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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 50 Jüdisches Volksblatt Seile 5 Kultusmahlrn «nd Orthodoxie LöblicheRedaktion! „Also heraus mit der Farbe!" Unter dem silierten Stichworte wendet sich ein Ungenannter in der letzten Nummer Ihres geschätzten Blattes gegen die Tätigkeit der vereinigten orthodoxen Bethäuser und dessen Führer Herrn S. M e i s e l s bei den jüngsten Wahlen der Kultusgemeinde. Wenn auch jeder, der mit den hierorts bestehenden Verhältnissen vertraut ist, zu geben muß, daß die berechtigten Forderungen der orthodoxen Bevölkerung weder das richtige Verständnis noch irgendwelche Förderung auf Seite des Ktultusvorstandes finden, so ist es vollkommen unerfindlich, inwiefern Herrn S. M e i s e l s ein Vorwurf daraus erwächst, wenner mit Eifer bestrebt ist, in diesen beklagenswerten Zuständen Wandel zu schaffen. Man wird schwerlich fehlgehen, wenn wir den Herrn Einsender in den Reihen der Schiffschul vermuten. Da ist es denn zunächst interessant, fsst'zustellen, daß zwar offizielle Persönlichkeiten der Schiffschul gleich Herrn M e i s e l s den fraglichen Aufruf unterzeichnet haben, nur mit dem Unterschiede, daß Herr M e i s e l s dies offen und frei tat, jene Herren dagegen mehr eine Art Verstecken gespielt. Noch interessanter wird die Tatsache, lvenn man bedenkt, daß Herr M e i s.e l s ursprünglich sich der Op p o s it i o n d e r na ti o n a! e n P ar - tei a nzusch l i eße n und erst na ch vollzogenem Kompromiß genötigt w a r, der offiziellen Partei bei zu treten, indes die „Schiffschul" von Anfang an und nicht nur diesmal, sondern von jeher mit derselben ging. Schon die Kenntnis dieser soeben gekennzeichneten Taktik läßt es begreiflich erscheinen, daß die Orthodoxie bei unferem Kultusvorstande stets den Kürzeren ziehen muß. Zuerst wird ein gemeinschaftliches Vorgehen von der Schiffschul hintertrieben und dann fällt man noch denen in den Rücken, die dies erstreben. Es ist ein trauriger Ruhm, den die Schifschul für sich! in Anspruch nehmen darf, wenn aus ihrer Mitte mit einem gewissen Behagen-auf die Zersplitterung der Wiener Orthodoxie hingewiesen wird. Sie arbeitet da mit an einer Art Sclbstzerfleischung und treibt das Wasser nur auf die Mühlen unserer jüdischen Gegner. So oft auch Bestrebungen, die auf einen Zusammenschluß der Orthodoxie hinarbeiteten, im Zuge waren, immer mußten sie am Widerstande der Schiffschul scheitern. Die Zersplitterung und die damit in engster Verbindung stehende Machtlosigkeit der Wiener Orthodoxie hat die Schiffschul ausschließlich auf dein Gewissen. Das ist ein Vorgehen, das sür die orthodoxen Prinzipien geradezu einen Fanstschlag ins Gesicht bedeutet. Wenn die Bestrebungen des Herrn Meisels gerade nach der entgegengesetzten Richtung hin arbeiten, so beweist er damit, daß er es ist, in dem die orthodoxe Richtung ihren wahren Vertreter zu suchen hat, und um so trauriger, wenn ihm dabei ein Widerstand gerade von der Seite entgegengesetzt wird, welche die Orthodoxie in Generalpacht übernommen zu haben glaubt. Wenn der Herr Einsender auf 6 bis 6 Bethäuser Hinweisen zu dürfen vermeint, die sich unseren Bestrebungen bisher noch nicht angeschlossen haben, so ist damit noch längst nicht gesagt, daß die Schiffschul dieselben für sich in Anspruch nehmen darf. Auf unserer Seite stehen bereits eine stattliche Anzahl orthodoxer Bethäuser und sonstiger Vereine, und zwar: Machsike hadath, Beth Israel, Marpe lauefesch, Schomcr Jißroel, -Osseh tow, Tifereth Bachuri m, Beth haknetcth, Livias -chen, Kowea ittim lathora, Schomre hadath, Eines wescholoum und mehrere Vereine von . . . Wir werden hoffentlich auch in jenem kleinen Kreise, der sich uns bisher ferngehalten hat, bald die Ueberzeugung erwecken, daß unser Vorgehen richtig ist, deren Anschluß ist somit nur eine Frage der Zeit. K. (Wir geben dieser Erwiderung Raum, unserem Grundsätze folgend, daß in unserem Blatte alle Parteien zn Worte kommen mögen. Wir möchten jedoch gerade die orthodoxen Gruppen ermahnen, ihre Kräfte nicht in gegenseitiger Bekämpfung zu verzehren, denn der gemeinsame Feind wird inzwischen täglich mächtiger und freut sich des Zerwürfnisses unter den erhaltenden, konservativen Elementen des Judentums. D. Red.) Vcrciuönachrichten. Wien. In der Toynbeehalle wurde am Samstag« Abend daS Chanukafest in üblicher Weife begangen und war die Beteiligung deS Publikums eme besonders zahlreiche. Die liturgischen Benediktionen und Gesänge vollzog Oberkanror Don FuchS mit einem verstärkten Chore in meisterhafter Weise. Darauf folgte der künstlerische Teil des Abends durch wunderbaren Vortrag Beethovenscher und Schumannscher Kompositionen von Prof. Brüll sowie von Prof. Ander auf der Violine, begleitet von seiner kunstgewandten Gemahlin auf dem Klavier. Zum Schlüsse trug eavö. zur. Strauß eigene Dichtungen in vollendeter Form vor. Am Sonntag- Nachmittag fand das Kinderfest im Beisein des Obmannes Herrn Dr. S a m u e l y. Nachdem Herr JngenieurB e nj a m i n das Chanukalicht entzündete, folgten einige musikalische Produktionen der jugendlichen Künstler Schwarz (Sohn eines Komiteemitgliedes) und Roth. Noch ein Phonograph belustigte die Jugend und zum Schlüsse trug die kleine Cäcilie S i tz m a n n eine längere Legende über die Makkabäer, beziehungsweise „Charme, die Mutter von sieben Söhnen" in recht gelungener Weise vor, wofür ihr mit lautem und lebhaftem BeifaUe gedankt wurde. Frau Popper machte die Honneurs des Abends und wurden über 200 Kinder bewirtet. Cs war ein wahres und erhebendes Kinderfest. vrigittenaner israelitischer Unlersttitzuugöorrein. Für den Brigitteuauer israelitischen UnlerstützungSvrrein sind folgende Spenden eingegangen, wofür ich im Namen des Gesamtvorstandes den innigsten Dank abstatte: Dr. Josef Koh« 20 Kr , Moritz Traube 20 Kr., Julius Bellak 20 Kr., Simon Heller 10 Kr., Wiener isr. Kultusgrmcinde 100 Kr., Josef Jnwald Edler v. Walttreu 10 Kr, mell. Dr. Josef Breuer 20 Kr., Heinrich Birnbach 5 Kr., Heinrich Böhm 10 Kr., Theodor Ritter v. Taußig 10 Kr., Em. Aufricht 2 Kr., Georg Ticho, Boskowitz 5 Kr., Philipp Gomperz 20 Kr., Philipp Thorsch 20 Kr., S. Heit 10 Kr, Dr. Alfred Berger 10 Kr., Anton Beck 6 Kr., Simon Mandler 5 Kr., Emil Fürth 4 Kr, Philipp Roth, Brünn 4 Kr., Leop. Kramer 5 Kr., M. & I. Mandl 25 Kr. mit der Erklärung, mit einem Jahresbeiträge von 25 Kr. dem Vereine beizutreten, Wilhelm Zierer 20 Kr., Hansi K. 4 Kr., Redakteur Fröhlich 5 Kr., I. May. Ung.- Ostra 10 Kr., Adolf Ambor 2 Kr-, Hofrat S. Ritter v. Hahn 20 Kr., Rudolf Auspitz 50 Kr., Karl von Auspitz 50 Kr., Sam. F. Goldberger & Söhne 5 Kr. Der Obmann Adolf Schreiber. De» l. zionistische Frauenderein hält Samstag den 10. d. M. eine Versammlung im Kongreßbureau, IX., Türkenstraße, 9 ab, wobei Herr Lektor Friedmann über dat Thema „Jakob und Laban zwei jüdische Charaktere", sprechen wird. Anfang der Vortrages präzise 8 Uhr. Gäste, "Damen wie Herren, herzlichst willkommen. Der jüdische MimuergefangSverein „Schir Ziou" hält jeden Mittwoch von 8 bis 9 Uhr abends seine wöchentlichen Gesangsübungen im Bereinsiokale, IX., Türkenstraße 9, ab und werden Neuanmeldungen stets vor Beginn der Uebung entgegengenommen. Schriftliche Auskünfte erteilt bereitwilligst der Schriftführer Wilhelm David, IX., Porzellangasse 22a. Kolomea. Zwischen den wenigen zionistischen Vereinen Galiziens und der Bukowina, die ihrer Aufgabe voll und ganz bewußt sind, verdient auch der hiesige Verein jüdischer Jugend ..Zere Zion" genannt zu werden. Trotz deS verhältnismäßig kurzen Bestandes erfreut sich derselbe sowohl moralischer als auch materieller Erfolge. Sehr rührig arbeitet der Verein sür die allgemeinen zionistischen Institutionen. Auch verdanken ihm einige in Nachbarstädten neugegründete Vereine gleichen Namens ihr Entstehen. Der Verein trägt auch sehr viel zur Ausbildung der jüd. Jugend bei durch die vielen Zeitungen und Zeitschriften, durch eine schöne, reichhaltige Bücherei jüdischer und sonstiger moderner Autoren. Hervorzuheben sind die auf dem Gebiete des allgemeinen, hauptsächlich aber des jüdischen Wissens allwöchentlich abgehaltenen Vorträge, namentlich die über I. L. G ordo n und seine Dichtungen von Herrn Meier H, nisch über Moses Maimonides, von Herrn Br—r über I. L. Perezvon slwt. jur. A. Klein mann und viele andere. Auch hat obgenanntcr Verein hier unlängst eine hebräische Schule gegründet,die voraussichtlich den Mittelpunkt der gesamten hiesigen jüd. Jugend bilden wird. Am 20. November a. c. veranstaltete obgenannter Verein eine imposante Gedenkfeier, anläßlich des siebenhundertsten Todestages des Rambam, die auch glänzend ausfiel. Es zeichnrten sich besonders aus: Herr Brandes mit seiner schönen Festrede, Herr Haber mit seiner Jargondeklamation und die Herren Krämer und Feld mann mit ihrem Violinduett. Das Resultat der heurigen Ausschußwahlenim Vereine „Zere Zion" war folgendes: Präses Dr. Salamon R o s e n h e ck, Vizepräses S. I w an i e r, Sekretär Meier H e n i s ch. Kassier Dav. H o f f m a n n, Kontrollor B. Weliczker, Ausschußmitglieder J.Brettler, Moses Tanger, L. Schars und M. L e s k o w i c z. Bibliothekar Sigm. Haber, Verwalter Ch. Sandler. Zioni. Frankfurt a. Main Der hiesige Mendelssohn- Verein, der auf eine 25jährige segensreiche Tätigkeit zurückblickt, läßt am 1. Jänner 1905 eine Jubiläumsnummer seines Vereinsorganes „Populär-wissenschaftliche Manatsblätter zur Belehrung über das Judentum für Gebildete aller Konfessionen" erscheinen, das der Begründer und Präsident des Vereines Herr Dr. Adolf Brüll ein Vierteljahr- Hundert selbstloser opferwilliger Weise unentgeltlich geleitet hat. Möge ihm für seine hingebende Tätigkeit aus diesem Anlasse die verdiente Anerkennung und Teilnahme aus dem weitesten Kreise seiner Mitarbeiter und der Leser der Blätter zuteil werden und möge es dem Mendelsohn-Verein auch in der Folge der Zeiten beschieden sem, sich der Segnungen seines Wirkens zu erfreuen. Personalnachrichten. Anläßlich meines Scheidens aus der Leitung deS „Jüd. Volksblatt" sende ich allen Lesern und Freunden des Blattes ein herzliches Lebewohl! Dr. Sofer. * * * Dr. Leo Sofer. Der bisherige Ehefredakteur unseres Blattes, Herr Dr. Leo Sofer, hat die Leitung des Blattes niederqelegt. Wir nehmen von diesem seinem Entschlüsse mit um so größerem Bedauern Kenntnis, als Herr Dr. Leo Sofer zufolge seiner grenzenlosen Liebe für sein jüdisches Volk und seine bedeutenden publizistischen Leistungen es verstanden hat, das „Jüd. Volksblatt" zu einem der meistgelesenen jüdischen Blätter zu gestalten. Es erfüllt uns jedoch mit Genugtuung, unseren Lesern die Mitteilung machen zu können, daß Herr Tr. Sofer auch fernerhin Mitarbeiter unseres Blattes bleibt. David Ritter v. Gntmann. Wie schon berichtet, hat der Großindustrielle David Ritter von Gutmann seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert. Um allen Ovationen zu entgehen, reiste Ritter v. Gutmann auf seine Besitzung nach Tobitschau, doch die Glückwünsche aus allen Kreisen folgten ihm dorthin nach. Eine einzige Feier hatte der Jubilar selbst anläßlich seines siebzigsten Geburtstages veranlaßt: Es wurde nämlich das Altersversorgnngshaus eingeweiht, das David Ritter v. Gutmann mit seinem Sohne Bergrat Max Ritter v. Gutmann in seiner Vaterstadt'Leipnik errichtet hat. Alle Korporationen, die der werktätigen Hilfsbereitschaft des Philanthropen so viel zu danken haben, fanden sich als Gratulanten ein. Die Gemeinden Orlau, Szczakowa und Holleschau ernannten Ritter v. Gutmann zu seinem Geburtstage überdies zum Ehrenbürger und in Szczakowa heißt eine Straße seit gestern nach dem Jubilar „Gutmannstraße". Ein wahres Kunstmuseum bilden die vielen prachtvollen Adressen, die dem Jubilar überreicht wurden. Eine sinnige Ovation brachte Herrn v. Gutmann die Baron Hirschstiftung dar. Sie ließ von Professor William Unger sein Bild radieren und in Kupfer vervielfältigen. Dieses Kunsttverk ist in sämtlichen 230 Klassen aller Schulen der Baron Htrschstistung enthüllt worden. Das Beamtenpersonal des Stammhauses in Wien stiftete seinem Senior das Oelbild Gutmanns. Das Eisenwerk Wittkowitz überreichte ein schönes Aquarell und das Waisenhaus Döbling sendete ein Bild des Hauses: ferner gratulierten u. a. die israel. Kultusgemeinden W,ien, Baden und Holleschau, der Bethausvorstanö, in Wien, der Bergbau Jaworzno, die Gesellschaft für Kunst- und historische Denkmäler des Judentums» der Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender, der Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien, der Verein „Frauenhort" in Wien, die Allgemeine Poliklinik in Wien, die Jaworznoer Gewerkschaft in Wien, der Waisenverein und die Israelitische Allianz in Wien, die Israelitisch-theologische Lehranstalt in Wien, „Beth-Hamidrasch" (Wien), der Verein zur Förderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien, die Israelitische Armenanstalt in Wien, der Gemeinderat der Stadt Szczakowa, der Verein „Weißes Kreuz" in Wien, der Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchenhort in Wien, die Gemeinde Tobitschau, die Stadtgemeinöe Mährisch-Ostran, -as Kaiser Franz Josef-Ferienheim in Wien und der Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender. — Die Adressen der Wiener Kultusgemeinde und der Israelitischen Allianz sowie des Kaiserin Elisabeth-Lehrmädchcnhortes zum siebzigsten Geburtstage Ritter v. Gntmanns sind vom akademischen Maler D. Marcus in vollendet künstlerischer Weise ausgefnhrt worden. Theodor Kantor. Vergangene Woche ist einer der beliebtesten und geschätztesten Männer Wiens durch den Tod abgegangen. Der Bankier und Börserat Theodor Kantor ist nach kurzem Leiden gestoibm. Die hervorragenden Eigenschaften seine- Herzens standen in gleicher Höhe mit denen seines Geistes und ihnen hatte Theodor Kantor die Liebe und das Vertrauen aller jener zn verdanken, die einmal mit ihm in Berührung gekommen waren. Dieses Vertrauen hat der Verstorbene stets gerechtfertigt. Die Börse, der Wiener Schützenverein, die israelitische Kultusgemeinde und zahlreiche andere Korporationen, denen Theodor Kantor angehörte, erleiden einen harten Schlag und mit ihnen die Armen und Bedürftigen Wien-, die an dem Verstorbenen mehr verlieren als die haute ünanee. Der Financiers gibt es noch viele in Wien, wenige aber, wie Theodor Kantor einer war. Die besondere Wertschätzung, deren sich der so jäh Verstorbene erfreute, kam bei dem Freitag ftattgehabten Leichenbegängnisie zum Ausdruck. Die Wohnränme des Stcrbehanses I. Mölkerbastei Nr. 3, die Korridore und die Einfahrt waren mit Trauer-

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