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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Volksblatt Nf. 52 den Dorfgemeinden schweben sollte. Der Präfekt von Bakau hat das Gesetz auf eine solche Weise interpretiert, daß er sich berechtigt glaubt, eine Verordnung zu erlassen an alle Juden, die in den Dörfern und Marktgemeinden seines Bezirkes wohnen, infolge welcher sie innerhalb drei Tagen von ihren respektiven Bürgermeistern die Erlaubnis verlangen sollen, in den betreffenden Gemeinden wohnen zu dürfen. Dies, weil die Juden es unterlaffen haben, eine solche Autorisation bis jetzt zu verlangen, indem sie glaubten, sie feien keine Fremden in den Orten, wo sie geboren sind und wo sie ihre Wehrpflicht geleistet haben. Das Gesetz soll sich nämlich mit der Niederlassung der Fremden beschäftigen; und die Juden sind Fremde. Die Frist von drei Tagen wird durch die Drohung sanktioniert, daß diejenigen, die die Autorisation nicht verlangen oder erlangen werden, ihre Wohnstätte zu verlassen haben, d. h. nach dem Wanderstabe greifen müssen. Diese Verordnung wird unserer Meinung nach nicht ausgeführt werden, denn es ist physisch unmöglich, innerhalb dieser Frist die Autorisation zu erlangen, zu welchem Zwecke man mit verschiedenen Moralitäts- und anderen Zeugnissen versehen sein muß. Noch unmöglicher ist die Ausweisung zu veranlassen in Marktflecken, wo die Mehrzahl der Bevölkerung Juden sind. Nur in den Dörfern, wo eine oder ein paar jüdische Familien leben, ist es möglich, diese um ihr Hab und Gut zu bringen und sie von ihrem — größtenteils — Geburtsorte zu vertreiben. Diese Verordnung des Präfekten hat für den Kenner eine ganz andere Grundlage. Es ist einfach ein gelungenes Erpressungssystem unter dem Schutze eines macchiavelischen Gesetzes. Denn unter der drohenden Gefahr haben die jüdischen Gemeinden sich ans Ministerium gewendet. Dieses wird die Verordnung des Präfekten rückgängig machen, denn die Regierung ist heute gezwungen, nicht wieder die Judenfrage in solch akuter Weise heraufzubeschwören. Aber das Ziel der Anstifter wird erreicht sein. Bis die Antwort des Ministeriums an Ort und Stelle gelangt, werden die Subalternen des Präfekten und die Politiker des Bezirkes von den armen, Furchtsamen und die wahre Sachlage ignorierenden Händlern und Handwerkern ihr Weihnachtsgeschenk erpreßt haben. Der verzweifelte Jude läuft unter der Drohung der Ausweisung, sich die nötigen Dokumente zu verschaffen und dies kosteet ... Geld. Und so muß der arme Jude in einem traurigen Hungerjahre, wo sogar der Ackerbauer vom Staate gefüttert wird, noch von einem rasend machenden Gespenst — der Ausweisung — sich verfolgt sehen,sein Weib und seine Kinder gänzlich darben lassen, um den letzten Groschen den habgierigen Verwaltungsorganen als Geschenk zu machen. Und dies im Namen eines Gesetzes, welches, anstatt die Lage der Juden zu lichten, sie noch mehr ins unklare zieht. Dr. B. H. L a u b y. Die Assimilation in Ungarn. Der Verein der ungarischen israelitischen Jünglinge hielt am 8. d. M. abends eine Vortragssitzung. Den Abend eröffnete ein fesselnder Vortrag des Universitätsdozenten Dr. Max Schächter über die Frage der Assimilation des Judentums. Vortragender hält die Assimilation nur dann für richtig, wenn fich das Judentum die Tugenden der Nationen aneignet, in deren Mitte es lebt, aber die Fehler dieser Nationen von sich fernhält. Der Vortrag wurde vom zahlreichen Auditorium sehr beifällig ausgenommen. Im Namen des Vereinspräsidiums überreichte hierauf Vizepräsident EmerichKüldorden: Dr. Schächter das Diplom als lebenslängliches Ehrenmitglied. Hierauf deklamierte das Mitglied des Nationaltheaters Oskar Beregi einige Gedichte. Doktor Aladür Lassänyi las eine Novelle der Schriftstellerin Frau MargitFried-Rözsavölgyi (Ego). Nach der Sitzung fand ein gemeinsamesSonper statt. Das ist in gedrängter Kürze der Umriß des geistreichen Vortrages, den Professor Dr. Schächter gehalten hat. Wir finb verpflichtet, es öffentlich anzuerkennen, daß in der Großgemeinde Budapest, die 12000 jüdische Seelen zählt, Dr. Schächter der einzige Jude ist, der ein warmes Herz für die religiösen und nationalen Interessen des Judentumes besitzt und eifrigst bemüht ist, mit ganzer Hingebung zu wirke»:, daß das religiöse Leben erstarre und daß die Jugend in diesem Sinne in den Anstalten der israelitischen Gemeinde erzogen und unterrichtet werden soll. Selbstverständlich, daß die Anhänger der Assimilation alles aufbieten, um seinen Bestrebungen Hindernisse in den Weg zu legen und ihn zu isolieren. „Das Schlechte ist ein Feind des Guten." Die Assimilanten gleichen dem Ertrinkenden, der auch seinen Retter in die Tiefe zieht. Solange diese hier das große Wort führen, ist eine Hoffnung vorhanden, daß in unserer Mitte das Lebe»: und der geschichtliche, traditionelle Geist, das Vermächtnis unserer Väter wieder auflebe und daß der Baun: des jüdischen Lebens wieder Blüte und Früchte trage»: soll. Jedoch bezüglich der angegebenen Anschauung über Assimilation, die Dr. Schächter so geistreich entfaltete, erlauben wir utt§ eine kleine Bemerktlug zu nlachen. Wir sind eifrigst bestrebt, der Klllturbetvegilng unter den Juden warm das Wort zu reden und zu fördern. Unsere Jugend soll sich mit ganzer Hingebung auf allen Gebieten der Kultur bestreben, gleiche»: Schritt mit der Jntellige»:z des Landes zu halten, in ihrem Wetteifer soll sie Zeugnis ablegen, daß die Jude»: ei»» Kulturvolk »varen, sind u»:d bleibe»: rverden. Jedoch die Assimilation, die muß der Jrreligiösität beginnt u»:d mit demGlaube»:s»vechsel endet, perhorreszierei: »vir, weil sie uns viele Kräfte entzieht. Hier ist nur einMittel vorhaitden, un: die Schwachen im Geiste den: Judentu»»: zu erhaltenwem: wir unsere Juge»:d in jüdischnationalern Geiste erziehen!! Veritas. Die Budgetsttzung des Kultus- Vorstandes. Wäre heute nicht Dr. Alfred Stern, sondern noch immer kais. Rat Heinrich Kling er Präsident der Wiener Kultnsgemeiuöe, könnten wir an Stelle eines ausführlichen Berichtes über die Bu'dgetsitzung einfach auf die Berichte der letzten Jahre Hinweisen. Denn es ist wirklich immer dieselbe Leier,?ie in dieser Körperschaft seit Jahr und Tag gespielt wird. Auch die handelnden Personen sind imrner dieselben: Präsident eröffnet die Sitzung, der Finanzminister lamentiert über schlechten Geschäftsgang, Dr. Markus Spitzer wünscht eine Generaldebatte, nimmt das Wort, um eine lange Reihe seit Jahren vergeblich vorgebrachter, jedoch stets unerfüllter Wünsche der Konservativen zu wiederholen, um dann zu den: unglaublichen Schluffe zi: kommen, daß es in der ganzen Welt keine so gut verwaltete, konservative Gemeinde gebe. Ihm schließtsich (seit zwei Jahren) Kultusrat S. Kauders an, mit dem Unterschiede, daß er nur ein schlichter Kaufmann »:nd nicht Phil, et juris Doktor ist und demzufolge auch zu keinem — Trugschluß kommt. Man kan»: hundert gegen eins wetten, daß dann kais. Rat Wilhelm P o l l a k seine Gravamina gegen die Friedhofskommission, den Religionsunterricht, den Gottesdienst usw. Vorbringen wird, worauf dann, wie Amen im Gebet, die Zuchtrute in Form einer scharfen Lektion seitens des Herrn Ritter von Tauffig folgt, der ebenfalls seit Jahren sich rnit aller Energie gegen die Zulassung von Kultusvorstehern zu den Sitzungen des Vertreterkollegiums wendet. Solange nun nicht Herr Dr. Alfred Stern der erste Präsident der Kuttnsgemeinde war, verliefen solche Budgetberatungen ganz Harmlos, spielend und spielartig. Jetzt aber scheint die Sache doch anders werden zu wollen. Sei es, daß Herr Dr. Alfred Stern, der bekanntlich auch dort eine Taktik anwenden zu müssen glaubt, wo eine solche ganz überflüssig ist, sich ein Prüsidiittn nach dem Muster des Dr. Lueger ohrre schroffe Herrschaft gar nicht zu denken vermag, sei es, daß in Kreisen der Kultusvorsteher die Absicht vorherrsche, Herrn Dr.Stern fühlen zu laffen, daß öieVorstandssitzungen doch nicht in der Weise geführt werden dür- 'en, wie etwa Wählerversammlungen ganz gewöhnlicher Steuerzahler, kurz unter de»u Präsidium des Dr. Alfred Stern herrscht bei den öffentlichen Sitzungen ein ganz eigenartig nervöser Ton, dessen Rückwirkung auf die ganze Gestaltung des Kultusvorstandes sich über kurz öder lang wird fühlbar machen müsse»:. Herr kais. Rat Wilhelm Pollak, dein der Herr Präsident das Wort zu einer persönlichen Bemerkung entgegen eder parlarnentartschen Sitte verweigerte, gebrauchte sogar im Laufe seiner Ausführungen über das Gemeinöebauamt das Wort Korruption. Der Herr Präsident beeilte sich wohl, Viesen ÄuSdruck zuriickzuweisen, aber wir werden uns diese Szene wohl merken müssen, denn einen verläßlicheren Gewährsmann für unsere so oft schon wiederholte»:, viel vorsichtiger gehaltenen Bor- »vürfe in dieser Richtung werden in Zukunft vurch erhabenes Stillschweigen nicht »»»ehr übergangen werden können. Mit Recht hat auch Herr Dr. Markus Spitzer den Vorwurf erhoben, daß dem Schoße des Wiener Kultusvorstandes schon seit Jahren kein schöpferischer Gedanke entsprungen sei. Und die lakonische Antwort des Herrn Bitter von Taufsig, daß ein schöpferischer Gedanke eine schöne Sache sei, nur »nüsse rnan ihn auch Haben, hat die traurige Situation, in »velcher sich unsere Kultusgemcinde unter den» jetzigen Regime befindet, gerviß nicht besser gemacht. Herr Kultusvorsteher Kauöers, der, nebenbei gesagt, feinen Austritt ans der Misrach-Kommiffion anrneldete, weil in derselben ein ersprießliches Wirken unmöglich sei, hat nrtt Recht darauf hingewiescn, dass es im Kultnsvorstande Vorsteher 1. Klaffe und solche 2. Klaffe gebe. Und als er de»» gewiß bescheidenen Wunsch anssprach, daß in Zukunft auch diejenigen Mitglieder des Kultusvorsta»»des, welche dem Vertreterkollegium nicht angehören, wenigstens als Gäste zu den Sitzungen dieses Kottegimns eingeladen werden mögen, da war es wieder Herr Ritter v. Tauffig, der die ganze Frage mit einem Witze abtat, indem er zunächst erklärte, daß er es unter keinen Umständen zulaffcn könnte, daß alle Sitzungen des Bertreterkollegiums dem gesarnten Vorstände zugänglich gemacht werden ur»d daun den Beschwerdeführern zurief, daß sie in diesem Falle erst recht zu „Kiebitzen" des Vertreterkollegiums degradiert und wirklich die „gemalten jüdischen Türken" wäre»», für »velche sie sich he»»te halten. So ist es heute tun unseren Kultusvorstand bestellt. Ob die neueinziehenden Kultusvorsteher, deren Funktion mit dem 1. Jänner 1906 beginnt, wirklich einer: neuen Kurs bedeuten, das wird die Zukunft lehren. Wir bezweifeln es, daß bei der jetzigen Organlsation des Kultusvorstandes und unter dem autvkratischen, herrschfüchttgen Regime des Dr. Alfred Stern eine Kursänderung möglich sein werde. Wir laffen Hier die wichtigeren Reden, welche in der letzten Sitzung gehalten wurde»:, folgen. Im Einlaufe werden bekanntgegeben: Ein Daukschreiber: des Kultusvorstehrs Herrn David Ritter von Gutmann für die ihm anläßlich seines 70. Geburtstages überreichte Glückwunschadreffe. In: Präsidialberichte erwähnt der Präsident, baß verschiedene, teils anonyme oder pseudonyme Zuschriften, teils Zuschriften von Personen, welche ihre nähere Adresse r:icht angeöen, einlaufen, in denen über die israelitische Abteilung auf dem Döblinger Ortsfriedhofe verschiedene Beschwerden enthalten sind m:d das Begehren gestellt wird, daß der Kultusvorstand dagegen irgendwelche Schritte unternehme. Demgegenüber mutz der Präsident bemerken, daß die israelitische Abteilung des Döblinger Ortsfriedhofes nicht der Kultusge- »neirrde gehöre, nicht in: Besitze der Kultusgenreinde ist, daß sonach dem Kultnsvorstande eine Einflußnahme auf die Angelegenheiten der gedachten Friedhofsabteilung nicht zustehe, daß vielmehr auch diese Friedhossabteilung gleich dem ganzen Friedhöfe im Besitze der Stadtgemeinde sich besuche und demnach die Erwerber von Grabstellen oder Grüften den hierfür entfallenden Kaufpreis bei»:: Magistrate oder beim magistratischen Bezirksamte bezahlen. Der Kultusvorstanö sei sonach nicht in der Lage, über das vorher erwähnte Begehren irgend eine Bevfügllng zu treffen.' Hierauf erfolgt die Beratung überden Voranschlag für das Jahr 1906. Ferner erstattet der Präsident einen Rapport über die finanziellen Ergebnisse bis zum 15. Dezember 1904. AgnoSzierung der Wahlen. Nachdem gegen die arn 27. November vezw. 9. Dezember 1004 vorgenommenen Wahlen innerhalb der statutarisch festgesetzten Frist eine Einwenbung nicht erhoben wurde, werden diese Wahlen vom Vvrstatche anerkannt. Vorträge über jüdische Geschichte. Es wird zur Kenntnis gebracht, daß in der Winterfaisvn 1904—05 gleichwie im Vorjahre 13 Vorträge aus jüdischer Geschichte, und zwar 3 Vorträge für Erwachsene und 0 Vorträge für die reifere Jugend im Festsaale des Ingenieur- und Arrhitektenvereines in Aussicht genommen sitrd. Bo»: diesen Vorträgen haben 2, und zwar am 1. Dezember von Herrn Dr. Max Grunwald über „Gabriel Rietzer" und an» 15. Dezerttber von Herrn Dr. E. David über „Maimonides", unter lebhafte»»: Zuspruchs bereits stattgefunden. Die nächste»» Vorträge rverde»» gehalten: Donnerstag den 22. Dezember 1004 von Herrn Dr. Max Grunwald: „Aus der Geschichte der Juden in

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