer Tatsächlichkeit überzogen sein. Für eine nach vorwärts gerichtete Romantik — möchte man fast sagen, wenns nicht ein Widerspruch wäre — wird der östliche Jude nicht zum Ideal werden, aber eine relativ erfreuliche Wirklichkeit darstellen. Man kann es nicht genug oft und muß es um so öfter wiederholen, als sich die Gehirne der liberalen Dutzendjuden ältester Marke, der in punkto Judentum etwas schwerfälligen Sozialisten und der einseitigen jüdischen Nationalisten in gleicher Weise ablehnend verhalten — daß die ostjüdische Gruppe und nur diese die Trägerin einer selbständigen jüdischnationalen Kultur ist. Und man muß immer wieder daran erinnern, daß diese Kultur trotz aller Verzerrungen, die ihr das bis vor wenigen Jahrzehnten reichende jüdische Mittelalter aufgedrückt hat, lebenswarm und keimkräftig, leuchtender Züge nicht ermangelnd, auf dem Wege ans der Tradition in die Zukunft ist. Man muß immer wieder daran erinnern, trotzdem die Erscheinungen und Schöpfungen des so lange verkannten Kulturlebens immer mehr durch sich selbst wirken. Langsam aber sicher dringt die Kunde von den beiden Nationalsprachen des ostjüdischen Volkes, von einer literarischen Entwicklung, von seinen önstigen künstlerische!: Eige::leistu::gen, von einen gesunden organisatorischen Bildungen >urch. Langsam aber sicher! Und doch zu langsam! Wenn nicht gewisse Erfahrungen der letzten Zeit das Tempo dieses Erkennens beschleunigen — Erfahrungen auf einem Gebiete, für das die Menschen geschärftere Blicke zu haben pflegen: auf dem Gebiete der Arbeit. Die Juden haben es so ziemlich zu allen Zeiten mit den Antisemiten gehalten. Keine Albernheit, keine Beschränktheit dieses Trosses der europäischen Geschichte war albern und beschränkt genug, um, wenn nicht ::ach außen, so doch nach irmen vollinhaltlich übernommen zu werden. Dabei hielt sich natürlich jeder einzelne bewußt oder unbewußt für eine Ausnahme — unbekümmert darum, wie bei so vielen Ausnahmen die lieben Albernheiten noch aufrecht zu erhalten wären. Und was ein jeder gegen feinen Nachbarn praktizierte, gewöhnte sich das westliche Judentum als Ganzes gegenüber dem östlichen Judentum als Ganzem zu üben. Es sah nur Wucherer, Schacherer, Fanatiker, Bettler, Faulenzer. Der reine Chillul haschem, wie sich die Aelteren ausdrücken. Man durfte die Leute aber nicht ganz im Stiche lassen. Man mußte sie zu heben, zu bessern trachten, durfte an ihnen nicht verzweifeln. Für die Nachsicht, Geduld u::d das Stück Solidarität nach außen konnte man sich durch Verachtung und Zurücksetzung nach innen reichlich entschädigen. Man vergaß — was man sonst, wenn es sich um alle Juden handelte, nur allzu stark hervorhob — daß die antisemitischen Vorwürfe nur auf Generalisierung und Unkenntnis des Zusammenhanges beruhen. Man vergaß, daß man auch daheim stets bereit war, seinen nichtöstlichen Mitjuden wegen eines Paares mißratener Stiefel oder eines auf^eschwatzten Stoffrestes sozusagen den Antisemiten auszuliefern. Man vergaß, daß der Antisemitismus, wenn er sich auch um der drastischen Wirkung willen an den Schläfen der paar polnischer: Juden, die so herüberkamen, anhängen mußte, seine Gründe nicht so sehr bei diesen als bei den einheimischen Juden holte. Man vergaß, daß, um aufrichtig zu sein, vor der eigenen Türe genug zu kehren war — und fand es natürlich billig, sich über die östlichen Juden zu entrüsten. Das konnte die berühmte Ironie der Weltgeschichte auf die Dauer nicht ertragen. Sie wollte, daß sich die Dinge nach ihren in:u:eren und äußeren Voraussetzungen entwickeln. Sie wollte und mußte wollen, daß die westlichen Juden, von ihren Schicksalen zu einem Bürger und Handelsvolk kat’ exochen gedrillt, nicht genug Handwerker und Arbeiter hervorbringen, um die A::tisemiten zu. widerlegen und bei den Sozialisten mehr Vertrauen zu erwecken. Sie wollte und mußte wolle::, daß die bisher so verachteten, als arbeitsscheu und bettelhaft verschrienen Ostjude::, in ihrem immer mehr anwachsenden Proletariat, heute die Arbeitsehre des jüdischen Volkes retten. Der Kasus war etwas peinlich und so entschloß ma:: sich natürlich schwer, ihn zu begreifen, geschweige zu glauben und zuzugeben. Anfangs war es auch leichter, Hirn, Herz und Mund zu verschließen, da das Neue nicht überwältigend kam. Nun ja, es gab zwar in Galizien überall jüdische Handwerker aller Art u::d nicht bloß einiger weniger ausgesuchter Berufe — es gab zum Beispiel auch Dachdecker, Maurer, Zimmerleute und Kutscher. Aber sie kamen selten nach dem Westen, während die Kaufleute, durch welche die westlichen Handelsherrei: so viel Geld verlieren sollen, und die Schnorrer sehr häufig erschienen. Und dann: diejenigen, die käme::, konnten, weil sie nur galizisch ausgebildet, mit den Arbeitern des Westens nur schwer konkurrieren. Endlich waren die U::gelernten unter ihnen zumeist körperlich zu dürftig, um den schwersten Taglöhnerarbeiten gewachse:: zu sein. War so der galizische Beweis für die unwillige Logik der westlichen Juden zu wenig ausgiebig, so scheint ihnen endlich ein Beweis auf den Leib gerückt zu sein, vor dem sie bereits zu weichen beginnen: die russischen Juden. Diese Flüchtlinge — vor unerhörten Verfolgungen und einem Kriege, der m sie gewiß nichts angeht — haben hier die größte Überraschung heroorgerufen, eine so große, daß man nicht mehr Zeit fand, sie zu verhehlen. Meistens mächtige, breitschultrige Gestalten, in aufrechter, natürlich-strammer Haltung, von bescheidenem, aber selbstbewußtem Auftreten; ohne den schielenden Blick nach den Möglichkeiten des Handels; mit ausgesprochenem proletarischem Bewußtsein; selbstverständliche Juden, ohne eine Ahnung davon, daß man ihre Muttersprache, ihr „Jüdisch" hierzulande für verdorbenes Deutsch hält; tüchtige Handwerker, die sich aus der Höhe ihres Handwerks oder, wenn sie bloß Taglöhner sind, der Kraft und Gewandtheit zeige::. Es bleibt nur ein kleiner Teil von ihnen hier — vielleicht ist es besser so, vielleicht auch nicht, das soll hier nicht entschieden werden — die meisten ziehen weiter nach Amerika. 'Und wenn der Freiheitstag für Rußland kommen wird, werden sie wohl wieder in hellen Scharen zurückwandern. Aber in jedem Falle haben sie großen Nutzen gestiftet. Schon durch ihr Beispiel. Dann aber durch den gewaltigen Anstoß zur Revision jener Anschauungen, von welchen oben die Rede war, den sie der jüdischen Romantik versetzen. Das lange gesuchte Märchenlanland, wo es Juden gibt, die jene Eigenschaften besitzen, die wir Westjuden auch als arisch zu bezeichnen pflegen — während sie nur die Eigenschaften des natürlicheren, gesünderen, positiveren Menschen sind — dieses Land ist gefunden. Es ist nicht dort, wo oer Jude gelernt hat, die Mätzchen der europäischen Bourgeoisie äußerlich mitzumachen wie bei uns. Auch dort nicht, wo er sich durch ein bißchen Ahnenstolz und steife Würde vor der Verachtung barbarischer Nachbarn rettet wie bei den Spaniolen. Es ist dort, wo ein neues Geschlecht in lebendiger Selbstheit und mit dem Entwicklungsgänge der Menschheit Schritt haltend erstanden ist — ein Geschlecht innerlichsten Europäer- und innerlichsten Judentums. Mathias Ach er. Da-« jüdische Uatkoaalprodlem und dir Sozialdemokratie. Der Parteitag der polnischen Sozialisten ia Krakau, auf welchem auch die Frage einer separate» jüdisch-sozialistischen Organisation besprochen wurde, gab wiederum Anlaß zu einer Diskussion über die Stellung des jüdischen Volkes. Es ist bekannt, daß die letztere ebenso wie die Existenz einer jüdischen Nation überhaupt von den Sozialisten einfach geleugnet wird, und der letzte Parteitag, der sich zum Richter über Leben und Tod des jüdischen Volkes aufgeworfen hat, zeugt nun von der Oberflächlichkeit, ja Frivolität, mit welcher Leute, die vom Leben und Wesen de- Judentums so blutwenig Wissen besitze«, sich an ein so schwieriges und kompliziertes Problem heranwagen. Herr Mathias Acher griff in der letzten Nummer dieses Blattein die Diskussion ein, würdigte in vollem Maße die Haltung der polnischen Sozialdemokraten in dieser Frage und gab zugleich eine Erklärung dieses Vorganges. Allem es ist verfehlt, diese Tatsache einzig und allein durch Mangel an Verständnis seitens der Sozialisten erklären zu wollen, um,so mehr als ihre Stellung zur Judenfrage und zu den separatistischen Bestrebungen der „jüdischen Genossen"' in verschiedenen Länder« und bei Führern, die sonst gar nicht einig sind, eine merkwürdige Aehnlichfeit aufweist, stets und immer dieselbe unveränderliche und unversöhnliche ist. Denn wagegen die aufrührerischen jüdischen Genoffen am Krakauer Parteitag gesagt und beschlossen wurde, geschieht in Rußland seitens der russischen sozialdemokrati-