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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 50 Jüdisches Yolksblatt Seite 3 Rußland erwacht! Rußland erwacht! Mögen auch die Meingläubigen, die immer auch die Nichtsahnenden und Kurzsichtigen sind, noch zweifeln — Rußland erwacht! Ob es sich kürzere oder längere Zeit die Augen reibt ob es auch noch hin und wieder auf eine Weile einnickt — Rußland erwacht! Und auch die Ueberraschten haben nicht recht, die wie von einein Wunder sprechen. Wer hätte das voraussehcn-wcr hätte das ahnen können-! Nun, jeder, dem die Geschichte weder ein Haufe von Zufällen oder Bestimmungen noch eine Reihe von Willkürhandlungen einzelner Herrscher und Führer, sondern die Entwicklung selber ist; jeder, der es gelernt hat, diese in ihrer stillen Borbereitungsarbeit zu belauschen und sich von dein protzigen Lärin der Stunde nicht imponieren zu lassen. Ja, Rußland erwacht, vor unseren Augen vollziehen sich Ereignisse, die mehr sind, als was sich sonst dafür ausgibt und doch nur ein Wiederkäuen der Zeit sind. Ereignisse, die eines still ausgereiften.Neuen so voll, die so übcrlebcndig sind, daß auch der gewöhnlichste, der kleinmütigste, der blindeste Mensch sich ihrem feierlichen Schauer nicht ganz entziehen kann. Tiefe Furchen sozusagen, die aus dem Antlitze der Menschheitsgeschichte nie mehr wegzubringen sein tperdcn! Rußland' erwacht! Heißt daß nicht: Der Menschheit letzte Zwingburg fällt?! Ihre Peiniger und Verwirrer Verlierer: den letzten Hort und Halt! Die alte Garde zum Aussterben verurteilt! Sie, die daran schuld ist, daß die Völker nicht aufhören können, aufeinander zrr schlagen, daß die Massen nicht müde werden, Verführern statt Führern, Ehrgeizlingen statt Wahrheitsmenschcn zu folgen; daß die Gebildeten nicht lernen, großen harnwnischcn Geistern statt eitlen oder von irgend einem Wahne besessenen Querköpfen anzuhangen. Sie, von denn Gnade, die Herrschsucht, das Geld und die Dummheit leben! Tic alte Garde im Sterben! Und frei die Bahn der Menschheit zur Vervollkommnung und Solidarität! Oder, um uns aus nähere Horizonte zu beschränken : Rußland erwacht! .Heißt das nicht: Bald werden viele Zehnmillioncn Bauern und Kleinbürger eines der scelenvollstcn Völker nicht mehr in beispielloser Unwissenheit dahinleben? Bald wird eine scheußliche Büttelzucht, wie ans der Welt keine zweitevorhanden ist', ihr Ende finden? Bald werden nicht mehr hunderttausende der hingebungsvollsten Männer und Frauen unter Peitschenhieben sich winden und selbst verhaßt ist, füge nicht einem andren zu, um vollends durch das Christentum hindurch bei Kant zu der grandiosen Prägung einein uns innewohnenden Siltengesetzes zu gelange«. Wie unkonsequent er überhaupt in seiner Beurteilung der Juden als solcher ist, zeigt besonders seine folgende Behauptung: Man solle zwar den Juden gleiche bürgerliche Rechte erteilen, wie schon, wie er sagt, die Gerechtigkeit fordert, ihnen aber keinen Anteil im Staate gewähren, weil sie trotz ihrer Heimatlosigkeit durch eine beispiellose Hartnäckigkeit an ihrer Nationalität behaupten und gern wieder za einem Lande gelangen möchten, und andrerseits empfiehlt er für sie volle Gleichberechtigung, wenn sie. de« Christentum beitreten. Wenn also der Philosoph die Juden zugegebenerweise für eine bewußte Nation hält, so ist eS unbegreiflich, wie sie durch den Eintritt in das Christentum ihre Zugehörigkeit zu den europäischen Völkern erlangen könnten. Auch ein anderes Mittel zur Lösung der Judenfrage gibt der Philosoph an, und zwar die Gestattung der Mischehen, wodann es, wie er meint, nach hundert Jahren keine Juden mehr geben wird, eine Prophezeiung, die sich in den Ländern, in denen die Mischehe bereiteingeführt ist, nicht ganz erfüllen will. Me dem auch sei, so weise« die angedeuteten Lösungsversuche der Judenfrage deS gewiß nicht kirchlich beeinflußten Philosophen, weun sie auch noch so sehr da- Wesen deS Judentums verkennen, auf seine innere Anteilnahme mit dem so oft gedrückten und geknechteten Judenvolke hin; und indem er deren bewunderungswürdige Begabung zu schätzen versteht, weiß er die den Jude« anhaftenden Fehler hauptsächlich dem langen ungerechten Drucke zuzuschreiben. Er grollte den Juden, haßte sie aber nicht, schimpfte über sie. aber sein Schimpf läßt Bewunderung durchschimmern. Dr. S. Zimmcls. in der Verbannung verkommen? Bald wird eine Reihe geknechteter, um ihre Menschen- und nationalen Rechte betrogener Völker wieder aufatmen — unter ihnen das heimgesuchteste von allen, unser jüdisches Volk in Rußland? Ja, auch unser jüdisches Volk! Und wenn auch nicht so tief und so voll wie die anderen — der Zeitpunkt wäre schlecht gewählt, um über diese Differenz zu jammern und hämisch auf den Westen zu verweisen, wo bei der Gleichberechtigung so wenig herausgckommen sein soll. Man ist ja auch auf die konstitutionellen Einrichtungen im allgenreinen nicht gut zu sprechen. Warum schweigt sich denn aber diese üble Nachrede jetzt angesichts des großen Freiheltswerdens in Rußland so gründlich aus? Warum kann j.tzt niemand, der nicht geradezu zu den instinktiven Freunden aller Bevormundung zählt, die Sehnsucht unterdrücken, den Tag dev russischen Verfassung zu erleben? Warum auch jene nicht, die sonst nicht genug Worte der Verachtung für den Parlamentarismus in Westeuropa bereit haben? Weil eben in solchen geschichtlichen Augenblicken der so gern angezweifelte Gedanke der fortschreitenden Entwicklung als siegende Wirklichkeit auftritt. Weil dann niemand mehr den Mut findet, einer Uebergangsstufc den Respekt zu versagen, den er im politischen Alltag nur zu gern und mit Rücksicht, auf die höhere, noch erivartete Stufe nicht ohne Berechtigung verloren hat. Aus ganz demselben Grunde dürfte es vielleicht nur unter den Inden der rückständigsten Art welche geben, die sich nicht freuen, daß nun in absehbarer Zeit die Gleichberechtigung in Rußland zu erlvarten ist. Und gewiß begrüßen auch jene, die der Emanzipation an sich nicht sehr gewogen sind, das, was ihnen daheim leider so geringfügig erscheint und sicherlich auch nicht alles fein soll, mit einem unabweislichen Gefühle der Erleichterung. Und man gehe erst unter das russischjüdische Volk selbst, horche hin und überzeuge sich, daß selbst in seinen bewußtest nationalen Schichten die brennendste, durstigste Sehnsucht lebt nach jenen „papierenen" Errungenschaften, deren zu spotten uns Westjuden so leicht wird. Und nicht bloß das! Auch die Befürchtung, von welcher der westliche Jude nationaler Gesinnung bei aller Freude über die große Wendung dennoch so sehr gequält wird, wird dort oft gar nicht und zumeist nicht in gleicher Stärke empfunden: die Befürchtung nämlich, daß die Emanzipation die jungen Triebe der nationalen Bewegung vernichten und eine Assimilationsära cinleiten werde. Selbst wenn cs sich so verhielte, wenn wirklich die jüdische Nation als kulturelles Eigenvolk durch die russische Verfassung gefährdet erschiene — was ließe sich tun, um die Gefahr abzuwenden? EUva die Geschichte des russischen Reiches stillestellen? Wodurch? Etwa durch die innere Lust, am geraden Gegenteil, an der Vorwärtsschübring dieser Geschichte mitzuarbeiten? Aber die Gefahr besteht ja gar nicht. Tic junge russische Freiheit wird das jüdische Volkstum auch nicht eine Generation kosten, geschweige es in seinem ganzen östlichen Bestände bedrohen. Das russische Judentum ist heute kein cingeschüchterter Kulturbettlcr, wie cs das deutsche Judentum war, als es befreit wurde, sondern, stolzer Herr seiner Eigenart. Es ist auch kein Volk von ein paar Leuten, wie seinerzeit und znm guten Teil auch noch heute die deutschen Juden sind. Vielmehr bildet es zusammen mit allen anderen Ostjudcn in Osteuropa und in der neuen Welt ein mit eigener Sprache und Literatur und eigener Ausdrucksart des modernen Empfindens ausgestattetes Zehmnillionenvolk! Und es stellt die überwiegende Mehrheit, die Kerntruppe dieses Volkes dar! Wie falsch, zu glauben, daß aus seiner Emanzipation ebenso Assimilation, werden müsse wie aus der Emanzipation von Volkssplittcrn ohne geistigen Gesundhcits- und Zukunftswert Assimilation geworden ist! Nein! Den russisch-jüdischen Stamm kann kein noch so starker Frühlingssturm entwurzeln. Einige Blätter wird er abreißen, dem Stamme selbst nur neue Fruchtbarkeit, neue Säfte, neues Grünen bringen. Die eingebildete Gefahr ist das größte Glück. Da plagt man sich nun schon jahrzehntelang unter Aufwand aller Mittel der Freiheit, um im leeren Raume der Assimilation die Hebel einer nationalen Bewegung anzusetzen — natürlich ohne besonderen Erfolg. Nun werden diese Mittel der Freiheit einem ganzen, fertiger: Volke gegeben. Und man jubelt nicht! Mm weiß den Gewinn nicht zu schätzen! Men versteht nicht, daß die neue Aera, die sich soeben in Rußland ankündigt, nicht nur einen Sieg des Menschheitsfortschrittes, nicht nur eine Erlösung von Millionen Unterdrückter, nicht nur eine Besserung der materiellen Lage der russischen Juden, sondern auch eine getvaltige Hebung des nationalen Kulturvermögens des jüdischen Volkes bedeutet. Mathias Acher. An die geehrten Leser dieses Blattes! Ich habe folgenden Brief erhalten : Wien, 1. Dezember 1904. Sehr geehrter Herr! Mit der heute erfolgten Uebergabe des „Jüdischen V o l k s b l a t t" in §chr Eigentum geht ein alter Wunsch in Erfüllung, daß der Besitzer des Blattes und die Leitung unserer Partei nicht in einer Person vereinigt seien, damit sowohl das Blatt als auch die Partei sich ungehindert entwickeln können. Es gereicht mir zur Freude, in diesem Momente konstatieren zu können, daß Ihre bisherige Tätigkeit bei dem Blatte und in der Partei eine sichere Gewähr dafür bieten, daß das „Jüdische Bolksblatt" auch in Ihren Händen seinen bisherigen politischen Prinzipien treu bleiben wird. Hochachtungsvoll Richard Rappaport. Durch die obige Zuschrift ist das Eigentum des „Jüdischen Bolksblatt" mit dieser Nummer in meine Hände übergegangcn. Meine bisherige Wirksamkeit bei diesen: Blatte macht es mir zur Ehrenpflicht, dasselbe in den bisherigen Bahnen weiterzufühven. Das „Jüdische Bolksblatt" wird seine alten politischen Forderungen im Interesse des jüdischen Volkes hierzulande mit aller Energie verfechten und an der Errichtung unserer altehrwürdigen Heimat in Palästina nach wie vor mit Hingebung Mitarbeiten und zugleich auch die Abwehr gegen Angriffe von außen energisch vertreten. .Nach wie vor soll das „Jüdische Bolksblatt" auch eine Tribüne sein, in der jeder Berufene, der sachliche Vorschläge und Ideen mit seinem Namen vertreten will, zu Worte kommen kann. Das „Jüdische Bolksblatt" will auf diese Weise der ehrliche Vermittler zwischen den verschiedenen Parteiungen innerhalb des Judentums sein und den Frieden zwischen denselben anstreben, ohne jedoch sein Recht und seine Pflicht auf eine sachliche und, wem: cs tottut, scharfe Kritik sämtlicher Lebenserschenningen des jündischcn Volkes aufzugcben. Mit dieser Nummer geht auch eine innere Umgestaltung des „Jüdischen Volksblatt" vor sich. Das Format desselben wurde auf Wunsch eines großen Teiles seiner Abonnenten und Leser in ein handlicheres umgetauscht. Den modernen Anforderungen Rechnung tragend, wird das „Jüdische Volksblatt" durch folgende Beilagen vergrößert, und zwar: 1. Auswanderung und Kolonisation. 2. Synagoge, Schule und Haus. 3. Handel und Gewerbe (Der Arbeiter). 4. Wissenschaft, Kunst und Literatur. Das „Jüdische Bolksblatt" wird fortan in einer Stärke von mindestens 12 Seiten erscheinen. Dieser Umstand veranlaßt uns, den Bezugspreis desselben vom 1. Jänner 1905 ab wie folgt fcstzusetzen: Für Wien und Oesterreich-Ungarn samt Zustellungsgebühr: ganzjährig.K. 12.— halbjährig 6.— vierteljährig.„ 3.— Für Deutschland: ganzjährig.K. 12.52 halbjährig. 6.26 vierteljährig. 3.13 Für das gesamte übrige Ausland: ganzjährig.K. 13.66 halbjährig. 6.78 vierteljährig. 3.39 Wer ein modernes, gut jüdisches Blatt lesen will, wer über alle das Judentum betreffenden Vorkommnisse unterrichtet sein will

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