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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdisches Yolksblatt und wer die ehrliche Absicht hat, Bestrebungen, Ziel und Zwecke der nationalen Bewegung im Judentum ohne Voreingenommenheit zu verfolgen, der wird diesem Blatte sein Wohlwollen nicht versagen. Jakob Krausz Eigentümer und Herausgeber des „Jüd. Bolksblatt". Politische Wochenschau. Tas chrisrlichsoziale Volsschulgcsetz hat wieder etwas Leben in die Minoritätspartei Oesterreichs gebracht. Es hat sogar die voneinander so grundverschiedene Anschauungen zu einigen verntocht in einem Kampfe gegen ein Volksschulgesetz, das eigentlich von. jebcirt vernünftigen Politiker schon lange hätte vorausgesehen werden müssen. Fast jeder Tag bringt irgend eine Pwtestversanunlung gegen ein beschlossenes Bolksschulgcsetz, dessen Sanktionierung, wenn sie nicht schon beschlossene Tatsache wäre, durch diese Versammlungen nur um so sicherer gefördert und beschleunigt wird. Am letzten Sonntage raffte sich nun auch die altersschwache Fortschrittspartei zu einer Klundgebung gegen dieses Volksschulgesetz auf. Auf dem Aufrufe zu dieser Versammlung sahen wir auch den Namen unseres Kultuspräsidenten Dr. Alfred Stern, umgeben von einigen anderen Kultus rät ein Dr. Alfred Stern ist also zu seiner alten Liebe, zum Liberalismus, zurückgekehrt, trotzdem er anläßlich seiner Wahl zum Kultuspräsidenten beinahe gelöbnisartig das Versprechen gab, sich jeder Politik fernzuhalten. Tie Annahme dieses Volksschulgesetzes durch den niederösterreichischen Landtag hätte Herrn Tr. Alfred Stern allerdings Gelegenheit gegeben, Politik zu machen, aber jüdische Politik.^ Tenn wer unbefangen genug ist, sich von Schlagworten nicht beirren zu lassen, wird zugeben müssen, daß der Kampf der verschiedenen Parteien um die Volksschule in seinem Endresultate nur gegen die Juden gerichtet ist. Tie Schule soll | den Ehristlichsozialen entrissen werden, um sie für die deutschnationalen Christen, für die liberalen Christen bezw. die sozialdemokratischen Konfessionslosen in Beschlag zu nehmen. In allen diesen Fällen handelt es sich darum, den christlichen Lehrer gegen den jüdischen auszuschüren, und dazu mußte der Kultuspräsideni Dr. Alfred Stern wahrhaftig seine.Hand nicht hergeben. Kann er seine alte Liebe nicht lassen, so möge er das Kultuspräsidium lassen, mußte er aber seine Unterschrift auf diesen Aufruf setzen, dann hätte er auch den Mut aufbringen müssen, in dieser Versammlung ein Wort für die jüdischen Lehrer zu sprechen. * * * Ter Fall Dr. Otto Fri schau er war wieder so eine prickelnde, echte Wiener Sensation. Plötzlich wurde der F r i s ch a n e t, dieser Typus und die Frucht des liberales Assimilantentums, von allen den Händen, die ihm vor noch nicht allzu langer Zeit rechts und links auf Kilometerentsernung entgegcngestreckt wurden, fallen gelassen. Wir müssen aber bei dieser Gelegenheit uns gegen die Zumutung der chriülichsozialen Presse verwahren, daß der F r i s ch a u e r und seine Machenschaften auf das Kerbholz des Judentums geschrieben werden müßten. Frischauer ist nicht deshalb das geworden, lvas er ist, weil er ein Jude gewesen, sondern weil er ein Jude gewesen. Mit seinem G l a u b e n s w e ch s e l ist Frischauer auf die sck)iefe Ebene geraten, und die Verantwortung dafür tragen die Assimil a t i o n s g e l ü st e der Juden und die „christliche" Gesellschaft, welche auf die durch Glaubens Wechsel begangene Gesinnungslumperei eine Prämie setzt und dadurch das ganze Gesellschaftslebeir moralisch verpestet. * * * „Tie Rückkehr zum alten Katechismus" ist das neueste Schlagwort.des Führers der Ehristlichsozialen. Tr. Lueger will die „milde Tonart" aufgeben und „zum alten Katechismus" zurückkehren. Wollte er wirklich auf den alten, ganz alten „Katechismus" zurückkehren und seine Gruppe zu einer vernünftigen, ruhigen Auseinandersctzungspolitik bringen, so könnte man noch der Meinung sein, daß Dr. Lueger, nunmehr zur Politischen Vollmacht gelangt, auch die moralische Kpaft besitze, einer gerechten Politik die Bahn zu öffnen. Es scheint jedoch, daß in seiner Partei wieder die Schneider, Bielohlawek und Ge ßm a n n Oberhand gewannen und daß die „Rückkehr zum alten Katechismus" nichts anderes als die Wiederbelebung des rohen, unmenschlichen Radau-Antisemitismus bedeutet. In diesem Falle wäre Dr. Lueger der Geführte und nicht der Führer, und es würde uns Juden nichts anderes übrig bleiben, als zu einer den Angriffen entsprechende Abwehr zu greifen. Korrespondenzen. Zur Protektionswirtschafl i« der Kultusgemeiude. Sehr geehrter Herr Redakteur! Seit Jahren kämpfen Sie unerschrocken und mannhaft gegen die Protektionswirtschaft, die sich in unserer jüdischen Kultusgemeinde eingenistet hat und heute mächtiger denn je an fast allen Zweigen ihrrs VerwaltnngSkörpers wuchert. Ich will Ihnen einen Fall aus allerjüngster Zeit zur Kenntnis bringen, der Sie in Ihrer Ueberzeugung bestärken wird, daß es eher schlechter als besser geworden ist. Vor einigen Tagen kam mein Mündel, ein armes Wais-vniädcheri, und klagte mir, wie schwer cS sei, eine halbwegs annehmbare Stellung als Kontoristin zu finden. Seit drei Jahren sei ihr Gesuch, mit den besten Zeugnissen versehen, im Archiv der Kultusgcmeinde vergraben. Vor kurzer Zeit ergab sich in den Bureaus der Gemeinde eine Vakanz, es wurde aber eine Sitzung einberufen, in der auch über die Besetzung dieser Stelle beraten werden sollte. Sämtliche Kompeteuzgesuche wucden aus dem Archive hervorgcsucht. So weit wäre die Sache in Ordnung. Kaum aber sollten die vorliegenden Gesuche behandelt werden, da erinnerte sich Herr Oberfinanzrat Doktor Rappaport, daß er eine Nichte habe, und — man höre und staune — die Anstellung der Nichte des KultusrateS im Dienste der Gemeinde war auch schon beschlossen. Sie begreifen die Verzweiflung meines Mündels und jetzt auch meine Empörung!! Indem ich v bitte, diesen Zeilen in Ihrem sehr geschätzten Blatte Raum zu geben, zeichne ich Hochachtungsvoll I. Sommer. Wien, 1. Dezember 1904. Gi« Kompromiß und frittt Folge«. Aus zionistischen Studentenkreisen kommt uns folgender Artikel zu: Das zionistische Wahlkomitee schloß mit den Machthabern in der Kultusgemeinde ein Kompromiß; die Folge davon war, daß 3100 Stimmen weniger abgegeben wurden als bei der letzten Wahl, und — ein Mandat. Von der Person des gewählten Zionisten wollen wir ganz absehen. Architekt Marmorek hat sich große Verdienste um das Judentum erworben und deshalb dürfen wir seiner Tätigkeit ruhig entgegensehen. Wiegt aber der Erfolg, Herrn Architekten Marmorek in der Kultusstube sitzen zu haben, den Verlust von 3100 Stimmen auf? Gilt das gar nichts? Und das ist die Folge des unseligen Kompromisses. Seine Folge ist es, daß das Interesse von 3100 Wählern für das Judentum, das sich sonst wenigstens in der Abgabe der Stimme bei der KultuSwahl zeigte, ganz versiegte. Die bei der letzten Wahl erzielte Stimmenabgabe hat, ganz abgesehen von dem Erfolge der einzelnen Parteien, zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, daß endlich die gräßliche Indolenz der Wiener Judenschaft verschwinde, daß die Wiener Juden wieder Interesse gewinnen an den vitalsten Fragen ihrer Gemeinde. Und nicht nur das! Man hatte zu wählen zwischen Zionisten und den bisherigen Gemeinderäten. Unwillkürlich fragte man sich, was denn eigentlich die Zionisten wollen, was für Leute denn das seien, ob das nur Mandatshascher seien oder ob sie es wirklich mit ihrem Volke ernst meinen. Und allenthalben besuchte man die zionistischen Versammlungen und ging, wenn nicht bekehrt, so doch nachdenckend nach Hause! Heuer auch? Die daran schuld sind, daß es nicht so gekommen ist, werden wohl die Antwort wissen. Der größte Fehler liegt aber im Kompromiß als solchem. Wir Zionisten sind eine Kampfpartei, wir sind im Kampfe groß geworden, die Anschauungen vieler unserer Gegner haben sich im Kampfe geklärt und wir können behaupten, daß wir Zionisten «och aus jedem Kampfe, wenn nicht als effektive Neger, so doch als moralische Sieger hervorgeWMgm sind. In edlem Kampfeseifer hat sich die Jugend unserer heiligen Sache an geschlossen, hat dlmdlings jeder Parole Folge geleistet in der Men Ueberzmgung. sie führe einen heiligen Kanqzf. Aus diesem Grunde Hobe ich mir, obzwar noch nicht Kultuswähler, erlaubt, zur Wahl Stellung zu nehmen. Wir, die jüd ische Ingend, dürfenwohl verlangen.daß unsere Führer dafür sorgen, daß wir, ins öffentliche Leben getreten, eine Kultuspolitik vorfinden, wie sie unserer Idee entspricht. Haben sie das noch nicht erreicht, nun gut, dann wirdes unsere Aufgabe sein, dafür zu kämpfen, aber unterlassen dürfen sie nichts und mlffse» ausharren im Kampfe, weil er ein gerechter ist. Wenn wir in diesem Kampfe der Mitarbeiterschaft aller redlich denkenden Juden bedürfen und sie auch zu gewinnen trachten müssen, muß dort unserer Idee zum Siege »erhoffen werden. Wir dürfen den Kampf so lange nicht aufgeben, bis wir am Ziele angelanat find und das ZiK ist für unsere Gemeindepolitik die völlige Durchtränkung dieser Politik mit unserer heiligen Zionsidee, für die es keine russischen Glaubensgenossen und auch keine deutschen Brüder christlicher Konfession gibt, sondern nach der alle Juden, ob sie Nu« da oder dort leben, ob sie kaiserliche Räte oder Schnorrer sind, als Brüder betrachtet und auch behandelt werden. Man darf nicht einwenden, daß, wenn die Machthaber in der Kultusstube versprochen haben, in nationalem Geiste ihre Amtsgeschäfte zu führen und gewissermaßen zur Kontrolle, daß dies auch wirklich geschehen wird, eine« Zionisten ein Mandat gewährt haben, dies schon ein Erfolg des Zionismus sei. * Diese Männer, die soundsoviele Jichr» in ganz verkehrter und verderblich« Weise'die Angelegenheiten der Wiener Judenschaft v«rwallet haben, sind nicht fähig, zionistischen Geist in sich aufzunehmen. Mit diesen Männer«, die Beamte in verantwortlichen Stellungen dulden, die ihre Kinder zum Taufbecken geführt haben; die selbst unter sich Männer geduldet haben, deren Kinder zu Verrätern an ihrem Volke wurden in Zeiten höchster Gefahr, darf es kein Kompromiß geben; sie haben viel zu viel auf dem Kerbholz. Diese Leute, die erst durch den elementaren Ansturm wahrhaft jüdisch denkender Männer dazu bewogen wurden, selbstverständliche Dinge zu unternehmen, wie z. B. Arbeiten an Juden und nicht an Antisemiten zu vergeben und dies dann als Verdienst auszuposaunen, können nie und nimmer national fühlen und wenn ste es vorgeben, so ist es unglaubwürdig. Und schließlich Männer, die ein Wahlgesetz geschaffen habe«, durch das zwei Drittel der Wiener Juden, die — man könnte sagen — mehr Judentum repräsentieren als alle Wahlberechtigten zusammen, mundtot gemacht wurden, werden nie die Idee des spezifisch jüdischen Sozialismus, des Zionismus, in sich aufnehmen können und überhaupt auch nie darnach handeln, weil ste es nicht können und es nicht verstehen. Wenn die zionistische Sache hier nicht an Boden verlierensoll, darf die Partei derartige Bündnisse nicht eingehen, sie schläfert damit nur wieder die Juden ein und was unser Herzl s. A. in sieben langen Jahren erreicht hat, wird durch ein derartige- Vorgehen zunichte. Für uns Zionisten ist das kein so groß« Gewinn, wenn R. v. Goldschmidt seinen Beitritt zur Organisaition anmeldet und Baurat S t i a 8 n y schon jahrelang zionisielt. Aber ein großer Verlust ist es für uns, wenn über 3000 Männer sich der Wahl wie auf Kommandoruf enthalten und dami< dokumentieren, daß ihr Interesse für jüdische Angelegenheiten erloschen oder sehr gemindert ist. Oder — daß etwas faul ist in Juda. Das war einmal ein gewaltiger Schritt nach rückwärts. Caveant consules! jur. Jul. Schüller. Wi en, Dezember 1904.

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