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Jüdisches Volksblatt · 1904-11-18 · 47 (18.11.1904) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
47 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 47 Wien, Freitag Jüdische« Volkeblatt. Mel Wir würden aber kaum diese- Lehrweisterstückchen ritus oosaei in feiner krassen Rechtgläubigkeit publizieren, wenn man nicht auch schon bet uns in Galizien in jener Weise -u agitieren begänne. UnS hier liegt Galizien näher, denn im Paschal.k gibt eS ja die berüchtigten g a l i z i s ch e n Eigentümlichkeiten denen gegenüber StaatSgrundgesetze in StaatSzugrundegesetze umgeprägt werden, natürlich zunächst waS die 800.000 Juven betrifft. Es will «nS sogar dünkrn, daß trotz des weltln kannten Zwistes zwischen Polen und Russen in Angelegenheit der Juden eine Lniente cordiale herrscht, die jedem ins Auge fällt. Mau könnte Versucht sein, diese in eine mathematische Formel festzulegen. Die zwei ethnischen Gruppen Polen und Russen haben zu ihren Exponenten das Wertzeichen „Antisemitismus". Möge uns nun eine Spezies der Intelligenz als Beispiel dienen. Die jüdischen Präparandisten werden zunächst nur in einer gewissen beschränkten Anzahl ausgenommen, weibliche schon seit einiger Zeit überhaupt nicht. Nun werden die jüdischen Präparandisten in allen den 27—30 Lehramtsgegenständen zutode geplagt und wenn derlei Seminaristen nach so schwerer und banger Arbeit glücklich die Matura überstanden, wird jedem christlichen Lehrer ein Posten angewiesen mit einem gewissen Hungerlohn auf zwei Jahre. Diese Praxisjahre bilden ja die Vorstufe für den lebenslänglich gewählten Beruf. Allein den jüdischen Kandidaten und Kandidatinnen werden derlei Posten nicht zugewiesen, was mit Vernichtung ihrer ganzen Karriere gleichbedeutend ist. Ins MoSkowitische übersetzt: das heilige polnische Wissen dürfen jüdische Lehrer «ichtjüvlschen Kindern nicht beibringen. Die wenigen jüdischen Schulen, inklusive der Baron Hirschschulen, reichen für Anstellung des Nachwuchses nicht aus. So bleiben die jungen Lehrer jahrelang hangen und bangen in schwebender Pein. Was nun tun? Man errichtete ein Religionslehrersemiuarium, welches die zarten Lehrerblüten aufzunehmen hat und in einigen abendstündlichen Vorträgen das immense jüdische Wissen in wenigen Semestern eintrichtert —alles polnisch. Ist das nicht ein Hohn auf die geistige« Schätze und auf die Erhabenheit des Judentums! Ein so unendlich geplagter Pädagoge der Elementarschule mit seinen agronomischen, theologischen, musikalischen und polnischliterarischen rc. re. Kenntnissen soll nun unseren Kindern das Judentum übermitteln. / Erlangt derselbe einen Posten als Religionslehrer, bleibt er der Lehramtskandidat mit der verschlossenen Laufbahn, für die Volksschule und Bürgerschule verloren, da die Praxis als Religionslehrer ihm nicht als Aequivalent der gesetzlich normierten Vorbereitungsjahre zur Qualifizierungs- Prüfung gelten. Wenn wir auch die Qualifikation * ber hiesigen jüdischen Präparandisten nicht gar zu hoch anschlagen, aber ihre Ebenbürtigkeit mit den polnischen Kollegen ist zum mindesten außer jedem Zweifel. Zweifellos aber erscheint die Intention der Schulbehörden, haS jüdische Lehrelemeut auf d e u A ü S st e r b e e t a t zu setzen, ohne daß ihm die schrecklichen Mühen erspart bleiben, das Spießrutenlaufen unter einer Anzahl anti- und asemitischer Prüfer. Schreiber dieses hatte selbst Gelegenheit zu erfahren, was junge jüdische Lehramtskandidaten und -Kandidatinnen von hoher Stelle erfahren mußten, wie sehr man bedauert, daß sie picht christlicher Konfession sind, da für diese Platz vorhanden ist. Der hohe Beamte meint, daß dieses wohl nicht bloß aus nehmen zu dürfen. Und so ging eS fort. Jeder hatte vor der Abfahrt ein anderes Petit. Kaum daß dieser Trupp abgefertigt war, erschienen an 30 Neuangekommene Emigranten, die ein Student namens des Hilfskomitees von der Polizei übernommen hatte. Ursprünglich brachte man sie unter Gendarmeriebedeckung auf die Bezirkshauptmannschaft, von da, wo sie förmlich wie Arrestanten abgeschlossen waren und keine Nahrung zu sich nehmen konnten, auf den Magistrat, der sie, ohne ihnen Rast zu gewähren, zur Bahn abschob. Das Hilfskomitee erwirkte das Recht, die Emigranten übernehmen zu dürfen. In letzter Zeit hat, dank der Verfügung des Bukowinaer Landespräsiventen, auch die Tortur des Transportiere»- in die Landeshauptstadt aufgehört, wo die Emigrantenzüge, denen auch Weiber und Kinder sich befanden, in den Straßen stets peinliches Aufsehen hervorrtefen. Die eingelangten Trupps geben im Bureau des Hilfskomitees ihr Nationale ab. Für jeden Abreisenden erliegt die Bestätigung des Bahnamtes. Das Ziel aller Emigranten, das sie heiß ersehnen, ist-Amerika. Ich weilte noch zu wiederholten Malen im Emigrantenquartier. Am Abend, wo sie sich zur Ruhe legten, gab es oft Streitszenen. Ein Maschinenschlosser hatte einmal einem Schneiderseinen Platz weggenommen, was sich letzterer nicht gefallen lassen wollte, zumal ihm für seinen Protest noch eine schallende , Ohrfeige vom Schlosser appliziert worden war. Der Attfseher des Quartiers, ebenfalls ein russischer Emigrant, der daheim Buchhändler war und an seine Braut,, eine Lehrerin, fleißig Briefe schrieb, rief seinen Schergen, einen kräftigen Fleischhauer, herbei, welcher beide Kombattanten schon durch sein Erscheinen zur Raison brachte. ' Manchmal geht eS im Quartier auch lustig zu. Ein russischer Musikant spielt auf seiner Flöte und zwei ehemalige Borbeter Leben mit ihrer sonoren Stimme jüdische Weisen zum besten. Stets hält sich eine große Zahl der Emigranten von dieser Zerstreuung fern, ja die meisten sitzen, unberührt durch das Flötensptel und den Gesang, nach wie vor in ihrer Ecke brütend und sind mit ihren Gedanken beschäftigt, die wohl ihrem traurigen Lose gewidmet sind. Für diese scheint es keine Freude zu geben. Nur einmal, als einer dieser Borbeter das Kolnidregevet mit seiner wehmütigen, ergreifenden Melodie an. religiösen Gründen, sondern aus politischen geschehe!! Fürchtet ja jener hohe Amtsvorstand einen Bauernaufstand, so man ihre, der Bauern Kinder, jüdischen Lehrkräften anvertrauen würde. Hier ist wohl die Frage angebracht: Und die 600.000 Juden haben gar kein Bedenken gegen die Auslieferung ihrer Kinder in oft arrogant a n t i-a fe m iti fch e Hände?! Weshalb denn diesen nnsere Kinder aufhalsen, kann ja die Behörde ehrlich und unbefangen für jüdische Kinder jüdische Lehrer in Verwendung ziehen. Das will man aber nicht. Auch für ehrliche Arbeit voll Blut und Schweiß und Gehirn den Juden den Brotkorb hoch zu hängen, das ist die polnische Devise. Dieses Doppelvergehen bezüglich der Lehrer, dieses Wegdrängen der Juden deutet auf Stojalowski. den Judenfeind. Er verlangt von der Intelligenz, die jüdischen Lehrer, Richter u. a. aus ihren Stellungen zu treiben, und wählt die galizische Landstube zur Absetzung seiner Gedankendejekta. Es mutet uns eigenartig an, daß jeper vorlaute Schwätzer im Landtage mit Anträgen kommt, welche längst in klingende Münze asemitischer Untaten ganz sachte und ganz leise umgesetzt wurden. Man schlage nach, wie viele Juden im letzten Dezenninm zum Richteramt zugelassen wurden. Das Avancement der Exjuden und der wenigen Nochjuden geschah in der noch unverfälschten ehemaligen österreichischen Freiheitsära. Ohne den politisch-jesuitischen Geschäftspolitiker Pater Stojalowski tun unsere Polen den Juden enorm Un—recht und scheuen niemand. Ob das Bestreben der jüdischen LandtagSabgeordneten Ra ppaport, Ko lisch er und Löwenstein, den Herren Juden einen jüdischen Landesschulrat für die „jüdische Konfession" zu verschaffen, den gewünschten Erfolg erzielen wird, daS wird sich bald zeigen. Die Sanktion der Laudtagsbeschlüsse hängt vom Ministerpräsidenten ab, dem gegenüber der Lemberger Kultusvorsteher Herr Dr. Heinrich Gottlieb unter anderen sehr dringenden Bedürfnissen und Wünschen auch die Vertretung im galizische» Landesschulrat als dringend bezeichnete. Freilich würde unS diese Bewilligung — als Danaergeschenk erscheine», käme ein Assimilationsopstel an jene so einflußreiche Stelle. Heute im Zeichen der national-zionistischen Bewegung, werden Affimilanten und im nationalen Wesen Uneingeweihte wohl nicht die Kühnheit besitzen, ein derartig verantwortungsvolles Amt zu übernehmen. Heute geht eS nicht an, mit de» Volksmunde zu rechnen. „Wem Gott gibt ei» Amt, dem gibt er auch den Verstand." Wir können mit großer Genugtuung «ich leider.noch größerer Resignation ausrufen: Israel hat wohl Gott den Verstand gegeben — daS Amt hingegen Antisemiten. Erlangt jenes pium desiderium di« behördliche Sanktion — was wir als selbstverständlich voraus setzen an geeigneten jüdischen Kandidaten von hoher Begabung üüd Fachwissen wird eS nicht fehlen. Schneiden wir einen anderen Gegenstand an. Die so geräuschvolle M ic ki ew i e z-Feier. Wir haben in diesen Blättern bereitmitgeteilt, welch eine Flut von Häßlichkeiten der Oktober uns brächte, Pud wenn wir alles summieren, erscheine« die Summen um daS eine Resultat: sich zu konzentrieren: Alles ad majorem Poloniae gloriam. Und fo sprach und sang der Stein, der kalte Granit des Mickiew i c z zu ungezählten tausenden aller Lebensalter von Polens großem Genie, der Festredner verkündete die Wiederherstellung Polens, die heilige Muttergottes kündet in ihrer.Marmorkält« die Herrschaft der einzig wahren Lehre de- JesuitiSmus, selbst der für ewig verstummte Mund des RittterS stimmte, da durchzucke es alle, sie stimmten ein, und der Gesang tönte wie aus einem Gotteshause aus den Kellerwohnungen empor. Selbst die Andersgläubigen (es gibt auch Polen , und Deutsche, jedoch in geringerer Anzahl zuweilen im Quartier), waren bei dem Gesang tief ergriffen. Das gemeinsame traurige Schicksal hatte ein einigendes Band um sie geschlungen. Ich lernte im Quartier allerhand Leute kennen. Jeder Beruf hat dort seine Vertretung. Interessant ist der Meinungsaustausch dieser Armen. Wenn ein russisches Blatt ins Quartier gebracht wird, umstellen sie gruppenweise den Leser. Jede Nachricht von der Mobilisierung eines nachfolgenden Korps erfüllt sie mit großem Leid. „Gott schütze unsere Brüder!" hört man einzelne wiederholt ausrufen. Der angekündigte englisch-russische Konflikt rief geradezu Bestürzung im Emigrantenlager hervor. „Nun fängt von neuem das Morden an",— sagte zu mir ein russischer Gymnasiast — „und selbst diejenigen, die nach Rußland noch einmal zu ihren Familien wiederzukehren beabsichtigten, da sie Noch vor der Einberufung desertierten, werden wohl schwerlich die russische Grenze passieren können." Es ist merkwürdig, daß trotz aller Leiden manche Emigranten für ihre russische Heimar noch ein dankbares Wort habe«. „Es wird vielleicht einmal besser werden!" meinte ein Optimist. „Es gibt auch bei uns recht gute Menschen", ergänzte ein anderer. Zwei Leute traten jetzt auS einer über den Krieg debattierenden Gruppe heraus. „Gute Menschen gibt eS bei uns?" sagte einer von ihnen höhnend und lachte. „Vielleicht ist ein solcher der X., der Y., der Gouverneur?" und er nannte eine Reihe von russischen Namen. Der andere erwiderte, indem er einen dieser Namen wiederholte: »Der ist kein schlechter Mensch, daS weiß ich. Er „nimmt" nur für seine Stellung viel zu viel. Bei uns ist sein Amtsgenoffe billiger." Der Briefträger unterbrach die Debatte. Die Emigranten drängten sich zu den Wandtafeln, auf welchen von einem Mitgliede des Hilfskomitees die Namen derjenigen, welche Briefe erhalten hatten, ausgezeichnet wurden. Ein jeder suchte seinen Namen herauszufinden und das Auge des Glücklichen strahlte vor Freude, wenn auch er unter denjenigen war, für die ein Schreiben eingelangt war . . . 18. November 1904 der eisernen Krone Jakob P t ep es und de« Chefs der ReichsratSpolen I a w o r - k i riefen: „Jeszcze polska nie zgin$la", »Noch ist Polen nicht verloren" — «llpolen über alle-. Allein wer mochte diesem schlau organisierten, feierlichen Rummel in die Zügel fallen von Seiten der Juden? Wer mochte dieser politischen Auferstehungssaat störend in den Weg treten? Auffallend erscheint aber jedenfalls jene superkluge Politik, dergemäß die galizische» Juden auch als Borspann zu dem allpoluifchen Trtuwphzug gedient haben, eine Rolle, zu welcher die Ruthenen sich nicht mißbrauchen ließen. Wer empfindet nicht den Ehilul hafchem, wenn der Kolomeaer orthodoxe Rabbiner, der Anwärter anf daS Lemberger Rabbinat, unter der Menge einen Kranz trug? Nein, unsere Thora wird von jenen entweiht, welch« einem fremden Totenkult, mit Ostentation nachläuft. Allein einen Punkt hatte M i c k i« w i e z mit dem Juden- Punkt gemein — daS Darben. Freilich heutzutage lassen die Polen ihre Dichter und Sänger nicht »ehr am Hungertuche vagen wie zur Zeit des Miezkiewicz. Bei unserem Volk« will das Martyrium der großen Männer gar nicht enden. Gestern besuchte ich ein Massen quartier in eine« Keller, in welchem fünfzehn erwachsene Menschen schlafen und de» nötige» Sauerstoff sich zuführen. Jeder dieser Unglücklichen zahlt ö Kronen für den Monat. Schon erkrankte einer unter Symptomen einer hochgradige Krankheit, deren Diagnose «och nicht festzustellen war. Unser Verein „Tomchei Jehudei Russia" kann di« Größe der Aufgabe angesichts einer derartigen wilden Flucht nicht bewältigen. Wir gingen ein Vorstandsmitglied an, er solle etwafür diese nnsere unglücklichen Brüder tun. Der Vorstand konnte, wen» er wollte, das evakuierte alte jüdisch« Spital als Massenquartier einrichten, um den Aermsten der Armen Herberge zu gewähren. Wir erhielten aber zur Antwort: Der Vorstand unterstützt lieber die Grenzkomitees, um nicht die ganze Emigration nach Lemberg zu ziehen. Dank der Initiative des Kultuspräses Dr. Emil Byk, Lazarus und anderer wnrde ein großes Komitee gewählt, an welchem sich Zionisten und Azioniste« beteiligen, und eS steht zu erwarten, daß jenem Komitee reichliche Gaben zur Verfügung stehen werden. Uns arme» „Tomchei Jehudei Russia" bleibt noch immer ein gut Stück Arbeit aufgespart, wenn der Vorstand es nicht für angezeigt hält, mit uns zu arbeiten. Ein Verbot der Konstituierung des Hufiatyner BereineS „Tomchei Jehudei Russia" erregt hier und in Husiatyn unliebsames Aufsehen. Wieder ein Bild der „galizische« Wirtschaft." Kaum hat der Statthalter von Galizien einem Bezirkspascha da- Handwerk gelegt, welcher .di« unglückliche» russisch-jüdischen Flüchtlinge in die Hand ihrer russischen Henker itbertiefert«, '.-ats tot* ^überrascht/ wurden von dem Verbote der Konstituierung des ZweigvereineS „Tomchei Jehudei Russia" in Husiatyn; dieses Komitee hatte den Zweck, abgefeimten Expressern und Banditen ihre Opfer abzujagen. Den Mitgliedern deS „Bnei Zion" gebührt da- Berdienst, sich der Unglücklichen angenommen zu haben. Diese setzten sich mit uns Lemberger „Tomchei Jehudei, Russia" in Verbindung, um gemeinsame Akte der Bruderliebe zu vollführen, aber die Statthalterei in Lemberg, die hohe k. k. LandeSbeyörde war ganz entschieden. dagegen. Hierauf kam der Herr Bezirishauptmann und verbot in seinem Reskripte die Konstituierung der „Tomchei Jehudei Russia" und drohte der „Bari Z on" mit Strafen, so sie wage, wieder im Sinne echt jüdischer Pflicht ihren Brüdern beizu- Jch beobachtete noch wiederholt und lange das Leben und Treiben dieser Heimatlosen im Quartier in der Dreifaltigkeitsgasse. Wer dort einmal diese bemitleidenswerten, abgehärmten Gestalten sich angesehen, wird von immer tieferer Rührung erfaßt und den empfangenen Eindruck nie vergessen! S a l om on Kaßn er. Professor Dr. Karl Weigert. Wir haben seinerzeit über öen Tob dieses ebenso bedeutenden Gelehrten wie charaktervollen Mannes berichtet. Wir reproduzieren nun eine protestantische Stimme, die Zeitschrift „Die Gemeinde", in der Pfarrer Battenberg über Weigert folgendermaßen schreibt: Wie kommt denn dieser Jude in ein evangelisches Gemeinöeblatt? Ja, freilich, es war nur ein Jude. Aber dn» neben war er, wie uns die Fachleute übereinstimmend berichten, nicht nur ein eminenter Gelehrter, der der medizinische^ Wissenschaft und damit der leidenden Menschheit die größten Dienste geleistet hat, sondern er war auch, wie ich auS eigener Erfahrung es kennen zu lernen reichlich Gelegenheit hatte, ein so edler, hochstehender Mensch, daß alle, die ihm näher treten durften, nur mit Verehrung und Liebe zu ihm aufsehen konnten. Und diesem Manne wurde dereinst der Professorenstuhl der pathologischen Anatomie in Leipzig verweigert, nur aus dem Grunde, weil er Jude war und obwohl er sonst das unbestrittene Anrecht auf diese Stelle gehabt hätte! So oft ich daran denke, überkommt mich das Gefühl der. Scham und schmerzlichen Bedauerns darüber, daß Geist und Wesen des Christentums vielfach in so engherzigen* u n w ü r d i g e n F v r m e n e n t h a l t e n sind und daß alter Zopf und fanatische Beschränktheit teils durch die Böswilligkeit der Menschen immer aufs neue gepflegt werden, teils doch durch „altehrwürbige" Satzung und Institution so tief eingenistet sind, daß sie auch von Wohlgesinnten, wie dort den Mitgliedern der medizinischen Fakultät, nicht auSgerottet werden können. Weigert war nichts weniger als ein einseitiger Fachgelehrter. Er konnte mit vollem Recht von sich sagen: „Nichts

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