Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433073--2692-2436585- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
in der ersten Generation durch die Einwanderung die Zahl der deutsch sprechenden Einwohner der Ostmark vermehren würden. Dazu kommt, daß es für den handelsarmen Osten auch volkswirtschaftlich uur erwünscht sein kann, wenn mit jenen östlichen Juden, die allerdings jetzt zu einem großen Teil Arbeiter und Handwerker sind, doch auch zahlreiche Kanfleute über die Grenze ziehen. Jeder über die Grenze hereinziehende Kaufmann bringt aber ferner auch das in seinen bisherigen geschäftlichen Beziehungen liegende Kapital teilweise in das Inland hinein und bereichert damit die deutsche Volkswirtschaft. Wer sich in England, in Nordamerika und in Südafrika etwas genauer umsehen will, wird dort manchen osteuropäischen Juden oder Abkömmling eines solchen finden, der heute zugunsten der englischen oder nvrdameritauischen oder südafrikanischen Volkswirtschaft dem deutschen Handel einen recht unbegnemen Wettbewerb macht, während, wenn Deutschland, das jenem osteuropäischen Juden ursprünglich näher lag, gastlich ihm seine Arme geöffnet hätte, seine Arbeitskraft, fein Scharfsinn und sein Vermögen heute dem deutschen Staate zugute kämen. Wie lange wird es noch dauern, bis Rußland seine die Juden knebelnden Gesetze lockert? Dann wird die deutsche Muttersprache der Inden in Rußland aufhören und auch der russische Handel wird unter den Händen der russischen Juden ein gefährlicher Wettbewerber des deutschen werden. Selbst abgesehen von der Polenpolitik, erscheint es als eine Verblendung, wegen gewisser Unbeguemlichkeiten der Uebergangszeit diesen Schatz an Arbeitskraft und Vermögen, den man durch das Band der Sprache schon halb besitzt und der nur auf die Erlaubnis wartet, um ganz herüberzukommen, sich ohne jede Auswahl mit aller Macht vom Leibe zu halten und ihn seinen Mitbewerbern zuzujagen — eine Verblendung, die nur zu erklären ist durch ein Nachgeben gegenüber kirchlichen Einflüssen oder auch durch Vorurteile der Rasse. Aber niemand kann zweien Herren dienen, dem Staat und der Kirche, und Pflicht des Staatsbeamten ist es, im Falle des Widerstreites das staatliche Interesse dem kirchlichen voranzusetzen. Und nicht woher der Körper abstammt, sondern unter dem Einfluge, welcher Sprache und zugehörigen Schrifttums der Geist erzogen ist, entscheidet für die Zugehörigkeit zum Volke. Die Verwaltung des Staates der Hohenzollern hat in vergangenen Jahrhunderten diesem Staate nicht zu dessen Schaden den Gewerbefleitz der vertriebenen Hugenotten und der vertriebenen Salzburger zugeführt. Möge sie sich weitsehend genug beweisen, um auch den aus ihrem Lande gedrängten Juden die Aufnahme in die von ihnen begehrte neue Heimat nicht verschließen." Die MißheLigkeiterr bei der Behandlung russischer Auswanderer sind, der „Königsb. Hartg. Ztg." zufolge, durch eine sehr sachgemäße, von humanem Geiste diktierte Instruktion d->r großen Schiffahrtsgesellschaften nunmehr in befriedigender Weise beseitigt worden. Das Schema, nach dem in den Kontrollstationen an der Grenze, in denen die Auswanderer auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden und in denen geprüft wird, ob sie in den Ländern, nach denen sie greisen wünschen, zugelassen werden, bisher gearbeitet worden ist, hat sich als unzulänglich erwiesen und bekanntlich zu Härten geführt. Zu deren Beseitigung hat sich die Leitung des Hilfsvereines deutscher Juden mit den Direktoren der Schiffahrtslinien in Verbindung gesetzt und man muß anerkennen, daß diese sofort, nachdem ihnen von den Unzuträglichkelten Kenntnis geworden war, in humanster Weise für Remedur gesorgt haben. Während zum Beispiel bisher Auswanderer bis zu mehreren Wochen auf die Ausfertigung ihrer Schiffskarten warten mußten und diese Warte- . zeit ihre ohnehin beschränkten Mittel oft ganz aufzehrte, sollen sie jetzt möglichst bald nach ihrer Ankunft nach den Einschiffungshäfen befördert werden. Auch soll den Mitgliedern des Komitees in den Grenzorten, die sich als Unterkomitees des Hilfsvereines gebildet haben, der Eintritt in die Baracken gewährt werden. Das angeführte Blatt weist weiter darauf hin, daß es dem Hilfsverein der deutschen Juden völlig fern liegt, die Auswanderung aus dem Osten unterstützen zu wollen. Seine Ansicht geht lediglich dahin, die Auswanderer, die auf eigene Kosten reisen, vor einer ganz überflüssigen harten Behandlung innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches zu bewahre»». Zur Regelung des Verkehrs austerdeutscher Auswanderer über die preußische Grenze haben nach der »Neuen Pol. Korr." die Minister des Innern und für Handel und Gewerbe das nachstehende angeordnet: Der Eintritt in das preußische Staatsgebiet ist nur daun zu gestatten, wenn die Auswanderer einen mit einer in Deutschland konzessionierten Schiffahrtsgesellschaft abgeschlossenen Passagevertrag zur Fahrt nach einem außerdeutschen Ausschiffungshofen, eine Eisenbahnfahrkarte bis znm Einschiffungshafen und ausreichende Barmittel besitzen, welche ihre Aufnahme an dem Reiseziele oder iuu Falle ihrer dortigen Zurückweisung die Rückbeförderung in die Heimat Jüdisches Vblksblatt Nf. gewährleistet. Hierzu ist, wie bisher, bei gesunden und nicht gebrechlichen Personen von mehr als zehn Jahren eine Summe von je 400 Mark, bei jüngeren Personen eine Summe von je 100 Mark für erforderlich zu halten. Alle außerdeutschen Auswanderer, welche diese Bedingungen nicht erfüllen, haben eine Registrierstation zu passieren, wie solche zur Zeit in MySlowitz und Ratibor bestehen. Die Einrichtung und der Betrieb dieser Registrierstationen richtet sich nach den hierüber ergangenen besonderen Bestimmungen. Insoweit in anderen deutschen Bundesstaaten Registrierstationen nach denselben Grundsätzen eingerichtet sind, genügt daS Passieren dieser (Stationen auch für die Durchbeförderung durch das diesseitige Staatsgebiet. Die vorstehenden Bestimmungen finden keine Anwendung auf die Auswanderer, welche die russisch-preußische Grenze und die dortigen Kontrollstationen passieren. Hinsichtlich dieser Auswanderer verbleibt es lediglich bei den bisherigen Vorschriften. Im übrigen treten die Bestimmungen unter Aufhebung aller entgegenstehenden frühererl Anordnungen für alle äußerdeutschen Auswanderer in Kraft, ohne Unterschied, ob diese von inländischen oder ausländischen Schiffahrtsgesellschaften befördert werden. Statistik de» Einwanderung nach Amerika. Nach dem kürzlich erschienen Berichte der Einwandernngsbehörden, der die Zeit vom 1. Mai 1903 bis 31. April 1901 umfaßt, sind innerhalb dieses Jahres unter insgesamt 872334 Persünen 91.272 Inden in den Häsen der Vereinigten Staaten von Nordamerika gelandet, während in der gleichen Zeit des Vorjahres nur 74 549 Glaubensgenossen unter 803.272 überhaupt eingewandert find. Der Prozentsatz der jüdischen Immigranten betrug also in der Berichlsperiode 10,8%, im Jahre J902|Ü3 dagegen nur 9,8%- Die weit überwiegende Mehrzahl kam aus Rußland, und zwar waren im Jahre 1903|04 von den 144.000 aus diesem Lande Eingetroffenen 65.000 47% Juden gegen 47.000 unter 128.000 — 37% im Jahre 1902|03. In diese Ziffern sind die über die Häsen Kanadas und Südamerikas Eingewandertrn, welche gleichfalls mehrere Tausende umfassen, nicht einbegriffen. Nächst Rußland kamen die meisten Juden ans den Ländern der österreichischungarischen Monarchie, nämlich 20.433 (unter insgesaint 200 888 --- 10%), davon drei Viertel aus Galizien, ein Viertel aus Böhmen, Mähren, der Bukowina re. Die dritte Stelle nimmt Rumänien eu», woher 6664 Personen kamen, darunter 5570 --- 90% Inden. Aus den übrigen Ländern sind 2069 Glaubensgenossen eingewandert: 692 aus Deutschland, 810 aus England, 293 aus der europäischen Türkei, 10 aus Japan, 8 aus Kanada, 4 ans Italien. Dieses starke Anwachsen der Immigration ist in erster Reihe durch die Verschlimmerung der allgemeinen Lage der Inden in ihren ehemaligen Heimatländern bewirkt, sicherlich aber auch durch die Verbilligung der Ueberfahrtspreise gefördert worden. Unter den im Hasen von Philadelphia gelandeten 94)0 Glaubensgenossen waren 6143 Männer, 3327 Frauen, davon 9162 weniger als 45, 2212 Kinder unter 12 Jahren. Nahezu 5600, also mehr wie 40«% sind in Philadelphia verblieben und nur 3836 nach hundertzwanzig Orten des inneren Amerika weitergereist. Ein Auöwandererheim iu Triest. Bekanntlich ist die Frage der Errichtung eines Auswandererheims in Triest noch immer in Schwebe, obschon bereits von diesbezüglichen konkreten Projeklen die Rede war. Wie es nun heißt, ist zu dem Zwecke das Gebäude des Seehospizes unterhalb Servola in Aussicht genommen worden. Dieses stattliche, erst vor zehn Jahren errichtete Haus, das mit Garten einen Wert von etwa 300.000 Kronen darstellt, konnte heuer nicht mehr benützt werden, da die in unmittelbarer Nähe vor sich gehenden Ausschüttungsarbeiten zur Gewinnung des neuen Holzlagerplatzes das Meer dauernd so verunreinigt hatten, daß man es nicht mehr wagen konnte, Kinder darin baden zu lassen. Die Anordnung der Räumlichkeiten und auch die örtliche Lage machen das Gebäude zur Unterbringung von Auswanderern vortrefflich geeignet. Jüdischer ArrsirdlungSrayou. Die Negierung hat beschlossen, den Juden in Rußland in 48 Städten, Flecken und Dörfern der Gouvernements Bessarabien, Cherson, Kiew, Jekaterinoslaw das Ansiedlungsrecht zu gewähren. Die jüdischen Soldaten in Rußland. Es ist eine Verleumdung, wenn die offiziöse Agentur mit dreister Stchn die Behauptung aufstellt, die Christen hätten für die fehlenden Juden die Lücken m Heere auszufüllen. In Rußland geschieht die Aushebung sowohl der Rekruten wie der Reservisten nicht summarisch, sondern partiell, Christen für sich, Juden für sich; für fehlende Juden werden andere Juden, für fehlende Christen andere Christen genommen. Was die Desertion betrifft, so desertieren auch Nichtjuden und namentlich „Äernrussen" in Hellen Haufen, sogar Offiziere. Für die paar hundert desertierter Juden würde man sich nicht genötigt gesehen haben, das Aushebungsreglement im ganzen Reiche zu ändern und zu verschärfen. In diesem Zusammenhänge durfte es interessant sein, zu erfahren, daß noch vor der Aushebung der Reservisten die Zahl der jüdischen aktiven Soldaten in der mandschurischen Armee nicht weniger als 30 000 Manu betragen hat. Meistens stehen sie in dm sibirischen Regimentern, in die sie seit zwei Jahrzehnten fast ausnahmslos eingeveiht werden, aber auch in den aus Europa beförderten Kadres ist jeder fünfzehnte Mann ein Jude. Jetzt aber, nach der Aushebung in dm von Juden stark bewohnten Bezirken Odessa, Kiew, Wilna und Warschau, muß ihre Zahl mindestens 60 000 Mann betragen. Wäre die übrige Bevölkerung Rußlands ebenso stark auf dem Schlachtfelde vertreten, so müßte General iAiropatkin eine Million Mannschiaften zu seiner Verfügung haben, was, wie man weiß, nicht der Fall ist. Kolonialnachrichten. Uganda. Im letzten Rapport über Uganda, welcher vom englischen Kommissär in Uganda herausgegeben wurde, findet sich folgende Stelle: „Ich bin n i ch t der A ns ich t, daß Uganda ein für Europäer geeignetes Land sei. Es gibt jedoch in Ostafrika Gegenden mit europäischem Klima, in welchem Europäer angesiedelt werden können. Diese Gegenden haben auch eine entsprechende Bahnverbindung." Der „Fraind" in Petersburg bemerkt zu dieser Meldung, daß die englische Regierung den Zionisten eigentlich nicht Uganda, sondern einen Landstrich in Ostafrika zu überlasten beabsichtige, welcher nicht weit von Uganda gelegen ist. Aus Kanada erhält der „Fraind* von dem Kolonisten D. M. Zareikyn die Mitteilung, daß dort jetzt billiger Boden zu haben sei, doch sei der größte Teil bewaldet, vor Ablauf von fünf Jahren dürfte kaum an die Bearbeitung des Bodens zu denken sein. Fabriksarbeit ist leicht zu finden, doch ist die Kenntnis der französischen Sprache unbedingt notwendig, da die meisten Fabriken sich in Händen der Franzosen befinden. Die jüdischen Kolonien in Cherson. Die Chersoner (Rußland) Bezirks-Semstwo hat die Frage aufgeworfen, ob die jüdischen Kolonien im Chersoner Bezirk, welche bekanntlich unter Aufsicht des Ministeriums des Innern gestellt wurde, nunmehr eine staatliche Verwaltung erhallen oder ihre selbständige innere Verwaltung weiter beibehalten sollen. Bon der Jca. Der Direktor der Pariser Zentralverwaltung der Jea, Dr. S. Sonnenfeld, weilte längere Zeit in Petersburg und wurde bei dieser Gelegenheit vom Minister des Innern Fürsten Swiatopols-Mirski empfangen. Dem „Ruß" zufolge würde die Reise Dr, Sonnenfelds mit dem Ugandaprojekte zusammenhängen, was jedoch, wie der „Fraind" richtig bemerkt, ganz ausgeschlossen erscheint. Dr. Sonnenfeld bereist jetzt Rußland und inspiziert die Anstalten und Gründungen in Rußland. JrrÄeuansiedtuugerr auf CyPern. Schon im Jahre 1898 tauchte bei der englischen Regierung der Plan auf, in Cypern die Niederlassung von Juden zu begünstigen. Der erste Versuch zur Verwirklichung der Idee wurde zwei Jahre später mit Juden gemacht, die aus Rumänien auswanderten. Er mißlang namentlich deshalb, weil die Zugewanderten völlig mittellos waren und baldigen Verdienst auf der Insel nicht finden konnten; die Zugemanderten zogen daher kurz nachher weiter. In den letzten Monaten sind, wie man der „Frkft. Ztg." aus Athen schreibt, neue Einwanderungen insbesondere von russischen und rumänischen Juden erfolgt. Sie treffen in kleinen Gruppen ein, ihre Gesamtzahl beträgt jedoch schon annähernd tausend und weiterer Zuzug steht bevor. Das zahlreiche griechische Element CyvernS hat wiederholt während dieser Jahre durch Beschlüsse in Volksversammlungen und im Parlament gegen diese Einwanderung protestiert. Es befindet sich generell in ständiger Opposition zur englischen Verwaltung und hat in den letzten Jahren mehrfach durch Petitionen und Volksversammlungen der englischen Negierung und dem Könige von England seine hellenischen Gesinnungen kundgegeben und um Vereinigung mit Griechenland ersucht. Die englische Förderung der Judeneinmanderung wird in Cypern als ein Gegenschlag der englischen Administration gegen diese nationalpatriotischen Gesinnungen aufgefaßt und in diesem Sinne haben sich