Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Se ite 4 Jüdisches Volksblatt Nr. 51 Gezeter von „Separatismus" und „Zwietracht" nicht beirren lassen. Keine Absonderung innerlich zur Absonderung berechtigt gewordener Kreise konnte je vor sich gehen, ohne daß nicht die Träger und die Interessierten über nngerechtfertigte LoStrenuung gejammert hätten. Auch innerhalb der sozialdemokratischen Partei kann „Hochverrat* die Rechtmäßigkeit von morgen sein. Und wenn man näher hinsieht, wimmelt es in der Sozialdemokratie von solchen hochverräterisch gewesenen und legitim gewordenen Gruppen. Ganz richtig hat derselbe Redner, der den Beweis von den jüdischen Arbeitern, die zu Daszinski strömen, erfand, von der „Gefahr* gesprochen, daß die Gründung einer jüdischen Arbeiterorganisation in Galizien auch auf die Gestaltung der Partei in anderen Ländern einen „sehr bedenklichen* Einfluß ausüben werde. Gewiß! Eine kleine stärkende Rückwirkung auf den „Bund", anregend auf die ostjüdischen Sozialdemokraten in Amerika und England und — in Einhaltung der erwähnten Linie der Tatsachenlogik — vielleicht auch schon entscheidend auf die Behandlung der Judcnfrage durch die sozialdemokratischen Parteien im Westen Europas und die internationale Sozialdemokratie überhaupt. Jedenfalls wird man wieder um ein gutes Stück dem unausbleiblichen Enderfolge näherkvmmen: der Befreiung des Sozialismus von der liberalen Bourgeoistradition des geleugneten jüdischen Volkes! Mathias Acher. Politische Wochenschau. J. Kr. Die voir uns bereits berührte Rede des Bürgermeisters Tr. Karl Lueger im Vereine „Christliche Familie" hat begreiflicherweise in allen jüdischen Kreisen Entrüstung hervorgerufen. War es doch auch bei den in Wien dermalen herrschenden Zustäuden bisher eine ungewöhnliche Erscheinung, daß der Bürgermeister sich zu eitler Aufreizung zlim Boykott gegen eine große, zur Erhaltung von Staat und Gemeinde in so hohem Maße beitragende Gesellschaftsklasse, wie es die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibenden sind, versteige. Aus dieser Empfindung heraus mochte der P r o t e st b r i e s elltstanden sein, den deir der Vorstand der „Oesterreichisch-Js ra el itisch e n Union" an den Bürgernleister richtete. Es soll hier ununlwundell zugeftanden werden, daß dieser Protest einen Fortschritt in der Taktik der „Unioll" bedeutet. Aklerdillgs kam er etwas zu spät und wird, wie die Dinge null einmal stehen, auch kaum einen Erfolg aufzuweisen haben. Dr. Lueger hat in Abbazia Zeit gehabt, über einen leichtfertigen Witz nachzudeilken, mit dem er die ganze Sache biederen Volksstammes. Wir blicken zurück auf eine Vergangenheit von vier Jahrtausenden. Alle alten Völker, Assyrer, Babylonier, Griechen, Römer usw. sind vom Erdboden verschwunden. Wir Juden haben trotz aller Verfolgungen und grausamen Vernichtungskämpfe gegen uns unseren Volksstamm erhalten. Mithin sind wir 'die reine Rasse. Unsere Sittenlehren haben alle zivilisierten Nationen angenommen; die hebräische Poesie ist noch von keiner Sprache an Erhabenheit erreicht worden. Schmach denjenigen, die sich des Namens „Jude" schämen. Hat man uns bisher solidarisch behandelt, indem man für das Vergehen eines einzelnen die Gesamtheit verantwortlich gemacht hat, so seien wir auch in der Abwehr solidarisch. Organisieren wir uns, seien wir ein Volk unter 'den Völkern, welches seinen Platz an der Sonne behauptet. Darum auf, liebe Freunde, jeder in seinem Kreise und in seiner Sphäre mache Propaganda, predige Gemeinsinn, und fortan sei unsere Devise: „R e d e n wir davon!" Begeistert stimmten alle Mitglieder bei. Die Saat, die damals, vor einigen Jahren, gesät wurde, ist herrlich aufgegangen. Durch den gesteigerten Judenhaß wurde der jüdische Volksgeist geweckt und allenthalben, in allen Ländern bildeten sich jüdische Volksvereine, welche in Wort und Schrift die Interessen des Judentums verfechten. Zahllose Verbindungen wurden gegründet, um mit großen Spenden, mit namhaften Beiträge:: die notleidenden abtun und gleichzeitig die Heiterkeit feiner Getreuen erwecken kann. * * * Der Protestbrief der „Union" entbehrt aber auch nicht einer gewissen Pikanterie. Der derzeitige Präsident der Union ist der gewesene Gemeinderat Signmnd M a y e r. Dieser gewesene Offizier der alten liberalen G a r d e, die sich ergeben hat und nun weder leben ixocE) sterben kann, mag wohl angesichts der jüngsten Vorgänge im Gemeinderate und der Haltung der liberalen Gemeinderäte sich gesagt haben: „Das hätten wir uns doch nicht gefallen lassen!" unb hieb auf den Sack und meinte die — liberalen Gcmeinderäte oder wenigstens einen- Teil derselben. Die Rolle, die diese Herren im Gemeinderate spielen, ist wahrhaftig eine jämmerlich-komische. Mit Ausnahme des Gemeinderates Tr. Oskar Hein und des arischen Hohe n s i n n e r hat niemand den Mut, für die Interessen der Juden offen und ehrlich einzntrcten. Dafür werden aber diese Herren auch von Doktor Lueger nach Verdienst beh rtbclt nnb mußten sieh die Frozzelei gefallen lassen, daß sie sich bei der Budgetdebatte anständig betragen haben. * * * Der Boykott der j ü d i s ch e u Kanflente u n d Gewerbetreibenden ist eine der wichtigsten Fragen und ist geeignet, den ganzen jüdischen Mittelstand dem Ruin entgegenzuführen. Gcgendie systematische, gewissenlose Verhetzung einer fanatisierten, bcnffanlen Volks masse ko nun t man auf die Dauer auch mit der reellsten Geschäftsgebarung und der angestrengtesten Konkurrenz nicht auf. Aber auch die Proteste reichen nicht aus, um da Wandel zu schaffen. Da müssen die jüdischen Kaufleute und Gewerbetreibender: selbst eingreifen, si e müssen, als Juden angefeindet, sich auch als Inder: verteidigen. Gegen eine organisierte Hetzerbande muß eine o r g a n i s i e r t e jüdische K a u f m a n n* schaft u n d G e w e r b e g e m e i n s ch a f t erstehen, die irr der Lage ist, nach oben und nach nuten ihre Interessen zu wahren und gleichzeitig ihr Volkstum zu schützen! * * * Graf Sternbcrg über die Judcnfrage. „Die Judenfrage spielt in der ganzen Welt eine große Rolle und besonders bei uns. Ich halte die Juden für eine Rasse und für eine Religion. Wie alles auf der Welt, so haben auch die Juden gute und schlechte Eigenschaften. Der Staatsmann rnuß trachten, aus allem nur den Nutzen zu ziehen. Eines ist sicher: daß die Juden irr Ländern, wo sie nicht unterdrückt werden, gut, und in Ländern, wo sie verfolgt wer¬ Volksmassen besonders in den Qsiländern zu unterstützen und den Auswandernden hilfreiche Hand zu bieten. Die Jugend, besonders die studierende, hält hoch das Banner des Judentums. Die flammende Begeisterung des unvergeßlichen Theodor Herzl hat die Keime der Zionsidee zur kräftigsten Entwicklung gebracht, und alle Klassen in den europäischen sowie amerikanischen Ländern vereinigen ihr Streben zur Hebung des jüdischen Gesamtbewußtseins. Wohl verharrt noch ein Teil in Lethargie und Jndifferentismus, wohl fröhnt noch ein anderer Teil den Assimilicrungsbestrebungen, biedert sich an christliche Gesellschaften und Vereine an, von denen sie Spott und Hohn zum Dank erhalten, sie küssen, bildlich gesprochen, sklavisch die Hand, die sie schlägt. Aber nicht fern ist die Zeit, wo auch diese Elemente zur Einsicht gelangen werden, daß Selbstachtung auch die Achtung anderer mit sich bringt. Gin jüdischer Erfinder. Die zuerst gebrachte Mitteilung, daß Siegfried Marcus, der Konstrukteur des ersten Benzinautomobils der Welt, kein Oefterreicher war, sondern ein Reichsdeutscher, hat besonders im Deutschen Reiche erklärliches Aufsehen verursacht. Da nach der ,A. A. Z." Marcus in Hamburg geboren sei« soll, so sind eS besonders die Hamburger Zeitungen, die diese Mitteilung in mehr oder minder den, rachsüchtig sind. (?) In geringer Zahl dem Staate nützlich, in großer schädlich. In. der Politik wirken sie zerstörend, im Wirtschaftsleben befruchtend. Die politische Haltung der Juden soll eine staats- und ordnungserhaltende sein, denn lockern sich die Bande der Ordnung, so sind cs immer die Juden, die zuerst beraubt und erschlagen werden. Die wichtigste Frage in der Politik der Juden ist die nicht aggressive Haltung gegenüber allem katholischen. Eine Minorität darf nicht die Gefühle einer Majorität Verletzer:. Die Juden müssen den Glauben in Ruhe lassen, denn sie dürfe,: nie vergessen, daß die Kirche die beste Organisatorin der Wählerschaft ist, die ein Bollwerk gegen den Umsturz darstellt. Das erwerbende Judentum gedeiht in Staaten, deren Existenz gesichrt ist, wo die Grundlagen der Ordnung unerschütterlich sind. Preußen und besonders Berlin sollte den Juden als Beispiel dienen. Dort sind die Inden am reichsten und stärksten geworden. Gegen die Einwanderung der Juden nach Oesterreich und Ungarn sollten sie selbst ein Gesetz Vorschlägen, denn dieser arme eingcwanderte Jude ist ein großer Schädling für den Ansässigen. (?) Die Haltung der Juden in der jetzigen Krisis ist vorgeschrieben: für die Revision der Verfassung.. Der Jude ist immer der erste, der in einen: Willkürftaate getreten wird. Niemand muß so das Gesetz und Recht verteidigen wie der Jude, der der Schwächere ist. Daraus geht also hervor, daß eine Verfassung, die Recht . und Gesetzlichkeit schützt, das politische Ziel dHr Juden sein muß. Weiter ist der Chauvinismus immer ein Feind der Juden. Also müssen sie für national gemäßigte Politik einti’cteit. Der Radikalismus geht selten ohne Antisemitismus einher, dagegen ist eine gemäßigte, tolerante klerikale Partei, wie das Zentrum in Deutschland, direkt judophil. Daher Schonung des religiösen Empfindens! „Fordert Achtung und gebt Liebe" — das soll euer Programmsein." „I n t e r v i e w." Agramee Kries. Wessen wir schon lange harrten, ist endlich eiugetreten. Die akademische Jugend hat ihre eigene Vereinigung gegründet, ein Heim für die Juden der Universität. Der. Not der Verhältnisse folgend, dem Bedürfnisse nach Verinnerlichung ihres Verhältnisses gehorchend, fand die Jugend unter der Führung der stad. iur. Ludwig Fischer und Leopold S ch i ck den Weg zur Annäherung. Am 29. November d. I. fand die konstituierende Sitzung der Vereinigung — die den Namen „Kroatischer Klub der j ü d i s ch e n laugen Artikeln zur Kenntnis ihrer Leser gebracht haben. Nun scheint es aber, daß MarcuS doch kein Hamburger ist, sondern ein Mecklenburger. Wie nämlich die „Hamburger Nachrichten* melden, wurde ihnen von den Hamburger Verwandten des Erfinders mitgeteilt, daß MarcuS in Malchin (Mecklenburg) geboren ist. DaS Blatt schreibt: „MarcuS war am 18. September 1831 zu Malchin in Mecklenburg-Schwerin geboren und ist Anfang Juli 1898 zu Wien gestorben. Sein Vater war langjähriges Mitglied des israelitischen Oberratezu Malchin und ist daselbst geboren und gestorben. Der älteste Bruder des Marcus wohnte etwa 16 Jahre in der Fuhlentwiet« Nr. 11 (jetzt Düsternstraße), verzog dann nach Alter Steinweg Nr. 16, woselbst noch heute daam 21. März 1848 gegründete Leinengeschäft existiert, in Firma Eduard Marcus. Fuhlentwiete 18 wohnte ein Papparbeiter Lazarus MarcuS. Dieser hatte einen kleinen Papierhandel und hatte weder in erster noch in zweiter Ehe Kinder; er war gar nicht mit Siegfried MarcuS verwandt. Als etwa vierzehnjähriger Knabe kam dieser nach Hamburg zu einem Schlosser in die Lehre, reiste dann nach Berlin und absolvierte dort die Gewerbeschule. Von da aus ging er nach Wien, und gwar existieren noch jetzt in der hiesigen Familie Briefe vom Jahre 1852 datiert, aus Wien, demnach kam er nicht als dreißigjähriger, sondern als ungefähr zwanzigjähriger Mann nach Wien.