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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-16 · 51 (16.12.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
51 (16.12.1904)
Date
1904-12-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Eigentümer und Herausgeber: Jakob Kraus; SSpppEIH^&3^32p%j Grfcheini jeden Freitag. Inserate Übernehmen die firmen: M. Nukes Nachf., Haasenstein L Vogler, Rudolf Masse, M. poszouyi, A. Schale! in Wien, ferner alle Annoncen» Expeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien LO Heller. Ur. 51 Wien, 16. De-emver 1904 (8. Tebelh 5665). VL. Jahrgang. Redaktion: Il/3, Leopoldsgaffe 2a. Telephon Nr. 14733. Sprechstunden: Sin Wochentagen von > bir 6 Uhr nachm. Postadresse: Jüdisches Volksblatt. Wien. III». Serelnoeraen wegen verspäte:cr oder gar nicht ecfolat.r Zustellung erbitten wir uns driiiaend. — Mannrlll'kpte merUen nicht ruriiekgenellt. Postsparlassen-Konto 847O87. In das Nbboncment kann man täglich rintreien. U— ---a Administration: Il/3, Leopoldsgaffe 2. Telephon Nr. 14723. Abonnements- Preis: Für Wien n. Oesterreich- Ungarn s. Frankozilstellung: Ganzjährig. . . . K 12, - Halbjährig . . . . K ft.— Vierteljährig . . . K 3 — Für das gesamte Ausland samt Frankoziistelliing: Ganzjährig . . . K 13.06 halbjährig . . . K 0.83 Vierteljährig. . . K 3.48 Gedanke« über eine moderne jüdische Volkspoliiil! in Oesterreich. Von Dr. Hrrnmun Kadisch. I. Die Aufgaben einer modernen jüdischen Volkspolitik gipfeln keineswegs allein in der Bekämpfung des Antisemitismus, sondern vor allem in der positiven nationalsozialen Arbeit für das eigene jüdische Volk. Entsprechend den verschiedenen Verhältnissen der einzelnen Staaten Ost- und Westeuropas muß aber Programm und Taktik der Juden denselben sich anpassen. In Oesterreich speziell ist es die Nationalitätenfrage, welche unser öffentlicbes Leben beherrscht und zu der daher auch die Juden endlich klar und unoerhüllt Stellung nehmen müssen, um so mehr, als zwischen den; Nationalitätenkampse und dem Antisemitismus in beiden Neichshälften, wie alle weiterblickenden Juden schon längst erkannt haben, ein enger Zusammenhang besteht. Fast in jeder Periode des gesteigerten nationalen Chauvinisnms kann auch ein Anwachsen des Antisemitismus konstatiert werden. Der extreme Nationalismus zeitigt aber bei allen Volksstämmen den R ass en antisemitismus, der mit derselben, wenn nicht mit noch größerer Intensität sowohl die Juden wie auch die übrigen „nationalen Erbfeinde" bekänipft. Durch die maß-und ziellosen nationalen Streitigkeiten und insbesondere durch die sich Feuilleton. „Keden mlv weiter nicht davon." Momentbilder aus halbvergangener Zeit. Von Adolf Steinschneider. In einern Restaurant der Inneren Stadt in einem separierten Zimmer war eine Gesellschaft junger intelligenter jüdischer Männer versammelt. Dieselben, verschiedenen Berusssphüren an gehörend, hatten einen Abend jeder Woche zu geselliger Zusammenkunft bestimmt, um in anregendem Gespräch und geistigem Gedankenaustausch sich zu unterhalten. Es war zur Zeit, als der Antisemitismus am üppigsten wucherte und den Gipfelpunkt erreichte bei der Wahl >eines Bürgermeisters, die eben stattgefunden hatte, der Heilige von Maria Enzersdorf, der sittenstrenge Cato, der Volksbeglücker, der Retter des kleinen Mannes, der Herr Doktor Karl Lueger zum Oberhaupt der Restdeuz Wien erwählt! wurde. Dieses hochbeglückende Ergebnis, welches ganz Wien in Bewegung brachte, war auch heute im Anfänge der Gesprächsstoff dieser Versammlung. Mit sittlicher Entrüstung, empört sprachen einige, mit Betrübnis andere über den moralischen Verfall Wiens und erörterten die Folgen. .Nach längeren Debatten erhob sich einer der Männer und sprach: Meine lieben Freunde! Genug sei es des Mergers und der Bankung. Zu lange haben diese schmachvollen Zustände unsere Gedanken beschäftigt. Ekel und Wider- | stets wiederholende Obstruktion wird aber auch jede vernünftige parlamentarische Tätigkeit unterbunden und jede fruchtbringende wirtschaftliche Reformarbeit verhindert. Die logische Folge davon ist einerseits die stets steigende w i r t s ch a s t l i ch e Not der Juden, aber auch das wachsende soziale Elend unter den Nichtjuden, welches der beste Nährboden für den m ir t s ch a f t l i ch e n Antisemitismus bildet. Eine moderne jüdische Volkspolitik im Tonaureiche muß daher: 1. alles vermeiden, was zur Verschärfung der nationalen Gegensätze in Zis- und Transleithanien führt, 2. alle Aktionen fördern, die zur Herbeiführung des nationalen Friedens, der wichtigsten Vorbedingung einer wirtschaftlichen Wohlfahrtsgesetzgebung, führen. Die bestehenden parlamentarischen Parteien aber, die den engherzigsten Sonderinteressen in nationaler, konfessioneller und ökonomischer Hinsicht frönen, sind, wie die letzte P a r l a m e n t s s e s s i o n neuerlich zeigt, weder zu^ Lösung der nationalen noch der sozialen Frage geeignet, sie und das durch sie repräsentierte Parlament sind reif für die Sichel. Keiner dieser Parteien weiter Heeresfolge zu leisten gebieten daher dringendst die jüdischen Volksinteressen. Aber damit soll keineswegs eine bedingungslose Abstinenz der Juden von der österreichischen Politik empfohlen werden, die ein ebenso großer Fehler wäre wie ihr biswillen ergreift jeden von uns, wenn wir davon sprechen. Ambern können wir die Tatsachen nicht. Lassen wir sie austoben. Sehen wir zu, wie sie die versprochenen Segnungen der betörten Menge verwirklichen werden. Uns direkt können sie nichts anhaben, wir leben ja in einem Rechtsstaate, in. welchem es Staatsgrundgesetze gibt. Also, unsere Losung sei: R e d e n w i r w e i t e r nicht Ä a v o n, Wahlen wir unsere gewohnten Themata über Literatur, Kunst und Wissenschaft zur Erholung von unseren Tagcsgeschäften. Einmütig stimmten sie alle bei, und der Abend verlies in heiterer, instruktiver Weise wie stets zuvor, und des anderen Tages gingen sie ihren mannigfachen Geschäften nach. Nach der Wahl Dr. Luegers brach der Antisemitismus bis zum Siedepunkte, bis zum Paroxismus aus. Es mögen hier diejenigen Fälle verzeichnet werden, welche die Mitglieder jener Gesellschaft betrafen. Arnold Braun, Beamter eines Bankinstitutes, saß in seinem Bureau in seinen Arbeiten vertieft, als ihn sein Kollege vis-a-vis anrief und höhnend sprach: „Nun, was sagen Sie jetzt zu dem eklatanten Siege der antisemitischen Partei? Hat man euch Juden und Judenliberale endlich ganz aus dem Felde geschlagen! Ich als Deutschnationaler freue mich besonders, daß die Reinheit unseres deutschen Stammes aufrecht erhalten bleibt, daß wir nicht mehr die Fremden, 'die Schmarotzer, die sich uns aufheriger Anschluß und die Gefolgschaft an die alten Parteien. Im jetzigen Momente allerdings, wo große jüdische Volksmassen jeder politischen Schulung und Organisierung entbehren, eine ungeheure Zerfahrenheit und Zerklüftung über Ziele und Taktik einer modernen Jude np olitik zutage tritt, überdies die hippokratischen Züge des dualistischen Scheinparlamentarismus und der einzelnen parlamentarischen Fraktionen immer sichtbarer werden, ist die A b st i n e n z von der Politik einer s a l s ch e n Judenpolitik vorzuziehen. Aber wir befinden uns gegenwärtig in einem Uebergangsstadium. Die Revision der Reichsverfassung in nationalautonoinistischem Sinne und in weiterer Folge die Um- und N e u b i l d u n g des gesamten Parteiwesens ist ja nur eine Frage der Zeit. Sobald aber diese sich vollzogen hat, ändern sich die Verhältnisse auch für die Juden Oesterreichs vollständig. Ist für sie das jetzige österreichische Parlament, der Spielball chauvinistischer Fraktionen, wertlos, ja infolge seiner periodisch antisemitischen Tätigkeit auf wirtschaftlichem Gebiete direkt schädlich, so wäre andrerseits eine österreichische Volksvertretung, die ihre Hauptaufgabe in der Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Bevölkerung erblicken würde und in der die Parteien sich nach sozialwirtschaftlichen Gesichtspunkten gruppieren, ein Faktor, der auch für die „Jüdische Moderne" sehr in Betracht käme. Die Judennot, die sich in drängen wollen, als uns ebenbürtig, anerkenne!; sollen." Ruhig und gelassen antwortete ihm der so Angeredete: „Was euch, die ihr euch Deutschnationale nennt, betrifft, so werdet ihr aru allerwenigsten -die Früchte dieses Sieges ernten. Die Klerikalen, die sich als Christlichsoziale ausgeben, haben durch eure Mithilfe gewonnen, hernach aber werden sie euch abschütteln. Man nennt euch Preußenseuchler, in höheren Regionen Vaterlandsverräter. Ich! sehe die Zeit kommen, wo sie euch ebenso bekämvten werden wie die Juden. Wie oft erschallte in früheren Jahren der Ruf: „HochSchönercr!"? Wer denkt heute sonst noch an ihn als eine kleine Schar Anbeter, und so wird man auch seine Nachtreter zu den Toten werfen. Worüber aber, frage ich Sie, jubeln denn besonders Sie? Die Antisemiten sagen, daß sie das mobile jüdische Kapital bekämpfen. Bei unserer Bank sind ein großer Teil der Aktionäre und Vevwaltungsräte Juden. Gelingt ihnen ihr Vorhaben, dann würde auch unser Institut vernichtet werden und auch Ihre Existenz. Gehen Sie dann zu Lueger, Gregorig und Schneider, um bei denen Ihr Unterkommen zu finden. Also schweigen Sie und red enwirnichtweiter davon." Berthold Schwarz ist an einem Bezirksgericht angestellt. Er hat seine Universitatsstudien mit Erfolg absolviert und ist in den Staatsdienst getreten. Seit Jahren ist er in untergeordneter Stellung. Trotz seines Fleißes und seines Pflichteifers wurde er immer präteriert; andere Kollegen mit kürzerer Dienstzeit

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