Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433073--2691-2436584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Auswanderung und Kolonisation. Beilage zu Nr. 60 des „Jüdisches Volksblati". Die ruffische« Emigranten in der Bukowina. „Slowo Polskie" Nr. 563 vom 30. November läßt sich aus Czernowitz schreiben: „Die russischen Deserteure rufen unter der hiesigen Bevölkerung immer größere Unzufriedenheit und Beunruhigung hervor, da sie in Anbetracht der diesjährigen Mißernte und des Arbeitsmangels für die hiesige arme Bevölkerung, für die die Bukowinaer Tagesblätter eintreten, eine Konkurenz bilden. Die Desertion findet zwar nicht mehr massenhaft statt, aber sie hört doch nicht aus, so daß das Hilfskomitee diese Deserteure aus Geldmangel nicht nach dem Westen befördern kann. Es sind sogar Plänkeleien zwischen der arbeitenden Bevölkerung und den Deserteuren ausgebrochen, und zwar aus dem Grunde, weil die Großgrundbesitzer wie auch die städtische Bevölkerung Deserteure ausgenommen haben, da letztere aus Furcht vor der Auslieferung billiger arbeiten." „SlowoPolskie" hat sich wieder einmal einige Unrichtigkeiten geleistet. Es ist nicht richtig, daß die hiesigen Tagesblätter für die arme Bevölkerung in obgedachter Angelegenheit Stellung nahmen, und ebenso ist es unwahr, daß es zu Plänkeleien mit den heimischen Arbeitern gekommen ist. „Bukowinaer Nachrichten", das bekannte „Deutsch-deutsche" Blatt, hat bloß wegen angeblicher Entlassung heimischer Arbeiter aus verschiedenen Betrieben ein Lamento erhoben, hat sich aber nach erfolgter Richtigstellung seitens des hiesigen Hilfskomitees sofort beruhigt. Merkwürdig erscheint es nur, daß ein führendes polnisches Blatt aus Galizien derartige Unrichtigkeiten vorbringt, die den alleinigen Zweck haben, die Behörde gegen die bedauernswerten Opfer aufzustacheln. Gerade nach Galizien ist die Desertion stark und die größte Anzahl der Deserteure stellen Polen bei. Im jüdischen Emigranten quartier in Czernowitz sind wiederholt auchPolen beherbergt und denselben Arbeitsgelegenheit verschafft worden. Zum Dank hierfür bringt das „Slowo Polskie" obige Notiz. Dazu ist es allgemein bekannt, daß man in Galizien Matinees zugunsten polnischer Deserteure macht. Gegen andre aber wird gehetzt. Solche Hetzereien werden aber die Hilfstätigkeit nicht stören. Das Hilfskomitee in Czernowitz, in dem die akademische Verbindung „H a s m o n a e a" eine überaus rührige, ja erstaunliche Tätigkeit entwickelt, wird sich hoffentlich durch solche Unkenrufe nicht einschüchtern lassen und rastlos Weiterarbeiten. Nachstehend die Richtigstellung, die das Hilfskomitee erlassen hat. „In einem hiesigen Blatte („Buk. Nachrichten") wird dagegen Stellung genommen, daß heimische Arbeiter aus verschiedenen Etablissements entlassen werden, um russischen Flüchtlingen Platz zu machen, und wird daran eine Reihe von Bemerkungen geknüpft. Dem hiesigen Hilfskomitee ist kein einziger derartiger Fall von Entlassung einheimischer Arbeiter bekannt, dasselbe würde auch entschieden ein solches Entgegenkommen ablehnen, weil es nicht in den Intentionen des Hilfskomitees gelegen ist, die heimischen Arbeitskräfte irgendwie zu benachteiligen. Beweis hierfür, daß das Hilfskomitee für jeden russischen Arbeiter die Zahlung des vollen Tarif¬ oder Saisonpreises verlangt, damit nicht eine Verbilligung der Arbeitspreise eintrete. Kein aus dem Emigrantenquartier abgegebener Arbeiter wird geringer honoriert, als ein heimischer Arbeiter. Im übrigen handelt es sich nur um provisorische Arbeitsgelegenheit, in den meisten Fällen zur Ergänzung des Reisepfennigs der Bedauernswerten. Das Hilfskomitee bemüht sich, sukzessive die russischen Emigranten nach Amerika,Argentinien, talästina u. s f. zu befördern. Sämtliche eldspenden werden nur für Reisezwecke verausgabt. Tatsächlich reist der größte Teil der Emigranten ab und ist die Befürchtung, als ob viele im Lande bleiben könnten, unbegründet. Das Hilfskomitee richtet seine Haupttätigkeit gerade darauf, dieEmigranten im Lande nicht zu behalten und insbesondere den Mittellosen, die sonst in jedem Falle hier bleiben müßten, die Möglichkeit der Auswanderung nach anderen anfnahmsfähigeren Gegenden zu bieten. Die Emigranten werden nur in jene Betriebe abgegeben, wo Arbeitermangel herrscht. So sind sie zum Beispiel bei der Feldarbeit und bei Bauten sehr willkommen gewesen. Es liegt demnach gar kein Gruud vor, von einer Schädigung einheimischer Arbeiter zu sprechen." Answanderungsnachrichten. Unsere Polizei im Dienste Rußlands. Aus Schtochokowa wird dem „Jüdischen Tagblatt" vom 4. d. M. geschrieben: „Heute sind hier vier russische Deserteure angelangt, welche von der Wiener Polizei an das Gemeindeamt mit dem Aufträge überstellt wurden, die Deserteure an die russische Grenze zu bringen. Unter den Begleitakten befand sich auch ein Brief des russischen Konsuls in Wien an den Kommandanten derGrenzgendarmerie. Von den Flüchtlingen waren drei Christen und ein Jude. Kommentar überflüssig! Wir bemerken hierzu, daß das Verhältnis 1:3 zwischen jüdischen und unjüdischen Flüchtlingen in der ganzen Fluchtbewegung zur Geltung gelangt. Die jüdischen Emigranten und die Sozialdemokraten. Ueber die Behandlung der jüdischen Emigranten durch die „jüdischen" Sozialdemokraten" schreibt das Lemberger „Jüdische Tagblatt": „Die ganze polnische Presse, der man doch gewiß kein Uebermaß vonH Judenfreundlichkeit vorwerfen kann, bekundet ein menschliches Gefühl der Barmherzigkeit gegenüber diesen unglücklichen Geschöpfen; die Sozialdemokraten hingegen halten Versammlungen ab und fordern die Regierung auf, die Emigranten auszuweisen und gegen sie die Gesetze in Anwendung zu bringen, welche gegen Vaga.bunde und gemeine Verbrecher>kn Geltung stehen. In Buczacz fand ein solches Meeting der Sozialdemokraten statt, in welchem der dortige Sozialistenführer Dr. M o s e l e r diesen Standpunkt verfocht ... Der polnische Sozialdemokrat Hub ec ist Mitglied eines aus polnischen Bourgeois bestehenden Komitees zur Unter st ützung russisch-polnischer Emigranten. Diesem Komitee gehört auch der jüdische Sozialdemokrat Dr. D i a m a n t an, ebenso wie Mitglieder der jüdischen Bourgeoisie, der jüdischen Geldaristokratie undRabbiner. Die polnischen Emigranten müssen auch von jüdischen Sozialdemokraten unterstützt werden, hingegen die jüdischen Emigranten, diese doppelt unglücklichen Menschen, welche die Polen im letzten Falle ruhig gewähren lassen, begegnen sogar seitens der jüdischen Sozialdemokraten nur dembitterstenHaß. Ansgennefener Aiiswanderimgsttgent. Der Agent einer Schiffahrt-Unternehmung in Bremen, Geza Lovich, der, wie wir seinerzeit mitteilten, in Budapest wegen unbefugter Verleitung zur Auswanderung nach Amerika von der Polizei festgenommen und zu einer entsprechenden Geldstrafe verurteilt wurde, ist auf die Dauer von 10 Jahren ans der ungarischen Hauptstadt ausgewiesen worden. Die Beilegung des Schiffahrtskrieges. Aus New Jork wird berichtet: Die Hauptschwierigkeit für die Beilegung der Differenzen bot bekanntlich das der Cunard Line von der bulgarischen Regierung eingeräumte Monopol bezüglich ausschließlicher Beförderung ungarischer Auswanderer nach Amerika mittels Schiffen der genannten Gesellschaft von Fiume aus. Diese Frage ist dadurch beiaelegt worden., daß die Cunard Line den wntinentalen Linien einen entsprechenden Anteil an diesem Geschäfte zugestanden hat unter Genehmigung der ungarischen Regierung. Andrerseits werden russischen, mit Pässen für Cunard-Dampfer verseheilen Auswandererll an den unter Kontrolle der preußischen Regierung stehenden Grenzstation eil feine Schwierigkeiten mehr bereitet werden. Die Hamburger Linie wie der Norddeutsche Lloyd haben nämlich auf die ihnen seitens der preußischen Negierung eingeräumten Vergünstigungen verzichtet, so daß, wie bemerkt, auch mit Pässen für die Cunard Line versehene Auswanderer jene Kontrollstationen an der russisch-preußischen Grenze fernerhin unbeanständet passieren können. Die allgemeine Wirkung der getroffenen Vereinbarung geht dahin, daß die im Verlaufe des „Dampferkrieges" stark reduzierten Passageraten durch solche ersetzt werde::, wie sie vor einem Jahre bestanden haben. Das bedeutet, daß die bisher von den britischen Linien geforderte Zwischendecksrate voil 15 Dollars wieder auf die frühere Höhe von 20 Dollars gesetzt lvird und die kontinentalen Danlpferlinien anstatt ihrer bisherigen Zwischendecksrate von 17 bis 25 Dollars wieder 30 bis 40 Dollars fordern. Auch für Kajütpassage werden die Preise auf den englischen Linien wieder von 30 bis 35 Dollars alff 42 '/* bis 45 Dollars hinaufgesetzt werden. Gegenwärtig ist für die Dampfschiffgesellschaften ohnehin die stille Saison und ist hierdurch Gelegenheit zur Erzielung eines allseitig befriedigenden und das gesamte Geschäft umfassenden Einverftändniffes für die Frühjahrs- und Sommerfaison geboten. Auswanderung über Fiume. Aus Fiume meldet uns ein Auswanderer vom 23. November: Die Auswanderung über Fiume nimmt immer größere Dimensionen an. Gestern vormittags traten ungefähr 500 Personen von hier die Reise nach Antwerpen an; sie werden sich in Liverpool nach Amerika einschiffen. Heute vormittags traf neuerdings ein Trupp von 1055 Auswanderern hier ein und weitere Gruppen werden noch erwartet. Die Auswanderer werden mit dem Dampfer „Slavonia" abreisen. Falls der Dampfer nicht alle Personen aufzunehmen vermag, werden auch die Z u r ü ck g e b l i e b e ne n nun via Liverpool die Reise über das Meer antreten. Die Abwanderung der Inden ans der Ostmark. Ueber diese Frage äußert sich der angesehene Berliner Rechtsanwalt Herr Mako wer wie folgt: „Die Ursache der starken Verminderung der Inden in der Ostmark liegt in der systematischen Verhinderung einer Einwanderung von Juden der östlichen Staaten nach Preußen, verbunden mit der polizeilichen Ausweisung solcher dennoch eingewanderter Juden und der Ablehnung ihrer Gesuche um Aufnahme als preußische Staatsangehörige. Bis zum Anfang der achtziger Jahre ließ die Verwaltung mit gewissen Beschränkungen zu, daß der Abfluß der Juden aus den Ostmarken nach Westen sich durch Zuwanderung über die Grenze bis zu gewissem Grade ausglich. Dann, der gegen die Juden beginnenden Strömung nachgebend, sperrte sie die Grenze für Neueinwanderer, wies selbst Familien, die 20 Jahre, ohne den geringsten Anlaß zu geben, in Deutschland gelebt hatten, über die Grenze zurück und fahndete auch in der Folgezeit aus jeden russischen oder österreichischen Juden, Her etwa den staatsgefährlichen Versuch machen wollte, auf preußischem Boden sich dauernde Beschäftigung zu suchen, Im Laufe der Jahre ist an manchen Orten die Handhabung dieser Maßregeln vielleicht etwas milder geworden: sachlich werden sie aber auch heute noch durchgesührt. Jetzt beginnen die unerwünschten Folgen sich in den Ostmarken zu zeigen. Daher wird von neuem kühl zu erwägen sein: Ist die Einwanderung von Juden über die Ostgrenze dem Staat überwiegend schädlich oder überwiegend nützlich? Schädlich wäre sie insofern, als durchschnittlich die Juden der östlichen Nachbarländer kulturell höher stehen als die Landbevölkerung der deutschen Ostmarken, aber doch etwas niedriger als durchschnittlich die Juden Deutschlands. Mithin ist zuzugeben, daß in geringem Umfange der Staat und in etwas höherem die betreffenden Gemeinden gewisse Aufwendungen, namentlich ans dem Gebiete der Schule, zu machen hätten, um den Kulturstand der Einwanderer zu heben. Ebenso ist zuzugeben, daß durch eine solche Einwanderung vorübergehend auch Erhöhungen der Armenlasten eintreten können,' doch würden diese sich durch Bindung der Einwanderung an bestimmten Mindestbesitz sehr herabmindern lassen und ein Teil der Verbleibenden würde tatsächlich der bürgerlichen Gemeinde durch die jiidische kirchliche Gemeinde abgenommen werden: endlich würde die zweite Generation bereits reichlich mehr einbringen, als die erste an Zuschuß erfordert hat. Nützlich wäre die Einwanderung — weil, was nicht allgemein bekannt — jene östlichen Inden, seit sie zur Zeit der Krenzzüge aus ihrer alten deutschen Heimat vertrieben sind, hts heute ihre deutsche Muttersprache lwenngleich in besonderem Dialekt) bewahrt haben, mithin bereits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.