Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt Nf. 62 scheu Arbeiterpartei und der P. P. <§.*) gegenüber dem .Bund", den Herr Mathias Ach er auch erwähnt, obwohl er ungenügend informiert zu fein scheint. Der „Bund" war im Jahre 1897 als jüdisches Agitationskomitee gegründet, das die jüdisch sprechenden Arbeiter heranzuziehen hatte; die ersten Gründer und Führer des .Bundes" faßten die Sache vom reinen Nützlichkeitsstandpunkt auf und es kann schwerlich von einer „Selbstverständlichkeit ihres Judentums" gesprochen werden, nachdem der Bund in den ersten Jahren seiner Tätigkeit auf dem krassesten Assimilativnsstandpunkt gestanden war. Erst im Jahre 1899, als der Unwille der jüdischen Massen gegen die Entnationalisierungs- Politik eine nachteilige Wirkung auf die Erfolge der Agitation ausznüben drohte, erhoben einzelne Agitatoren bei der dritten Konferenz des Bundes die Forderung nach einem nationalen Programme, die Konferenz aber lehnte mit einer erdrückenden Majorität diese Ansprüche ab. Wenn aber trotzdem schon nach anderthalb Jahren bei der vierten Konferenz das Prinzip der nationale n A u t o n o m i e nnd der föderativen Gestaltung der sozialdemokratischen Partei Rußlands ausgestellt wurde, so ist dieser rasche Umschwung der Anschauungen nicht ans die Ueberzeugung zurückzuführen, daß es „um die Sicherung eines Knlturgehaltes geht", sondern auf die taktischen Erwägungen, bei welchen das ungeheure Anwachsen der zisnisiischen Partei nicht die kleinste Nolle gespielt hat. Es wäre ebenso verfehlt, die vierte Konferenz als den Ausgangspunkt eines neuen, wahrhaft nationalen Kurses im „Bund" anzusehen, denn es wurde absolut nichts unternommen, um die nationale Erziehung, das nationale Denken der jüdischen Massen zu fördern; cs wurden die früheren Bemühungen fortges-'tzt, die jüdischen Proletarier- ' Massen in die russische Ideenwelt einzuführen, und wo die Arbeiterschaft einen gewissen Grad der Entwicklung erreicht, tritt noch jetzt das Russische an die Stelle der „nationalen Sprache", des Jargons. Kurz, die nationalen Forderungen bedeuten nichts mehr als eine platonische Formel und auf der fünften Konferenz (im Jahre 1004) lehnte der Bund eine positive nationale Arbeit mit der Motivierung ab, daß dieselbe in diesem Moment zum Chauvinismus und zur Verdunkelung des Klaffenbewnßtseins des jüdischen Proletariates führen könne. Wenn aber dieses Doppelspiel der Führer auf Widerstand seitens eines Teiles des Bund, der es mit der nationalen Politik ernst meinte, stieß, und dieselben zum Verlassen der Partei bewogen hat, so waren die äußeren Anfeindungen und Kämpfe noch viel schlimmer als die inneren. Die russische Sozialdemokratie mit Plechanow an der Spitze eröffnete schon nach der vierten Konferenz eine heftige Kampagne gegen den „Bund", indem sie nur seine Existenzberechtigung vom t e ch n i s ch e n Standpunkte anzuerkennen sich bereit erklärte, vom nationalen hingegen entschieden verurteilte. Die russische Partei wollte nichts von föderativen Beziehungen zum Bunde hören und bei dem zweiten allrussischen Sozialistentage kam es, trotzdem der Bund fortwährend Konzessionen machte, zum endgültigen Bruche. Es muß dabei bemekt werden, daß die russischen Sozialdemokraten alles getan haben, um de» letzteren herbeizuführen, indem sie behaupteten, daß der Bund „die Schlagkraft der Sozialdemokratie Rußlands" nicht hebt, sondern vermindert, da er den Zutritt der russischen Arbeitermassen zum Sozialismus erschwert (was ä propos vom Bund selbst zugegeben worden ist). Die Beweisführung der russischen Sozialisten ähnelt natürlich der der polnischen. P l e ch a n o w behauptet, daß eine Autonomie für die Juden Rußlands, die 4°/0 der Gesamtbevölkerung und in dsn von ihnen am dichtesten bewohnten Gouvernements höchsten 13—140/o ansmachen, folglich nirgends, eine Majorität bilden, unmöglich sei. Der Ansiedlungsrayon könne nicht als ein jüdisches Territorium angesehen werden und wird es nach seiner Auschauung «ach weniger sein können, da, wie die Buudisten selbst behaupten, die jüdische Bevölkerung sich dann über ganzRußländ zerstreuen werde. Außerdem sei eine svkche Autonomie nicht wünschenswert, weil die Juden als Nation nicht existieren können und aufgehen müsse«. Eine Nation kann ohne Territorium nicht leben. *) Polska Partya Sozialistyczna. Und was können eigentlich die Buudisten oder die .jüdischen Genossen" Galiziens darauf erwidern? Können sie denn ans unsere mittelalterliche Ghettoexistenz Hinweisen? Die Bedingungen sind denn doch ganz andere geworden! DaS Ghetto schuf «in ausschließlich jüdisches Milieu, jüdisches gesellschaftliches Leben, eins jüdische Jnteressenwelt, ja, eines wirklich greifbaren Boden für das jüdische Leben; eS war also ein ökonomisches, geistiges und physisches Territorium. Da es aber nur ein Surrogat war, konnten unsere Borfahren die jüdische Kultur schwerlich fortentwickeln; sie mußten an dem unter normalen Bedingungen in Judäa Geschaffenen festhalten nnd dieses geistige Eigentum konservieren. Versuche, wie die des M a i m 0 n i d e s, einen Ideenaustausch des Judentums mit anderen Weltanschauungen herbeizuführen, waren selten und verstummten in dem Momente, da angesichts der Gefahren die Tor« des Ghettos fest geschloffen werden mußten. Und als ein S p i« 0 z a neue Werte schaffen wollte, mußte er fort aus dem Ghetto. Das Ghetto ist zerstört. Wir haben freien Zutritt zum gesellschaftlichen und kulturellen Leben der nichtjüdischen Welt. Wir haben dieselben ökonomischen Interessen, wir «ehmen an dem politischen Lebe« des Landes teil. Ist das ohne g e i st i g e Diffusion, ohne in der Jdeen- und Gedankenwelt der uns umgebenden Gesellschaft aufzugehen, möglich? Kann man wissenschaftlich, gesellschaftlich, politisch zusammenwachsen und dabei geistig oder kulturell in einer anderen, unter ganz abweichenden Bedingungen entstandeueu Welt leben? Muß es da nicht zu einem seelischen Zwiespalt kommen? Das Nationale, meint Herr Mathias Acher, sei etwas „an sich Unpolitisches", ein kulturelles Prinzip. Ja, das nationale Empfinden, nicht aber das national-kulturelle Leben,, welches in den sozialen Existenzbedingungen des Volkes wurzelt. Das Nationale bei einer einzelnen Persönlichkeit ist eine physiologische Erscheinung nnd kann durch Vorträge, Lektüre der nationalen Literatur hervorgerufen und gepflegt werden; das Nationale eines Volkes ist eine psycho-physische Erscheinung, die durch Novellen von Perez und Artikel Achad-Haams nicht erhalten werden kann. Ein Volk, das sich s 0 z i a l m i t a tt b e r e n Völkern assimiliert, mußauch geistig verschwinde n. Uns da die Buudisten nnd „jüdischen Genossen" Galiziens ans dem Standpunkte beharren, daß das Golus das E u d ft a d i 11 m der jüdischen Geschichte ist, daß die Juden ihre Zukunft, und sie sprechen doch sicher von der sozialen, hier in der Diaspora suchen müssen, so ist es auch unbegreiflich, wieso Leute, die noch dazu auf dem orthodox-marxistischen Standpunkte stehen, ernstlich an die Entwicklung einer gesunden nnd ganzen nationalen Kultur unter solchen Bedingungen glauben können. Da gibts nur einen Ausweg, nur eine Rettung vor dem Untergang — ein w i r kl i ch e s jüdisches T e r v i 10 x i u m, auf welchem sich ein jüdisches soziales Leben entwickeln könnte; nur dort, wo jüdische Oekonomik und Politik existiert, ist jüdische Kultur, jüdisches Schaffen möglich. Der Fehler der Sozialisten ist, baß sie ohne Kenntnis des Judentums, seines Könnens und Wollens, schlechthin behaupten, es müsse sterben, und ihre Beweise aus der bourgeois liberalen Rüstkammer holen. Dagegen ist nur die Erwiderung der politischen Zionisten haltbar, die sagen: „In diesem Zustande können wir nicht fortexistieren, wohl können wir aber uns einen Boden verschaffen, wenn wir wollen." Es ist daher ein schlechter Rat für die Anhänger einer gesonderten jüdischen sozialdemokratische n Organisation in Galizien, das Beispiel des Bundes zu befolgen. Denn das heißt einem theoretischen Wioersprnche, einer durch Statutenparagraphen maskierten Assimilation eutgegenzugehen. Wenn sie eine Synthese des Nationalnnd Klassenbewußtseins suchen und in beibeit Teilen ernst genommen werden wollen, so müssen sie den unhaltbaren Standpunkt aufgeben, daß das Golus der Schlußakt des jüdischen Leidensdramas ist. Im Golus gibt es für Gegner des Zionismus nur e i n Ideal — die Assimilation! Ebenso kann auf der durch Jahrtausende geschaffenen wirtschaftlichen Abnormität keine gesunde Klasseneutwickluug erwachsen. Eine gesonderte jüdisch-sozialistische Organisation wird nie diejenigen befriedigen, die eine Gesundung des jüdischen Volkslebens anstreben, wird auch nicht den Sozialismus „von der liberale« Bourgeoistradition des geleugneten jüdischen BolkeS" befreien. Die Gefahr, die den Rednern a« Krakauer Parteitage vorschwebte, war nicht die einer Revision der Anschaunvgen in Sezug ans das Judentum, sondern ganz anderer Natur: eS wird die Frage entstehen, ob die vorläufig mttntbebrlichen jüdischen Sozialistensührer in manche« Ländern in ihrer Führerstellung nicht erschüttert werden. Es ist doch möglich, daß sie nicht mehr als Führer der Arbeiterschfaft schlechthin, sondern nur der jüdischen werden auftreten können. Und dieser Umstand macht den Wioerstand der Führer so hart nnd erbittert. Wem; sie aber doch eine- Tages aus „taktischen" Gründen die jüdische Organisation anerkennen werden, so wird durch', ihr Entstehen kein neuer Faktor im jüdische«. Nationalleben hinznkommen. Ben B a r a ch e l.. Poale Zion-Beweguvg. Ganz unbemerkt, geräuschlos ist im Zionismus eine neue Richtung hervorgetreten. Die Arbeiter-Zionisten sind es, die sich zusammentaten einerseits ihren proletarische« Standpunkt im Zionismus zu vertrete«, andrerseits dem Zionismus in den breiten Schichten des jüdischen Volks, also im Proletariats, Anhänger zu werbe». In Rußland ist die Poale Zion-Bewegung zur solcher Stärke gelangt, daß der „sozialdemokratische Bund" fast gefährdet erscheint. In Oesterreich ist es hauptsächlich Galizien, wo bedeutende Poale Zion-Organisationen bestehen. Der Krakauer Leitung (Verband „Poale Zion") gehören 20 Vereine mit über 2000 Mitgliedern an. In Krakau allein entwickeln drei Poale Zion- Vereine (Handelsangestellte, Arbeiterinnen und Spezereikomnüs) eine regsame Tätigkeit. In Lemberg haben wir zwei tätige Poale Zion-Vereine zu verzeichnen. In Stanislau hatte drr äußerst rührige Poale Zion-Verein vor einiger Zeit einen nach jeder Richtung gelungenen Streik durchgeführt. Den Sozialdemokraten war dieser Streik natürlich sehr zuwider. Sie versuchten das Streikkomitee zu verleumden und so den Erfolg zu vereiteln. Als dies nicht gelang, halfen sie sich mit allen möglichen Lügen, um den „Beweis" zu erbringen, daß Zionisten dem wirtschaftlichem Kampfe nicht gewachsen sind. (?) Trotz der offenen und versteckten Karnpfesmethode seitens der Herren Sozialdemokraten sehen wir die „Poale Zion- Bewegung" in allen Städten und Städtchen zunehmen nnd wachsen. Hier einen konkreten Fall: „Dieser Streik — führt der „Parteiführer" aus — beweist, daß cs keine jüdische Nation gibt." (?) Acht Wochen standen die Arbeiter im Streik. Fast wollte es scheinen, daß dieser Streik hundert jüdische Familien zugrunde richten wird. Da nahm die „Poale Zion" die Sache in die Hand. Einige Artikel über den Streik in den zionistisch gesinnten Blättern, von der „Poale Zion." veranlaßt, genügten, daß der Streik der Arbeiter mit einem zufriedenstellenden Siege endete. Die Bolechower Arbeiter sind jetzt durchaus „Poale Zionistisch" gesinnt. So hat auch dieser Streik bewiesen, daß die jüdische Arbeiterschaft nur auf sich selbst angewiesen ist und nur dann im wirtschaftlichen Kampfe etwa» erreichen kann, wenn sie auf nationalsozialer Basis organisiert ist. In B 0 l e ch 0 w versuchten die jüdische« Arbeiter der dortigen Züudhölzchenfabrik, sich de- Druckes ihres Ausbeuters zu befreien. Hundert Arbeiter, zumeist 50—60 Jahre alte Juden, sind es, die hier den letzten Versuch gemacht hatten, sich ein menschenwürdigeres Dasein zu schaffen. Sie waren in ihrem Vereine „Brüderlichkeit" sozialde mvkratisch organisiert. Ueber 2000 Krone« führten sie im Laufe von zwei Fuhren der sozialdemokratischen Kasse ab. Mau sollte meinen, die sozialdemokratische Organisation würde Nu« diesen „braven Genossen" unter die Mwe grtift». Aber — es sind ja nur Juden, nrtnselige JN-dN und der liebe „Noprzüd" schweigt, hie Parteileitung schweigt und die „Genossen" kümmertt sich nicht um das Los der Bolechöwet WcÜtUt, Dr. Diamant ist zwar „auf eigene Kosten" nach Bolechow gekommen, aber statt dett Arbeiter« materielle oder moralische Hilfe zu leihen, hielt er eine „flammende Rede^ gegen die Chowewiste» st) und gegen die Nationalen. Dir Hrilag« r«r nächsten Nummer: Wissenschaft, Knnst nnd Ktteratnr I