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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-23 · 52 (23.12.1904) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
52 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Kr. 62 Seite 3 Jüdisches Volksblatt Kokesch ein „Mitarbeiter Herzls, man sah und hörte nichts von ihm. Heute auf einmal erzählt man uns, er sei ein Anhänger der „Chowewe i Zion". Das verstehe, wer will oder kann! Herr Kremenezky ist ein spieß- Ibürgerlicher Bourgeois. Spendet, übt Wohltätigkeit und mag Verdienste um den Nationalfonds haben. Aber das ist alles und das genügt nicht. Sonst ist er ein Mann johne alle Gesichtspunkte, untauglich, unfähig, Isowohl als Redner wie als Berater nicht in Befracht kommend. Sein Gesichtskreis erstreckt sich nicht über den Nationalfonds. Und wenn inan die Herren als Privatpersonen betrachtet,!wozu inan bei einen: Führer vollständig bc- 'rechtigt, ja sogar verpflichtet ist (selbst Herzl «wurde seine Tätigkeit bei der „Neuen Freien Dresse" vielfach verübelt!), so wird man bei 'K r e m e n e z ky, dem Unternehmer, manches ^finden, worüber sich ein ehrlicher Zionist faum hinwegsehen kann, i Bleibt Oskar M a rm o r e k, Vizcpräses und interimistischer Leiter des Aktionskomitees, :fett kurzem Mitglied des israelitischen Kultusvorstandes. Also der gegenwärtige Führer. Nun möchte ich den sehen, der Herrn M a rmorek für die Führerschaft geeignet hält. Dafür besitzt er nicht die geringsten Fähigkeiten, weder bedeutend durch Scharfsinn noch sonst eine hervorragende Persönlichkeit. Wenig überlegend, übersprudelnd, so daß man ihn ständig zügeln müßte, von Taktik keine Rede. Griftes, der erklärt hat, man werde sich bei allen Schritten fragen müssen: „Wie hätte in diesem Falle Herzl gehandelt?" Und ein halbes Jahr nach hes Meisters Tode ist seines Erbes gewählter, doch nicht berufener Hüter in den Kultusvorstand eingetreten, in die von uns durch Jahre so heiß bekämpfte Körperschaft, ist hineinge—gangen ohne Kampf, ohne Zugeständnisse von jener Seite, als Privatperson, nicht als Vertreter einer Idee, einer Partei. Und all das im Namen Herzls, sogar mit dem Hinweise auf Herzl!! Und was geschieht gegenwärtig im Aktionskomitee? So gut wienichts. Die Herren beraten allerdings in Abwesenheit der Sekretäre. Aber es wird doch keine diplomatischen Geheimnisse geben. Schämen sie sich vor ihren Beamten oder fürchten sie dieselben?- Hier konnten nur einige Streiflichter geworfen werden. Wir glauben, daß sie vollends gelrügen. Mail könnte ja( noch manches andere anführen: daß das Einvernehmen unter der: Mitglieder»: des Aktionskomitees kein besonders herzliches ist, daß sich Einflüsse gelterrd mache::, die wir nicht für günstig halte::, daß das offizielle Organ immer impotenter wird re. Und wenn n:an in Unkenntnis der Dinge meint, cs werde vom Geiste Herzls auch auf seine Mitarbeiter etwas übergegangen sein, so sagen wir ganz ruhig: Nicht ein A t o:::! Wir leben gegenwärtig in einer kritischen Zeit. Und da ist es vor allem nötig, die Wahrheit z u sagen, damit eine Entwicklung Hintangehalt'en werde, die den Zionismus schwer schädigen müßte. Man frage einmal die Wiener Zionisten! Ich glaube, kein ernster Zionist wird sich für Wien entscheiden können. La verlte est en marche! W ie::. Arthur F reud. (Wir veröffentlichen diesen Artikel, eines geschätzten Mitgliedes des zionistischen Landeskomitees, ohne ihm in alle:: Punkten zuzustiuunen. Die Red.) Politische Wochenschau. Die ominösen B v lkS sch n lge setze sind also richtig an den Landtag zurückgesandt worden. Die Aendernugen, welche an diesen Gesetzen vorgenonunen werden, sind für uns Juden von sehr problenratischer Bedeutung. Der Einfluß des Staates ist wieder sichergestellt. In der Praxis bedeutet dies nichts anderes, als das; die jüdischen Lehrer und Lehrerinnen von: antisemitischen Landesansschnsse im Einverständnisse mit der Negierung prüteriert werden sollen. In: Gegenteile, man könnte sich in gewisser Beziehung sogar noch eher mit der schroffen Ablehnung der jüdischen und getauften Lehrer abftnd^u als mit dem Seelenschacher, der bei Vergebung von Staatsümtern getrieben wird. Ein offener, wenn auch unsinniger und ftir Land und Stadt verderblicher Antisemitismus stärkt und stählt unsere Kampfcsrcihen und fördert unseren Zusammenschluß, aber das Serum, das uns tm Taufschein geboten wird, wirkt zersetzend. Wir müssen uns gegen die letztere Methode wehren, um gegen die erstere gewappnet zu sein. * * Mit welcher Unverfrorenheit heute der Boykott der Inden bei B e s e tz u n g öffentlicher A e m t e r ausgeüvt wird, beweist auch eine Kundmachung des niederösterreichischen Landesansschusses, welche jüngst in den offtztellen Blättern erschien. An der n.-ö. Landesfindelanstalt in Wien gelangt am l. Jänner 1905 die Stelle eines Sekundararztes zur Besetzung. In der betreffenden amtlichen Kundmachung heißt es nun wörtlich: „Bewerber um diese Dienststelle haben die Erlangung des Grades eines Doktors der gesamten Heilkunde an einer inländischen Universität, die österreichische Staatsbürgerschaft, ihre deutsche Stammesangehörigkeit, ferners ihre bisherige Tätigkeit in: ärztlichen Dienste nachzuweisen und ihre mit einer Stempelmarke zu einer Krone versehenen Gesuche unter Anschluß des Tauf- und Heimatsscheines bis längstens 7. Dezember 1904, 2 Uhr nachmittags, tunlichst in: Wege persönlicher Vorstellung beim Landesansschnsse in Wien, 1. Bez., Herrengasse 13, einzubringen." Das heißt die Staatsgrundgesetze mit Füßen getreten, das ist ein Gewissenszwang, gegen den ein gewöhnlicher Protest nicht mehr yinreicht. Hier muß von jüdischer Seite mit allem Nachdrucke und immer von neuem der Versuch gemacht werden, daß solch e A u s s ch r e iv n n g e n als ungesetzlich annulliert und die auf Grund solcher Konkurse e r f o l g t e n S t e ll e n b e s e tz u n g e n a u f gehoben werden. * * * Die Dentschfre i! s innige n geben wieder ein Lebenszeichen. Wenn dies nicht auf eine Autosuggestion znrückzusühren ist, so sehen wir tatsächlich nichts, was diese Herren zu der Annahme berechtigt, daß die Zeit für eine Neubelebung der d e n t s ch freisinnigen Bewegung heute günstiger geworden ist, als vor einiger Zeit. Am allerwenigsten aber sehen wir einen Grund für die Juden, bei diesem neuen Versuche, einigen verkrachten Politikern ans die Beine zu helfen, wieder die unerläßliche Staffage abzugeben. Einer der Redner sprach von „wirklichen Liberalen^ Wo stecken diese „wirklichen" Liberalen außerhalb des Judentums? Und wo hielten sie sich verborgen, als die Juden von Stufe zu Stufe niedergedrückt und von einen: Beruf nach dem anderen verdrängt wurden? . . . Wenn dieses neuerliche Räuspern der D c u t s ch freisinnigen nicht den engeren Zufamlnenfchluß und eine gesteigerte Wachsamkeit der nationalgesinnten Inden zur Folge haben wird, wirb es direkt ein Schaden fürs Jndentnm werden. Korrespondenzen. fJelißlonaldjm- »r«d ReNg!««s- ««terricht. Sehr geehrter Herr Redakteur! Herr Prof. Dr. Kurrein hat in Nr. 51 Ihres geschätzten Blattes eine Frage aufgeworfen und gleichzeitig um Meinungen darüber gebeten. Obgleich „Mulier in ecclesia taceat“ die Regel ist. gibt es keine Regel ohne Ausnahme, und diese Ausnahme möchte ich mir gestatten. Als mir vor einigen Tagen, eine Zeitschrift aus Deutschland in die Hände geriet, fiel meiu Blick auf einen Konkurs für eine jüdische Lehrerin für eine Volksschule; unter den mehrfachen Anforderungen, die hier vorgemerkt waren, stand in großen Buchstaben: „Nur streng religiöse Bewerberinnen werden berücksichtigt." Wenn bei der Wahl einer Lehrerin für moudaine Gegenstände dies zur Hauplbedingung gemacht wird, wie viel mehr inüßte man darauf bedacht sein bei der Anstellung eines Religionslehr e r s? Ein Religionslehrer, der nicht religiös ist, ist doch an sich selbst ein Unding. Religionsunterricht muß vom Herzen kommen, um zum Herzen zu dringen, und von Religionslehrern, i» deren Häusern der Sabbat und mehreres andere nicht vorschriftsmäßig gehalten wirb, ist kaum zu erwarten, daß sie den Sabbat in bezug ans die Schule heiligen werden, um so mehr wenn es ihnen ein paar Gulden in der Woche trägt, die sie bei ihrem kleinen Einkommen nicht gern vermissen! Sie werden mir vielleicht erwidern: „Es giebt auch solche Rabbinerhäuser." Ganz richtig, diese sind aber genau in dieselbe Kategorie mit den irreligiösen Lehrern zu setzen. Rabbiner wie Religionslehrer haben die Religion zu halten, wie sie gegeben, und nicht nach persönlichem Geschmack! Niemand muß sich der Religion widmen, hat man es einmal getan, dann ganz oder gar nicht. Hier legt der Fehler viel tiefer. Der Religionslehrer wird vom Bor st eher gewählt und angestellt. Ist der Vorsteher, der gerade am Ruder steht, (denn Vorsteher kommen und gehen, der Lehrer bleibt), ein Mann von jüdischem Sinn und Verständnis, wird er bei der Wahl des Angestellten auf die geeigneten Eigenschaften sehen. Ist er jedoch ein moderner Assimilant, der nur auf Aeußerlichkeiten sieht, so ist das Unglück geschehen und die Jugend auf Jahre hinaus geliefert. In gleicher Weise werden auch Schechita, Gottesdienst und andere religiöse Einrichtungen zugrunde grrichtet und — der arme Rabbiner, — der in Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit sich dagegen wehrt, findet nicht nur keine Unterstützung, im Gegenteil, er macht sich noch den Vorsteher zu seinem Feind und Gegner und dann wehe dem armen Manne! Daß Religionsunterricht, Gottesdienst und Schechita nur da sind für religiöse Leute und daß irreligiöse Assimilanten weder Bedürfnis noch Verständnis für dieselbe haben, ist eine Tatsache, die wohl niemand leugnen wird. „Warum", frage ich daher, „eine Quelle, aus der du nicht trinken willst, für andere Dürstende verunreinigen?" Der Vorstöher ist wandelbar, die Religion felsenfest 1 Wer die Religion halten will, verlangt sie nach Gott und Gesetz, nicht nach dem V o r st e h e r. In erster Linie daher müssen die Vorsteher für ihre Pflichten Verständnis haben, müssen wissen, daß Kultus vom Geschäftsgebaren zu trennen ist, in dem erstere, den Rabbiner unterstützen, um die Religion zu erhalten. Vom Lehrer verlange man Frömmigkeit, vom Schochet Gewissenhaftigkeit, er selber soll aber nicht mit den Achseln zucken, wenn von den Einrichtungen der Religion gesprochen wird, mit der Bemerkung: „Wer verlangt heutzutage noch darnach." Wenn nur zehn Gläubige in einer Gemeinde sind, müssen die religiösen Einrichtungen in W i r k l i ch k e i t da sein, nicht pro forma um den Leuten den Mund zu stopfen. Dann wird Prof. Dr. Kurreins Frage von selbst beantwortet sein, denn kein wirklich religiöser Lehrer wird aus Gleichgültigkeit oder Erwerb am Sabbat unterrichten, und wenn, dann wird sowohl Rabbiner als Vorsteher es verbieten. Darum wähle man Kultusvorsteher, die selbst religiös sind und jüdisches Gefühl haben, damit sie nicht den letzten Rest von unseren althergebrachten religiösen Gebräuchen mit Füßen treten und ein Z w i t t e r d i n g entstehe, das für den einen zu viel, für den anderen zu wenig ist. Achtungsvoll Frau Lina Rechenbach, Wien. Ue»e Uerfolgungen in Rumänien Löbliche Redaktion! Unten an der Donau im rumänischen Königreiche herrscht Hungersnot bei den Bauern und steht eine ministerielle Krise bevor. Die Regierung muß die Bauern füttern, da sie wenig Getreide geerntet haben. Eine solche Lage ist für ein Land peinlich und die Bevölkerung bedauernswert. Auch der rumänische Jude ist unter dieser Agrarkrisis schwer getroffen und seine Lage ist bekanntlich noch schlimmer als die des rumänischen Bauern, dem: den Juden wird der Staat nicht füttern. Der Jude hoffte aber, daß ihr: die Regierung, wenn nicht füttern, doch in Ruhe lassen wird, damit er mit seinem Elend die schlechten Zeiten ertragen soll. So denkt der gesunde europäische Menschenverstand, nicht auch der Präfekt von Bakan. Gerade in diesen mageren Jahren erinnert er sich, daß vorigen Winter das rnrnänische Parlament ein Gesetz aufgebaut hat, welches wie ein verhängnisvolles Schwert über dem Haupte der Juden aus

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