Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 40 (30.9.1904)
- Date
- 1904-09-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Volksblatt. 30. September 1904 Nr. 40 Wien, Freitag Seite S zum allgemeinen Aergernis in der Synagoge erschienen bin;' es ist nicht wahr, daß mein Erscheinen um so größeres Aergernts erregen mußte, als ich nach meinem Austritte ans dem Judentum .mich kräftig an der tschechisch-antisemitischen Hetze beteiligte,' es ist nicht wahr, daß das betende Publikum in seiner Andacht gestört wurde,' es ist nicht wahr, daß ich ein Renegat bin,' es ist nicht wahr, daß mich Dr. Rokottritz zum Verlassen des Tempels ausfvrderte, es ist nicht wahr, baß ich mich dieser Aufforderung wiöersetzte, so daß in der Synagoge ein Tumult entstand, welchem erst die herbetgeholteu Gendarmen dadurch ein Ende machten, daß sie mich aus der Synagoge führten. — Wahr ist hingegen, daß keine Veranlassung zum Unterbrechen des Gottesdienstes war, da bekanntlich auch Andersgläubige speziell an diesen Tagen die israelitischen Gotteshäuser besuchen, ohne daß man ihnen den Eintritt verbietet, umso weniger ich, der ich, wenn auch konfessionslos, dennoch religiöser Jude bin,' wahr ist, daß, als ich den Tempel betrat, mich auf meinen mir als Eigentum gehörigen Tempelsitz niedersetzte, sich anch nicht das geringste zutrug, was darauf hätte schließen lassen, daß außer meinen Todfeinden, dem k. k. Notar und derzeitigen Kultusvorsteher, und Sigmund Kornfeld, dessen Adlatus, irgend jemand Notiz davon genommen Hütte,' wahr ist, daß es hier keine tschechisch-antisemitsche Hetze gibt, sondern es stehen sich hier Tschechen und Deutsche als politische Gegner gegenüber, wo die Juden nicht als Juden, sondern als Deutsche bekärnpft werden, ich konnte mich daher an einer derartigen Hetze nicht beteiligen, wenn ich auch im Lager der böhmischen Partei stehe, wozu ich dasselbe Recht habe, wie jene Juden, die im Lager der Deutschen stehen; wahr ist, daß, als ich das Gotteshaus betrat, die Andacht keine Unterbrechung erhielt, dieselbe wurde erst dadurch unterbrochen, daß der k. k. Notar und derzeitige Kultusvorsteher, der drei Minuten später als ich das Gotteshaus betrat, kaum daß er meiner ansichtig wurde, mit Händen und Füßen um sich schlug, den Tempeldiener herbeirief, den Gottesdienst auf 16 Minuten unterbrechen ließ, auf die Gasse eilte, Gendarmerie herbeirief, die mich gegen Gesetz und Recht anfforderte, den Tempel zu verlassen, was ich auch ohne Einrede tat; wahr ist, daß vom Betreten bis zum Verlassen des Gotteshauses, was im ganzen zirka vier Minuten dauerte, ich den Mund auch nicht öffnete, das Publikum in Grabesstille sich verhielt, es kann daher von einem Tumult umso weniger die Rede fein, als außer der lauten Verkündigung der Gottesdienstunterbrechung niemand ein Wort sprach; wahr ist, daß ich mich nur aus dem Grunde konfessionslos erklärte, weil der k. k. Notar und derzeitiger Kultusvorstehcr, der mich aus nationalen, politischen Gründen und auch aus persönlichem Hasse verfolgt, an der Spitze der Gemeinde steht, und erklärte, so lange konfessionslos zu bleiben, so lange er an der Spitze steht; ich blieb dabei ein streng religiöser. Jude,,Her. drzxch^drer. Jahxe.nach LUmütz ins Gotteshaus fuhr, um seine Andacht zu verrichten, ich bin also kein Renegat und. habe auch nicht das Recht verwirkt, Gott Jehovah anzubeten, genau so wie ich es früher tat. L e i p n i k, den 26. September 1904. Josef Polak." Wir bemerken hierzu noch, daß Herr Polak uns in einem Privatbriefe bekanntgibt, daß er inzwischen wieder offiziell zum Juöentume zurückgekehrt sei. Die Laubhütte. Aus Budapest schreibt man uns : Der .Kleinhändler Israel Stern war vom Himmel weniger mit irdischen Glücksgütern als mit zahlreichen Kindern und einem stark ausgeprägten religiösen Sinne gesegnet. Alls Anlaß des herannahenden Laubhüttcnfestes errichtete er in dem Hause in der Königsgasse, in welchem er wohnte, eiire „Sukkoh", eine Laubhütte, die aus Latten zusammengestellt war und deren Dach und Seitenwände mit Moos und Laub montiert waren, damit von außen her nur der erwärmende Strahl der Sonne und kein profanes Auge in das Innere dringen könne. Von innen war die Hütte mit Glasperlenvergoldeten Nüssen, bunten Papierschnitzeln und allerlei wohlfeilem Flitter geschmückt. Dahin wollte nun Israel Stern mit seinen neun Kindern einziehen, um hier achh Tage lang mit ihnen die Mahlzeiten cinzunehmen und an den Tagen des Laubhüttenfestes den Segensspruch über den Wein zu sprechen. Dem Eigentümer des Hauses, der, nebstbei bemerkt, zur katholischen Konfession sich bekennt, war jedoch die Laubhütte ein Dorn im Auge. Er ließ durch, den Hausbesorger dem Israel Stern melden, daß dieser die Hütte gleich wieder abtragen möge. Als nun Israels Stern hiervon nichts hören wollte, belangte ihn der Hauseigentümer beim 6. Bezirksgerichte wegen Besitzstörllng. Am 24. ds. fand mit Rücksicht auf die dringliche .Natur derSache die Tagfahrt in dieser Angelegenheit statt. Nach Anhörung der Parteien bekannte der Verhandlungsrichter zu Recht, daß dem Klagebegehren Folge zu geben sei und Beklagter Israel Stern — wie dies das Gesetz deutlich vorschreibe— verhalten werde, die fragliche Laubhütte in — acht Tagen (bei sonstiger Exekution) wieder wegzuschaff e n. Israel Stern erhob nicht die geringste Einwendung gegen dieses Urteil. Er verbeugte sich, während der Kläger ihn triumphierend anblickte, dankend vor dem Richter und verließ schmunzelnd das Amtszimmer. Bon d>er Budapester neologen Landeskanzlei. Wie uns ans Budapest berichtet wird, wurde die „Israelitische Landeskanzlei" vor einigen Tagen aus der Badgasse in das Haus der „Chewra Kadischa" (Läudongasse 3) verlegt., Anlaß hierzu bot der Umstand, daß der bisherige Kanzleichef Dr. Josef Simon wegen vorgerückten Alters und zerrütteter Gesundheit nicht mehr die Kanzleiagenden leiten kann. Die Leitung der Kanzlei übernahm der Sekretär der „Chewra Kadischa" Dr. Franz Mezei, der früher Beamter der Landeskanzlei war. Der sich zurückzichende Dr. Josef Simon wurde anläßlich der Gründung der Landes kanzlet im Jahre 1870 zum Sekretär gewählt und leitete dieselbe, spater zum Chef vorgerückt, nahezu 34 nen jüdischen Answanderungsamtes, das überall an den ge- Jabre hindurch Dr Simon war die Seele der unaarieianeten Plätzen solche Hilfskomitees als Filialen gründet. Kr«ms roTr«^ Dieses Ziel anzuregen, wird für uns einen Hauptpunkt der schen Neologenbewegung und ist, alv unerbittlicher Fenw ferneren Tätigkeit bilden, und ivir zweifeln nicht, daß sich die der Orthodoxie geradezu gefürchtet. Me die Assmulatwn betreffenden Organe bereit finden werden, diesem dringenden fördernden und gegen die Orthodoxie gerichteten Schach- Programmpunkt einer jüdischen Volkspolitik näher zu treten." ziige der Neologen entsprangen dem nimmermüden Hirn Die Stellung des deutschen Zentrums. Wie die ,Mlrr. Dr. Simons. Von Dr. Franz Mezei wird überall Volkszeitnng" versichert, wird das Zentrum für eine Aendebehauptet, daß er ein würdiger Schüler und Nachfolger rang des Neichstagswahlrechtes niemals und unter keiner Be- Dr. Simons sei. dingnng zu haben sein. Ebenso werde es in keinem Falle Die Bedeutung des Wortes Labbat, In der dritten Ple- ""fct £chlcm Vorwände einer Ansn-chm-get-tzgebung narschung des 2. Internattonalen rellgtonsgeschlchiltchen Kon- »usttmincn, möge sie nun gegen die Sozialdemokraten oder gresscs führte Professor Mahler aus Budapest in einem gegen die Polen, Dänen, Juden oder sonst wen gerichtet Vortrage über Kalenderdaten in reltgionsgeschichtlicher Bedensein. Wenn in einem dieser beiden Punkte von irgend jemantnng ans, daß die Babylonier und Aegyptcr für die Zeiteinnxaftti„Lny( tl, tcifmifl den Vollmondstag zugrunde gelegt habe», welcher den dem das Gegenteil behaftet werde, kd ne ia» «on vorn- Namen „schappatn" (Sabbat-) gleich Vollmondstag (nämlich herein als Erfindung und grundlose Verdächtigung behandelt des Mondlaufes) führte. Dieser Name ist dann später für alle werden. Mondphasen gebraucht und endlich auf den siebenten Tag, i Er lall kür überhaupt übergegangen. Daher darf man das biblische „Sab-! « nuncraienrttte südliche Kommerzienräte haben das fi**" ntrfif mafw mif switfiotrtrt" sondern mufc es mit! 2 r z r e n rare, vjnonrye zrommerzrenrare yaven oas ,ollvl.rn muy es wm 9^^ 0jjen Gouvernements Stenern zu zahlen. Sie unterscheiden sich von den christlichen Kommerzienräten überhaupt nur dadurch, daß sie einige Jahre später getauft sind. —' 2. Für A e r z t e. Jüdische Aerzte dürfen in allen Gebieten kurieren, in denen die Pest epidemisch auftritt. Der Redakteur des betreffenden antisemitischen Kreisblattes entscheidet, ob der Tod eines Patienten als Ritualmord zu betrachten ist. — 3. F iir Kaufleut e. Jüdische Kaufleute dürfen handeln: 1. in Sibirien mit Orangen und Papageifeöern; 2. in Moskau mit dort gezogenem Tabak und selbstgeschlachtetem Mammutfleisch. Läßt sich ein christlicher Konkurrent im Orte nieder, so muß das Geschäft geschlossen werden. Schulden von christlichen Käufern sind nicht einklagbar. — 4. Für Arbeiter u n d a r m e Juden. Jüdische Arbeiter und arme Juden haben in ganz Rußland das Recht, anszuwandern. Zurückbleibende dürfen sich von jedem Beliebigen erschlagen lassen. — 6. S ch l u ß b e st i m m u n g. Dieser Erlaß wird durch die früheren Judenerlüsse aufgehoben. („Münchener Jugend.") Amerikanische Auswanbernrrgsinspektionen sollen in Deutschland errichtet werden, um den Vereinigten Staaten den unliebsamen Zuzug minderwertiger und mittelloser Elemente fernzuhallen. Diese Inspektionen, denen auch ein Arzt beigegeben werden soll, werden in den Hauptauswanderungshäfen stationiert werden, und zwar zunächst in Hamburg, Bremen, Plymouth und Cherbourg. Mit der deutschen Reichsregierung sind die Verhandlungen zur Zeit im Gange. Nach der Königsberger Hartungschen Zeitung besteht auf deutscher Seite Geneigtheit, den amerikanischen Plan verwirklichen zu helfen. Beschränkungen der Einwanderung. Weitere Beschränkungen der Einwanderung nach Amerika werden geplant. Das Handelsministerium sammelt Material für eine Neuregelung der Einwanderungsfrage durch den Kongreß. Die von den amerikanischen Konsuln im Auslande gelieferten Informationen sprechen sich fast einstimmig für weitere Beschränkungen aus. Man nimmt an, daß der Kongreß in bezug auf den bat" nicht wie bisher mit „Ruhetag" „Vollendungstag", nämlich der Arbeiten, ebenso wie das Zeitwort „schabat" mit „fertig sein" übersetzen. Weiter verweist der Redner auf die merkwürdige Tatsache, daß Allerseelen an dein Tage der ägyptischen Gräberöffnung und der Geburts- , und Auferstehungstag des Gottessohnes Jesus Christus an! dem Geburts- und Auferstehungstage des ägyptischen Gottesi sohnes Horns gefeiert werde, was doch kaum ein Zufall sein ' dürfte.! Vom Aufenthalt des Königs Eduard in Marienbad wird das diesjährige Kurpublikum dieses Badeortes ein unvergeßliches Andenken, einen hochangenehmen, unverwischbaren Eindruck mitgenommen haben. Sein bezauberndes Wesen, seine mit so vieler Einfachheit verbundene Größe, seine alles gewinnende Liebenswürdigkeit erregte Liebe, Verehrung und Bewunderung. — Hier nur eine Episode, die, wie österreichische 1 Blätter berichten, sich tatsächlich zugetragen haben soll. Auf einer Bank bei der „Waldauelle" sitzen zwei russische Juden, j Der König nimmt zwischen beiden Platz und erkundigt sich nach ihrem Wohlergehen. Sie klagten natürlich über ihr Schicksal in Rußland. Er tröstet sie und spricht von der milden Gesinnung des russischen Kaisers. „Der Zar (sagt einer der Juden) wäre schon gut, aber er ist von Hind (Hunden) umringt." Der andere aber spricht: „Ja, wenn wir einen solchen „Kaiser" hätten, wie der englische Kaiser ..." — „König!" unterbricht ihn der Beherrscher Großbritanniens und verläßt grüßend die beiden Juden. Diese waren nicht wenig verblüfft, als sie am Abend bei der „Kolonnade" ihren Vankgenossen als englischen König umschwärmt sahen. „Schloime!" rief der eine, „der ist ja heute mit uns auf einer Bank gesessen! Was! wird da Herauskommen?" Der andere, offenbar ein Zeitungs- : lefcr, der schon etma& Politik gerochen hat, sagt überlegen: 1 „Seh' du Schotte (Narr)! England ist doch auch broges (bös) auf Rußland und hält es mit Japan." Hilfskomitee in Basel. In - einer Versammlung wurde i für jüdische Auswanderer! Bildungsgrad der Einwanderer so hohe Anforderungen stellen 'in Basel" konstrtmert, welchem angehörten die Herren I.! . . S(Vfi - 1 Bollag-Feuchtwanger als Präsident, Joel Weil als Kassier, xn Ankunft zahlreiche Einwanderer wegen Nicht-! Werner Bloch als Sekretär, F. Arnstein, M. Bernheim, I. Meyer und Dr. Schmoll als Beisitzer. Ein an sämtliche Juden i Basels, an die israelitischen Kultusgemeinöen der Schweiz > sowie an einige . des benachbarten badischen Oberlandes und des Elsaß gerichteter Aufruf erbrachte 18 480,95 Francs und ein ansehnliches Quantum von Kleidungsstücken, erfttllung dieser Bedingungen werden zurückgewiesen werden müssen. Die Polizeibehandlung der russischen Auswanderer ist von uns wiederholt zum Gegenstände öffentlicher Kritik gemacht worden. An der Grenze schon werden, wie wir seiner¬ Wasche und Naturalien. Hierdurch wurde es möglich, den: Ast narauf anorttert raüiÄ ücronkl? Auswanderern warmen Tee mit Milch bei der Ankunft am nE öer' SmSSiSm- , Morgen, eine Mittagsmahlzeit von Suppe, Fleisch und Broot j X?nSnS-SSnS- S rar«? - ' itjtö einen ^Wcifenroniflitt non SRrnf sJTHfffi nhpv jjftifvi’t öSm*- * ^fwteiiictsßtTtic für öic IxeBcxfctyit ituclj Sintcrtfn 3^ lufen. SDtemiu uuui tJtujipxuniam vvn vjiUü) ooei <vuiir, m4v.s ™4v nuutov tw4rfw-*i is™ifm4*im; dinen und Schokolade zu verabfolgen, und zwar haben sich j hiesige jüdische Damen in großer Zahl bereit gesunden, abwechslungsweise an den Donnerstagen, dem regelmäßigen selbe Praxis wird, wie wir weiter berichtet haben, denjenigen russischen Reisenden gegenüber, die der Grenzkontrolle entgangen sind, im Innern Deutschlands, z. B. in Leipzig und Auswanderer ag d esen Liebesdienst ^^i nerfefien ffite ftlüd&t- Berlin, beobachtet. Um das Verfahren der Polizei einmal ein- I tmcZRTatÄB&ffi d« «lnkün! wandSsr-t ftstzustellcn, bat der „BvrwäM" -in artigesl Mittel!MaLM'« L?L Ä!onoemttn&t. Er b-anftragt- -inen, Berichterstatter, sich als russischen Staatsangehörigen zu gerwren und als solcher vom hiesigen Lehrter Bahnhof eine Reise nach Hamburg anzutreten. Auf Veranlassung eines Agenten der Hamburg-Amerika-Linie wurde der vermeintliche Russe, obgleich er eine Fahrkarte nach Hamburg und 50 Mark besaß und unter scharfen Protest erklärte, daß er nicht nach Itmerika wolle; zum Iluswandererbahnhof in Ruhleben geschafft. Hjer/kvurde er ärztlich nntersnchi und dann erklärte ihm ein Polizeibeamter, daß er nach Rußland zurücktransportiert werden würde. Als dann am nächsten Tage die Androhung ausgeführt werden sollte, legitimierte er sich als deutscher Staatsangehöriger und mußte natürlich freigelassen werden. Der Versuch hatte also ergeben, daß Russen, die keinen Paß haben und als Militärpflichtige gelten (als solchen hatte sich der Agent ausgegeben), an Rutzdes Zuges in Empfang genommen urld in die dem Komttee zur Verfügung gestellte Baracke geführt. Nach der fünftägigen Reise bis Basel, die ohne nennenswerten Aufenthalt und durch eine unbeschreiblich schlechte Organisation die Leitte vollständig erschöpft, genießen sie hier die erste warme Mahlzett, und es hat sich herausgestellt, daß dieselbe in sehr vielen Fällen, besonders bei Kindern, durchaus nötig ist, um eine Weiterreise zu ermöglichen. Urn den Ankömmlingen das umständliche und beschwerliche Aus- und Einladen ihres Gepäcks zu erleichtern, wird dasselbe durch eine hiesige Dienstmünneranstalt besorgt, sodatz die Auswanderer nunmehr vollständig unbehindert eintreffen und abfahren. Mit Rücksicht auf dasv amerikanische Eirrwanderungsgesetz, das die von irgend einer Sette Unterstützten von der Landung ausschließt, wurde prinzipiell jede schränkte sich auf diejenigen, die nicht von einer jüdischen Hilfsgesellschaft, sondern mit eigenen oder mit Mitteln ihrer Familienangehörigen in Amerika reisten, also ans die sogenannten „freien" Auswanderer; erst seit Anfang des laufenden Jahres wurde auf Grund eines Uebereinkommens mtt der Jewish Cvlonization Association auch die von ihr über Basel geleiteten Auswanderer verköstigt, wofür die Jca eine Vergütung von 1.60 Fres. pro Kopf entrichtet. In einzelnen Fällen ließ das Komttee auch den durch die Alliance israelite universelle vder durch andere Gesellschaften Beförderten seine Hilfe angedeihen, besonders den Unglücklichen, die, von der Landung ausgeschlossen, auf der Rückreise meist völlig mittellos unsere Stadt passierten. Mir diese urnfasserlde, überaus segensreiche Wirksamkeit gingen dem Komitee, wie wir seinem soeben ausgegevenen Bericht entnehmen, in Bar 18480.96 Fres. (aus Basel 3601.60,. aus der übrigen Schweiz 6633.36, aus demAusland 6363) zu, wovon bis zum 1. Juli ö.J. zur Verpflegung und ^Unterstützung von 10331 Auswanderern 15186.96 Fres., d. h. 1.47 Fres. pro Kopf, verausgabt wurden. Zur Verteilung gelangten: 4660 Pfö. Fleisch und Wurstwaren, 7270 Pfd. Brot, 2920 Liter Milch und 3000 Büchsen Sardinen. Das wackere Komttee, das sich durch seine hingebungsvolle, zielbewußte Arbeit ein wohlbegründetes Anrecht auf die Anerkennung, wettester Kreise erworben hat, schließt feilten Bericht mtt nachstehendem, in der Tat überaus beherzigenswerten Appell: „Daß unsere Hilfe nur eine unvollkommene sein kann, ist selbstverständlich, und sie wird eö so lange bleiben, bis sämtliche maßgebenden Faktoren sich zusammentun, um eine der dringendsten jttdischsozialen Aufgaben der Gegernvart zu lösen, nämlich die Organisierung der jüdischen Auswanderung, die dem jüdischen Volk alljährlich die tiefsten Wunden schlägt und als eine der schwierigsten und leidensvollsten Krankheiten am jüdischen Volkskörper anfzufassen ist. Unserer Meinung nach ist dieses Ziel zu erreichen durch die Schaffung eines allgemeidirekte materielle Unterstützung verweigert und nur einzelnen £ I « ir r Z &eu tfic nach genauer Prüfung Vahnbtlletts gekauft oder zu denSchiffsj kaufen"' Dtt "lrrgetegenhett wird im toten ZnMIle geleistet Die. TMg.keik de« Komitees, be- IZLarte^na^ ÄH« »5^ Sache liegt ein Antrag Bernsteins bettn sozialdemokratischen Parteitag vor. Dieser Antrag lautet: „Der Parteitag ersucht die sozialdemokratische Reichstagsfraktion, einen Gesetzentwurf einzubringen zur Schaffung eines der modernen Kultur entsprechenden Rechtes der Fremden im Deutschen Reiche und insbesondere zur Sicherung von Ausländern gegen die seit längerer Zeit befolgte und neuerdings verschärfte, verwerfliche Praxis der Answanöererpolizei, sie durch Nötigung zum Lösen von Fahrkarten riach bestimmter: Ländern bestimmten Rhedern irr die Hände zu spielen und sie im Falle der Weigerung ihren: Heirnatslande auszultefern." Paris. Von dem Hilfsfonds von 100 000 Fres., den die Alliance israeltte universelle vor kurzem für die notleidenden Inden Rutzlarrds bestimmt hat, sind zunächst die folgenden Summen durch Beschluß des ZentralkonrtteeS vom 13. d. M. überwiesen worderr: nach Lodz 15 000, nach Bialystok 10 000, nach Odessa 10 000, nach Wilna 6000, rrach Libau 4000 und nach Dnbrvwno 3000 Francs. — Bei der Judenhetze in Srnjela (Gorrv. Kiew), über welche vvrr den Tageszeitungen bereits berichtet wurde, sind nicht weniger als 98 Häuser und' 143 Lüden, die Juden gehörten, zerstört rvorden. Die dortige jüdische Gemeinde ist dadurch in großes Elend versetzt. Die Alliance israeltte hat zur Bestreitung der dringendsten Anforderungerr dem Grundeigentümer von Smjela Senator Grafen Alexis Bobrinsky, der als Wohltäter der Juden bekannt ist, 5000 Fres. übermittelt. Jerusalom. In Jerusalem gibt es 43 jüdische Schulen, darunter 4 ausschließlich für Mädchen. Besucht werden diese Schulen von 3319 Knaben mvd 669 Mädchen. Die Unterrichtssprache ist in je 2 französisch bezw. englisch, in 3 persisch, in 4 arabisch, in 10 spanisch-hebEM, in 21 deutsch (darunter in 7 hebräisch-deutscher Jargon). In einer Schule ist neben deutsch auch spanisch im Gebrauch.