Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 48 (25.11.1904)
- Date
- 1904-11-25
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 25. November 1904 Nr. 4ß! r i ,:' r wirtschaftlich zu stärken bisher leider unterlassen haben, weshalb die Gewährung billigen Kredites für die Judenschaft des Landes ein Segen wäre. Da- Waisenhaus besiehe bereits. Da sollte man eine Aktion angliedern, die Zahl der Plätze vermehren, um dann von diesem Material jüdische Erzieherinnen, Krankenpflegerinnen, Bonnen rc. herauszubilden. Abs. jur. Kaß n er bedauerte, daß bloß ein so kleines Publikum die Vortragende anzuhören in der Lage war. Bor einer großen Damenversammlung, wäre durch die Gastin, die, ohne Frauenrechtlerin zu sein, am Berliner Frauenkongreffe aktiv teilnahm und im Mittelpunkte der Frauenbewegung steht, lediglich um die Führerinnen, die zumeist Jüdinnen sind, für ihr eigenes Volk zu interessieren, ganz gewiß hier die Möglichkeit geboten, einem jüdischen Mädchen- und Frauenvereine zur Gründung zu verhelfen. Ein solcher Verein würde die Eröffnung einer Toynbeehalle hier mit Unterstützung Prof. Kellnerermöglichen, da die bisherige diesen Namen nicht verdient. Redner besprach auch den Mädchenerwerbverein und die Möglichkeit der Heranziehung der Jude» zur Feldarbeit, wofür durch die russischen Emigranten, von deuen hier an 200 Feldarbeiter geworden sind, der Beweis erbracht ist. Redner beantragte Wiederholung des Vortrages vor einer großen Frauenversammlung. Diesen Antrag unterstützte Dr. Billig und regte die Gründung eines Vereistes für Jugendpflege an.' Dr. Rosenfeld wies sodann nach, daß der Mädchenerwerbverein hier seinen Zweck nicht erfülle. Die Vortragende, die wiederholt in die.Diskussion eingriff. hob im Schlußworte hervor, daß sie die gemachten Vorschläge ihrem Komitee zur Befürwortung vorlegen werde, und versprach, auf der Rückreise vor einer Frauenversammlnng zu sprechen. Dr. St rauch er fügte hinzu, daß die Gastin wenigstens ebensoviele Tage in der Bukowina als Monate in Galizien verweilen möge. Verleihung. Der Minister für Kultus und Unterricht hat dem Rabbiner und jüdischen Neligionslehrer am Staatsgymnasium in S a a z, Dr. Simon Ster n, den Titel „P r o - feffor" verliehen. Ein jüdischer Dekan. Professor Dr. Leon Sternbach wurde zum Dekan der philosophischen Fakultät an der Krakauer Universität gewählt. Professor Dr. Sternbach stammt aus einer sehr achtbaren jüdischen Familie in Trotz o b y c z. Sowohl der Vater als auch die Großeltern des Prof. Sternbach bekleideten die ersten Ehrenämter in der Drohobyczer Kultusgemeinöe und auch der eben ausgezeichnete jüngste Sprosse der Familie hat eine gut jüdische Erziehung genossen. Tempelweihe. Die Kultusgemeinde in Zilatz lUngarn) versendet soeben die Einladung zu der am 6. Dezember d. I. stattfindenden festlichen Einweihung ihrer neuerbauten Synagoge. Die Einweihung wird der Ofener Oberrabbiner Dr. Arnold Kitz vollziehen. Jüdischer Tafelrichter in Ungarn. Der bisherige jüdische Bezirksrichter in Z o m b o r, Dr. Josef Grün, wurde, wie «ns aus Budapest gemeldet wird, vom Kaiser zum Richter an der königlichen Tasel in Szegedin ernannt. Stryj. Dank den Bemiihungen unserer hiesigen Gesinnungsgenoffen wurde hier ein Verein zionistischer Handels¬ und Handwerksgehilsen „Poale-Zion" gegründet. Der Verein zählt Deretts über 50 Mitglieder. Am 27. Oktober l. I. fand die konstituierende erste Generalversammlung statt, bei welcher gewählt wurden: Josef Löwenkops, Präses, Dawid Kornblüh, Vizepräses, Leon Schwammer, Schriftführer der Landessprache, Moses Hammermann, Schriftführer der hebräischen Sprache, Salomon Marbach, Kaffier, Leiser Dawtdmann, Bernhard Oberländer, Osias Rosenkranz, Josef Steinwurzel als Beiräte. Die Kircheneinweihung von Weschek. Wo ist Weschek und was kümmert die Einweihung der dortigen Kirche ein jüdisches Blatt? Diese zwei Fragen sollen zunächst ihre Beantwortung finden. Weschek ist ein Dorf in der mährischen Hannakei, zwei Wegstunden von Kremsier entfernt, bekannt durch eine besonders gute Kirschenart, die in dem Dorfe wächst, man nennt sie Herzkirschen. Dort erbaute der jetzige Gutsbesitzer, der Sohn eines früheren Rosch-Hakohol von Brünn, eine Kirche. Natürlich ist der jetztge Patronatsherr dieser Kirche längst aus dem Judentum ausgetreten; er ist auch wegen seines besonderen Eifers für kirchliche Zwecke bekannt. Auch den Aöelstitel hat sich der Gutsbesitzer erworben. Wer erinnert sich da nicht an das gute Wort: Wie weit kann es ein Jude bringen, wenn er — sich taufen läßt. Jetzt sind wir freülich schon so weit gekommen, daß sehr nahe Verwandte von Vorstehern unserem Judentum den Rücken gekehrt haben, mit der Kirche sehr liebäugeln, daß man sich in unseren — wie sagt man doch — sehr vornehmen jüdischen Kreisen eine besondere Ehre daraus macht, mit diesen Getauften zu verkehren und man bei einer jüngst stattgehabten Trauung hier sich fragen mutzte, wie viele Ungetaufte und wie viele Getaufte anwesend feien. Die Verhältnisse in der Gemeinde jenes Rosch-Hakohol, dessen Sohn jetzt eine Kirche erbaute, die vom Erzbischof von Olmütz Dr. Bauer unb vom päpstlichen Nuntius in Wien Granito de Belmonte eingeweihtwurde, sind nun solche geworden, daß in manchen Familien nur noch der Vater Jud? geblieben ist, während Weib und Kinder sehr fleißig in die Kirche laufen und mit den Geistlichen auf sehr vertrautem Fuße stehen. Aber die Kircheneinweihung in Weschek, in dem hannakischen Dorfe, dessen Besitz nun auf den getauften Juden übergegangen und die mit aller kirchlichen Pracht vorgenommen wurde, ist ein Genrebildchen, wert, angenagelt und sehr tiefgehängt zu werden. Zapienti sat! Quae mptatio rerum! . Jsch Jehudi. Die antisemitischen Exzesse in Uhnow. Am 16. d. M. hatte der Kassattonshof unter Vorsitz des Genatspräsidenten U h l e jene» vom Landesgerichte Lemberg durgeführten Monsterprozeß wegen der antisemitischen Exzesse in Uhnow zu überprüfen, welcher gegen 103 Angeklagte stattfand, neunzehn Tage in Anspruch nahm und nicht in Lemberg, sondern an Ort und Stelle in Uhnow verhandelt wurde, weil aus dieser Bezirksstadt und Um» gebung 357 Zeugen geführt wurden. Von den Angeklagten wurden 52 freiqefprochen, 51 jedoch wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, Körperverletzung. Aufreizung. Verbreitung unwahrer Gerüchte rc. zu Strafen bis zu fünf Monaten schweren Kerkers verurteilt. Von diesen nahmen 37 die Strafen an, während 24 die Nichtigkeitsbeschwerde ergriffen, über die eben den ganzen 16. November verhandelt wurde. Das Referat nahm allein drei Stunden in Anspruch. Das Urteil, welches eine 286 Seiten umfassende Broschüre I bildet, ist äußerst sorgfältig ausgearbeitet und befaßt sich auch mit dem Entstehungsgrunde der plötzlichen Ausschreitungen gegen die Juden in Uhnow. ES wird festgestellt, daß bis dahin Christen nnd Juden seit urdenk» lichen Zeiten im besten Einvernehmen lebten und die Eintracht nie gestört wurde, auch habe der Exzeß keineswegs «inen politischen Hintergrund gehabt. In den letzten zwei Jahren waren jedoch in Uhnow 24 Brände auSgebrochen, durch welche viele zu Bettlern wurden, weshalb eine Panik und große Erregung herrschte, zumal der Täter nie eruiert wurde. Da brach an einem Morgen gegen 4 Uhr früh neuerlich ein Brand aus, die Bewohner des OcteS wurden alarmiert, und während sie löschten, äußerte einer der nachmaligen Angeklagten, im betreffenden Hause habe ein frisch getaufter Jude Quartier bekommen; aus Rache dürften Juden den Brand gelegt haben. Ein zweiter erzählte, er habe einen Juden einmal lachend vor einem entzündeten Hause vorüberlaufen gesehen und ein dritter behauptete, beim Brande der ruthenischen Kirche habe er gleichfalls einen unbekannten Juden flüchten gesehen. Daraufhin ertönten Rufe: „Nieder mit ihnen, fort in die Synagoge!" u. dergl. Wie erhoben wurde, ertönten derlei Aufreizungen aus dem Munde von sieben Rädelsführern; darunter von dem Gerichtsdiener Peter Mazurkiewiez, der seither suspendiert wurde, und mehreren Schuhmachergehilfen und Bauernburschen. Diese stellten sich an die Spitze der einzelnen, mit Hacken, Sensen, Stöcken und Steinen bewaffneten Volkshaufen, welche durch herbeistrümende Personen aus den Nachbargemeinden verstärkt wurden. Die Menge warf in die Fenster der jüdischen Bewohner Steine, drang ein, zertrümmerte Möbel und Warenvorräte und brachte den Inwohnern verschiedene Verletzungen bei. Das Urteil zollt dem Takle der einzigen drei Gendarmen, die der erbitterten Menge gegenüberstanden, sowie dem vermittelnden und beruhigenden Einschreiten der Intelligenz der Stadt besondere Anerkennung, da eS sonst zu furchtbaren Greueltaten gekommen wäre. Auch sei es eine bewnnderungswirdige Klugheit und Geistesgegenwart der jüdischen Bevölkerung gewesen, einerseits gar nicht zu reagieren, sondern sich in den Wohnungen einzuschließen, andrerseits von innen selbst ihre Fenster zu zertrümmern, damit die Vorüberziehenden meinen, es hätten hier schon Vorgänger gehaust. Auch konstatiert das Urteil, daß seither im Orte wieder Friede und Eintracht herrscht, daß der gegen die Juden wahrscheinlich von einzelnen böswillig erfundene Verdacht der Brandlegung sich als unbegründet erwies und^ die Bevölkerung dies einsehe. Der Kaffationshof verwarf die Beschwerde sämtlicher 24 Nichtigkeitswerber aus den von der Generalprokuratur vorgebrachten Gründen. Ausland Mohilew. (Beschwerde der Juden.) Den „Oö. Now." wird telegraphiert: „Der hier angelangte Gehilfe des Ministers des Innern Ryöseöski, empfing eine jüdische Deputation, die ihm eine Denkschrift über das Verhalten des Polizeimeisters Nadionow überreichte. Der Gehilfe des Ministers erklärte, daß diejenigen, welche die Unruhen zugelassen und untätig zugeschaut Hatten, der Strafe nicht entgehen würden. Man erwartet von der Reise des Gehilfen des Ministers als Resultat eine gründliche Umänderung des Bestandes her hiesigen Aöministrativgewalten." Airsroanöererburean. Aus Petersburg schreibt mandem „Hazofe": Nachdem das hiesige Zentralkomitee der Jüdischen Kolonisationsgesellschaft von Paris (Jea) die Zustttnmung dazu erlangt hatte, ein Auskunftsbureau für Auswanderer zu gründen, wurde die zweite Sektion wieder ins Leben gerufen, die im Jahre 1892 neben dem Zentralkomitee gegründet wurde. Am 24./11. Oktober fand die erste Versammlung der Mitglieder statt, in der über das Programm und auch darüber beraten wurde, welche Unterstützung man den Auswanderern bieten könne. Es wurden folgende Beschlüsse gefaßt: Das Bureau erteilt den Emigranten die nötigen Jnfornmtionen durch die Verbreitung von russischen unjüdischen Flugschriften im Besieölungsrayon durch die Rab biner und Gemeindevorsteher. Ferner wird das Bureau die Emigranten mit Legitimationen versehen, die ihnen als Reisepässe ins Ausland 'dienen un'd sie zum ermäßigten Neisetaris berechtigen werden. Dadurch trägt das Zentralkomitee den Behörden gegenüber die Verantwortung; für den Fall, 'daß die Emigranten vom Hafen zurttckgeschickt oder an den Grenzen ausgehalten werden sollten, würde 'Hie Regierung für die ihr verursachten Spesen sich aus dem Fpnds von 100 000 Rrcheln, die Baron Hirsch als Garantie zu diesem Zwecke hinterlegt hat, bezahlt machen. Sollte dadurch -er genannte Fonds aUf weniger als 25 000 Rubel sich erschöpfen, muß die Kolonisationsgesellschaft den Fonds wieder auf seine ursprüngliche Höhe bringen. Das Auskunftsbureau wirden Emigranten keinerlei Gel-nnterstützung gewähren, da dieses ja selbst nicht aus den Mitteln der Kolonisativnsgesellschaft unterhalten wtrh, sondern aus privaten Beiträgen in Rußland, und das Pariser Komitee bloß die Bewilligung zur Gründung und zur Arbeit iw Rainen -er Gesellschaft erteilt hat. — In den nächsten Tagen wird Herr Dr. Sonnenfeld, einer -er Direktoren der Jea, nach Rußland kommen, um ryit den Mitgliedern -es Zentralkomitees in Angelegenheiten! des Komitees zu verhandeln. Herr Sonnenfeld hält sich zur Zeit in Polen auf, wo er die Handwerkerschulen in Warschau und Lodz sowie -te Weinbauschule in Czenstochau inspiziert, und wird sich von dort nach Wilna begeben. K. Batavia. lSynagoge in Riederländisch-Jnd t e rt.) Am hiesigen Platze soll demnächst eine Synagoge gebaut werden, die schon längst als ein dringendes Bedürfnis empfunden worden ist. In Niederlänbiisch-Jndien leben im ganzen 4000 Juden, ein großer Teil davon in Batavia. Die neue Synagoge soll 20 000 Gulden kosten; rund 16 000 Gulden sind bereits gesammelt, den Rest hofft man durch ein WotzltätigkeitSfest zusammenzuvrtngen, so daß mtt dem Bau bald begonnen werden kann. Brannschweig. Am Dienstag den 16. November fand hier im Schraöerschen Hotel eine Propaganöaversammlung für den Hilfsverein der deutschen Inden statt. Dieselbe war von Brannschweig sowohl wie von den Landgemeinden, insbesondere von Wolfenbüttel, -überaus zahlreich besucht. Den einleitenden Vortrag über die Geschichte und Entwicklung des Hilfsvereftles hielt der Präsident desselben, Herr JameS Simon ans Berlin, während der zweite Vorsitzende des Hilfsvereins, Herr Dr. Paul Nathan-Berlin, über Bestrebungen und Aufgaben des Hilfsvereines öer deutschen Juden ein eingehendes Referat erstattete. Die Versammlung war mit den Ausführungen der Redner durchaus einverstanden und bewies ihre Sympathien für die gemeinnützigen Bestrebungen des Vereins durch zahlreiche Beitrittserklärungen nebst Zeichnungen, deren Resultat als ein glänzendes bezeichnet werden kann. Behufs weiterer Propaganda wurde ein Braunschwei-- gisches Landeskomitee mit dem Recht der Kooptation gebildet,, dem vorläufig die Herren Felix Herrfel-, Meyersfeld, B. Mtelziner, Lanörabbiner Dr. Rttlf, Dr. I. Landauer, Justtzrat Dr. Magnus, F. Spanier-Herford in Brannschweig und die Herren Prof. Tachau und Oberlehrer Grätz in Wolfenbüttel angehören. Juden und Christen im alten Pompeji. Auf deren Spuv macht Professor Nestle-Maulbronn in der „Zeitschrift für Kunde des Urchristentums" aufmerksam. Noch Harnack hatte in seinem neuesten großen Werke liber die altchristliche Mission die Indizien für das Vorhandensein einer christlichen Gemeinde als äußerst zweifelhaft bezeichnet und in ähnlicher Weise hatten ältere Gelehrte auch die Existenz von Juden in Pompeji bestritten. Es handelte sich dabei vor allem um eine ganz unsichere Kohleninschrift, die man Christanos lesen wollte; und ferner um eine Darstellung des salomonischen Urteils, die aber deshalb nicht beweiskräftig ist, weil es zu dieser Geschichte heidnische Varianten gibt. Nun finden sich aber in der Wand eines bescheidenen Hauses eingekratzt die Worte: Sodoma, Gomora. Man hat behauptet, diese Inschrift stamme von einem Manne, der sich beim Beginn des Aschenregens an den Untergang von Sodom und Gomorrha erinnert Habe und voll Entsetzen diese Worte in die Mauer geritzt habe. Allein das Gekünstelte dieser Deutung fällt in die Augen. Nach Nestle ist es wahrscheinlich^ daß diese Worte das Urteil eines frommen Mannes über das üppige, zügellose Leben Pompejis darstellen; und von hier aus ergeben sich zwei Möglichkeiten: Entweder der Urheber dieser Worte ist ein Jude, der die sprichwörtliche' Bezeichnung der Sünde und Gottlosigkeit, wie sie in den Schriften des Alten Testaments immer wieöerkehrt, aus das Treiben seiner Stadt amvanöte. Oder wir haben uns an das Wort Jesu zu erinnern, das er über die Städte gesprochen hat, die seine Jüngev nicht aufnehmen würden: „Dem Lande der Soöomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am jüngsten Gerichte denn solcher Stadt." Dann würde die Inschrift von einem Christen stammen. Angesichts dessen, daß die Zahl der Christen, in Pompeji außerordentlich gering gewesen sein muß,, die Stadt also in öer Tat zu denen gehörte, die mtt dem Schicksal von Sodom und Gomorrha bedroht worden waren, ist die letztere Deutung nicht unwahrscheinlich. Eisindustrie in Jerusalem. Seit drei Jahren besteht in Jerusalem eine. Eisfabrik von freilich recht bescheidenem Umfange. Ein kleiner Petroleummotor von drei Pferdestärken liefert die Betriebskraft und der tägliche Ertrag Her Anlage beläuft sich vorläufig auf 300 Kilogramm, die zum Preise von etwa 30 Pfg. für das Kilogramm verkauft werden. Bis zur Einrichtung dieser kleinen Fabrik Hat kein Bewohner von Jerusalem jemals Eis gebraucht und von den Eingeborenen hatten es sicher auch wenige je zuvor gesehen. In einer anderen Stadt Palästinas, in Jaffa, wird freilich schon seit 1890 Eis fabriziert, anfangs mtt erheblichen Schwierigkeiten, weil die Bewohner sich an die Benützung dieses uns so unentbehrlich, scheinenden Stoffes nicht recht gewöhnen wollten; heute jedoch findet das künstliche Eis auch in Jaffa sicheren Absatz. Die ersten Abnehmer waren die Krankenhäuser, dann kamen die Hotels und die Fremden, endlich aber auch die Eingeborenen. In Jerusalem wird zur Eisbereitung Zisternenwasfer von. großer Reinheit benützt, in Jaffa aber Brunnenwasser von oft verdächtiger Beschaffenheit. Zuweilen ist das künstliche Eis^ das dort verkauft wird, fast schwärzlich und hinterläßt, nachdem es geschmolzen ist, einen beträchtlichen Rückstand. Man scheint in Jaffa die künstliche Eisbereitung eben früher gelernt zu haben als die Kunst des Filtrierens. Die Juden von Afghanistan. In Afghanistan wohnen mehr als 40 000 Juden. In der Stadt Kabul sind 2000 derselben meist gutsituierte Kauflcute. die ihren Handel bis ins Innere Asiens cmsdehnen. ansässig, und nach deren Aussage befinden sich im Innern des Landes 60 mehr oder weniger große Gemeinden, die ihre Zentralstelle in Kabul haben. Wenn auch nicht vollberechtigte Staats» bürger, erfreuen sie sich dennoch der Gunst und des Schutzes des Emirs. Die afghanischen Juden, welche keine Kenntnis von den talmudisch-raübinischeu Schriften haben, beobachten den Sabbat, die Beschneidung, Schechita usw., feiern die Feste wie wir, mit ganz, besonderer Feierlichkeit das Laubhüttenfest, an welchem sie sich besuchen und die Bedürftigen mtt Almosen unterstützen. Ihr Familienleben ist ein musterhaftes und unterscheidet sich sehr vorteilhaft von dem ihrer afghanischen Umgebung. Was die Afghanen selbst betrifft, so werden sie bekanntlich von sehr, ernsten Forschern und gründlichen Kennern des Landes für Nachkömmlinge der Juden erklärt und diese Annahme tvird nicht nur durch ihren Typus, sondern auch durch lokale Traditionen mtterstützt, welche,in dem vor etwa 100 Jahren aufgefundenen Werke: „Geheimnisse dev Afghanen," dessen Verfasser ein Perser. Hussmn ibn .Salir, rst. niedergelegt sind. Dort wird erzählt: „Als die Israeliten gegen ihre Bedrücker, die Amcrlekiter, zu Felde zogen, wurden sie von denselben besiegt. Unter den Schätzen, welche die Amalektter erbeuteten. befand sich mcch die Bundeslade. Letztere hielten sie für den Gott der Juden und suchten sie zu zerstören, aber das Feuer und alle anderen Zerstörungsmittel blieben erfolglos, und deshalb schickten sie dieselbe auf dem Rücken einer Kuh in di« Wüste. Me verzweifelten Israeliten baten nun ihren Propheten Samuel, daß er ihnen einen König und Heerführer ernenne. NM>em sie zugesagt, in Gottes Wegen zu wandeln, erschien der Engel Gabriel und reichte dem Propheten einen langen Stab, indem er wvach: „Wer wie dieser Stab das ganze Volk überragt, soll nach Gotte» Ratschluß König über Israel sein." Eines MgeS entlief einem armen Hirten namens Saul ein Rind. Sein Herr schickte ihn ZU Samuel, damit dieser ihm zur Wiedererlangung foeS Verlustes verhelfe. Als er zu Sanncel kam, fiel diesem die Körpergxöße desselben auf. er fand, daß Saul der Länge des Stockes gleichkomme und sprach zum Volke: ,,DaS ist der vom Herrn zum König Auserkorene. Während bas über diese Wahl wegen der niedrigen Stellung Saul» unwillige Volk darüber stritt, kam die von den Amalekitern in die Wüste ausgesandte Kuh mit der heiligen Lade auf ihrem Rücken in das israelitische Lager und fiel vor Saul int die Knie. Da brach da« Volk in Jubel aus und rief:„Das ist ein Zeichen GotteS; es lebe der König Saul." Saul fiel in einer Schlacht wider die AmU» lektter; seine zwei Söhne. Brachia und Jeremias,erwarben sich