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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 11

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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. W.' - - Jüdisches 'Voiksblatt auch Athener Zeitungen letzthin in längeren Ausführungen geäußert. Nun haben die in Athen ansässigen Cyprioten in ihrem Vereine beschlossen, einen Protest der englischen Regierung dem Könige Eduard und den Großmächten zu übersenden. Der Ton des Beschlusses ist recht verfehlt. Er bezeichnet die englische Begünstigung der Judeneinwanderung als eine neue Unehrenhaftigkeit der Negierung, welche mit der Großmut des britischen Volkes nicht in Einklang zu bringen sei, und kündigt an, daß die Cyprioten im Notfälle mit Gewalt die Juden austreiben würden. Dafür, daß die Einwanderer eine Subsistenz finden, hat nach Meldungen der cypriotischen und hiesigen Presse der „Israelitische Kolonisationsverein" gesorgt. Derselbe habe seit längerer Zeit ausgedehnten Grundbesitz auf der Insel erworben und ganze griechische Dörfer sollen in jüdische Hände übergegangen sein. Aus Jerusalem. Der Regen hat sich heuer früher als sonst eingestellt. Er war aber auch schon äußerst notwendig, denn fast sämtliche Waffersammler waren beinahe vollständig ausgetrocknet. In den letzten Monaten kamen — wie „Hazefirah" meldet — eine große Anzahl neuer „Gäste" nach Jerusalem, die meisten stammen aus Rußland und Galizien. Der größere Teil der Ankömmlinge besteht aus alten, mittellosen Leuten, nur wenige unter ihnen sind jung und kräftig genug, um in Jerusalem Arbeit finden zu können. Die Ankömmlinge verteilen sich in die jüdischen Quartiere, wo sie, solange ihre durch die Agenten und die Reisekosten auf ein Minimum herabgedrückce Barschaft anhält, uach einer Beschäftigung Ausschau halten. Ist auch der letzte Groschen aufgezehrt, so verfällt der größte Teil der Chalukah, während der andere Teil mit Hilfe einiger Hilfsbereiter die Reise nach — Amerika antritt. Forschungen i« West- und Ost- Turkestan. In der Deutschen Kolonialgesellschaft, Abteilung Berlin - Charlottenburg, sprach Privatdozent Dr. H u t h über seine Forschungen in West- und Ostturkestan. Schon Marco Polo hatte das Land durchreist, aber erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts wurde es von europäischen Gelehrten erforscht. Gin Russe namens Demitrius Klemens hatte die Ruinen ganzer Städte, wertvolle Handschriften und Kunstwerke entdeckt, bedeutsame Zeugnisse einer einst hohen Kultur. Diese wichtigen Hinweise hatten in dem Redner den Entschluß zu einer Expedition nach Turfan gereift, die die nötige Teilnahme und Unterstützung fand und im August 1902 angetreten wurde. Eine Dampferfahrt von Rybinsk die Wolga hinunter bis Samara gab zugleich Gelegenheit, auf den» Wege den bunten Weltmarkt von Nischni-Rowgorod zu sehen. Von Samara bis Omsk am Jrtysch gings in langsamer Bahnfahrt und dann auf sandiger Straße südlich bis Semipalatinsk. Von dort im Tarantaß durch die Kirgisische Steppe und das landschaftlich schöne Ala-tau-Gebirge nach Dscharkend, Küldscha und Urumtschi. Nachdem das Tien-schan-Gebirge überschritten war, gelangte man endlich nach der Ruinenstadt Jdikutschari, westlich vou Turfan. Bon Tempeln und Khanpalästeu, Höhlenklöstern und Stupas finden sich dort Reste, deren Erhabenheit überwältigend ist und Trauer über ihren Verfall erweckt. Wertvolle Handschriften und Holztafeln in großer Zahl in den verschiedensten Sprachen und Alphabeten geben Aufschlüsse über die sozialen Verhältnisse und haben für die historische Forschung hohe Bedeutung. Einige rätselhafte Inschriften wurden von Profeffor Müller als von den Manichäern, Ratgebern der Khane, herrührend, gedeutet. Professor Fischer entzifferte Sanskritschriftsn und der Vortragende entdeckte alttürkische Runen als Bücherschrift. Dann fand man uigurische Handelsverträge, Holzschnitte mit tangutischen, arabischen, mongolischen Inschriften. Bei manchen Kunstwerken ist römischgriechischer Einfluß unverkennbar. Die heutigen Bewohner Tuxkestans, von dem türkischen Stamme der Jungten (Hunnen) abstammend, sind Mohammedaner, haben ihre eigene Literatur, kunstvolle Lieder mit Reime« und Alliteration. Die Karakirgisen, fanatische Muselmanen, sind im Gesichtstyp mehr mongolisch als die Kasakkirgisen. Sie haben eine Epik in ausgebildeter Form. Die Kirgisen sind ein nomadisches Hirtenvolk, leidenschaftliche Reiter und trotz Opiumgenuffes gesund und ausdauernd. Rußland macht große Anstrengungen, den Handel in Turkestan an sich zu ziehen und England zu verdrängen. Deutschland importiert Werkzeuge und Emailgeschirr. Auszeichnung einer jüdische« Kolonie. Die jüdische Kolonie von W o o d b t n e (Amerika) wurde auf der Weltausstellung in St. Louis mit der goldenen Medaille ausgezeichnet. Die Kolonie hat in einer besonderen Abteilung mehrere hundert Photographien ausgestellt, welche Abbildungen landwirtschaftlicher und industrieller Institutionen dorstellen. Auch verschiedene Unterrichtsmittel finden sich unter den Ausstellungsobjekten. Besonderes Interesse erregten die Schülerarbeiten der zumeist aus eingewanderten Juden bestehenden Kolonie. Die Universität von H o w a r d stellte an die obengenannte Kolonie das Ersuchen, ihr mehrere ausgestellte Stücke zu überlaffeu, da sie die Absicht habe, dieselben ihrem Museum einzuverleiben. Die Deutsche Orieutgesellschaft läßt den im vorigen Monat zusammen ausgegebenen beiden Heften ihrer „Mitteilungen", die den Unternehmungen in Aegypten und Palästina gewidmet waren, jetzt als Nr. 25 ein assyrisch-babylonisches Heft folgen, welches durch den Reichtum seines Inhaltes und durch die Fülle seiner trefflichen Illustrationen jenen würdig an die Seite tritt. Es enthält in seinem ersten Teile die Berichte des Herrn Nöldecke über den Fortgang der während Herrn Dr. Koldeweys Enropaurlaub von ihm geleiteten deutschen Ausgrabungen in Babylon im Laufe des verflossenen Sommers. Den Hauptinhalt des Heftes aber bilden die ausführlichen Berichte des Herrn Andrae über die Erfolge seiner Tätigkeit seit Anfang Mai dieses Jahres auf der Ruinenstätle der ältesten Hauptstadt des assyrischen Reiches, Assur, heutzutage Kalat Schergüt. Die Berichte lehren, daß die großen Hoffnungen, welche die dortigen Grabungen gleich von Anbeginn an erweckten, durch den bisherigen Fortgang nicht allein erfüllt, sondern sogar ubertroffen worden sind. Andraos Briefe wissen von der Auffindung baugeschichtlich meikwürdiger Ruinen von Tempeln und Palästen sowie interessanter Kunsrdenkmälcr aus älterer assyrischer, insbesondere aber auch aus der kmistgeschtchtlich noch wenig bekannten parthischen Zeit zu berichten. Von eminenter Bedeutung für die Wissenschaft ist ferner die fast verwirrende Menge von Jnschriftfunden aus alten Zeiten des assyrischen Reiches, die es schon jetzt ermöglichen, die bisher vorhanden gewesene Lücke in unserer Kenntnis der ältesten Geschichte Assyriens (bis zirka 2000 v. Chr. rückwärts) zum größeren Teile mit den Namen der Herrscher auszufüllen. Daneben aber wird es namentlich allen denen, die an ethnologischen Forschungen Anteil nehmen, erwünscht,sein, zu erfahren, daß der Leiter der Ausgrabung nach sorgfältiger Prüfung des Tatbestandes in der Lage ist, einen Teil der vielen aufgefundenen Gräber mit ihren Knochenresten und Schädeln und mit ihren zum Teile reichen Beigaben zuversichtlich der assyrischen Epoche zuzuweisen. Die Gräber befinden sich in besonders großer Zahl in Her Nähe des während der letzten Monate sreigelegten Tempelturmes, eines gewaltigen Lehmziegelmassivs von quadratischem Grundriß mit mehr als 60 Meter Seitenlange und noch jetzt in seinem Verfall ^zustande an 20 Meter Höhe. Den mit wissenschaftlichem Ernst abgefaßten Berichten über die Grabungsergebnisse ist am Schlüsse des Heftes dann noch ein Privatbrief Andraes angefügt, in welchem er in der ihm eigenen humorvollen Weise über die Freuden und Leiden des täglichen Lebens der Ausgräber während des mesopotamischen Sommers — bei Temperaturen bis zu 45 Grad Zelsius im Schatten und darüber — zu plaudern weiß. Juden in der Türkei. Nach einer neuesten Statistik leben gegenwärtig unter dem Zepter des Sultans insgesamt 447.137 Juden. Bon diesen leben m der europäischenTürkei 184.637; auf den archipelagischen Inseln und dem Mittelmeere 6868; in Kleinasien 51.270; in Syrien und Palästina 89.612 (u. zw.: Aram Zowah 10.000, Maras 211, Damaskus 10.000, Bnoth 3000, Zur 250, Sidon 700, Akko 130, Chipah 1260, Jerusalem 40.000, Rimlah 100, Jaffa 3500, Hebron 1130, Asa 75. Schchem 31, Liberias 7710, Zefas 6870, Pektin 100, Sifram 45, Kolonien 4500); in Kurde st an und Mesopotamien 53.250, in Tripolis u. s. w. 41.229. — In den Ländern, welche ehedem zur Türkei gebürten, leben zusammen 67.763 Juden, und zwar in Bulgarien 33.663; in Serbien 6500; Bosnien und Herzegowina 6500; Griechenland 9000 und in Aegypten 21.000. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Hamburg sprach Herr Dr. Friedmann- Wiesbaden über „Die jüdischen Bewohner Palästinas". Redner führte ans, daß die von dem Comite Palestinien gegründeten Kolonien sich glänzend bewähren. Die Kolonien müssen jedoch, wie die Zionisten es verlangen, unter autonomer Verwaltung stehen und der Mißwirtschaft der türkischen Beamten entzogen werden. Anr Schlüsse ersuchte der Redner die Anwesenden, das Werk der Kolonisation nach besten Kräften zu unterstützen. Eine neue jüdische Ackerbankolonie in Palästina soll entstehen, und zwar mit türkischer Hilfe. Eine Anzahl rumänischer Emigranten nmndte sich an die Jca um Ueberlassung der im Borjahre angekauften Landstücke, erhielt aber keine Antwort. Der Pascha von Damaskus, Abdn Rachmun, nah«; sich der Kolonisten an und überließ ihnen nach eigener Wahl ein Landstück an der Mündung des Jordans in den Genezarethsee. Der Pascha richtet die Kolonie mit Immobilien ein, bestreitet auch für das erste Jahr dte Kosten der Aussaat, wofür ihm dte Kolonisten 26 Prozent ihrer Ernte elinschlietzlich des Zehents) zu zahlen haben. 20 Familien haben bereits auf neun Jrrhre den Kontrakt geschlossen. Der Pascha von Damaskus ist Wali, er verleiht das Ansiedlnngsrecht und hat bisher nicht erlaubt, jenseits des Jordans Kolonien zu gründen, auch nicht der Jca, welche dort tausende Dunams besitzt. Der Wall sprach zu den Juden Worte, die, wenn sie aufrichtig gemein waren, für die jüdische Kolonisation ein gutes Zeugnis wären. Er rühmte den Fleiß und die Ehrlichkeit der jüdischen Bauern und stellte in Aussicht, im kommenden Jahre noch 20 Kolonien mit Juden zu besetzen. Der Tabakbau in Palästina. Im Gegensatz zum schlechten Ausfall der Henrigen Ernte in Pälüstina hatten die jüdischen Tabakbauer gute Erträge und haben ihre Ernte preiswert in Alexandrien verkauft. In Nechoboth hat si cheine Genossenschaft von jiidischen Landarbeitern gebildet, welche 60 Anteile zu 100 Francs heransgegeben hat und nun zwischen Nechoboth und Waöi-chanin eine neue Ansieölnng gründen wird. Sie soll zum Andenken an Theodor Herzl den Namen Tel owiw („Frühlitigshöhe") führen. Zehn Jahre österreichischer Kolonialgesellschaft« Die österreichische Kolonialgesellschaft hielt Dienstag abends anläßlich ihres zehnjährigen Bestandes eine Festversammlung in den Räumen des Exportvereines ab. Der Vorsitzende Doktor Weist warf einen Rückblick auf die Tätigkeit der Gesellschaft seit ihrem zehnjährigen Bestände. Das abgclanfcne Jahrzehnt war eine Periode schwerstell Kampfes der Kolonialgesellschaft, die ihre Lebenszähigkeit vollauf bewiesen hat. Die geradezu erschreckend große Auswanderung aus Oesterreich-Ungarn wird des privaten Auswanderullgsschntzes selbst nach Jnslebentreten des neuen Auswanderungsgesetzes nicht entbehren können. Oesterreich-Ungarn liefert allein jährlich nahezu ein Viertel sämtlicher nach Amerika auswandernden Menschen. Zum Schluß hielt Schriftsteller Jacques Jaeger einen Vortrag über „Ellis Island, die nordamerikanische Einwanderungsinsel". Die Ausbildung des Kolonialbeamtcnstandcs. Im Etat des Auswärtigen Amtes des Deutschen Reiches ist Heuer zum ersten Male auch die Schaffung eines Fonds zur Ausbildung eines eigenen Kolonialbeaintensivndes vorgesehen. Ueber diese Neuerung hat die deutsche Regierung eine Denkschrift herausgegeben, welcher wir folgende Stellen über die V o r b i l d u u g und Ausbildung dieser Beamten entnehmen: Was die Art der Vorbildung betrifft, so sind zwei Systeme zu unterscheiden. Nach dem einen werden die Anwärter in Kolonialschulen in der Heimat ausgebildet, nach dein anderen z. B. von England angewandten, werden sie unvorbereitet entsandt, um zunächst eine Ausbildungszeit in den Kolonien selbst durchzumachen. Das erstere System hat, abgesehen von den entstehenden Unkosten, den Nachteil, daß dabei eine Anzahl von Elementen eine Ausbildung erhält, von denen man noch nicht wissen kann, ob sie den Anforderungen des Kolonialdienstes entsprechen wird. Die Kolonialverwaltung hat sich daher für das System der Kolonialeleven entschieden. Sie beabsichtigt zunächst für die Verwaltung von Deutsch-Qstafrika etwa zehn Anwärter zur Ausbildung anzunehmen.' Die Auswahl soll aus der Zahl der Bewerber erfolgen, die die Abschlußprüfung auf einem Gymnasium, einem Realgymnasium, einer Oberrealschule oder einer gleichwertigen Anstalt abgelegt haben und gute Anfangskenntnisse in der englischen Sprache Nachweisen können. Die Bewerber müssen unverheiratet, der aktiven Militärdienstpflicht genügt und die Hebungen A und B abgeleistet haben oder vom Militärdienst endgültig befreit sein. Sie sollen in der Regel das 23. Lebensjahr nicht überschritten haben, müssen über kräftigen Körperbau verfügen und trvpeudiensttauglich sein. Den Gesuchen um Aufnahme ist ein amtlich bestätigter Ausweis darüber beizufügen, daß der Bewerber im stände ist, sich bis zu seiner Entsendung in das Schutzgebiet aus eigenen Mitteln standesgemäß zu unterhalten, oder die Erklärung einer dritten Person, die sich zur Gewährung des standesgemäßen Unterhaltes für diese Zeit verpflichtet und nach amtlicher Bescheinigung dazu in der Lage ist, bei Minderjährigen ferner eine beglaubigte Erklärung des Vaters oder Vormundes über das Einverständnis mit dein Eintritte des Bewerbers in den Kolonialdienst'. Der Bewerber hat zu erklären, daß er mindestens zehn Jahre nach seiner Ausbildung im Kolonialdienst bleiben und daß er, sofern er aus anderen als gesundheitlichen Gründen vorher zurücktreten oder bei schuldvollem Verhalten aus dem Kolonialdienst entlassen werden sollte, die Kosten seiner Ausbildung zurückerstatten werde. Die Entsendung in das Schutzgebiet geschieht nicht vor dem Vollendern 21. Lebens-

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