Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 52 (23.12.1904)
- Date
- 1904-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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K 3.43 Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegen genommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile II; Verlag „Zion", . Wien, II/3, Untere Augartenstraße 9; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse. Ihr. 53 Mir«. 33. Derrmbrr 1904 (15. Tebeth 6665). VI. Jahrgang. Ungarische Inden. Der „Kampf um die Verfassung", der jetzt in Ungarn ausgefochten wird, geht uns Inden in viel bedeutenderem Maße an, als Kurzsichtige und Uneingeweihte anzunehmen geneigt sind. Es geht hier nicht so sehr um die Machtstellung des Grasen Tisza, auch nicht die ungarische Verfassung ist es, welche tatsächlich aufs Spiel gesetzt ist, sondern einzig und allein die zukünftige Stellung der Inden in Ungarn. Was ist eigentlich geschehen? Derungarische Ministerpräsident Graf T i s z a hat, um die Militärvorlugen und die Annahme des Budgets auf längere Zeit zu sichern, sich um so mehr veranlaßt gesehen, zu den schärfsten Maßregeln hu greifen, als er sich bewußt sein mußte, daß er für diese natürlichen Zwecke keine weiteren Konzessionen an die chauvinistischen Parteien zu machen in der Lage sein wird. Um nun die Durchführung dieser allerschärssten Maßregel zu verhindern, bildet sich eine oppositionelle Koalition, deren Zusammensetzung für uns Juden die allerwichtigste Bedeutung hat. Die Gruppierung der feudalen Aristokratie mit der klerikalen Äpponyigruppe im Bunde mit den extremliberalen 48er Parteien und als Kompendium die antisemitische Volkspartei erfolgte nicht nur deshalb, weil es sich um die Verteidigung der Verfaffung handelt. Nein! Dieser Anlaß ist nur ein Vorwand zu einer solchen Allianz, der Grund hierfür liegt viel tiefer in der Geschichte der letzten Jahre. Noch vor dem Regierungsantritte Koloman v. S z e l l s wäre ein Zusammengehen sogenannter liberaler Elemente mit reaktionären Parteien undenkbar gewesen. Erst der schwach verhüllte Antisemitismus Koloman v. S z e l l s machte die antisemitischen Parteien etwas mutiger und es gilt heute als unumstößliche Wahrheit, daß der Aufschwung der Volkspartei und ihre Entwicklung bis zur christlichsozialen Partei nach österreichischem Muster, einerseits der Aufmunterung der Szell-Apponyigruppe, andrerseits dem unpolitischen Benehmen der Juden Ungarns zu verdanken ist. Am besten und treffendsten wird die Situation durch die Tatsache gekennzeichnet, daß, so oft die Einigkeit in der ad hoc koalierten Opposition ins Schwanken zu geraten droht, der alte Graf Ferdinand Z i ch y, der Begründer und Führer der heutigen antisemitischen Bewegung in Ungarn, auf dem Plane erscheint und die Opposition zu weiterem Ausharren anfeuert. Alle diese Momente gehen ay den Führern der ungarischen Judenheit spurlos vorüber. JhkMffiwilütionsw'ul hat sie so sehr geblendet, daß sie nicht nur die Gefährdung ihrer eigenen Interessen vollständig übersehen, sondern mit einer wahren Gehässigkeit jede selbstbewußte Regung im Judentum unterdrücken. Sie übersehen es vollkommen, daß, während dis einen Hunderttausende opfern, um von den jeweiligen Machthabern eine Auszeichnung oder Rangserhöhung zu erhaschen, und die anderen sich nicht scheuen mit den größten und offenkundigsten Femden des Judentums zu paktieren, diese letzteren im Trüben fischen, ihre Kräfte sammeln. m Sormenthal. Adolf Sonnenlhal vollendete Mittwoch das siebzigste Lebensjahr. Bei Künstlern, vornehmlich Schauspielern, sollte es gemeiniglich so gehalten werden: An ihren Jubiläen spreche man von ihrer Künstlerschaft, an Geburtstagen von ihrem Menschen. Bei Adolf Sonnenlhal ist diese Einteilung schwer einzuhallen; denn am End« kann — wie Speidel einmal schrieb — ein Künstler wie Sonnenlhal auch nichts geben als sich selbst, den Menschen. Und vom Menschen Sonnenthal läßt sich so Mannigfaltiges an Edlem und Schönem erzählen, das man mit doppelter Freude an dem 70. Geburtstage des jungen alten Herrn vernimmt. Die .Genialität des Herzens, mit der er Lessings „Nathan" geschaffen, hat auch den Menschen Sonnenthal stets ausgezeichnet, daheim im Elternhause im Ghettoviertel von Budapest, auf der Wanderschaft durch Schneiderwerkstätten und Theaterschmieren und endlich auch in der eleganten Villa im Währinger Cottage. Die Genialität des Herzens hat ihn aber auch immer richtig geleitet in seiner Liebe zu der Religion seiner Väter, zum Judentum. Am Neumarkt in Budapest genoß daß Schnittwarengeschäft ,,Hermann Sonne nthal" den besten Ruf. Der Chef und seine Gattin Lotti geb. Weiß hatten drei Jungen und drei Mädchen. Adolf, der am 21. Dezember 1834 geboren wurde, war bald der Liebling der Mutter, die den Kindern zur Belohnung von Fleiß und guter Sitte oft aus der Bibel vorlas. Die Erziehung der Kinder war eine tief religiöse und Adolf wußte seinem Vater kein schöneres Geburtstagsgeschenk als einen Psalm in französicher Uebers e tz u n g. Die Frömmigkeit der Eltern erblickte im Theater aber nur Teufelswerk und deshalb war dem kleinen Adolf lange Zeit der Theaterbesuch verboten, bis seine Barm i z w a Gelegenheit zur Stillung seiner Sehnsucht gab. Unter den Geschenken, die der Kcmsümcmd erhalten hatte, befanden sich auch Sch'.llers sämtliche Werke und am Theaterzettel stand an jenem Tage „Wilhelm Tell". Adolf hatte sein Kapitel aus der Thora im Tempel fehlerlos und verständnisvoll vorgetragen; zu Hause hatte er eine warm empfundene Koi-sn malionsrede gehalten — der Lohn war die Erlaubnis zum Theaterbesuche, zu „Wilhelm Tell". Seit diesem Tage steckte der Theaterteufel in ihm. Hinter Vaters Rücken statierte er bald darauf in Knabenrollen; doch als der Vater davon erfuhr, mußte er „zur Strafe" durch lange Zeit morgens und abends den Gottesdienst in der Synagoge besuchen. Im Hause des Sekretärs der Pefter Kultusgemeinde wurden öfters dramatische Vorstellungen veranstaltet. Bei diesen wirkte Sonnenlhal hie und da mit und mit ihm der Sohn des Hausherrn Ludwig B a r n a y, der auch ein Meister der Schauspielkunst wurde. Als um, zu einer kräftigen mächtigen Partei ge worden, sich um so sicherer und nachdrücklicher gegen die Juden wenden zu können. Muß es nicht tragikomisch wirken, den Juden Zoltan Len gyel mit dem AntisemitenRakovszky Arm in Arm gehen zu sehen?! Ist es nicht politisch unklug und geradezu niederdrückend, wenn man sieht, wie die jüdische haute fmance Ungarns für eitle Titel und Standeserhöhung Unsummen dem Dispositionsfonds derRegierung opfert und dadurch den Antisemiten eine, wenn auch sicherlich nicht ganz gerechtfertigte Handhabe bietet, ihre Anhänger darauf hinzuweisen, daß die Juden sich in die Reihen der ungarischen Aristokratie hineindrängen und gleichzeitig der Regierung die Mittel vorstrecken, das Volk zu unterdrücken?! Oder kennt Herr L e n g y e l die Verhältnisse in Ungarn gar so wenig, daß er nicht weiß, daß er heute ganz unbewußt im Dienste der Antisemiten steht, die sein heißblütiges Temperament ausnützen, um die liberale Regierung des Grafen Tisza zu Falle zu bringen und dann, wenn ihre eigenen Pläne mittelbar durch Juden gefördert und in Erfüllung gegangen sind, die Juden mit ihrem 48er Chauvinismus abzuschütteln und zu bekämpfen? I Liegt denn Oesterreich und speziell Wien gar so weit von Budapest, daß unsere Brüder jenseits der Leitha den Gang der Geschichte diesseits so ganz übersehen, oder stecken sie so tief in ihren chauvinistischen Geschäften, daß sie nicht merken, was in ihrer nächsten Umgebung um sie herum vorgeht?! Der Jude Julius Rosenberg und der Jude Zoltan L e n g y e l liegen sich wegen der Vierzehnjähriger gab Adolf ein Beispiel besonderen Mutes. Am 19. April 1848 wütete in Pest ein kurzer Judenexzeß. Der Mob drang in das Ghetto und demolierte die Geschäfte zahlreicher Juden. Sonnenthal ergriff damals ein Beil und warf an der Spitze einer kleinen Schar eine Rotte von trunkenen Plünderern vom Hause seiner Eltern zurück. Das Revolutionsjahr hatte seine Eltern zu Bettlern gemacht und Sonnenthal mußte nach dem Beschlüsse seines Vaters das Schneiderhandwerk lernen... Adolf wurde aber Schauspieler und spielte 1854 zum erstenmal in seiner Vaterstadt. Der Vorstellung „Kabale und Liebe" wohnten damals seine Eltern bei. Sonnenthal schrieb nach der Vorstellung an einen Freund: „Ja, Freund, vor Fürsten und Königen auftre.en ist nichts, aber den „Ferdinand" in Gegenwart der Eltern spielen, das versuche! — Wenn ein liebender Vater dir so ernst in die Augen schaut, eine treue Mutter dir so tief ins Herz hineinblickt —- dann — dann muß unsere Kunst entweder in gänzliche Stockung geraten oder es muß uns eine höhere Begeisterung überkommen, die alle, welche die heilige Sprache der Seelen verstehen, mit uns fortreißt..." Die Position am Burgtheater war im Flug erobert. 1868 gab ihm I. M. v. Rothschild eine Empfehlung an Gustav und Salomon v. Rothschild in Paris. Sonnenthal wird darin auch als „notre correligionaire“ empfohlen. Der „Correligionaire* blieb dem Künstler auch auf der Bühne nicht fremd.