Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Np. 52 ungarischen Verfassung in den Haaren und liriterdefsen macht der Graf Ferdinand Z i ch y Propaganda für eine große christlichsoziale Partei, deren Endzweck cS ist, die Juden aus allen Erwerbszweigen und Berufen endgültig zu verdrängen! Das ist die Situation! Bescheiden und ohne großes Geräusch bildet sich inzwischen eine jüdischnationale Gruppe in Ungarn. Vergebens hält sie Ausschau nach einem Führer im Lande. Er will sich nicht einstellen. Wo findet sich auch so leicht der Mann, der den Mut besäße, sich an die Spitze einer Organisation zu stellen, die gerade von ihren Stammesbrüdern, den dermaligen Führern des ungarischen Judentums, als unpatriotisch und reaktionär denunziert wird! Auf diese noch schwache, aber von Ambition und Tatkraft erfüllte Gruppe muß die Judenheit Ungarns ihre ganze Hoffnung setzen. Ihrer harrt sine große und heilige Mission! „Sie wird nicht nur der großen Idee, welche sie geboren, zum Siege verhelfen, sondern sie wird — die Zeit ist nicht mehr allzu ferne— auch ihre heutigen Bekämpfer die Rosenbergs undLengyels vor dem gemeinsamen Feinde zu beschützen haben! Zur Frage der künftige« Leitung. In der zionistischen Presse wird gegenwärtig die Frage der zukünftigen Leitung stark ventiliert. So naturgemäß und notwendig dies ist, so kann doch der unbefangene Leser seine Verstimmung nicht verbergen angesichts der Art, in welcher diese Vorschläge gemacht werden. Da kommt der eilte und legt uns ein umgeändertes Statut mit Paragraphen und Verklausulierungen vor, der andre gibt ein Essai zu lesen über Wien, die Stadt der Phäaken, den Ort der heiteren Oberflächlichkeit, dessen Atmosphäre es ihrn nicht für den Sitz der künftigen Leitung empfehlenswert erscheinen läßt. Und ein dritter wiederum erzählt iut§, wie schwach und wie wenig vertieft der Zionismus i.l England sei, wettert gegen die bösen Talmizionisten, denen man das Steuer anvertrauen möchte, und kommt schließlich zur Ueberzeugung, daß der Geist Herzls doch auf jene Männer übergegangen sein müsse, die jahrelang mit ihm zusammen gearbeitet haben. So leiert man weiter — mit wenig Witz und viel Behagen. Spießbürgerlich beschränkte Auffassung das! Statt Vorschläge zu machen, die sich — was in erster Reihe nötig ist — auf programmatischer Höhe bewegen, gibt man uns Versuche zur Völkerpsychologie oder streitet über technische Fragen, welche Stadt geeignet ist für den zukünftigen Sitz der Leitung, zu Und als Sonnenthal zum erstenmal an der Burg den „Uriel" spielte, war eS allgemeine Ansicht, daß kein zweiter Schauspieler das Seelenleben des Juden so trefflich zeichnen könne wie er. Ein guter Jude ist Sonnenthal immer geblieben. Als Rothschilds Sohn konfirmiert wurde, war Sonnenthal Ehrengast und wurde in der Synagoge „aufgerufen". Als Vizepräsident des Vereines zur Konservierung jüdischer Altertümer hat Sonnenthal sehr Ersprießliches geleistet. Als sich jüdische Studenten in Wien in der Redehalle eine Heimstätte schufen, war Meister Sonnenthal der erste, der zu ihren Gunsten einen Vortrag hielt. Der größte Gönner und Verehrer Sonnenthals war der verstorbene Erzherzog Karl Ludwig. Als diesem Ludwig Eisenberg, der treffliche Biograph Sonnenthals — seinem Buche habe ich manches des Vorerzählten entnommen — die Sonnenthal-Biographie überreichte, da fragte der Erzherzog unter anderem auch den Biographen: „Sagen Sie mir, ist es wahr, daß Sonnenthal ein so guter Jude ist, oder posiert er dies nur?" Effenberg antwortete, Sonnenthal sei in der Tat fromm und gläubig. „Und das ist recht und schön von ihm," bemerkte der hohe Herr, „denn man soll, in welcher Religion auch immer auferzogen, dieselbe heilig halten. Ich habe dies auch stets getan, und glauben Sie mir, auf solchen Menschen ruht Gottes Segen." „Sonnenthal ist dessen," gab Eisenberg zurück, „auch zu jeder Stunde eingedenk und kann gerade welcher der Verkehr ein leichterer ist rc. rc. Und was besonders charakteristisch ist, niemand weiß Namen zu nennen und wer es wüßte, will damit nicht herausrücken. Nur Herr I r i e d e m a n n bringt bot Mut auf, von dem „bekannten GesinilungSgenosson von Köln" zu sprechen. Als ob es nicht bequenter wäre, gleich „Herr Wol ff s ohn" zu sagen. Als ob es hier eilt Versteckenspielen gäbe! Klwz tlltd gut, man muß sich dagegen verwahren» daß die wichtigste Frage der Gegenwart zu enter reinen Lofal- oder P e r s o tt e tt f r a g e herabgedrückttverde, noch ntehr dagegett, daß sie zu einer persönlich e tt Frage werde. Vergegenwärkigeit wir uns einmal die Lage der Dinge! Herzl, der Schöpfer und die Seele des politischen Zionismus, die machtvolle Persönlichkeit, die die ganze Orgaitisatioit ztisannnenhielt, der Maitit, dem die Form der Organisation aitgepaßt war, ist nicht mehr tmö es gibt niemanden, der fctttctt Platz ausfüllen sollte. Was soll mm geschehen? Soll tveiter Politik gentacht werden wie bisher, soll titan weiterhin zum Charter hinarbeiten, mit einem Worte: Soll a u ch fürderhin d a s p o l i t i s ch e System Herzls aufrechterhalten b leiben? Für diejenigen, die geneigt sind, diese Frage zu bejahen, ergibt sich die Notwendigkeit, sich nach eiitem Arbeitskommitee umzusehen, das die Arbeit Herzls zu übernehmen hätte. Für die anbren wiederum, die mit der Richtung Herzls ltieht übereiltstimmten, die sich durch Jahre dent alles beherrscheitdett Einflüsse seiner Persönlichkeit unterwarfen, die aber fortan mit ihren Wünschen nicht werden zurückstehelt körtnelt, für die handelt es sich darum, das zttkünftige Sy st ent zu finden, da ltiemaltd vorhanden ist, der für eilte Arbeit geeigttet wäre, der sie auch unter Herzt tticht zustimmeit konnten. Für beide Richtungen kotnmt also in Betracht, daß eine Orgaltisationsform geschaffen werde, welche, unabhängig von einer Einzelperson, Garantielt für eilte gedeihliche Arbeit bietet, und weiters muß jede der beiden Richtungen Mäimer in Vorschlag bringen, die ent System vertreten sollen. Die Ugandisten ttltd T er ritor i ali st e tt werden eine andere Leitung wünschen als die „politischen C h o w ew e i- Z i o tt" und die Kulturzionisten. Kurz gesagt: Erst die Richt u n g, d a lt n die Männe r. Hier soll tticht von einem P r o g r a m m für die Zukttnft die Rede sein. Auch die Frage des kültftigelt Sitzes der Leitung soll hier nicht behattdelt werden. (Ueberhaupt scheint mir diese neben der viel wichtigeren Frage des Programmes von untergeordneter in dieser Beziehung seinen Glaubensgenossen als Beispiel vorgeführt werden. Ja, einmal gaben seine religiösen Ansichten sogar Gelegenheit zu einer vorübergehenden Verstimmung zwischen ihm und einem seiner engsten Familienmitglieder." Den kaiserlichen Prinzen schien diese Bemerkung zu interessieren, denn er wünschte darüber Näheres zu hören. Im Bewußtsein, keine Indiskretion zu begehen, erzählte der Biograph. SonnenthalS Sohn Paul habe nach dem Einjährig-Freiwilligen: Jahr nach vortrefflich abgelegter Offiziersprüfung unbedingt Berufsoffizier werden wollen und sein Oberst habe ihn in seinem Vorhaben bestärkt. Seine militärischen Aspirationen wurden jedoch gar bald zerstört, denn der Vater wollte es nicht zugeben, daß sein Sohn gelegentlich des Standeswechsels auch einen Religionswschsel, der in diesem Falle allgem e i n a n g e r a t e n wurde, vornehme. Da nützten keine Vorstellungen, keine Bitten, keine Erklärungen, der sonst so liebende Vater blieb standhaft im Bewußtsein, das Rechte zu tun. Da gab es nun keine weitere Opposition mehr, der diesmal allerdings wider Willen gehorsame Sohn zog den ihm so lieb gewordenen Waffenrock aus und trat als Beamter in ein großes Bankgeschäft. Der Erzherzog zögerte einen Moment mit der Erwiderung, fuhr sich leicht über die Stirn, um dann zu bemerken: „Ja, es ist doch vielleicht besser so, denn wer kann wissen, was für Komplikationen etwa in späterer Zeit die Verschiede n heit der Religionen bei Bedetttultg ztt sein, nachdem sie eine rkin tech n ische Frage ist. Man wird aufjeden Füll Mältlter finden müssen, die dadurch, daß sie bezahlt lverdert, attch nt die Lage versetzt sind, ihren Wohltsitz zu äitdern und sich ganz der zionistischen Tätigkeit luibmctt zu können.) Ich utöchte hier auf jene Vorschläge erwidern, die der Beibehalttmg der jetzigen „Leitung" das Wort reden. Zuitächst sei bettterkt, daß es überhaupt feine „Leitung" gibt. Ich sehe nur einige Menschen. Das gegenwärtige A.-C. ist nichts ntehr als ein $ tt m p f. Das Haupt fehlt. Zu Herzls Lebzeiteit tvar cs ziemlich gleichgültig, wer seilte Mitarbeiter waren, alle Anregungen gingen von ihm aus, es gab kein A.-C., es gab ltur einen Herzl. Dieser war sich seiner 'Macht sehr lvohl bewußt, er koitnte feinen anderen Willen neben dem feinigen dulden und darum ivählte er sich Leute, vott bereit Gefügigkeit er von vornherein überzeugt sein konnte, während andere, die eine eigene Meinung hatten, gehen mußten, weil sie sie nicht durchsetzen konnten?) Und lvas ist nun übrig geblieben? Qeute, die keine fest bestimmte Richtung haben, die jahrelang gegängelt wurden und an deren Qualifikation als Führer nie jemand geglaubt hat. Was wissett wir von den vier Herren, die gegenwärtig am grünen Tische sitzen? Daß sie fleißige Arbeiter, gute Zionisten warot, ttiemals aber mehr dentt Organe eines höheren, überlegenen Willens, daß sie alles andere sittd als ausgebildete Persönlichkeiten. Nehmen wir sie einntal der Reihe nach in Augenschein! Dr. Leopold Kahn, ein tüchtiger Agitationsredner, der sich auf diesem Gebiete sicherlich Verdienste erworben hat, auch als Berater ein Mann, auf den man hören kann, aber zum Führer vollständig ungeeignet. Dazu fehlt ihm das Temperament und die Kraft, die sich durchsetzt. Durchaus Kompromißler! Herrn Dr. Koke sch kenne ich nicht und das Urteil derer, die ihn kennen, lautet nicht günstig über ihlt. Daß er mir unbekannt ist, spricht auch gegen ihn, denn ein Führer, ein Mitglied des'kleinen A.-C., eine Individualität, die man bei der Arbeit beobachten kann, ein solcher Mann müßte doch jedem Zionisten in Wien bekannt sein. Herr Kokesch ist seit Jahren im A.-C. Was ist sein Programm, was hat er geleistet, auf welche Tat kann er Hinweisen? Hat er sich begnügt, Kasseverwalter des A.-C. zu sein? Das ist sonst die Tätigkeit eines Führers nicht. Üttb noch eines: Jahrelang war Herr *) Die oben angeführte Tatsache soll nicht als ein Argument g e g e n .Herzl aufgefaßt werden. Es gehörte mit ztr der Große dieser einzigen Persönlichkeit, daß er in allenr seinen Willen zur Gelttntg bringen konnte. Vater und Sohn hervorgerufen hätte." Zwei Judenrollen waren es, mit denen Sonnenthal das Publikum in den letzten Jahren besonders erfreute: „Nathan" und „de Sylva". Speidel schrieb von seinem Nathan: „Selten hat Herr Sonnenthal so überzeugend wie hier gezeigt, was er ist: ein guter Mensch und ein großer Künstler" und von seinem Arzt de Sylva urteilte Kalbeck, nachdem er die angeborene Würde und die rührende Schlichtheit der Gestalt gerühmt hat: „Welch ein Jude!" De Sylvas Wort: „Tief in unserem Volke wurzelt die Familie!" hat der Künstler auch immer hochgehalten. Brave Kinder und liebe Enkelkinder werden dem Großpapa zum 70. Geburtstag gratulieren. Und Großpapa wird ihnen zur Belohnung ein schönes Märchen vorlesen, das seine Tochter Hermine gedichtet hat. Gibt's eine schönere Belohnung? J. H. Humoristische Ecke. Ans der Redaktion einer hiesigen Wochenschrift". Administrator: Herr Doktor, da wünscht Herr N e i ch e n s o h n, daß wir ihm eine Ialjrzeittafel für feilten verstorbenen Vater anfcrttflcu lassen, was soll ich damit anfangen? E h e f r e d a k t e lt r: Schatten im Kas sabuch nach, wann und wie hoch der Alte gestorben ist!