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Jüdisches Volksblatt · 1904-12-09 · 50 (9.12.1904) · page 1

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
50 (9.12.1904)
Date
1904-12-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dezember 1904 (1. Trbeth 5665). VI. Jahrgang. Was nun? Von Dr. Paul Weisengrün. Wiederum steht der Zionismus am Scheidewege! Theodor Herzls seltsame, fesselnde, And vor allem mächtig wirkende Persönlichkeit '^vermochte lange Zeit alle Zweifel zu bannen, gewaltige Strömungen der Volkspsyche künstlich zu beseitigen, wichtige Fragen mit einem Ruck in den Hintergrund zu schieben. Nun sind die Schleier gefallen und selbst dem kurzsichtigsten Auge wird gar bald die allgemeine Lage des Zionismus in einem anderen Lichte erscheinen. Wer wird im Ernste daran zweifeln, daß große Triumphe erzielt wurden, daß die Bewegung nach außen sich eine Machtstellung errungen, daß, mit einem Worte, aus der kleinen Sekte eine große Partei geworden ist? Wer wird andrerseits aber auch im Ernste bestreiten, daß, da nun einmal der Charter für Palästina in den nächsten Jahren nicht erlangt werden kann — wie alle zugeben — da nun einmal das jüdische Volk für einen fertigen Judenstaat gar nicht vorbereitet ist, wer wird im Ernste bestreiten, daß eine völlige Kursänderung des Zionismus nottut? Mit der einseitigen diplomatischen Methode muß ein Ende gemacht werden, sonst brechen die Tage des Verfalls und der Dekadenz für die mächtige Bewegung für immer heran. Noch ist es Zeit, noch kann sich alles wenden. Was soll nun geschehen? Auf diese bange Frage werden einige mit persönlichen Angriffen, andere wiederum mit Veröffentlichung von Regulativen und Organisationsentwürfe'n formaler Natur antworten. Ich aber will den Versuch machen, indem ich einen scheinbar rein vermittelnden Weg einschlage, zu einer tieferen fruchtbaren Synthese des Zionismus zu gelangen. Feuilleton. Schopenhauer und das Judentum. Das jüdische Volk wurde und wird noch jetzt unter den verschiedensten Formen des Hasses angefeindet; bald war es ein religiöser Haß, indem man den Juden verargte, daß sie als verschwindende Minorität sich herausnehmen, einen von den Kulten der übrigen Völker sich unterscheidenden Kultus zu pflegen, bald trat er in sozialer Hülle auf, da man ihnen eine Überlegenheit in Geistesanlagen, die für die Gesellschaft nachteilig werden könnten, zuschrieb. Auch bloße Antipathie wegen ihrer Rasseneigenart gab Anlaß, sich gehässig gegen diesen unverwüstlichen, der Zeit und ihren Unbilden trotzenden Bolksstamm zu zeigen. Und nun sollen wir jetzt einen eigentümlichen Grund des Grolles kennen lernen, der im theoretischen Widerstreben gegen die metaphysische Weltanschauung, die der jüdischen Religion innewohnt, liegt. Diese Art des Widerwillens gegen das Judentum treffen wir zum erstenmale beim Philosophen Schopenhauer an. Wohl artet nicht bei diesem Denker seine Abgeneigtheit gegen die optimistische Weltauffassung, wie sie in der jüdischen Gott-Schöpferteorie begründet ist, in einen blinden Haß gegen ihre bewußten oder unbewußten Bekenner aus. In seiner Einsamkeit zu Frankfurt war sein anregendster Verkehr mit einem Schon vorfünfzehn Jahren stand derZionismus einmal am Scheidewege. Die Kolonisation Palästinas, mit ungenügenden Mitteln unternommen, mit unfertigen Methoden begonnen, hatte keine günstigen Resultate gezeitigt: die Gegner triumphierten. Die Skeptiker lachten höhnisch und der praktischen „Zionsfreunde" bemächtigte sich allmählich jene stille innere Verzweiflung, die selbst der Geschickteste kaum nach außen verbergen kann. Da trat mit einem Male Achad -- Haam auf und lehrte, daß das Scheitern der Kolonien nicht auf rein äußerliche Gründe zurückzuführen sei. Nicht das Bettlerproletariat‘ sei schuldig, meinte er, und nicht die einseitige Richtung gewisser Philanthropen. Nein und abermals nein! Das ganze jüdische Volk sei schuld daran, Juda ist unvorbereitet für Zion. Das jüdische Volk hat die alte Kultur verloren und eine neue noch nicht bekommen. Eine neue jüdische Kultur muß also herangezüchtet werden, in langsamer, allmählicher Entwicklung, in organischer Weise, ohne phantastische Sprünge, ohne künstliche Zutaten, ein geistiges Zentrum muß geschaffen werden. Aus dieser Weltanschauung heraus ergibt sich die selbstverständliche Folge, daß der Judenstaat nicht Selbstzweck, nichts Primäres sei. Selbstzweck ist und bleibt d'e innere Reform, die Kulturerneuerung des jüdischen Volkes. Achad-Haams Standpunkt ist, um ein neues Wort zu prägen, nichts anderes, wie das Streben nach der .geistigen Umformung" des Judentums. Daß diese Anschauung anregend und fruchtbar ist, darüber müssen' bald alle Zweifel schweigen. Aber ist sie nicht etwa einseitig? Ungenügend? Ist das, um in Achad-Haams Sprache zu sprechen, „der allein^igeWeg"? Schon die einfache Tatsache, daß die Kolomjüdischen Advokaten, dem er sein vollstes Vertrauen schenkte und den er auch zum Vollstrecker seines Testamentes machte. Diesem war es aber nicht gegönnt, den letzten Willen seines Freundes zu vollziehe», da ihn der Tod früher ereilte. Und welche Ironie des Schicksals! Der Philosoph, der nicht Worte des Haffes genug wußte, um sie gegen das Judentum und dessen Bekenner zu schleudern, hatte Juden zu den ersten Aposteln seiner Lehre, die seinen Ruhm, mitbegründen halfen, nachdem er den größten Teil seines Lebens von seinem Volke ungekannt und unbeachtet blieb. Frauenstädt, ein gewesener Jude, hat zuerst die Aufmerksamkeit der gebildeten und gelehrten Welt auf dessen Lehre gelenkt und suchte dieselbe als eingeflleischter Schopenhauerianer gegen die noch so berechtigten Angriffe und das Aufzeigen der inneren Widersprüche dieses Systems mit allem Aufwand seines Scharfsinnes zu verteidigen. Dr. Ascher, ein jüdischer Religionslehrer und nachmaliger Leiter einer Handelsschule, mit dem Schopenhauer in längerem Briefwechsel stand, suchte ebenfalls durch Abhandlungen in den „ Times * dessen Ruhm zu verbreiten und ging in seiner Verehrung so weit, daß er auch in dem Religionsphilosophen Jbn Gabirol einen Vorläufer des atheistischen Philosophen zu sehen glaubte. Eine kurze Darstellnng der Schopenhauerischen Weltauffaffung möge vorangehen, um besser die charakteristischen Ausfälle Schopenhauers gegen das sationsmöglichkeit Palästinas heute sich ganz anders darstellt, schon das rein äußere Moment, daß heute die Verzweiflung einem neuen allgemeinen Hoffen gewichen ist und daß wir mit einer freudigen Kolonisotionsbewegung zu rechnen haben, die bis in die Reihen der skeptischen Assimilanten hinein Anhänger geworben hat, schon das gibt zu denken. In der Tat, die Anschauung ist einseitig. Die geistige Umformung ist nur ein Teil der Rcnaissancebewegung, Kultur im weiteren Sinne umfaßt ebenso die w i r t s ch a f 1 l i ch - p o l itische Bew egung als die rein geistige Umformung. Die jüdische Renaissancebewegung muß größer und intensiver gedacht werden. Achad-Haams geniale Formel umfaßt nur einen Teil der Wirklichkeit. Das ist also wirklich nicht der alleinige Weg. Aber auch der politisch-wirtschaftliche Zionismus würde nicht zum Ziele führen, selbst wenn er eine andere Gestalt annehmen würde und aus der Umklammerung eineL einseitigen Diplomatismus herausgelangen. und sich zu neuen Höhen entwickeln könnte. Es ist selbstverständlich, daß man die Juden zuerst aus der ärgsten wirtschaftlichen Misere herausbringen muß; es ist selbstverständlich, daß man politische ebenso wie wirtschaftliche Gegenwertsarbeit treiben müsse, denn ohne politische Maßregeln bleibt selbst ein wirtschaftlich stärkeres Judentum eine cjuantile negligeable. Aber diese Selbstverständlichkeiten genügen nicht. Und ebensowenig genügt das mechanische, automatische Hinstreben zum Judenstaat!! Man muß auch die Menschen anders machen. Man muß sie nicht allein politisch heranziehen und wirtschaftlich stärken, man muß auch den innern Juden reformieren. Judentum beleuchtet zu sehen. Wenn wir, sagt Schopenhauer, über uns selbst reflektieren, uns über den letzten Grund der individuell verschiedenen Betatigungsarten der Menschen fragen, so müssen wir die letzte Ursache unseres Tuns und Lasseus im Willen finden, der in seinem blinden und unbewußten Drange zu dieser oder jener Art des Handelns treibt. Der Wille ist nicht der Ausdruck eines in der Einsicht überwiegenden Motivs gegen andere für eine zweckmäßige Handlungsweise, sondern geht als blind wirkende Macht der Einsicht voran und bedient sich!derselben bloß als Leuchte für seinen blind dahinrasenden, eine Betätigung erheischenden Drang. Unser innerstes Selbst ist Begehren, Strebe», Wollen. Unser Organismus ist bloß das Bild, die Objektivation eines Urgrundes, des nicht mehr ableitbaren Willens. Ebenso ist nach einem Analogieschluß das Wesen aller Kräfte mit dem in Erscheinung tretenden Ausdruck derselben bloß Wille, Urdrang. Der Urgrund alles Entstehens und Vergehens in der Ordnung, wie sie sich uns darstellt, ist der Weltwille. Wir wir »ns dessen anl klarsten bewußt werden, daß alle unsere Bewegungen durch unseren Willen veranlaßt werden und als Ausdruck derselben erscheinen, so ist auch aller Wesen Existenz nichts anderes als die Darstellung der Wlllenssinfcn. Als Erscheinung des blinden, unvernünftigen Willens trägt die Welt den Stempel der Unvernünftigkeit. Heißes Begehren, Nimmersattes Streben fft der Kern der i l

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