Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433074--2698-2436592
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 61 J üdisohesf > Völksblatt Seite 3 allgemeinen durch ein Herumdrücken umdie Frage des jüdischen Volkstums zu begegnen. Wenn die Maßgebende« nur einsehen wollten, wie wenig dieses, anmaßlich« Blindsein und seine Folge, die Politik dev, Bloßstellungen und Verlegenheiten, nach, innen und außen, dev sozialistische«. Partei würdig ist! Wie viel sich diese vergibt, wenn , sie auS kleinlicher Angst vor rückständigen Trieben in den. eigenen Reihe« die Aussprache fürchtet und damit. auf ihre, stärkste Stütze, die Unerbittliche Logik lder Entwicklung, verzichtet! Ist denn wirklich i zu besorgen, daß die Arbeiter nicht -mehr der Sozialdemokratie zuströrnen werde», , wen» der Judenpunkt nicht mehr leisetreterisch Umgangs« werden wird? Vielleicht rührt: gar diese ganze gefürchtete „Nichtopportnnität" des Judenpnnktes nur daher, daß^ wen» schon über ihn gesprochen wird, .dies. immer iu dem falschen Tone liberaler Judenpolitik geschieht, io daß sich die Arbeiterschaft in ihrem gesunden Instinkte für alleS -Ungesuchte und Ungekünstelte verletzt fühlt. Man versuche es doch mit dem Gegenteil, und-man wird bald gewahr werden, daß. die sozialistische Arbeit unter dem Wahrheitsuchen-.auch nach dieser Richtung : nicht nur. nicht leiden, sondern daraus - Gewinn - ziehen wird. Der ganze Verlegenheitsjammer,; den die. Frage des jüdischen Volkes gegenwärtig , über die Sozialdemokratie -bringt — »au habe nur den Mut, es sich einzugestehen -— wird dann gewesen sein! Wäre die.Geschichte nicht bloß.Logik der Tatsachen, sondern auch, der Gedanken, wie sie im Kopfe des Denkers aufeinander folgen, .dann,hätte., die Revision de- - Sö^alismnS - hinsichtlich des Judenpunktes hier ansetzen müssen. Dann wären die jüdischen und mit ihnen die nichtjüdischen Sozialisten-der Länder mit dem alteren ,SvziaUS-k mus die ersten gewesen, um das Sonderdasein des t jüdischen -Stammesals. solche« anzuerkennen. Sie hätten dann wohl bald gefundendaß diese;. Anerkennung für ihre (westlichen) Länder oder besser für die westjüdischen Sozialisten kaum-mehr. zur-. Praxis jüdischer Sonderorganisationen führen kan», weil hier, eben die jüdische Proletariermaffe nnd obendrein noch das positive Kultnrgeficht dieser Masse mit seinem sprechendsten Zuge: der eigenen Sprache fehlt. Aber sie hätten reine Luft, welche durch Wahrheit immer erzeugt wird, und obendrein die Gelegenheit gewonnen, ihre Erkenntnis dorthin zu vermitteln, wo sie angesichts jüdischer- Proletariermaffeu, positiven Volkstums und eigener Sprache in Tatsache umgesetzt werden kann. Run ist aber die Geschichte nicht, gedankt«-, - sondern tatsachenlogisch und fing daher dort an, wo sich inmitten eines in seiner-jüdischen Eigenart ausgeprägten und mit - einer eigenen jüdischen Sprache auSgestatteten Volksstammes eines jüdisches Proletariat entwickelte nnd anwuchS. Ohne weiter über das Problem der jüdischen Nationalität nachzudenken, ja, was die Massen selbst betrifft. der Merger steckt mir in allen Gliedern, so daß ich mich gar nicht fassen kann." „O, bu liebe Mutter," sprach der Sohn, „nimm die Sache nicht so schwer, lasse dir nicht so nahe gehen, was solch eine niedrige Kreatur vir sagte. Nimm einen jüdischen Diener, und reden wir weiter nicht davo n1". Dr. Alfred Brunn ist ein velbeschäftigter Arzt. Nebst mancher Klientel ist es auch eine Familie,' welche ihn als Hausarzt für jährliches Pauschale zu mehrmaligem Besuch in der Woche engagierte. Dieser Tage erhält er nun ein Schreiben der Hausfrau, in welchem er ersucht wird, seine weiteren ärztlichen Besuche einzustellen. Motiviert wirddiese Abweisung durch die Schilderung, welche Dr. Lueger im Landtag über jüdische Doktoren gemacht hat nnd daß er einer alten Dürrkräutlerin mehr Vertrauen schenke, als allen jüdischen Aerzten. Durch diesen Ausspruch beunruhigt, wagt sie es nicht, Leben- und Gesundheit der ihrigen ihn: anzuvertrauen. Herr Dr. Brunn sagt nach Empfang dieser Epistel: „O sancta simplicitas! Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens," und dachte bei sich: Reden wir w c iterni ch t davo n. Friedrich Klinger, ein verwöhnter Sohn reicher Eltern, führt ein Schlaraffenleben, und feine Zeit ist nur den Vergnügungen gewidmet. Er huldigt allen Arten von Sport: Reiten, Schwimmen, Gesang lind Turnen. Das letztere jedoch bevorzugte er vor allen: und ist eifriges Mitglied des Deutschen Turnvereines. Er zeigt sich bei allen Anlässen, besonders bei ohne jede Vorstellung von Wesen, Sinn und Möglichkeit einer Assimilation, mit einem Worte, in der Selbstverständlichkeit ihres Judentums fanden sich diese Proletarier in einer eigenen »olksmäßigen jüdischen sozialdemokratischen Organisation, der ersten ihrer Art, zusammen. Ganz unbewußt setzten sie durch die Gründung des „Bundes* der jüdische« Arbeiter in Polen, Lithauen und Rußland eine Tatsache von größter Tragweite in die Welt — nicht nur für die internationale Sozialdemokratie, die damit an Wahrheitsgehalt gewann, sonder» auch für das jüdische Volk, zu deffen allgemeiner Anerkennung als Volk hiermit der erste Schritt getan war. Von diesem Punkte aus entwickelten und entwickeln sich aber die Ereigniffe weiter in der -Richtung, die der oben angenommenen entgegen« gesetzt ist. Selbstverständlich — da selbst die Sozialdemokratie keine Versicherung gegen die Beharrungstendenz des menschlichen Geistes ist, da auch in ihr jeder Schritt nach vorwärts erstritten werden muß — unter fortwährenden Kämpfen. Die ersten werden im „Bunde" selbst ausgefochten. Zwischen denjenigen, die von der ^rationalen Formel des „Bundes": „Wer jüdisch jp-richt, gehört zu uns*, befriedigt sind, und denjenigen, die kühn oder tastend nach einer tieferen .Erfassung des Problems suchen. Zwischen denjenigen, die, in übermarxistischen Anschauungen erzogen, sich Vortäuschen, daß sie das Nationale nur aus Nützlichkeitsgründen beachten, und denjenigen, welche fühlen, daß es nunmehr um die Sicherung eine- Kulturgehaltes geht. Und es kann kein Zweifel sein, wie diese Kämpfe enden werden: Nie mit nationalistischer Entartung, nie mit jenem eitlen, hoffährtigen Getue, das die Charaktere verdirbt und die Geister verflacht! Nie mit einer Beiseiteschiebung oder Zurückdräugung der proletarischen Ziele! Aber sicher mit dem Siege des Nationale» als eines an sich ganz unpolititischen, kulturellen Prinzips! Allerdings so weit sind wir noch lange nicht 7- und daß wir es nicht sind, daß der „Bund* die letzte Konsequenz des Schrittes, den seine Begründung bedeutet, noch nicht gezogen hat — mag eS mit verschulden, wenn auch seine ohnehin so bescheidenen nationalen Ansprüche vorerst nur so wenig über die russische Grenze hinaus wirken können. Einem so wenig verinnerlichten Nationalprinzipe gegenüber haben die Daszynskis, Hankiewicz und Dramants bet ihrem verbissenen Widerstand gegen eine selbständige jüdische Sozialdemokratie.in Galizien leichtes Spiel. Aber auch kein zuleichtes! Auch sie brauche« nicht zu ernst genommen zu werden! Auch sie sind nicht mehr als Figuren, die der Beharrungstrieb des Menschsngefftes aufgestellt hat. Auch sie siegen sich, wie alle Sieger ihresgleichen, allmählich zutode — in Schlachte», in welchen die Zahl der Feinde immer wächst, in Siegen, die immer kleiner werden, bis sie offenbare Niederlagen sind. Gelagen, sehr splendid. Er befreundet sich mit den meiftert der Teilnehmer, ist miteinigen sogar Dutzbruder. Da in der letzten Woche kommt der Obmann zu ihm und erklärt ihm, daß er aus dem Verein ausgeschlossen worden sei. Verblüfft frage er um die Ursache, da er sich doch immer so kollegial benommen habe. Der Obmann -erwiderte, daß die Gesamtheit beschlossen habe, alle Juden anszuschließen, um die Reinheit des deutschen Stammes aufrecht zu erhalten. Hierauf sagt Herr Friedrich erregt: „Nun, so werde ich mich taufen lassen!" — „Das wird Ihnen nichts nützen, denn nichi die Religion ist es, die uns-zu dieser Maßregel bewogen hat. Wir sind Arier und ihr seid Semiten, und wir wollen durch diese Vermischung die Reinheit unserer Rasse nicht verlieren. Vielleicht kennen Sie den Wahlspruch der Alldeutschen: „Was der Jude glaubt, ist uns einerlei', in der Rasse liegt die Schweinerei!" Herr Klinger, der bisher sich seines Judentums gar nicht bewußt war, geriet in Zorn, beschloß, zum Trotze sich der genannten literarisch, jüdischen Gesellschaft anzuschließen und murrte für sich: Reden w i r w e i t e r ni.cht davon. Es würde zu weit führen, alle die Brutalitäten und Verunglimpfungen, welche nach jener famosen Bürgermeisterwahl an Inden ausgeübt wurden, herzuzählen, daher, wie beemrkt, nur jene angeführt wurden, welche die Mitglieder dev genannten Gesellschaft betrafen. Am bestimmten Abende der nächsten Woche kam die Tafelrunde wieder zusammen. Der Es ist gar nicht nötig, dem einen oder anderen von ihnen unlautere persönliche Motive unterzuschieben. Sie sind auch ohne diese für jeden gerichtet, der hemmenden Eigensinns bar mit sicherem und ruhigem Blick nach vorwärts blickt. Man möchte es kanm für möglich halten — und es ist ja auch bisher nicht vorgekommen — daß sich auf eitrem sozialdemokratischen Kongresse soviel Unwiffenhsit, so viel Flachheit, so viel Parteigecken- und Großmutterweisheit — und in so unduldsamer, so dünkelhafter Philisterart breit machen können, wie .auf dem letzten Krakauer Parteitage. Traurig ,gsnug, daß es gerade die Frage der jüdischen Nationalität sein mußte, die hierzu den Anlaß gab. j Die paar Gründe, die da angeführt wurden, stüd so unsagbar gewöhnlich, so lächerlich veraltet, -tri ihrer Unstichhältigkeit so sehr bis zum Ekel bekannt, daß sie auch von tieferen Leugnern einer jüdischen Nationalität oder ihrer Daseinsberechtigung nicht mehr angeführt werden. Sie find für den Verfasser dieses Artikels durch eine große Reihe nichtpolemischer Arbeiten, die er ohne übrigens eitter nationaljüdischen Partei anzugehöre», über där Thema der jüdischen Nationalität geschrieben hät, erledigt. Er darf sich daher der Mühe eüthoben betrachten, sie erst hier wieder „entkräften* zu müssen. Manche werden ja im folgende« mitgenommen werden könne». Originell ist höchstens did Bernfung darauf, daß die jüdischen Arbeiter zu eine« Vortrage Daszynskis in Massen strömen, »ährend sich bei einem jüdischen Bortrage mir äußerst geringe Beteiligung zeigt. Dem Manne, dch: dies vörbrachte, war es doch wohl nur um die Verblüffung z» tun. Er kann doch uicht so geistesarm sein, um nicht die „Zugkraft* einer anerkannten Persönlichkeit auf Leute aus dem Volke zu begreifen. Im übrigen kommt es für eine nutzanwendende Beurteilung des Krakauer Parteitages weniger auf die Gründe, die man vörbrachte, als darauf a», was man dort nicht zu hören bekam: daß dieser Bund eine überaus rege Tätigkeit entfaltet und die Schlagkraft der Sozialdemokratie Rußlands nicht gemindert, sondern gehoben hat. Daß er auch nicht von Angriffen, Warnungen und Verdächtigungen verschont geblieben ist. Daß diese zumeist ebenfalls von der Seite ausgingen, von der sie auf dem Krakauer Parteitage erfolgten: von Seite eines in polnischnationaler Beziehung sehr stark betonten Sozialismus. Und daß, was das wichtigste ist, besagter Bund einen Disput mit den sozialistische» Unverbesserlichen zwar nicht ablehnte, aber sonst tat, was er wollte, und sich ganz gut dabei befindet. Dieses Beispiel werden über kurz oder lang die Anhänger einer gesonderten jüdischen sozialdemokratischen Organisation in Galizien zu befolgen haben und sicherlich auch befolgen. Sie schreiten vor. Das eigene jüdische Agitationskomitee, das ihnen bewilligt wurde, ist schon ein Erfolg, ob sie es annehmen oder lieber gleich eine separate Organisation gründen. Sie werden sich durch das Sprecher vom vorigen Male nahm wieder das Wort: „Liebe Freunde! Bevor wir zu unserer gewöhnlichen Unterhaltung schreiten, richte ich die Frage an euch: Soll das von uns angenommene Losungswort „Reden wir nicht weiter davon" in Geltung bleiben?" Da riefen alle zugleich :„Nein, nein, das wollen wir nicht,"und jetzt kam einer nach dem anderen, seine Erlebnisse zu erzählen, voll von Empörung und Entrüstung. Nach Beendigung derselben sprach der Wortführer: „Also haben wir mit jenem Vorsatz einen großen Fehler begangen. Uns schützen weder das Recht noch die Staatsgrunogesetze vor Zurücksetzungen, Insulten, sogar Mißhandlungen, wir sind preisgegeben, vogelfrei. Da können wir nicht schweigen, wir müssen reden, aber mit feurigen Zungen, und den Reden müssen die Taten folgen. Dieser Grundsatz, lieber nicht zu reden, dieses Gehenlassen, diese verdammenswerte Indolenz bei aller uns-angetanen-Schmach ist der Krebsschaden bei unserem Volke. Dadurch werden die Feinde immer übermütiger und ihre zügellose Verfolgung, geschürt von ruchlosen Führern, kennt keine Grenzen, und dort, von wo uns Schutz kommen sollte, sieht man mit verschränkten Armen zu. Darum sei unser Ruf: „Selbsthilfe!" Nach dem französischen Sprichworte: „Hilf dir selbst und Gott, wird dir helfen," mögen wir handeln. Wie viele Talente, wie viele Genies gibt es unter den Millionen Inden! Alle die hervorragenden Größen mögen eines Sinnes den Kampf aufnehmen gegen die brutale Vergewaltigung eines

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.