Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 51 (16.12.1904)
- Date
- 1904-12-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdisches Volksblatt Nr. 51! .$£)cffcwjteicl) in erster Linie als nm'tfc!) a.f t=: chr ch,e Not unserer physisch und geistig Arch'eiteyden äußert unb der mir zum Seile; |hci den gegenwärtigen Verhältnissen auf dem -Wege der Selb st Hilfe und der w i r tff ch af t l: ch c n Organisation gesteuert werden j^ann, muß sich naturgemäß steigern und vermindern, je nad dem sich die wirtschaftlichen Verhältnisse deS österreichischen Gesamtstaates und der Gesamtbevölkerung verbessern oder verschlechtern. Unter diesem Gesichtspunkte und mit besonderer Berücksichtigung der Tatsache, daß die Verhältnisse in beiden Reichshälften sich gerade in den letzten Wochen derart zugespitzt haben, daß Ministerwechsel und Parlamentsauflösungen o h n e gleichzeitige Verfassungsrcvision die 'Entwirrung des Chaos ans die Tauer nicht herbei,pstühren imstande sind, ergibt sich als oberste Forderung einer nationalsozialen Judenpolitik, sich von den alten Parteien fernzuhalten, hingegen in erster Linie an die politische und soziale Schulung sowie an die Organisierung unserer jüdischen Volksmassen zu schreiten. Ist dieselbe entsprechend fortgeschritten, so wird von Fall zu Fall in den einzelnen Kronländern über die Stellung zu den dann vorhandenen Gruppen entschieden werden müssen. Eine Kooperation ist aber nur mit solchen Fraktionen möglich, welche unsere nationale jüdische Individualität anerkennen und für die G le i ch b er e ch t i g u n g des jüd ischen Volkes mit allen übriger: Volksstämmeu der Monarchie irr nationaler, konf e s s i o n e 11 e x und wirtschaftlicher Hinsicht eirrtreterr. Bestrebungen solcher Parteien, welche auf Vergewaltigung von garrzen Natiorralitäterr, Konfessionen oder Klassen gerichtet sirrd, körmen uirter -gar keinen Umständen vor: den Juden gefördert werden. Es existiereri derzeit bereits soziale und nationale Gruppen', welche unseren vorher aufgestellten Forderungerr Genüge leisterr (bie freis ozialistis ch e Fraktion, die tschechischen Realisten, die ruthenische Gruppe re.), und es ist die Hoffnung berechtigt, daß in: Laufe der Entwicklung sich die Zahl der Fraktionen unter den einzelner: Nationen vernrehren wird, die mit ur:s auf dem gemeinsamen Boden der Autonomie der Nationen und der radikaler: Sozialreform fuße::. Was speziell die ar:fangs als Utopie bespöttelte Forderung nach einer Revision der Verfassung im Sinne der' r: ationaler: Autonomie betrifft, so hat dieselbe in: Laufe der Jahre in immer rveiteren Kreiser: der verschiedener: Nationalitäterr ein mächtiges Echo gefunden. wurden befördert, er blieb zurück. In dieser Woche fanden wieder Avancements statt, und, wie gewöhnlich, blieb er unberücksichtigt. Die Geduld verließ ihn und er begab sich zu seinem Vorgesetzten, dem Bezirksrichter, um sich über die erfahrene Zurücksetzung zu beklagen. Mit freundlicher Miene empfing dieser ihn und sprach: „Ich weiß, daß Sie ein fähiger und fleißiger Beamter sind. Es tut mir außerordentlich leid, daß Sie übergangen werden. Gerne möchte ich zu Ihrem Weiterkommen behilflich sein, aber Sie kennen ja die jetzige Zeiislrömung. Ich darf beim besten Willen, wenn ich mich nicht Konflikten höheren Ortes ausfetzen will, keinen Juden zu höherer Stelle befördern. Warten wir ab, bis diese Richtung sich ändern wird, dann werde ich Ihrer gedenken. Vorläufig reden wir nicht weiter d a v o 11." Siegfried Weinberger ist Verkäufer in einer großen Wirkwarenfabrik und hat die Kunden der Stadt regelmäßig zu besuchen. Er kommt nun zu einem bedeutenden Abnehmer, um für die Wintersaison seine Ware anzubieten. „Lieber Freund," sagte ihm jedock" der Kaufmann, „ich bcdaure sehr, von nun an von Ihren Offerten keinen Gebrauch machen zu können. Ich bin jetzt antisemitischer Gemeinderat, darf mich daher nicht kompromittieren, mit jüdischen Firmen in Geschäftsverkehr zu stehen." Herr Weinberger will Einwendungen machen, doch jener fiel ihm ins Wort: „Es ist alles umsonst, was Sie mir sagen wollen. R eben wir w eite i* nicht davo n." 9t i cht nur die S l o w e n e n u n d Rnckhenen stehen programmatisch ans den: Bode;: der nationalen Antonomie, sondern auch in D e u ts ch - Böhmen und Dt ähre n vermehren sich die Anhänger derselben. Es ist der beste Beweis für die Realisierbarkeit der nationalautonomistischen Ideen, daß in: Zeichen derselben in M ähren die deutschtschechischen A u § g l e i ch s v e r h a n dlungen, wie die letzte Landtagssession zeigt, einen günstigen Verlauf nehmen. Ein anderes Schulbeispiel für das siegreiche Vordringen des nationalautonomistischen Gedankens ist die B u k o w i n a. Dort siegte bei den letzten Landtagswahlen eine Koalition von Deutschen, Juden, Rutheneu, Rrunänen. die unter der Devise der nationalen Autonomie, des politischen und sozialen Fortschrittes unter Führung der Abgeordneten Dr. Strancher, Nikolaus v. W a s s i l k o und Dr. L u p u in den Wahlkamps gezogen war und als Majorität ihren Einzug in die Czernowitzer Landstube hielt. Aber nicht nur auf Zisleithanien beschränkt sich der Siegeszug der Bannerträger der nationalen Autonomie, sondern auch in den Ländern der ungarischen Krone, unter den Ru män e n, den Serben und Slowakei: wird der Ruf nach einer Umgestaltung der Reichsverfassung im Sinne der Autonomie der Nationen inuner vernehmbarer. Die n i ch t magyarische Nationalitätenbewegung ist ein Faktor, der bei der Erörterung der innner brennender werdenden ungarischen Frage auf die Dauer nicht ignoriert werden kann, deren Lösung einfach unmöglich ist, solange n:an nur die Wünsche der magyarischen Minorität berücksichtigt und über die deutsch-slawisch-rumänische Majorität zur Tagesordnung übergeht. Gerade die letzten Vorgänge im ungarischen Reichstags aber weisen darauf hin, daß die ungarische Frage wieder in den Vordergrund tritt und daß sie und nicht die böhmische die Kernfrage des österreichischen Problems bildet. Im ^Sinne dßr alten Parteiprogramme, welche in ZisundttTransleithamen die Vergewaltigung von Minoritäten oder teilweise Majoritäten erstreben, ist dasselbe unlösbar. An der Utopie, zu germanisieren, zu slawisieren, zu magyarisieren, geht Alt- Oesterreich, geht der Dualismus zugrunde. Aber auf seinen Trümn:ern wird — vielleicht erst nach jahrzehntelangen Kämpfen — ein neues modernes nationalautonomistisches soziales Jung-Oesterreich erstehen, weil es eine Notwendigkeit Isidor Blau ist Reporter eines Journals und hat für die Rubrik „Aus dem Gerichtssaal" zu referieren. Nach Beendigung einer lang andauernden Schwurgerichtsverhandlung ging er ganz erschöpft in eine nahegelegene Restauration, um sich mit einem Glase Bier zu stärken. In dem Lokale war eine Anzahl Spießbürger beisammen, welche ein Siegesfest aus Anlaß der Bürgermeisterwahl feierte. Heller Jubel herrschte, die Gläser klangen und einer der Anwesenden rief: „Alleluja! Nun bricht die glückliche Zeit für uns an, nun werden wir alle reich werden, 'die Güter und Besitztümer der Juden werden konfisziert und unter den christlichen Gewerbetreibenden verteilt werden. Das hat uns unser Dr. Lueger versprochen, jetzt hat er die Macht, uns dazu zu verhelfen!" — „Wie aber, wenn er nicht bestätigt wird?" fragte einer der Anwesenden. Da entstand ein unwilliges Murren in der Versammlung, doch der erste Sprecher beruhigte sie und rief: „Das ist unmöglich, das kann nicht sein, die Minister sind ja Christen und werden die Stimmen des christlichen Volkes respektieren. Sollten sic es dcunnoch wagen, dam: werden nicht nur wir Wiener, sondern der größte Teil der österreichischen Völker, die,!vie ich weiß, unseres Sinnes sind, sich wie ein Mann erheben und protestieren und die Minister werden entweder unchgeben oder abiretcn müssen, hat doch letzthin Herr Geßimiim gesagt: „Wir werden es ihnen zeigen!" Plötzlich bemerkten sie Herrn Blau, der an einem Tische abseits saß und unbeirrt von diesen Expektorationen seine Notizen machte von der ist für"Europa, 'für alle österreichtfchenEkker^ ein Neu-Oesterreich, an dessen Aufbau mit-> zuwirken, ein uationalsoziales Löbensinteresse und Pflicht der nwdernen Juugjuden ist. Me Sfliinlöcmolirfltic und die Sage des jüdische» Nliüies. Wie ma« weiß, hatte die Sozialdemokratie bis vor kurzem kein Verständnis für die Tragweite des Nationalen überhaupt. Erst in neuerer Zeit hielten verhältnismäßig geräuschlos auch diesbezüglich neue Anschauuugeu ihren Einzug in die Partei: Man begann zu ahnen, daß das nationale Moment ctwas darstellt, was außerhalb der Klasse ist, daß cs erst von der Bourgeoisie zu einem Ktassenwerkzeug gemacht wird und daß es bei dem Proletariats liegt, daraus ein MenschhettSwerkzeng zu machen. Zum Teile hat sich diese neue Einsicht schon praktische Geltung zu erringe« gewußt, wie nicht zum mindesten der Brünner Parteitag der öfterre-ch »scheu Sozialdemokratie bewiesen hat. Aber eben nur zum Teil. Jdeensiege sind nicht so leicht errungen. Wv stch durch die Ungunst der Verhältnisse die veralteten Anschauungen zu besonderer Dichte entwickelt haben, sind natürlich stärkere Widerstände vorhanden. Darum die stärksten in Hinsicht auf die Frage des jüdische» Volkes. Hier kommt nämlich zu dem allgemeinen Fehler der Geringschätzung des Nationalen ein besonderer und stark eingewurzelter Fehler der Sozialdemokratie hinzu: die Ignorierung oder Leugnung der besonderen Mischen Volksart. Zur Zeit, als sie sich diesen Irrtum aneignete, wa-: dies begreiflich und verzeihlich genug. Denn was damals aus dem jüdischen Stamme zur Sozialdemokratie stieß, waren Intellektuelle, die aus dem Milieu der jüdischen Bourgeoisie die Ideologen der Assimilation mitbrachten und ohne jeden jüdischproletarischen Masierchintcrgrund gar nicht auf den Gedanken kommen konnten, sie seien vielleicht die natürlichen Vertreter der sozialistischen Bewegung innerhalb ihres Volkes. Die nichtjüdischen Sozialisten aber hatten bei der antinationalen Stimmung, die sie überhaupt beherrschte, gewiß keinen Anlaß, die Ansichten der in ihren geistigen Führerstellnngen hochgeachteten jüdischen Genoffen erst genauer zu überprüfe«. .• - Und so ist es im großen und ganzen bei uns im Westen bis auf den heutigen Tag geblieben. Die Fiktion einer schon vollzogene» Assimilation wird stillschweigend und nur, wenn man schon gar nicht ausweichen kann, ausdrücklich, mit Argumenten aus den Rüstkammern von Berlin W, Wien-Kai und Prag-Kasino aufrecht erhalten. Und dies, obwohl man andrerseits gezwungen ist. dem Zorn der Antisemiten und den noch jNdenfeindlichen Instinkten der proletarischen Masse in einigen schlimmen Fällen durch „AntisemttekN", im Gerichtsverhandlung, der er beigewohnt hatte. Einer der Gäste glaubte in ihm den Inden zu erkennen und rief: „Beim heiligen St. Lueger, da sitzt ja auch ein solcher Verdammter, vielleicht sogar ein Zeitungsjude, der seineunverschämten Berichte über uns macht. Mit geballten Fäusten stürzten alle über ihn her. Zu ' seinem Glücke saß er nahe der Ausgangstüre und konnte sich mit Not vor Mißhandlungen retten. Ans dem Wege begegnete et einen Kollegen, dein er das eben Erlebte mitteilte. „Mache dir nichts daraus," tröstete ihn dieser, „solches-kömmt täglich von' dieser Rotte' vor, lassen wi-r es ruhig vorübergehen, meidew wir solche Lokale und reden w'it wei'ter nicht da von." Gustav Reich ist der Sohn eines Fabrikanten, in dessen Geschäft mittätig und lebt im Haushalte seiner Eltern. Heute kommt'et'zur Mittagszeit nach Hause und findet'seine-Mutter in höchster Aufregung, beinahe weinend.' „Denke dir nur, mein lieber Sohn, was mir Widerfahren ist: Unser Bedienter, ein sonst ganH ergebener Mensch, hat sich eine große Fahrlässigkeit zuschulden kommen lassen, worüber ich ihn zur Rede stellte. Da hat er sich mit unverschämter Frechheit gegen mich gewendet und mich angeschrien: „Ich lasse mich von Ihnen nicht auszanken. Sie sind Jüdin und haben in heutiger Zeit nicht das Recht, einen Christen so zu behandeln. Eine neue Epoche ist angebrochen, bald werden wir die Herrschenden' und ihr die Dienenden sein." Es ist selbstverständlich, daß ich ihm gleich den Laufpaß gab. Mer