Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 49 (2.12.1904)
- Date
- 1904-12-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 49 Wien, Freitag Jüdische« VolksMafo L. Dezember 1904 SM»r Besonders auffallend ist der Zuwachs der jüdischen Schüler an de» Realschulen. An der Spitze steht die I. Realschule Prag (288), Karolinenthal (159), die HI. Realschule Hetnrichsgaffe (153), Pilsen (113), Budweis (76), Prag. Kleinseite (50). Leitmeritz (36), Trautenau (26), Reichenberg (23), Eger (15), Leipa (10). Elbogen (7),j An den böhmischen Gymnasien ist das Verhältnis viel ungünstiger, u. zw.: Tabor (31). Beneschau (29), Kolin (28), Klattau (26), Prag, Tischlergaffe (23), Weinberge (21), akadem. Gymn. Prag (21), Pkibram (20), Leitomischl (16), Königinhof (14), Prag, Kkemeneegaffe (13), 6aslan (13). Prag, Gerstengaffe (12), Deutschbrod(11),Jungbunzlau (10). Reichenau a. K. (10), Plsek (10), Pilgram (9), Neubydschow (9), Neuhaus (9), Schlau (8). Königgrätz (7), Jiöin (7), Chrudim (6), Budweis (6), Taus (5), Hohenmauth (5), Rokytzan (4), Pilsen (3), Smichov (1), Prag, Kleinseite (0); an den Realschulen: Prag, Altstadt (33), Gerstengaffe (33), Kgl. Weinberge (32), Karolinenthal (26), Kuttenberg (23), Pardubitz (23), Nachod (17), Piiek (17), Tabor (12), Laun (11), Budweis (9), Kladno (8), Prag, Kleinseite (7), 2izkov (7), Königgrätz (6), Adlerkosteletz (6), Jiein (6), Pilsen (5), Nimburg (0). Was die Stundenzahl aobelangt, in der an den einzelnen Anstalten lluterricht erteilt wird, herrscht ein solches Chaos, daß man darüber staunen muß, und es wäre dringend nötig, daß endlich eine Korporation kreiert werde, die Wandel schaffen würde, damit eine Einigkeit Platz greife. Wir finden Anstalten, an denen für dieselbe Schülerzahl 1 Abteilung für 2 Stunden, an einer anderen Anstalt 2 Abt. mit 4 Std. oder sogar 3 Abt. mit 3 Std' wöchentlich festgesetzt sind oder sogar 3 Abt. mit 6 Stunden. Hingegen finden wir wieder Anstalten, an denen für eine größere. Schülerzahl weniger Stunden festgesetzt find als für eine geringere Schülerzahl einer anderen Anstalt derselben Stadt. So hat z. B. das deutsche Gymnasium in Budweis für seine 53 jüdischen Schüler 4 Abt. mit 8 wöchentlichen Std., während der dortigen Realschule mit 76 Schülern nur 3 Abt. mit 6 Std. zugewiesen sind. Das Gymnasium Teplitz weist für 61 Schüler 5 Abt. mit 10 Std. aus, ebenso Saaz für 55 Schüler, Karolinenthal hingegen für 159 Schüler 6 Abt. mit 12 Std., Tabor für 31 Schüler 3 Abt. mit 6 Std., während Prager böhmischen Anstalten mit 33 Schülern nur 2 Abt. mit 4 Std. zugewiesen sind. Leitmeritz hat sogar für 27 Schüler 3 Abt. mit 6 Std., während die böhmischen Schulen nur zumeist für diese Zahl 2 Abt. mit 4 Std. oder 3 Abt. mit 3 Std. haben. Die deutsche Realschule Kleinseite hat sogar für 50 Schüler 5 Abt. mit IO Std., während den 73 Schülern der Weinberger Realschule nur 4 Abt. mit 8 Std. bewilligt sind, Komotau wieder für 22 Schüler 3 Abt. mit 6 Std. ausgewiesen erscheint. Was der Grund dieser ungleichen Behandlung ist, ist schwer zu erraten. Ist es die Autonomie der Kultusgemeinden, die verschiedene Blüten zeigt? Es wäre hoch an der Zeit, wenn unser Herr Vertreter in der höchsten Schulbehörde des. Landes auf diese Unregelmäßigkeit Hinweis«» würde und direkt beantragte, es möge sämtlichen Mittelschulen die gleiche Stundenzahl beigleicher Schülerzahl zuge wiesen w e r d en, d a d o ch alle denselben Lehrsto ff zu lehren haben. Natürlich müßte allen derselbe Lehrplan angeordnet werden. An vielen Mittelschulen, die jüdische Schüler haben, wird überhaupt kein Religionsunterricht erteilt; denn in den Programmen ist keine Erwähnung von demselben noch desjenigen, der ihn eventuell privatim erteilt. So finden wir keine Erwähnung einesolchen Unterrichtes in den Programmen beider Mittelschulen Piseks, obwohl eine 17, die andere IO jüdische Schüler zählt, eines Unterrichtes entbehren auch die böhmischen Mittelschulen in Pilsen, Chrudim, Jiein, die böhmischen Anstalten in Budweis, Mies, Kaaden, Ellbogen, böhmisches Gymnasium Smichov, böhmische Realschule Kleinseite, Taus. Braunau, Kladno, Ptlgram, Schlan, Arnau, Adlerkosteletz. Privaten Unterricht erhalten, wie aus den betreffenden Programmen ersichtlich ist, die Schüler in Prachatitz, Lann, Nachod, Landskron und Reichenau a. K. Was die Kräfte anbelangt, die den Unterricht erteilen, zerfallen dieselben in drei Kategorien: in die der höheren Instanz, die nämlich auf ihren Titel so sehr pochen, denselben aber irgendwo im Ausland erworben, ohne das Diplom hier nostrifiziert zu haben. Von einem solchen Herrn ist mir sehr gut bekannt, daß er nie ein Gymnasium besucht, auch keine Maturitätsprüfung abgelegt und doch ohne Furcht und Tadel sich Doktor unterschreibt. Bei der Verfassung der Programme zeigt sich so recht deutsche Gründlichkeit. Da findet man genau anste^lren,' - daß . der Rabbiner den Doktortitel von Halle, Etlangech Jöna. Tühjygisn§ Gießen, München und Bern hat und es find deren genug, Me, ziveite Kategorie sind die wirklichen, nicht Talmidoktoren, ö. h. die^Mlche an einer österreichischen Universität. studiert und promoviert haben, die nur kurzweg mit dem Titel Doktor versehen sind, undi dchtttzys die Rabbiner kurzweg. ... Eines berührte mich sehr unangenehm, daß noch manch^ Kollegen es sich bieten lassen, trotz des Ministerialerlasses, als Hilfs- oder Nebenlehrer angeführt zu sein. Noch peinlicher aber wirkt es, wenn man die Isolierung des jüdischen und evangelischen Religionslehrers in einzelnen Programmen sieht. Obwohl Religion doch zu den obligaten Fächern gehört, werden diese zwei Herren in vielen Fällen besonders an deutschen Anstalten nicht unter die Dozenten der obligaten Fächer eingereiht. obwohl dies bei dem zweiten katholischen Katecheten geschieht, der nur zur Aushilfe da ist, sondern ganz separiert angeführt; wahrscheinlich könnte das Licht irgend eines Supplenten verdunkelt werden. Eine Verfügung des Landesschulrates könnte dieser Zurücksetzung endlich ein Ende machen. Noch so manches hätte ich auf dem Herzen, doch davon nächstens. „Mitt. d. isr. Landeslehr." Jüdischer KolonisationsvereiniuWien. Dr. Alfred N o f s i g erstattete als Vertreter des Pariser Zentralkomitees der Kolonisationsvereine das Referat über die Bestimmung und den Plan der Kolonisationsaktion, deren Organe die Kolonisaüonsvereine find. Die jüdische Hilfsaktion hat in den letzten Jahren auf Grund der gesammelten Erfahrungen einen wesentlichen Fortschritt gemacht. In ihren Anfängen begnügte sie sich mit Interventionen von Fall zu Fall, nach dem Eintritt von Katastrophen. Sie befolgte das Prinzip, mittels einmaliger Hilfeleistungen die Emigranten in Kulturländern zu zerstreuen, und hatte einen rein philanthropischen Charakter. Es stellte sich jedoch heraus, daß man auf diesem Wege weder neuen Katastrophen Vorbeugen noch die Emigranten entsprechend versorgen könne. Neben den improvisierten Aktionen müsse eine präventive in Angriff genommen, die Philanthropie müsse durch rationelle Sozialpolitik ersetzt werden. Da eine einmalige kleine Hilfe in vielen Fällen zur Gründung einer Existenz nicht genüge, und selbst die liberalsten Kulturländer den Einwanderern sich zu verschließen beginnen, so müsse man Veranstaltungen treffen, um die Existenz der Emigrantenfamilien dauernd zu sichern. Dies geschehe am besten durch ihre Ansiedlung auf zusammenhängenden Terrains in einem noch dünn bevölkerten Lande. Albas geeignetste Gebiet für die Kolonisation von Juden habe sich erfahrungsmäßig Palästina mit seinen Grenzländern erwiesen. Sier gedeihen die Kolonien aus wirschaftlichen und moralischen ründen am besten. Noch günstigere Resultate werden erzielt werden, wenn die Kolonisattonsvereine sich die gesammelten Erfahrungen zunutze machen und nicht mehr vereinzelt nnd planlos vorgehen werden. Das zu kolonisierende Gebiet muß erforscht, die Kolonisation muß durch rationelle Maßnahmen vorbereitet werden nnd dann in planmäßiger Weise auf wachsender Stufenleiter erfolgen, wobei die Kolonisten zu wirtschaftlicher Selbstständigkeit zu erziehen sind. Eine derartige, wahrhaft moderne Kolonisation ist aber nur dann möglich, wenn alle Kolonisationsvereine, ja sämtliche im Orient tätigen Organisationen sich dauernd untereinander verständigen. Der neugeschaffene Jüdische Kolonisationsverein inauguriert diese vom Referenten angedeutete neue Phase des Anstedlungswerkes, da er alle Hauptprinzipien einer gesunden Kolonialpolitik in sein Statut ausgenommen hat. Es ist dies aus dem 8 2 de§ Statuts ersichtlich, welchen wir hier mit Rücksicht aus seine reformatorische Bedeutung vollinhaltlich folgen lassen: §2. B er ein s z w e ck e. Der Verein hat den Zweck, allein oder in Verbindung mit anderen, gleiche Ziele erstredenden Institutionen die planmäßige Ansiedlung von Juden in Palästina und feinen Nebenländern zu fördern. Es fallen daher in seinen Wirkungskreis insbesondere: * a) die Förderung der Erforschung Palästinas und seiner Nebenländer unter dem Gesichtspunkte der Ermittlung geeigneter Kolonisakionsgebiete und geeigneter Kolonisationsmethoden, unter anderem durch Errichtung von Versuchsstationen aller Art; b) Förderung des Verständnisses für eine planmäßige Ansiedlung von Juden in Palästina und feinen Nebenländern durch Versammlungen, Borträge, Veröffentlichungen aller Art, Entsendung von Rednern, Unterstützung von Institutionen, die dieser Idee dienen, Enqueten u. dergl.; c) die Förderung der Kolönisation selbst durch 1. Erwirkung günstiger Ansiedlungsbedingungen jeder Art; 2. zweckmäßige Heranbildung geeigneter Ansiedler; 3. unsntgeltlrche Erteilungvon Ratschlägen u. Anleitungen; 4. Unterstützung der Ansiedler, insbesondere von Ackerbauern, Gärtnern, Handwerkern und Gewerbsleuten, z. B. durch Darlehen und ausnahmsweise durch Beihilfen, stets mit dem Ziele, die wirtschaftliche Selbständigkeit und die volle geschäftliche Unabhängigkeit und Verantwortlichkeit der Ansiedler herbeizuführen; 5. Die Förderung von jüdischen Vereinen, Genossenschaften rc., die sich zur Aufgabe setzen, in Palästina und dessen Nebenländern Grundbesitz zu erwerben, zu pachten oder zu bearbeiten, und die ihnen von ihren Mitgliedern oder anderen Personen aus privatwirtschaftlichen, Humanitären oder religiösen Motiven zur Verfügung gestellten Mittel dazu benutzen, den Grundbesitz der Bewirtschaftung durch die Genossenschafter selbst, durch jüdische Pächter und jüdische Arbeiter für Rechnung der Genossenschaft oder von jüdischen Einzelbesitzern oder Korporationen zuzuführen oder sonst der Bestimmung der Eigentümer entsprechend zu verwenden und zu verwalten; 6. Ankauf oder Pachtung von Grundstücken in Palästina oder dessen Nebenländern behufs Ansiedlung, ihrer Vorbereitung und Förderung; 7. Förderung des wirtschaftlichen Gedeihen jüdischer Kolonien in Palästina und dessen Nebenländern', namentlich durch Begünstigung des Absatzes der dortigen Boden- und Gewerbeerzeugnisse; 8. Herausgabe von Druckschriften und periodischen Mitteilungen. Die Kultnswahle«. Nochmals dieWählerversamnrlrrng. Wie entledigt man sich des Dr. David? Die Stimmung nach der offiziellen Wählerversammlung. Versuchter Wahlkampf. Ein Aufruf zur Wahleuthaltuug. Dr. Alfred Stern — Adminiftrationschef der „N. Fr. Pr." für israelitische Angelegenheiten. Was refüfiert die „N. Fr^ Pr." — nicht. Grabesfriedliche Wahl. Passive Resistenz der Wähler. Der Verlauf der Kultuswäblerversammlung vom 19. November und besonders das Verhalten des Präsidenten Dr. Alfred Stern in derselben hat in den Kreisen der Kultuswähler die größte Erbitterung hervorgerufen. Gesteigert lpsrd der Unmut der unabhängigen Kultuswähler noch durch Vie nach der Wählerversammlung bekannt gewordene Tatsache, daß ' her Knltuswähler Josef F l e s ch ans der Leopoldstadt dem Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern in jener Wähler- VersammlungNamen »iner großen Anzahl von Wählern und Betsitzinhäborn, im Leopoldstädter Tempel eine begründete Petition überrsichtHfin welcher verlangt wird, daß die Besucher des Leopoldstädter Tempel ihres mißliebigen und seiner A u f g a b e »'i ch t gewachsenen Rabbiners Dr. Elieser David so Hsch als möglich entledigt werden. Die Petenten erwaHetW um so sicherer, daß Doktor Alfred Stern diese wichtige YWelegenkeit werde zur Erörternug bringen lasse», als es dem Herrn Präsidenten bekannt sein mußte, daß die Mißstimmung gegen Dr. David in der Leopoldstadt bereits einen bedrohlichen Ehgxakter angenommen hat und es zu befürchten steht, daß bie gekränkten Kultus» Wähler über kurz oder lang ihren Widerwille« in unliebsamen Demonstrationen zum Ausdrucke bringen könnten. Diese ganze Angelegenheit wird wohl noch eine publizistische Erörterung erheischen und soll heute nur konstatiert werden, dsß in den Kreisen der Kultus Wähler, die Anschauung sich geltend macht, daß Präsident Dr. Alfred Stern auch au- Angst vor dieser Erörterung durch ein gewaltsames vorzeitiges Schließen ver Versammlung die Flucht ergriff. I» solcher Stimmung sahen die Kultuswähler dem Wahltage entgegen. Es war eine veritable Kampfesstimmung und noch in den letzten Tagen vor der Wahl erhielt der „Jüdische Volksverein" von den verschiedensten Parteien und Gruppen die Aufforderung, die Führerschaft für einen Wahlkampf zu übernehmen. Der „Jüdische Bolksverein" hat aber gemäß seiner ausgegebenen Parole die Beteiligung an einem Wahlkampfe dermalen abgelehnt. Aus dieser Stimmurg heraus erschien am Wahltage in einem hiesigen Tagblatte folgender Aufruf: Wahlenthaltung! Israelitische Glaubensgenossen! Wer als Jude denkt, fühlt, seine religiösen Anschauungen nicht korrumpieren lasten will, der enthalte sich der Kultuswahl. — Wählet nicht die uns aufoktroyterte« Kandidaten. Viele Wähler. Dieser Aufruf hat sicherem Vernehmen «ach den Präsidenten Dr. Alfred Stern und seinen engeren Anhang sehr verstimmt. Diese Gruppe hätte es gerne gesehen, daß der mit großer Not znsammengeleimte Wahlfrieden nicht nur zustande komme, sondern auch durch eine überaus große Wahlbeteiligung seitens der Wähler sanktioniert werde. Von diesem Gesichtspunkte aus war eS wirklich schade, diesen Aufruf zur Wahlenthaltung ergehen zu laHen, denn die geradezu niederschmetternde TeilnahuiSlosigkeit an der Wahl wäre sicherlich auch dann zutage getreten, wenn die Leopoldstädter zu diesem, nebenbei bemerkt, etwas ungeschickte», Auskunftsmittel nicht gegriffen hätte». ES sei hier ausdrücklich betont, daß die nationale Opposition sowohl als Gruppe wie auch in ihre« Einzelpersonen diesem Aufrufe völ.lig feruft eh en und daß derselbe erwiesenermaßen von Herrn Josef F l e s ch im Namen vieler unzufriedener Wähler aus der Leopoldstadt erlaffen wurde. Dieser Aufruf hat aber noch einer Geschichte, welche den unverbesserliche» Altliberale u Dr. Alsted Stern «nd seine ihm gefügige Presse so in das rechte Licht stellt. Herr Josef Flesch erzählte uns, daß er, um seiner und der Erbitterung seiner Gesinnungsgenossen in irgend einer Form Ausdruck zu verleihen, den oben zitierten Aufruf s o w o h l der „N. Fr. Pr:" als auch dem „N. Wr. Tgbl." rechtzeitig zur Publikation übergab. Die Administrationen beider Blätter nahmen sowohl den Text als auch die vereinbarte Jnsertionssumme anstandslos^ entgegen. Zu . seinem Erstaunen erschien jedoch der Aufruf nur im „N. Wr. Tgbl.", während die „N. Fr. Pr." ihn unterdrückte. Auf seine Nachfrage erhielt Herr Flesch die Antwort, daß der mehrfach zitierte Aufruf von derRedaktion der „N.Fr.Pr." refüfiert worden sei. Bei der Beurteilung dieses Vorganges muß, besonders bedacht werden, daß Dr. Alfred Stern zu den intimsten Mitarbeitern der „N. Fr. Pr." gehört und daß es bei diesem Geschäftsblatte zumindest unwahrscheinlich ist, daß es sich einen Verdienst entgehen lassen würde, wenn es von der interessierten Seite nicht beeinflußt worden wäre. Ob der „N. Fr. Pr." der Verdienstentgang aus privaten oder Kultusmitteln vergütet wurde, konnte nicht festgestellt werden. Aber jedenfalls müssen die unabhängigen Kultuswähler, dieses neueste Stückchen altliberaler Mache sich recht wohl merken! Dr. Alfred Stern. Präsident der Wiener Kultusgemeinde, als Administrationsch e f der „N. Fr. Pr." für israelitische Angelegenheiten ist gewiß ein recht anmutiges Bild! Ob Dr. Alfred Stern auch bei der Abnahme der übrigen Inserate der „N. Fr. Pr." zu Rate gezogen wird, wissen wir nicht. Daß aber bei der Ablehnung dieses Inserates sittlicheSkrupek. nicht maßgebend waren, muß als sicher angenommen werden. Als Beweis diene folgendes Inserat, welches in derselben Nummer der „N. Fr. Pr." nicht unterdrückt wurde. Mein Liebling! Heute ist der letzte Sonntag im November und meinem Versprechen gemäß komme ich zum Rendezvous, um auch dadurch Ausdruck meiner unendlichen Liebe zu geben! Schrecklich ist das Schweigen! Denkst du an den heutigen Tag? Trotzdem mein Körper, vom Fieber gepeinigt, krank und ans Bett gefesselt ist, weilt meine Seele unaufhörlich bei dir, mein Hoffnungsstern! usw. Die „N. Fr. Pr." hat in der Bukowina erst jüngst erfahren müssen, was die Entrüstung gekränkter selbstbewußter Juden kosten kann. Es faitit ihr, wenn sie es zu arg treibt, auch in Wien ähnlich ergehen und mag Dr. Alfred Stern ihr auch zur Seite stehen und eventuell die Pauschalien der Kultusgemeinde ihr zuwenden. Die Wahl selbst verlief sehr ruhig, beschämend ruhig. Von »ngefähr 18.000 Wahlberechtigten schlichen sich rund 1600 mehr oder weniger abhängige Wähler zur Urne. Biele, die zur Abstimmung gingen, blickten scheu um sich, ob sie nicht von irgend jemandem gesehen werden. Die große Masse hielt sich fern und wollte durch ihre passive Resistenz gegen das Präsidium der Kultusgemeinde demonstrieren. Es wird allgemein behauptet, daß bei der zur selbe» Zeit stattgefundenen Demonstration der Sozialdemokraten viel mehr Knltuswähler anwesend waren, als von ihrem Kultuswahlrechte Gebrauch machten. Vor zwei Jahren, d a w a r's a n d e r s! Da hat die kämpfende Opposition da- Interesse für die Kultusgemeinde wachzurufen verstanden. Da hat Architekt Oskar Marmore! als Kampfkandtdat um «in Unbedeutendes weniger Stimmen erhalten als bei der heurigen „Wahl". Aber dawaren lauter Gesinnung--