Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 50 (9.12.1904)
- Date
- 1904-12-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdischeft Volksblatt M.«S Drei Formeln ergeben sich als Postulate der obigen Auffassung: 1. Ohne eine innere Reform de- Judentumist der Judenstaat nicht möchlich. Aber auch die innere Reform ist nicht möglich ohne die Gründung einer Reihe groß angelegter Kolonien, in denen starke Entwicklung-Möglichkeiten für dapolitische und wirtschaftliche Gedeihen der Juden geschaffen werden. Aus diesen Gründungen aber kann und soll der Judenstaat einmal entstehen. Man kann also wohl sagen, die Tendenz zum Judenstaat ist ebenso notwendig für die innere Reform des Judentums, wie diese für die Tendenz. 2. Der kulturelle und der politisch-wirtschaftliche Zionismus sind nur Teilerscheinungen deS in Wirklichkeit einheitlichen Renaissance strebendes jüdischen Volkes. Folglich müssen also Vorbereitungen nach beiden Seiten hin unternommen werden. Die zu gründenden Kolonien dürfen nicht allein als »rein wirtschaftliche Unternehmungen" aufgefaßt werden. Sie sind zu gleicher Zeit kulturelle Stationen auf dem Wege des gewaltigen Wandernzur endgültigen Erlösung hin. Daraus folgt 3. Der KolonialzionismuS ist die erste Etappe des „synthetischen" Zionismus. Der synthetische Zionismus bezweckt nicht die Riederreißung, die totale Umgestaltung des Baseler Programmes. Dieser einheitliche, allumfassende und vor allem „evolutionistische" Standpunkt erheischt keineswegs mit Naturnotwendigkeit eine Zertrümmerung alter Organisationsformen, ein. Niederreißen zum Teil verfehlt aufgeführter Bauten. Es handelt sich nur um eine Vertiefung. Ergänzung und Umformung des Baseler Programmes, durch welche sogar eine gewisse „Kontinuität" der bisherigen Bewegung geradezu gefordert wird. In diesem Sinne muß auch die Reform der zionistischen Partei angebahnt werden, in diesem Sinne muß sich auch schon der nächste Kongreß mit der Theorie der „JudenfraHe" befassen. Die schroffe, extreme Rassentheone muß aufgegeben werden, ei» geläuterter sozialer „Nationalismus" muß in Angriff genommen werden, es muß zunächst theoretisch die Brücke gefunden werden zwischen der Tendenz zum Judenstaate hin und der wirtschaftliche«, vor allem kulturellen Betätigung in Rußland, Oesterreich u. s. w., in den verschiedenen „zweiten Vaterländern" der Juden. Nur auf dieser Basis kann eine groß angelegte Agitation im assimilatorischen Westen und im proletarischen Osten gelingen. Der praktische Niederschlag der theoretischen Formeln ist einerseits so gewichtiger Natur und andrerseits so plastischer Art, daß er sich sofort in Welt. Um kurz zu sein: Da- Urwefen der Wett ist blind nnd unvernünftig, daher auch feine Wett zweck- und ziellos, ein ewiges Begehren, ein Tummelplatz von Wünschen ohne endgültige Befriedigung. Der Daseinswert nichtig, der Lebenszweck null. Der WeltpeflimiSmuS ist die Folge dieser Anschauungsweise. Es darf daher nicht wundernehmen, wen« Schopenhauer, der der vollsten Ueberzeugung war, das Wesen der Welt als zwecknnd zielloses Triebwerk restlos gedeutet zu haben, und so den Sinn der Welt oder vielmrhr deren Unsinn enthüllt hat, nicht gut auf das Judentum zu sprechen war, das gerade das Entgegengesetzte den Gemütern einzuprägen sucht: Die Welt Hobe ihren Ursprung einem mit unendlicher Güte und Weisheit auSgestatteten Wesen, einem sehenden zielbewußten Willen z» verdanken. Das nicht wegzuleugnende Uebel ist bloß die notwendige Grundlage, auf der sich das Gute erheben sollte, und ist überhaupt da, um den Menschen zu zwingen, den Weg des Glückes als Folge der Tugend selbst zu betreten. Alles werde von Gott zum Besten gewandt, dem sie als einem vernünftigen, ja allweisen Wesen entstammt, eine Lehre, die doch den ausgesprochenen WeltoptimiSmuS verkündet. ES ist daher leicht begreiflich, daß Schopenhauer, der geschworene Feind jeder optimistischen Weltbetrachtung, voller Erbitterung war, daß gerade das Judentum zur Grundlage der europäischen Kultur wurde. ES ist als ein großes Unglück, sagt dieser Denker, anzusehen, daß daS Volk, desien gewesene Kultur der unserigen hauptsächlich zur Grundlage diene» sollte, nicht etwa die Inder, die Griechen oder anch nur die Römer waren, sondern gerade diese Juden, ein kleines, abgesondertes, freisinnige», hierarchische», d. h. durch Wahn beherrschtes, von den gleichzeitigen großen Bölkern des Orients und Okzident» verachtetes Mvkelvolk. eitler Reihe von »konkreten Anträgen" für den nächsten Kongreß äußern kann. Ich glaube, alle guten ZionSfreunde, alle, die für einen umfassenden synthetischen Zionismus zu haben sind, alle, die sich vor Einseitigkeiten hüten, müffen folgende Beschlüffe des nächsten Kongresses wünschen: 1. Der Kongreß setzt eine Kommission für die Revision der theoretischen Grundlagen der Judenfrage ein. 2. Der Kongreß überweist alle diplomatischen Aktionen an ein Komitee, dem folgende Richtschnur mit auf den Weg gegeben werden soll: a) besondere Aufmerksamkeit für die Möglichkeit einer Einwirkung auf den Sultan der palästinensischen Kolonialbegründung freien Lauf zu lassen; d) genaues Studium aller Maßregeln, die dazu dienen könnten, die „öffentliche Meinung Europas" in unserem Sinne zu beeinflussen, welche heute ausschlaggebender ist für die Erreichung bestimmter und positiver Ziele, als alle guten Wünsche der Souveräne. 3 Der Kongreß beschließt, die Entnationalisierung der jüdischen Maffen Englands und vor allem Nordamerikas im Auge zu behalten und durch Verbreitung echt nationaler Kultur dorthin, wenigstens zur teilweisen Verminderung dieser Gefahr beizusteuern. 4. Der Kongreß beschließt, selbst wenn der Bericht der Vorkommifsion über Uganda noch so günstig ausfällt, keineswegs größere Maffen osteuropäischer Juden dorthin zu senden, von dem Standpunkte ausgehend, daß Ostafrika auf jeden Fall für die große Renatssancebewegung des Judentums keine bedeutsame Etappe darstrllen kann: 5. Der Kongreß beschließt die sofortige Inangriffnahme der Kolonisation Palästinas und Kleinasienmit allen verfügbaren Mitteln, von der dreifachen Erwägung ausgehend, daß a) nur diese Kolonialbewegung die Gewähr in sich trägt, sowohl eine kulturelle als eine wirtschaftlich-politische Verbreitung zu ermöglichen, d) daß keine wie immer gearteten formellen und finanziellen. Erwägungen die Zionisten von der Notwendigkeit einer sofortigen Inangriffnahme entbinden könnten, selbst wenn neue Mittel hierzu mit allen Kräften herbeigeschafft werden müßten; e) daß die Außerachtlassung und Nichtbefolgung dieser großen nationalen Arbeit seitens der Zionisten das sofortige Einschreiten großer assimilatorischer Gruppen in dieser Beziehung zur Folge hätte und daß durch eine solche Bewegung im besten Falle einerseits nur wirtschaftlich blühende, nicht auch national kulturelle Kolonien geschaffen würden, andrer- Jnteresiant und wohl auch zutreffend ist seine Charakterisierung de» Judentums: Das Judentum habe zum Charakter Realismus und Optimismus, Begriffe, welche Untereinander nahe verwandt sind und die Bedingungendes eigentlichen Theismus bilden, indem auch dieser die Welt für absolut real oder mit anderen Worten für eine außerhalb unserer Vorstellung existierende hält und daS Leben für ein uns gemachte- Geschenk auSgibt. Hierdurch steht daS Judentum im Gegensätze zum BrahmismuSund Buddhismus, deren Grundcharakter Idealismus und Pessimismus ist, indem diese beiden Religionen der Welt bloß eine traumartige Existenz zugestehen und daS Leben als Folge unserer Schuld betrachten. Hierbei sei bemerkt, daß wir hier unter Idealismus jene Anschauung im kritischen Sinne verstehen, welche die Wirklichkeit nur i.i der einen Seite der Vorstellung sieht, die schon in ihrem Verlaufe selbst die Wett ausmacht und die Materie als Wesen an fich leugnet. Nur die Erzählung vom Sündenfall spricht den düsteren Philosophen an, in der er das einzige Kleinod der Bibel sieht. Die ungeschichtliche Betrachtungsweise des Philosophen, der überhaupt jede geschichtliche Evolution perhorresziert, führt ihn dazu, dem Judentum überhaupt den Unsterblichkeitsglauben abzusprechen, ja er will sogar die bekannte Tatsache, daß in der Bibel von der Unsterblichkeit nichts erwähnt ist, als volle Konsequenz des jüdischen Theismus, der ursprünglich einzigen und alleinigen, rein monotheistischen, einen wirklichen Gott-Schöpfer des Himmels und der Erde lehrenden Religion. Aber schon der Umstand, daß der UnsterblichkeitSglaube schon 200 vor der christlichen Zeitrechnung bei den Pharisäern wenigstenals unumstößliche Lehre galt und bei mittelalterlichen Religionsphilosophen als Gru»dlehre deS Judentums formuliert werden konnte, weist derartige Enunziationen, daß der jüdische seits die Affimilation erst recht gestärkt hervorgehen dürste. Trotz aller Kürze, die ich diese» A»s- < führungen geben muß. darf ich i» diesem Zusammenhänge folgende Erwägung nicht unterdrücken: Wenn dieser hier erst in denAnfätze« und Keimen vorgetragene synthetische Zionismus einst zu einem ausgreifenden System entwickelt werden wird, so wird efich auch Herausstellen, daß er gleichsam in potenzierter Form ein Inventar aller bisherigen Auffaffnngen darstellt. Vier Momente dienen — wenn «ich nicht alles täuscht — insbesondere al- Grundlage des synthetischen Zionismus: а) Ausbau der Kolonien in Palästina und Kleinasien (ein Standpunkt, der im Westen hauptsächlich durch Bambus vertreten wurde); d) geistige Umformung deS Judentums. (Achad Haam); e) Appell an die öffentliche Meinung und überhaupt öffentlich-moderne Behandlung der ganzen Judenfrage (Birnbaum); б) Einheit der zionistischen Organisation, formaler oder Kongreßzionismus (Herzl). Ich weiß, daß insbesondere die großen Geister unserer Nation an diesem Programm Anstoß nehmen werden, weil fie zu viele Liebllngswünsche und Einzelforderunge« aufgeben müffen. Ich sehe den einen großen Sohn unseres Volkes, der auch Mitarbeiter dieser Blätter ist, sich kopfschüttelnd abwenden von diesem „allzu politischen Geiste", der pch anschickt, all diese unendlich komplizierte« Dinge zu vereinfachen und zu nivelliere«. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, gerade diese Männer zu überzeugen, daß ein »einheitlicher Zionismus" nottut, der viele Einzelforderungen außer acht läßt, der aber doch notwendiae und fruchtbare Plattformen schafft, die wir haben müffen, um zu siegen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, sie noch alle zu gewinnen, sie alle mitzureißen, sie alle zu begeistern für eine Sache, in der es keine Führer und Soldaten gibt, sondern nur Verkünder. Glückliche Männer sprechen gerade in der richtigen Stunde daS erlösende Wort aus. Keine Erwägung darf denjenigen, der Bedeutsames zu sagen glaubt, hindern, es in gefahrvoller'Stunde öffentlich auszusprechen. Dieses Programm war notwendig. Sollte es zum Schaden des Judentums nicht befolgt werden, so würde dies niemanden mit größerer Trauer erfülle« als den Schreiber dieser Zeilen. Keine Macht der Erde aber kann mich der Pflicht entbinden, trotz aller Skepsis, die ich selbst an der sofortigen Ausführung meiner Idee hege, die Wahrheit zu sagen. Sie kommt nie zu früh. Theismus mit der Unsterblichkeit unvereinbar ist, entschieden zurück. Aber auch im folgenden zeigt Schopenhaner seinen einseitigen Standpunkt, wie in alle» seine« Urteilen über das Wesen des Judentums, indem er Zeitepochen untereinander vermengt. Er faßt das Judentum bald von der Seite, wie es sich ihm im Pentateuch darstellt, bald wie eS in der spatbiblischen Zeit hervortritt. So läßt er den Satan al» Moment des Böse» im Judentum gelten, eine Anschauung, die erst in der spätbiblischen Zeit hervortritt und die merklich fremden Einfluß aufweist. Das Mitleidsgefühl, diese seelische Erscheinung, in der sich der EgvlSmnS zu brechen scheint, nimmt Schopenhauer als vollgültigen Beweis für seine AlleinStheorie in Anspruch, während er dafür im jüdischen TheiSmuS keinen Platz findet und steht merkwürdigerweise diese seine Ansicht in dem mangelhaften MitleidSgefühle der Juden, beeinflußt vo» ihrem Theismus, bestätigt. Abgesehen davon, daß gerade dieses Phänomen eine Klippe ist, an der die Echopenhauer'sche Theorie von der Welt als einer wahnsinnigen Hetze eines blinde« Drange», des blöden Weltwillens scheitern müßte — was auszuführen, zu weitläufig wäre — ist der TheiSmuS nicht verlegen, seinerseits das Mitleidsgefühl auf genetischem Wege abzaleiten. Die Schmrrzgefühle bei Leiden derselben Natur sind bei allen Meusche« ziemlich gleichartig; hierdurch kann ei» jeder da» Leiden andrer nachempfinden und es sich gegenwärtig halten, so daß er dann, vo« dem in ihm auftauchenden Bilde des Jammers in Furcht gefetzt, dem Leidenden beizustehen sucht, wie wen« er selbst davon heimgesucht worden wäre. Liebet die Fremden, heißt es in der Schrift, denn ihr seGst Mt Fremde im Lande Aegypten, ein auf eiue« konkrete» Fall Bezug habender Satz, der sich im späte« Judentum zu der ethischen Formel verdichtet: was die