Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 42 (14.10.1904)
- Date
- 1904-10-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Wieö, Freitag Jüdiachea Volksblatt. 14. Oktober 1904 Seite 5 Die Prager Israel. Kitttnsgemeinderepräsentanz eröffnet einen Zyklus jüdisch-wissenschaftlicher Vorträge für Erwachsene, zu denen der Zutritt unentgeltlich gegen in der Amtskanzlet (israel. Rathaus N. C. 260/V.) erhältliche, auf Namen lautende, nicht übertragbare Eintrittskarten stattfindet. Dieselben werden im Hause Poric Nr. 0 neu, 1. Hof, 2 .Stiege, 1. Stock abgehalten, und zwar: 1. beginnend mit Montag den 17. Oktober, 6 Uhr nachmittags, an jedem Montag von 6—7 Uhr nachmittags der Vortrag des Herrn Oberrabbiners Dr. Ehrenfeld über: Jüdische Religionsphilosophie. 2. beginnend mit Montag den 17. Oktober, 7 Uhr abends, an jedem Montag von 7—8 Uhr abends der Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Klotz: Besprechung über den laufenden Wochenabschnttt der Thora. 9. beginnend mit Dienstag den 18. Oktober, 7 Uhr abends, an jedem Dienstag und Donnerstag von 7—8 Uhr abends der Vortrag des Herrn Dr. Isidor Pollak: Geschichte der Juden in Spanien. 4. beginnend mit Mittwoch den 19. Oktober, 7 Uhr abends, an jedem Mittwoch von 7—8 Uhr abends der Vortrag des Herrn Rabbiners Dr. Deutsch: Die Prophetenbücher und die äpokryphischen Schriften. Jsr. Kultusgemeinderepräsentanz. Dovromil. iE in vereitelter Exzeß.) Wenn es nach dem Willen einiger verbummelter Studenten und einiger befaffcner Bauern gegangen wäre, so wäre unser Städtchen der Schauplatz eines Exzesses gewesen. Das Ganze wurde nach bewährtem Muster arrangiert. Ein Bauer kaufte bei einem jüdischen Obstmädchen Pflaumen und als er von ihr zur Zahlung arrfgefordert wurde, verweigerte er dies mit der Ausrede, daß er bereits gezahlt habe. Das Mädchen, das auf seinem Rechte beharrte, ließ ihn nicht weg. Wütend ergriff der Bauer das Mädchen, zog es bei den Haaren in die Höhe, ließ es hinab, um diese Tortur zu wiederholen. Einige Juden, die ihm das Handwerk legen wollten, wurden von herbeieilenöen Bauern — es war an einem Markttage — mit Stöcken bearbeitet. Im Nu war der ganze Ningplatz eine Stätte wüster Szenen. Die Läden wurden gesperrt. Die Schnitt- Händler, die unter freiem Himmel ihr Geschäft betreiben, brachten eiligst ihre unzerrissenen und -geraubten Waren nach Hause. Es rettete sich, wer konnte. Die lichtscheuen Elemente, die geheimen Antisemiten wähnten ihre Stunde für gekommen. Mit der größten Beredsamkeit harangierten sie die Menge. Emige verbummelte Studenten, denen die mißtrauischen Juden trotz ihrer Bitten und Drohungen keinen Kredit gewähren wollten, griffen minderjährige Knaben und wehrlose Frauen an. Den jüdischen Männern sich zu nähern getrauten sie sich nicht, denn da lief man Gefahr, tüchtig durchschaut zu werden. Und wahrlich! Diese frechen Juden geberdeten sich wie rasend. Sie ließen sich nicht einmal ruhig berauben, sondern stellten sich, ein kleines Häuflein, der Menge entschlossen entgegen und trieben, v Schmach! die Horde zurück. Zwei Rädelsführer wurden von den Juden der Polizei übergeben. Durch die entschlossene Gegenwehr ist großes Unglück verhütet worden. Wir, Dobromiler Juden haben unseren galizischen Brüdern em lehrreiches Beispiel gegeben. Mnsikfchule. Professor Adler hat den Unterricht in seiner konz. Musikschule für Damen, Herren und Kinder in Klavier, Violine, Perfektionskurs und Korrekturmethoöe (letztere umfaßt: Punktations-, Zugfinger-, Spann- und gefesselte Studien) begonnen. Schüleraufnahme täglich 9. Bez., Nossauergasse 4. Prag. Die neuen, bedeutend erweiterten Lokalitäten des Vereines jüd. Hochschüler, Bar K o ch b a, befinden sich ab 1. Oktober am Poric, Hotel Kaiser von Oesterreich, im Hofe, 1. Stock. Lesestunden für Nichtmitglieder vorläufig Samstags von 11—12 Uhr vorm, und von 4—6 Uhr nachm. Gin liberales Tagblatt in Asch. Hier fand eine Versammlung des „Deutschen Hausbesitzervereines" statt, in welcher beschlossen wurde, im Verlage des Vereines in Asch eine täglich erscheinende Zeitung herauszugeben. Das Blatt würde der liberalen Richtung angehören. An der Spitze des Unternehmens, das in den nationalen Hausherrenkreisen Widerstand findet, steht Herr Dr. Krü g n er. Das Cnde eines alldeutschen Blattes. Dux. Die Zeitungsgenossenschaft, welche die „Duxer deutsche Zeitung" herausgab, hat sich verflossenen Sonntag in einer Vollversammlung nach Feststellung des Passivstandes infolge einhelligen Beschlusses der anwesenden Genossenschafter aufgelöst. Die israelitische Landeskanzlei hat an sämtliche israelitischen Religionsgemeinden das Ersuchen gestellt, die Steuerverhältnisie der Gemeindemitglieder mitzuteilen. Die israelitische Kultussteuer lastet nämlich in vielen Gemeinden sehr schwer auf den Mitgliedern der Konfession, infolgedessen die Landeskanzlei die diesbezüglichen Daten sammelt, um für die armen Gemeinden auf Grund des G.-A. XX: 1848 staatliche Unterstützung zu erhalten. Die Landeskanzlei hofft auf dieselbe um so zuversichtlicher, als Ministerpräsident Gras Stephan Tisza bekanntlich versprochen hat, daß er anläßlich der partiellen Durchführung des G.-A. XX: 1848 sämtliche Konfeffionen berücksichtigen werde. Der siebente Kongreß. Wie „Hamizpah" erfährt, soll der siebente Kongreß nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, im Monate März, sondern im Monate Mai des nächsten Jahres abgehalten werden. Der Grund dieser Verschiebung soll derselben Quelle zufolge in dem Umstande liegen, daß der Monat März sich wegen des bevorstehenden Peßachfestes nicht als Kongreßzeitpunkt eigne. Der Londoner „Hajehudi" Kreiß sogar zu berichten, daß der siebente Kongreß am 2. Mai in Basel stattfinden werde. * * * Israelitische Kultusgemeinde Wien. Der Kultusvorstand bringt zur Kenntnis, daß die Wählerliste zu den Ersatz- und Neuwahlen in d«u Kultusvorstaud zur Einsicht der Gemeindeangehörigen in der Kanzlei der Kultusgemeinde, I., Seiteustetteugaffe 4, 2. Stock, aufliegt. Reklamationeil wegen Auslaffnng wahlberechtigter oder Aufnahme yon nicht wahlberechtigten Personen sind innerhalb 14 Tagen vom 7. Oktober ab schriftlich iu der Kanzlei der KultnSgemeinde einzubringen. Die Wählerliste wird den Wahlberechtigten mit den Wahllegitimationen und Stimmzetteln zugesendet werden. Der Borstand der israel. Kultusgemeinde Wien. Israelitische Kultnsgemeiude Wien. Öffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde l., Seitenstetteng. 4, 2. Stock, Sonntag, 16. Oktober d. I., 10 Uhr vvrm. Der Präsident. Ausland. Zweite sibirische Bahn. Die Wichtigkeit, welche die sibirische Bahn im jetzigen ostasiatischen Kriege besitzt, hat in den lentenöen Kreisen die Frage der Erbauung einer zweitel! sibirischen Bahn aufgeworfen. Die russischen Blätter treten insgesamt für den Bau einer zweiten sibirischelt Bahn ein, bloß in bezug auf die Art der Durchführung des Projektes gehen die Meinungen auseinander. Während nämlich die einen dieAnsicht vertreten, daß diese neneLinle parallel mit der bereits ausgeführten gebaut werde, plaiöieren die anderen für eine neue, selbständige Trassenführung. Die Verfechter des elfteren Projektes begründen dasselbe mit finanziellen Rücksichten, indem behauptet wird, daß die Bahn in diesem Falle höchstens 140 Millionen Rubel kosten würde, während der Bau einer neuen selbständigen Verbindung mit der Mandschurei die doppelten Kosten erfordert. Die andere Partei, welche für eine neue sibirische Bahn eintritt, führt hauptsächlich handelspolitische und strategische Momente ins Treffen, indem sie darauf hinweist, daß man sich eine Verbindung mit der Mandschurei auch für den Fall sichern muß, wemr die jetzigeLiniebetriebsunftthiggemachtwerden sollte. Die Auswanderung russischer Juden. Dem „Verl. Tageblatt" wird aus Petersburg gemeldet: Den aus Rußland auswandernden Juden ist infolge einer Verfügung der russischen Regierung ein besonderer Eisenbahntarif bewilligt worden. Bei Vorweisung einer Bescheinigung des jüdischen Kolonisationskomitees wird jüdischen Auswanderern auf allen russischen Bahnen der Tarif eines Kindcrbilletts dritter Klasse gewährt, und zwar soll dieser Tarif nicht nur bei einzelnen Personen, sondern auch bei ganzen Gruppen Anwendung finden. Jnviläum des Breslauer Rabbinerfeminars. Das jüdischtheologische Seminar zu Breslau (Frankelsche Stiftung), das älteste in Deutschland, dem ähnliche Institute in Berlin, Budapest und Wien nachgebildet worden sind, begeht Ende dieses Monats das fünfzigjährige Jubiläum seines Bestandes. Zu den aus dieser Lehranstalt hervorgegangenen Schülern gehören derzeit in großen Gemeinden und in hervorragenden Stellungen befindliche Gelehrte. Religronsverhältnisse der Bevölkerung des Deutschen Reiches. Am 1. Dezember 1900 zählte das Deutsche Reich 86 291 104 Evangelische, 20 327 913 Katholische, 680 833 Israeliten und etwa 221000 Vertreter anderer Bekenntnisse. Auf 1000 Personen kamen am 1. Dezember 1900 625 Evangelische, 361 Katholische und 10 Juden."40 Jahre früher, am 1. Dezember 1890, kamen auf 1000 Personen 628 Evangelische, 368 Katholische und 11 Juden. ' Daraus ergibt sich, daß von je 1000 Personen die Evangelischen sich um 3 verringert, die Katholischen um 3 vermehrt, die Juden um 1 verringert haben. Der Verhttltnissatz der Juden aus 1000 Bewohner ist am größten in Bremen mit 237; für die übrigen Bundesstaaten lautet er: Hessen 22, Hamburg 19, Elsaß-Lothringen 19, Baden 14, Preußen 11, Waldeck 11, Bayern 8,9, Lübeck 7, Lippe 6.3, Bremen 6.3, Schaumburg-Lippe 6, Württemberg 6.6, Sachsen- Meiningen 6.4, Anhalt 4.1, Braunschweig 3.9, Oldenburg -3.4, Sachsen-Weimar 3.3, Mecklenburg-Sirelitz 3.2, Sachsen 3, Mecklenburg-Schwerin 2.9, Sachsen-Cobnrg-Gotha 2.7, Schwarzbnrg-Sonöershausen 2.1, Neuß j. L. 1.8, Neuß ü. L. 0.7, Schwarzburg-Rudolstadt 0.6, Sachsen-Altenburg 0.5. Unter 600 Juden weisen auf: Mecklenvurg-Strelitz (331), Schaum- Vnrg-Lippe (257), Reutz j. L. (178), Schwarzvurg-Sondershausen (166), Sachsen-Altenburg 99, Schwarzburg-Ruöolstaöt und Reutz ä. L. je 48. Bon den größeren Bundesstaaten weisen an Israeliten auf: Preußen 392 322, Bayern 64 928, Baden 26132, Hessen 24 486, Sachsen 12 416, Württemberg 11916. New Nork. (Ein jüdisches Kriegerdenkmal.) Ein gemeinsames Denkmal für die zahlreichen im amerikanischen Bürgerkriege auf Seiten der Unionstreiter gefallenen Soldaten und Offiziere jüdischen Glaubens wird auf dem Salem- Fielö-Friedhof in New Z)ork errichtet. Der Denkmalsentrvurf ist ein Werk des Architekten I. F. Walsh. Die 16 000 Dollars betragenden Kosten des Monumentes werden von jüdischen Vereinen getragen. Bagdadbahn. Wie wir schon kurz mitteiletn, wird am 15. Oktober die erste Teilstrecke der Bagdadbahn feierlich eröffnet werden. Diese Strecke, die annähernd ein Zehntel der großen Strecke darstellt, die die Bagdadbahn durchlaufen wird, ist in verhältnismäßig kurzer Zeit fertiggestellt^worden. Allerdings ist sie auch derjenige Teil, der wohl die geringsten Schwierigkeiten bietet. Sie geht von der ehemaligen Hauptstadt des Seldschukenreiches Konia, dem Endpunkte der Anatvlischen Eisenbahn, aus, einem alten Verkehrswege von dort zum Orte Eregli folgend und von da noch ein kleines Stück weiter, bis zn einem Ort Burgulu. Der Niveauunterschied ist nicht groß: der Anfangspunkt Konia liegt in 1027 Meter Höhe, Eregli in 1060 Meter Höhe, die Bahnstrecke verläuft auf der Hochebene fast immer in gleicher Höhenlage. Die Landschaft trägt ähnlich der Umgegend von Konia vorwiegend Steppencharakter, ist nicht besonders dicht bevölkert und produziert in der Hauptsache Getreide und Vieh. Irr der nahe der Strecke gelegenen Stadt Karaman hat sich, wie Professor Fitzner in seinem Werke „Aus Kleinasien und Syrien", von dem jüngst der erste Baud erschienen ist, mitteilt, auf Anregung europäischer Handelshäuser in Konstantinopel eine ansehnliche Teppichindnstrie entwickelt, die durch die Bahn sicher gefördert werden wird. Der nächste Bauabschnitt, sagt derselbe Ver- ' fasser, Eregli-Adana bietet in technischer Hinsicht die weitaus größten Schwierigkeiten der gesamten Linie. Denn hier ist die Aufgabe gestellt, nicht nur die steilen Taurusketten zu dnrchschneiden, sondern auch auf eine kurze Entfernung den Abstieg aus etwa Brockenhöbe, also etwa 1100 Meter, zum Meeresspiegel zu bewerkstelligen. Die Bahn wird einige Seitentäler des Bozanti-Su benutzen, östlich außerhalb der historisch berühmten engen „Kilikischen Tore" durch das Gebirge führen, 'und den Abstieg von der Paßhöhe zur Ebene mit Hilfe schraubenförmiger Tnttnclbanten bewerkstelligen, wle sic mehrfach schon in anderen Hochgebirgen zur Anwendung gebracht sind. Uever Dorak, einem Orte an einem Nebenfluß des Seihun, wird Adana erreicht. Von diesem Punkte besteht bereits Bahnverbindung mit Mersina. Alsdann wird also der Schienenstrang Klcinasien von Norden bis Süden durchauert haben und ein wichtiger Teil des großen Werkes fertiggestellt sein. Angesichts der technischen Schwierigkeiten dieser Strecke darf man die Eröffnung aber wvhl erst nach längerer Zeit erwarten. Russische Finanzen. Nach den durch die offiziöse Petersburger Telegraphenagentur den deutschen Blättern übermittelten Ziffern des letzten Ausweises pro 16. September alten Stils der russischen Staatsbank wäre in der letztvergangenen Woche eine Abnahme des Notenumlaufes um 0-63 Millionen Rubel eingetreten, während tatsächlich eine neuerliche Zunahme um 8-37 Millionen Rubel zu konstatieren ist. Es ist nämlich die Notenemission neuerlich um 20 Millionen Rubel auf 840 Millionen Rubel erhöht worden und der effektive Notenumlauf beträgt 779-53 Millionen Rubel gegen 771-15 Millionen in der Vorwoche Seit dem 16. August wird nun allwöchentlich eine Neuemiffion von 20 Millionen Rubeln veranstaltet. Der effektive Umlauf hat sich in Monatsfrist von 714 aus 780 Millionen erhöht, was ausschließlich den Regierungs» bedürfniffen zuzuschreiben ist; denn die kommerziellen Anlagen, mit denen die russische Regierung die Neuemiffionen im voraus motiviert hat, sind fast unverändert geblieben. Allerdings ist seither auch der Goldvorrat von 948-6 auf 975-8 Millionen gestiegen, was aber ausschließlich den Ueberweisungen der Regierung aus ihren Goldbeständen im Auslande zuzuschreiben ist; die Goldbestände der Bank im Auslande find seit einem Monate um 43 7 Millionen und in der letzten Woche allein um 13'4 Millionen auf 131*73 Millionen gestiegen, während die Jnlandsvorräte in der letzten Woche um 4*1 Millionen auf 844-12 Millionen gefallen sind. Die Regierungsguthaben sind in der letzten Woche um 1-6 Millionen aus 255*7 Millionen gestiegen, aber seit Monatsfrist trotz der Goldüberweisungen um 54Millionen zurückgegangen. Man sieht, die 800 Millionenanleihe wird setzt in rapid steigender Weise in Anspruch genommen. Die neuen Prozesse in Kischenew. Am 3. Oktober begann emee wertere Serie von zwölf Prozessen gegen die Teilnehmer an dem Judenmassaker vom Frühjahr 1903. Das Forum ist wieder ein aus Odessa delegierter, unter dem Vorsitz des Präsidenten Merslakvwj tagender Gerichtssenat. Unter den Beisitzern fungieren Bürgermeister Dr. Sizinski nud der Adelsmarschall des bessarabischen Kreises Bendery. Das allgemeine Verhalten den Juden gegenüber hat sich, obwohl esit den letzten Prozessen im März d. I. der geistige Urheber der blutigen Exzeye, Minister Plehwe, auf eine furchtbare Weise von der Szene geschieden und trotz den liberalen Aeutzerungen seines Nachfolgers, des Fürsten Swiatopolk-Mirsky, vis jetzt nicht geändert. Nach wie vor wird gehetzt. — Als Vorwand wird derzeit vorzugsweise der Umstand benützt, daß angeblich zahlreiche jüdische, als Reservisten zum Krieg einberufene Familienväter über die Grenze geflüchtet sind, wobei vom Beffarabetz' verschwiegen wird, daß ebenso zahlreiche Christen, und zwar unverfälschte Antisemiten desertieren, so z. B. ein Freund Kruschewans und einer der Veranstalter der Judenmassakers namens Tschumatzenko bei seiner Einberufung ins Ausland geflüchtet ist, ferner, daß die Juden von der Militärbehörde imt besonderer Härte behandelt und ihnen keine den anderen verheirateten Reservisten zustehenden Vergünstigungen gewährt werden. Der hier für vorige Woche angekttndigte Kaiservesuch unterblieb, rvie hier allgemein erzählt wird, weil der Oberprokureor Goremykin befürchtete, daß eine eventuell zu empfangende Juöenöepntation dem oMnarchen über die Prozeßfarce die Augen öffnen und um wirkliche Gerechtigkeit bitten wird, und die Regierungskreise verständigte, daß die starken sozialistischen Umtriebe in der Stadt es unmöglich machen, für die Sicherheit des Kaisers während des dortigen Aufenthaltes einzustehen. Die gegenwärtige Prozeßserie begann mit der Verhandlung gegen die zwei Mörder Poliakow und Duözak, die am Ostermontag 1903 die arme Milchhändlerin Cheile Kosja mit Knütteln ermordet hatten. Der Arzt konstatierte seinerzeit, daß der Frau der Schädel zerschmettert und die Nase in furchtbarer Weise eingedrückt wurde. Beide Angeklagten wurden nichtsdestoweniger vom Morde freigesprochen und Dudzak nur wegen Raubes zu acht Monaten Zwangsarbeit verurteilt. — 6. Oktober Für Dienstag war anberaumt, Verhandlung wegen Ermordung des Moses Kigil, eines jungverheirateten Gemischtwarenhändlers, 30 Jahre alt, Vater eines wenige Monate alten Kindes. Drei Exzedenten, die Angeklagten Schpott, Sevorin und Semeritzky, beide letzteren noch junge Burschen, hatten den Unglücklichen überfallen und mit Knütteln totgeschlagen. Semeritzky ist mittlerweile selbst in einem Brunnen ertrunken. Da ferner einer der Hauptzeugen ansgeblieben war, wurde die Verhandlung vertagt. Gestern wurde ein eklatanter Fall verhandelt, der einerseits für die Beteiligung der sogenannten intelligenten Kreise an den Bluttaten, andererseits für die Konnivenz der Behörden jenen Kreisen gegeniiber bezeichnend. Peter Kawerin, ein 18jähriger Realschüler aus wohlhabender Kischenewer Familie, hatte am vorjährigen Ostermontag, 6 Uhr nachmittags, in der Gostimajagasse, den dort wohnenden geachteten Getreiöehändler Kalmann Wvljowitsch im Verein mit einer Gruppe mit Eisenstangen bewaffneter Banditen überfallen. Kawerin half selbst Woljowitsch martern, durchsuchte ihm, während er nahe dem Tode war, die Kleider und entwendete ihm eine Brieftasche mit 2800 Rubel, das gesamte Vermögen der Familie. Woljowitsch konnte noch später ins Spital überführt werden, wo er aber bald darauf infolge der furchtbaren Verletzungen starb. Seine erwachsenen Kinder, die ebenfalls blutig geschlagen wurden, kamen mit den! Leben davon. Sämtliche bezeichneten Kawerin nebst zwei Genossen als Täter, was auch voriges Jahr von dem Polizeipristaw Solowkin bestätigt wurde. Nachträglich bestellte sich Kawerin für arLern Freunde als Entlastungszeugen, die vor europäischen Gerichtshöfen wohl wegen dringenden Verdachtes des Meineides verhaftet worden wären, hier aber den Richtern genügter!, um die Anssagen des Verstorbeuen selbst auf dem Totenbette, sowie die genauen Schilderungen seiner sechs Kinder zu entkräften, so daß alle drei freigesprvcheu wurden. Der Staatsanwalt selbst hatte die Schuld der Angeklagten am vergossenen Blute in flammender Rede hervvrgehoben. Verteidigt wurden sie u. a. durch Pronin, der, wie voriges Jahr gerichtlich festgestellt wurde, einer der Hauptanstifter der Exzesse war. Dieser Freispruch notorischer Mordgesellen macht auf alle human gesinnten Kreise der Bürgerschaft einen deprimierenden, das Ansehen der russischen Justiz erschütternden Eindruck.