Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 47 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 18. November 1904 Nr. 47 stehen, ein Vorgehen, das natürlich zugunsten jener Sippe . von Räubern ausschlägt? Wir fragen, ob der Herr Bezirkshauptmann sich noch de- Jahre- 1862—63 erianert, wo seine Vorgänger Kontributionen selbst bei Polen eiutrieben und Geld und Geldes- «ert? Würde es heute Polen in Galizien selbst in höchster Staatsstellung geben, welche cs verhindern würden, einer polnischen Emigration durch Galizien die größtmögliche Unterkunft und Unterstützung zu gewähren? Wie vielen russischpolnischen Emigranten wurden in Galizien Landesanstellungen gewährt, während man einheimischen jüdischen Kräften diese vorenthält. Was sagt die weise Polizei in Hnsaiyn dazu? Schwer lastet des Gendarmen Hand auf den Nacken der unglücklichen Auswanderer. Es gewinnt de« Anschein, daß jeder einzelne Bezirksha»ptmann als Pascha seine- Bezirkes nach Herzenslust die ihm unterstehenden Juden nach seinem Gutdünken beha«delt. Doch hiervon wollen wir jetzt absehen und nur betreffs der unglücklichsten der Unglücklichen der ruffifch-jüdischen Emigranten sprechen. Ein jüdischer Schlaffer erhielt dank seiner tüchtigen Arbeit bei einem jüdischen Meister namens Egre einen Wochenlohn von 16 Kronen, welche es ihm ermöglichten, samt Weib und Kindern zu leben. Der Mann war froh und glücklich; mit ihm arbeiteten noch gegen 12 jüdische Arbeiter bei demselben Meister, als plötzlich der Bezirkshauptmann davon Kunde erhielt, Gendarmen hinbeorderte, um die Rnffen auseinanderzuiagen. Wir sind sehr neugierig, z« erfahren, ob dieser fürsorgliche Herr Emigranten polnischer Nationalität in gleicher Weise das Brot aus dem Munde reißen wird. Ein anderes Tableau. Zwei Reservisten, noch mit ruffischen Paffen versehen, retteten sich unter großen Schwierigkeiten auf österreichischen Boden, nach Skala, wurden da von Gendarmen ergriffen und zum Bezirkshauptmann gebracht. Der eiue, Hersch Kupferstein, hatte eine Barschaft von 6 Rubel, der andere, Leb Wiernik, hingegen 2 Rubel bei sich. Nachdem man ihnen die-alles abgenommen, wurden sie angeschnauzt,; sich Schiffskarten zu lösen, sonst würden sie über die Grenze geschickt. Mit Mühe entrannen sie den Hänven des ge-! strengen Bezirksvorstehers unter Zurücklassung der obigen s kleinen Barschaft sowie deren Päffe! Es gibt noch andere! Fälle, welche das Vorgehen der polnischen Beamten beleuchten. Andere Tatsachen folgen. Sie müssen im Lande ihrer Bestimmung, soiveit möglich, dezentralisiert uttb schnell durch den Nachweis voll Arbeitsgelegenheit zur Selbständigkeit herangebildet werden. L. Es ist n i ch t durch Gewährung barer Zuschüsse die Allswanderung 31t erleichtern und zu ermuntern, ß. Organisation zur Lösung obiger Aufgaben. Zur Lüsullg obiger Aufgaben sind zu hüben: >. La n d e s 0 rg a n i s a t i 0 n e n; ihnen liegt es ob, im östlichen Europa die Auswanderer über die Vorbedingungen einer zweckentsprechellden Auswanderung, sowie über die besten Neifewcge aufzuklären imb den Transport der Auswanderer alsdann bis zur Lalldesgrenze zu überwachen. Die Aufgabe der Ueberwachung nebst der Vorsorge für möglichst billigen Transport liegt allen Landeskomitees der Durchgangsländer ob. Die Aufgabe, für die Ausgewanderten möglichst schnell Arbeitsgelegenheit zu schaffen, fällt den Landesorganisationen jener Länder zu, die das Reiseziel der Auswanderer sind. Die Landesorgallisationen, deneil es vielfach obliegen lvird, mit der Regierung und den Behörden ihres Landes 31t verhandeln, müssen sich eine derartige Form geben, wie sie den Verhältnissen des einzelnen Landes am besten entspricht imb zur Erreichung der vorgesteckten Ziele am zweckdienlichsten ist. Um das Zusammenarbeiten der einzelnen selbst-- ständigen Landesorgallisationen zu verbürgen, ist 2. ein Internationales Komitee zil bildeil, dessen Aufgabe es wäre a) in Fällen, wo die Landesorganisationen versagen, einzugreisen, d) in Fällen, wo die Größe der Ausivanderung ganz besondere Maßnahmen erfordert, die gegebene Vorsorge zu treffen. Das Internationale Komitee wäre zu bildeil ans je eiilem Delegierten der großen, auf der Konfereiiz vertretenen jüdischen Wohlfahrtsinstitutionell und aus solchen Einzelpersonen, die für die Sache nützlich sein können. Dieses „Internationale Komitee für d i e j ü d i s ch e A u s w a il d e r u n g a u s d e m ö stl ich eil Europa" gibt sich eine Geschäftsordnung selbst. Die jüdische Auswanderung aus Osteuropa uud die Organisatiou. (Tagesordnung der Frankfurter Konferenz.) Referent Dr. P. Nathan, für den „Hilfsvereiil der deutschen Juden-. Thesen: - Aufgab en. DieAufgaben, die zu lösen wären, sind die folgenden: 1. Es müssen die Auswanderer aus dem östlichen Europa schon in ihren Heimatländern über die Vorbedingungen einer zweckentsprechenden Auswanderung aufgeklärt werden. j Sie sind über die besten Reisewege zu informieren.! Es muß angestrebt werden, zugunsten der Auswanderer möglichst gute Bedingungen für die Eisenbahnuild Schiffahrtstransporte zu erlangen. Die Auswanderer müsseil auf der Reise vor Bedrückung und Uebervorteilung geschützt werden.! Endlich wäre 3. ei,l „Internationales Zentralbureau für die jüdische Auswanderung aus d e m ö st l i ch e n Europa" zu bilden. Diesem Bureau läge es ob, alle auf die Auswanderung bezüglichen wertvollen Informationen zu sammeln; Eisenbahntarife, Schiffahrtstarife, die Nachrichten über die.Lage des Arbeitsmarktes in den Auswanderungsländern, Nachrichten über die.Vorbildung der Auswanderer in ihren Heimatländern usw. usw., um alsdann durch eine zweckentsprechende Verwertung und einen zweckentsprechenden Austausch dieser Nachrichten den Auswanderern für ihr Fortkommen möglichste Erleichterung und den Landeskonlitees für ihre Maßnahmen die nötigen Unterlagen 31t schaffen. Dieses Bureall müßte feineii Sitz in möglichst zentraler Lage haben, zwischen den Herkunftsländern der Auswanderer u,ld den Ländern, in die sie sich begeben. R e s 0 l u t i 0 n e n: Es wird beantragt: Die Versanlinlung beschließt gemäß obigen Thesen, 1. daß die einzelneil Läilder Vorsorge treffen, damit die osteuropäische Auswanderung voll Land zu Land überwacht werde, 2. daß ein „Internationales Konlitee für die jüdische Auswanderung aus dem östlichen Europa", sowie 3. daß „ein internationales Zentralbureall für die jüdischen Allswanderer aus dem östlicheil Europa" gebildet werde. Zur Affäre des getauften Gerichtssekretärs Dr. Helfer. Anläßlich der Besprechung einer ähnlichen Affäre babe ich. wörtlich folgendes geschrieben: „Dieser Getaufte ist das Prototyp der glaubenslosen und entnatiottolisierten Juden der sogenannten besseren Klaffen. Die Söhne aus solchen jüdisch genannten, in Wirklichkeit aber antijüdischen Häuser kennen keine Religionsideale, ja nicht einmal Volks- oder Familienideale; sie kennen nur zweierlei: Karriere und Genußsucht und daher ist eS nicht zu verwundern, daß die Strafgerichte so oft mit getauften Assimilationsfruchteln sich zu beschäftigen haben: Dr. Brix, Zinn er. Vivat sequens! Dem Juden wäre die Professur verschlossen geblieben, selbst wenn er weife wie Salomo, keusch wie Josef gewesen wäre; dem „Getauften" stand h e Professur offen. Werden die staatlichen und christlichen Faktoren nicht endlich einsehen, daß sie mit der Förderung des Abfalles vom Judentum nur der Korruption in die Hände arbeiten, wenn sie einem anständigen, seinem Glauben und seinem Volke treuen Juden die Karriere verschließen, ja in manchen Aemtern verbarrikadieren, während sie dem charakterlosen Renegaten, der manchmal sogar den Glaubenswechfel aä hoc und vor der Vorgesetzten, Behörde vollzieht, die Karriere eröffne«." Hierzu habe ich anläßlich der Affäre des getauften Dr. Helfer nichts hinzuzufügen, als daß das „Jüdische Volksblatt" wiederholt den Nachweis geführt hat, daß die Zunahme der Glaubenslosigkeit auch in den katholischen Teilen zun, Teile zurückzuführen ist auf die Förderung der „Los von Juda"-Bewegung und die Verrammelung jeder Karriere dem anständigen u«d charakterfesten Juden, während dem wegen materieller Vorteile vom alten Glauben und seinem Volke abgefallenen, also Gesinnungslumpen, die Karriere offen steht. Daß diese Art von Renegaten die Reihen der geborenen guten Christen verseuchen, ist evident. Wenn es richtig ist, daß der Oberlandesgerichtspräsident sich geäußert hat, er werde sich nunmehr hüten, getaufte Auskultanten zu befördern, so hat er das Richtige getroffen. Denn wer wegen gemeiner weltlicher Vorteile seinen Gott und sein Volk verrät, ist eben nicht vertrauenswürdig und es sollten sich daher die christlichem konservativen Kreise zum Prinzip machen, einen Glaubenslosen oder Renegaten, nicht aufzunehmen. Wiß „christlich" die sogenannten christlichsozialen Blätter sind, beweist der Umstand, daß sie anläßlich der Publikation des Steckbriefes gegen Dr. Helfer den im Steckbriefe gar nicht vor kommen den Passus der Konfession einschmuggelten und „mosaische Konfession" an gaben, wiewohl Dr. Helfer seinen ehemaligen jüdischen Glauben bereits läng st abgelegt h a.t. Dr. W. Menschliches ist mir fremd." Besonders war er auch mit der Lebzeiten wohl recht unangenehm gewesen wäre: Dieser „Jude"j fa viel wir konnten, und gewannen bald in dem alten Herrn schönen Literatur alter und moderner Zeit so bekannt, wie besaß auch in reichem Maße die jüdische Tugend der einen hilfsbereiten Freund — durch Weigerts Vermittlung! nur wenige auch unter den Gebildeten unserer Gegenwart. Wohltätigkeit. Man sagt sonst wohl: „Die Inden kön-! Ä" den letzten Jahren ging, so scheint mir, eine recht Abstrakte Spekulation zog ihn nicht an; dagegen hegte er sehr nen's ja, denn sie haben's ja auch, und was sie in der Oeffentdeutliche Veränderung rnit dem Gelehrten vor. Er wurde lebhaftes Interesse für ethische und auch für religiöse Fragen. * lichkeit geben, das ist nur ein kleiner Teil dessen, was sie uns' schnell alt und sah schlecht aus. Besonders fiel mir das beim Mit christlichen Theologen unterhielt er sich sehr gern und besaß abgegannert haben, lind wird nur gespendet, um vor der Welt^ Begräbnis Jordans ans. Oft zeigte er sich in tiefer Schwervolles Verständnis und Würdigung auch für andere Stand-'groß zu tun." Ich mag an dieser Stelle auf solche Vorwürfe, nmt; man sagte, er sei unzufrieden mit sich selbst und mit punkte. Ja, er schrieb sogar einmal einen größeren Aufsatz nicht ernstlich eingehen, sondern wünschte nur, daß einstweilen seinen Leistungen! für die „Christliche Welt", der dort vor einigen Jahren verauch all die Christen, „die es haben" und die es auch nicht alle! Und nun hat er seinen Frieden gefunden! Nach arbeitsösfentlicht worden ist. In diesem Verkehre zeigte er weder — wie das manch anderen eigentümlich ist — die Empfindlichkeit der Andersgläubigen, vor der man jedes Wort zuvor auf die Wagschale legen muß, noch die vermeintliche Unfehlbarkeit des materialistischen Naturforschers, bei dem nur das gilt, was sich messen und wiegen und sinnlich beurteilen läßt. Freilich war er auch ebenso weit entfernt von jener verächtlichen Charakterlosigkeit mancher Juden, die ans Liebedienerei und um vornrteilsfrei z» erscheinen, das eigene Nest beschmutzen, in dem s i e g e h e ck t w v r d e n s i n d. I Ich hatte öfters die Ehre, mit ihm zu verkehren, nicht nur in meinem eigenen Hause, sondern vor allem sehr häufig in den gastlichen Räumen Wilhelm Jordans. Und auch in diesem geselligen Verkehr bewährte der große Gelehrte in so gewinnender Weise die Reinheit und Tiefe seines Gemütes, die Liebenswürdigkeit und seine Humanität seines Wesens.! War das ein Humor, ein Frohsinn und Witz! Er fesselte und animierte immer die ganze Gesellschaft! Und dabei war alles! in ihm so dezent, so herzlich und niemals auch nur im geringsten jemand verletzend! Sogar zu kleinen unschuldigen Mätz- , chen ließ er sich wohl herbei, so z. B. produzierte er sich, als i wir das letzte Mal Jordans Geburtstag in dessen Hause feter* j te«, zu unserer aller Erstaunen als vollendeter Bauchredners indem er vom Fenster aus eine Unterhaltung mit dem scheinbar unten auf der Straße stehenden Nachtwächter täuschend, fingierte. „ \ Nun muß ich auch indiskret sein und eine Seite des! Entschlafenen hervvrheben, deren Bekanntniachung ihm bei! durch Beten und Holzhacken gewonnen haben, in gleicher Weise wohltätig wären, wie das bei den Juden so häufig der Fall ist. Aber Weigert hatte „es" n icht. Er war von Hanse aus arm und lebte höchst bescheiden als Junggeselle von seinem mäßigen Gehalt. Trotzdem sendete er mir mehrere Male bet besonderen Gelegenheiten, besonders zu Weihnachten, einen Zwanzigmarkschein zur Bescherung für arme Kinder. Wahrscheinlich hat er diese Wohltätigkeit auch anderen gegenüber bewährt, aber meines Wissens tat er es nie in der Oeffentlichkeit. Dagegen erfuhr ich indirekt, daß er junge Talente wesentlich nnterstützte, wenn auch nicht ans eigenen Mitteln, sondern durch Sammlungen bei reichen Freunden. Sv verschaffte er seit einer Reihe von Jahren einem meiner früheren Konfirmanden jedes Semester das Schulgeld für das Konservatorium im Betrage von mehreren 100 Mark. Der junge Mann braucht es nun noch ein Jahr lang; hoffentlich findet er einen Nachfolger Weigerts, vielleicht unter den Lesern unseres Blattes?! Bvr etwa zehn Jahren reiste ich mit meiner Frau von Stockholm ans nach Npsala, um dort den berühmten Kodex des Bischof Ulfila zu sehen. Aber es waren gerade Universitätsferien, das Städtchen war wie ansgestvrben, die Universitätsbiölivthek verschlossen. Wir tlvpften vergebens an verschiedene Türen, um zu erfahren, wie wir zum Anblick der berühmten Handschrift kommen könnten — lange vergebens. Endlich trafen wir einen grauköpfigen deutsch sprechenden Gelehrten; es war der dortige Professor für Anatomie. Als er hörte, daß wir ans Frankfurt wären, da war seine erste Frage: „Kennen Sie Weigert?" Und nun mußten wir ihm erzählen, und erfolgreichem Leben ist er still und sanft entschlafen. Und wie steht es nun mit ihm? Nach „korrektem" Christentum stünde es freilich schlimm genug. Er war ja nicht getauft, und der große Mangel seines Levens müßte ihn verfolgen bis iy die Ewigkeit, so gewiß, als auch die vor der Taufe, vielleicht sogar schon vor der Geburt gestorbenen Kindlein christlicher Eltern in grausamer, aber unentrinnbarer Logik braten müssen in der Hölle, weil ihnen die Erbsünde Adams nicht abgenommen ist und sie daher unter dem Zorne Gottes stehen! Aber, Gott sei Dank, das ist nur Scholastik, ist Lehre, an die sich auch selbst unter den Orthodoxesten heutzutage nur wenige gebuyden fühlen. Wirkliches, warmherziges Christentum und vor allem der Stifter des Christentums selber kennen solche grausame Hartherzigkeit, solche dogmatische Tüfteleien nicht. Ich deute vielmehr, es ist keine fiirwitzige Vermessenheit, zu behaupten, daß auch heute noch der Herr zu Leuten wie Weigert sagen würde: „Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist." — Gewiß, man soll das Besondere der einzelnen Konfessiviien nicht verachten, denn alles religiöse Leben prägt sich immerdar in bestimmten Formen ans. Aber dieser Grundsatz darf uns doch nicht die Erkenntnis verschließen, daß all unser menschliches Neben und Denken mir schwaches Stammeln ist vor dem Gott der Ewigkeit, der da stehet über allen Religionen und Konfessionen, lieber aller Konfession steht der Gedanke eines reine», edlen, strebenden, liebenden MenscheuttttNö. Alle menschliche Religion ist in dem Grad echt und wertvoll, als sie reich ist an Liebe. Unser Weigert aber war reich wie wenige an echter, selbstloser Liebe." Bg.