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Jüdisches Volksblatt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 2. September 1ÖÖ4 Nr. 36 schaumigen so eng abzusteckeo, als ihm beliebt. Aber nicht mehr Privatsache ist es, daß das offizielle Organ des Deutschen Anwalt-Vereines, das die Würde des Standes nach außen und innen zu vertreten hat, derartigen Anzeigen seine Spalten öffnet. Ein Stand, der als Element des F o r ts ch r i t t e s in unserem öffentlichen Leben gelten will, der seine Solidarität gegenüber den vielfachen Angriffen der Gegenwart so entschieden zu betonen pflegt, darf auch in dem fachgenösslschen Anzeigeteil seines Organes sich nicht kompromittieren. Graf Kutaifow, ein intimer Freund und Gesinnungsgenosse des ermordeten v. Plehwe, wurde unter Belastung auf seinem Posten als Generalgouvernenr von Sibirien zum Mitglied des Kronratcs ernannt. Es bleibt also alles beim Alten! Die Kischiuerver Greuel vor dem Zivilsenat. So unglaublich es klingt, existiert in Rußland ein § 1316 des bürgerlichen Gesetzes, der zu den sonstigen rechtlichen Prinzipien dieses Polizeistaates in grellen! Widerspruch steht und der über den zivilrechtlichen Schadenersatzanspruch handelt im Falle, daß jemand durch Nachlässigkeit, Verzögerung oder Unvorsichrigkeit behördlicher Personen Schaden leidet. Drei Verhandlungen, die jüngst auf Grund dieses Paragraphen vor dem Zivilsenate geführt wurden, beweisen, daß die russische Justiz es versteht, sich aus der peinlichen Situation, in die sie durch diese unbequeme Gesetzesbestimmung geraten ist, herauszuziehen. Angeklagt waren: der einstige Gouverneur von Kischinew v. R a a b e n, der Vrzegonverneur Ustrugow samt einer ganzen Schar von Kischinewer Polizisten und der einstige Stadthauptmann von Petersburg und gegenwärtige Generalgouverneuer von Kiew, Wolhynien und Podolien, v. K l e i g e l s. Einige Kischinewer Bürger hatten während der Judencxzrsse an ihrem Vermögen Schaden gelitten und klagten nunmehr R a a b e n, U st r u g o w und Genossen auf Schadenersatz, da durch ihre vernachlässigte behördliche Obsorge die Exzesse und der daraus sich ergebende Vermögensschaden entstanden seien. Außerdem war Ustrugow speziell vom Herausgeber einer von der Zensur bewilligten Broschüre, die eine Verdammung der Judenexzeffe durch den Pater Ivan von Kronstadt und den Prälaten Antonius von Schitomir enthielt, auf Schadenersatz geklagt, da Ustrugow unberechtigterweise die ganze Auflage konfisziert hatte. Gegen Kleigels lag eine Klage der Studentin S a b i j a k i n vor, die zur Zeit der StudentendemonstraLionen des Jahres 1901 unverschuldet von der Polizei mißhandelt worden war und Rippenbrüche sowie eine allgemeine Nervenerschütterung erlitten hat, wodurch sie arbeitsunfähig wurde. Klei ge Ls wurde von ihr. als Oberbefehlshaber der Polizei von Petersburg, auf Zahlung der Heilungskosten geklagt. Der Senat wies alle diese drei Klagen zurück und schloß sich in seiner Begründung der Verteidigung der Angeklagten an, die, anstatt ihre Schuldlosigkeit zu beweisen, verlangten, wegen der Beschuldigungen, die alle Anz-ichen gemeiner Verbrechen an sich tragen, vor eiu Kriminalgcricht gestellt zu werden. Sie zogen es also vor, wegen Amtsmißbrauch, der Lei so schweren Vorkommnissen mit Verlust aller Rechte, drei Jahren Kerker oder lebenslänglicher Verbannung «ach Sibirien gestraft wird, angcklogt zu werden, das heißt mit anderen Worten, sich hinter dem Rücken des Zaren und des Ministers, ohne welche eine derartige Anklage nicht erhoben werden kann, zu verbergen, als sich der gewissen zivilrechtlichen Verurteilung auszufttzen. Laß Zar und Minister ihre Lublingsschergen schützen werden, war ihnen dagegen gewiß. Der Hauptzweck dieser Verhandlung ist, wie die „Jskca" bei der Besprechung dieser Prozesse bemerkt, dennoch erreicht. Die Verhandlungen vor dem Senat fanden bei offener Tür statt und so können endlich die Bürger Rußlands aus den legalen Zeitungen über die Teilnahme der russischen Regiernug an der Organisation der Kischlnewer Greuel und der Mißhandlung der Studenten vor der Kasaner Kathedrale Näheres erfahren. Stuttgart. Zu öen Orten in Württemberg, welche bis in die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts den Israeliten zur Niederlassung reserviert waren und aus denen auch nach dem die kirchlichen Verhältnisse der Juden regelnden Gesetz von 1828 ein Wegzug sehr erschwert war, gehört das Dorf Pflaumloch im Oberamt Neresheim. Bis in die siebziger Jahre hatte in dem etwa 450 Einwohner zählenden Dörfchen die israelitische Gemeinde noch mehr als 100 Angehörige, 1880 waren es noch 47 Mitglieder. Seitdem hat die Zahl rasch abgenommen und vor einigen Tagen hat, wie dem „Staatsanzeiger" geschrieben wird, der letzte in Pflaumloch ansässige Israelit seU Anwesen vertäust, um nach Nürnberg überzusiedeln, nachdem erst im Lause dieses Sommers mehrere jüdische Familien nach Nürülingen gezogen sind. Die im Jahre 1846 gebaute neue Synagoge steht jetzt völlig vereinsamt da. Für die politische Gemeinde Pflaumloch bedeutet der Wegzug der Israeliten einen ziemlichen Verlust an Steuertraft. Zn ähnlicher Weise wie hier, verändert sich in den anderen dörflichen und kleinstädtischen Gemeinden, die ehemals als Judenniederlassungen dienten, das Verhältnis. Die israelitischen Gemeinden draußen auf dem Lande schrumpfen stark zusammen, während in den größeren Städten seit Mitte des vorigen Jahrhunderts eine ziemlich erhebliche Zunahme ftattgefunden hat, die aber in letzter Zeit vielfach in einen Rückgang sich verwandeft hat. Eigentlich hat seit 1895 nur Stuttgart eine Zunahme m verzeichnen. Im ganzen Lande ist die Gesamtzahl der Israeliten von 13 331 Köpfen im Jahre 1880 auf 11916 bei der letzten Zählung znrückgegangen. Eine Doppelbüste von Moses und Aaron. Aus A t h e n, 16. ds. wird der „Voss. Ztg." geschrieben. Der ehemalige Unterrichtsminister und Abgeordnete K. Papamichalopoulos, der gegenwärtig verschiedene Gegenden Kleinasiens und Palästinas bereist, sendet der hiesigen Zeitung „Athinae" einen Bericht über die „Doppelbüste von Moses und Aaron", die sich in dem kürzlich gegründeten Museum der „Theologischen Schule des Kreuzes" ln Jerusalem befindet. Die Büste ist tu der äußeren Form den Dvppelhermen der griechischen Kunst Ähnlich und wurde seinerzeit zwecks bequemer Beförderung an ihren gegenwärtigen Aufenthaltsort in mehrere Stücke zerschnitten, die aber leicht wieder zusammenzupassen sind. Die linke Hälfte der Büste, die den Kopf des Moses darstellen soll, ist 0,39 Meter hoch,' die rechte Hälfte mit der Darstellung des Kopfes des Aaron ist 0,47 Meter hoch. Beide Figuren zeigen unverkennbar den echten Typus der semitischen Rasse: das längliche Gesicht, die gebogene Nase, den herabfallenden Bart, das lange Haar, wohlgepflegt und an den Schläfen gewellt, den scharfen Blick: zugleich aber verleiht der milde Ernst, die ruhige Erhabenheit, die sich in den Gesichtern der beiden Personen ansfprtcht, dem Kunstwerk einen hervorragenden Charakter. Das Kunstwerk lvurde um die Mitte des vorigen Jahrhunderts vier Meter unter der Erde auf dem Grunde vvr der fetzigen Metropole von Nazareth gefunden, und zwar zusammen mit einer Reihe archäologischer Funde, wie Säulen und Kapitale. Ans dem Platze stand früher ein von Jnstinian erbauter glänzender Tempel, der die Stelle der alten berühmten jüdischen Synagoge einnahm, wo nach der Ueberlieferung Christus gelehrt hatte und von den ergrimmten Juden verjagt worden ivar. Als die Büste ausgegraben war, wurde sie sofort von dem türkischen Mufti dem griechischen Metropoliten Nifon übergeben, der sie im Vorgarten der Metropole anfstellen ließ. Da sich aber die begehrlichen Blicke zahlreicher Antiqnitätenfrennde und Archäologen ans sie richteten und ve'rschiedenemale der Versuch gemacht wurde, sie zu entführen, beschloß der jetzige Metropolit von Nazareth, Theophanes, die Büste in Sicherheit zu bringen und schenkte sie dem jüngst gegründeten Museum der „Theologischen Schule des Kreuzes" in Jerusalem. Einigermaßen schwierig ist nun die Frage nach der Herkunft dieser Neliefbüsten. Gegenüber der Behauptung einiger Gelehrten, daß sie eine moderne Fälschung seien, muß auf die Fundnmstände und darauf hingewiesen werden, daß sie zusammen mit anderen antiken Gegenständen ans Licht kamen. Daß in türkischer oder arabischer Zeit die Kunstübung in Palästina noch geblüht haben soll, ist schwerlich anzunehmen. Dagegen wissen wir, daß seit dem dritten Jahrhunderte n. Ehr. die griechische Kunst in Palästina in Blüte stand, deren Ueberreste noch heute in Heliopolis (Baalbek) und Gerasa, Petca nsw. sichtbar sind. Daß ein Jude selbst die beiden Porträts geformt habe, in Uebertretnng des göttlichen Gebotes, kein Bildnis noch Gleichnis zn machen, ist unwahrscheinlich, wenn auch nicht ganz unmöglich. Beschränkung der Judeneirrwauderimg in Bayern. Bekanntlich haben die beiden städtischen Kollegien in München die Eingabe der christlichsozialen Vereinigung, die Stadtvertretung möge mit dem Ersuchen um Maßnahmen zur Beschränkung der weiteren Einwanderung fremder Juden an die Staatsrrgierung hrrantreten, ohne jede Verhandlung und Begründung abgelehnt. Wie man uns aus München rnitteilt, läßt die christlichsoziale Vereinigung nicht lockor, sie will durch eine große Protesiversammlung die Stadtvertretung zwingen, entweder den Wunsch der Christlichsozialen zu erfüllen oder ihre Mandate niederzulegeu. Das Publikum wird durch Flugblätter und Plakate in den Kampf gegen die Gemeindeverwaltung hineingehetzt. Frewdeneinwandernng in Gngland im Monate Juli. Im Monate Juli l. I. kamen in England an: 9699 Fremde zu ständigem Aufenthalte (im Juli v. I. 8538), Durchreisende 8540 (Juli v. I 9349). Vom 1. Jänner bis Ende Juli l. I. kamen nach England: 48.256 Fremde zn ständigem Aufenthalte (im Vorjahre 47.460), auf der Durchreise waren 55.479 (im Vorjahre 86.951). In Eüis Island. In Ellis Island, der Visitationsstation für Einwanderer in Amerika, wurden wieder mehrere Juden zurückgehalten, weil sie den Einwanderungsbedilignilgen in der einen oder anderen Hinsicht nicht entsprachen. Unter den Retenierten befindet sich auch Frau Freude Mayer aus Samobor, Galizien. Sie wird nach Europa repartiert werden. Berlin. Wehmut ergreift das Herz, wenn man als Jude, der ein offenes Auge für die Gebrechen seiner Zeit hat, sehen muß, wie die Entjudung der deutschen Juden schon so weit ist, daß sie bald an der äußersten Grenze angelangt sein dürfte und wie damit ganze jüdische Gemeinden sich anflvsen und ihre Institutionen verfallen. Selbst die heiligen Stätten des Todes verschwinden, ohne daß eine jüdische Seele sich darum kümrnert. Sv lesen mir in dem „Altrnärtisrhen Intelligenz- und Leseblatt" in Calbe a. d. Milde: Seit kurzem ist im Innern unserer Stadt in dem neuen Stadtviertel eine wesentliche Veränderung eingetreten. Der allen Besuchern unserer Stadt bekannte Judenfriedhof, der mit der Zeit mitten in den Straßen eingebaut war, ist seit kurzem verschwunden, an seiner Stelle erhebt sich, wie aus dem Profil ersichtlich ist, ein Schrnirckplätzchen, das der Stadt dauernd zur Zierde gereichen wird. Die sterblichen Ueberreste der dort begrabenen Angehörigen jüdischer Konfession wurden auf dem städtischen Kirchhofe beigesetzt. Es ist dieses in kurzer Zeit die zweite Ucberführung sterblicher Ueberreste nach dort, denn vor eiu paar Jahren wurde auch das nur wenige Schritte vom Judenfriedhos benachbarte Schildsche Erbbegräbnis abgebrochen. Bereits beim Chausseeban Calbe-Brunau blidete das Erbbegräbnis ein Hemmnis, so daß schon damals im Jahre 1880 ein Teil des Gewölbes abgebrochen werden mußte. Die Neuanlage eines jüdischen Begräbnisplatzes dürfte wohl kaum zn erwarten sein, da sich zur Zeit nur eine Familie jüdischen Glaubens hier befindet. Die Leiden russischer Emigranten. Die Auswanderung der Inden aus dem Kiciticr Gouvernement nimmt täglich größere Dimensionen an. Der Hauptgrund hierfür liegt in der allgemeinen ivirtschaftlichen Krisis, welche die jüdischen Kleingewerbetreibenden und Händler am schwersten trifft. Leider finden sich unter den Juden solch niederträchtige Elemente, welche diese Situation ausntttzen und ihre unglücklichen Stammesbrüder nicht nur vollständig ausplündern, sondern sie noch ins Verderben stürzen. So schreibt die „Kiewskaja Gazetta", daß in Vjelvzerkvw eine ganze Bande von Auswandernngöagenten ihr Lager aufgeschlagen hat, deren Hauptgeschäft darin besteht, die Emigranten über die Grenze zu schaffen. So übernahm erst ynlüngst der Hauptagent W eintrau b, eine ganze Gruppe jüdischer Auswanderer über die Grenze zu bringen. Der Agent brachte die Aermsten nach K u t n v. im Warschauer Gouvernement, wo sie zehn Tage znbringen mußten, bis der Anführer endlich das Zeichen zum Ausbruche gab. Er befahl der Gruppe, den Weg zur Grenze z u F u ß zurückzulegen, während die Habseligkeiten auf Fuhren nachbefördert werden sollten. Unter Lebensgefahr und unausgesetztem Schrecken iiberschritten sie die russisch-preußische Grenze. Dort wartete nun die ganze Gesellschaft auf ihre Sachen. Nach mehrtägigem Warten platzte der Agent mit der Nachricht heraus, daß sämtliche Habseligkeiten der Auswanderer ans der Grenze abgefaßt wurden. Unter den Auswanderern entstand eine Panik, viele von ihnep baten nun den Agenten, sie nach Hause zurnckzubringen, doch der abgefeimte Schurke verhöhnte sie und machte sich schließlich aus dem Staube, die Unglücklichen, des letzten Nestes ihrer armseligen Habe beraubt, zurücklassend. Vergeblich ermahnen die jüdischen Blätter Rußlands, mit dem „F r a t n d" an der Spitze, die Juden, sich mit Agenten nicht einzulassen: noch immer gibt es solche, die ihnen auf den Leim gehen und dadurch sich und ihre Familie unsäglichem Elende preisgeben. Außer diesen „geschmuggelten" Auswanderern verlassen unzählige auf regulärem Wege rhre alte Heimat,- die meisten gehen «ach Nordamerika. Vergangenen Samstag haben fich in Libau allein 800 Personen (Männer, Frauen und Kinder) nach Amerika ctngeschifft. Die Auswanderer waren auf dte Dampfer „Kasan", „Kursk" und „Perm" verteilt. Unter jüdischen Bettler«.*) ES war an einem recht schönen, sonnigen Sommertaae, als mich ein Wilnaer Freund, öen ein langjähriger Aufenthalt in Deutschland mit den Lebens-, Arbeits- und Wohnungj-» Verhältnissen unserer einheimischen Arbeiter vertraut gemacht hat, zu einem Runögang durch die Ghettostraßen des Wtlnaer Judenviertels einlnd, und sehr gerne habe ich seiner Einladung Folge geleistet. War es ja ohnehin mein sehnlichstier Wunsch, mit eigenen Augen das in ganz Rußland sprichwörtliche Massenelend der Wtlnaer. jüdischen Proletarier zu sehen und deren Lebensweise kennen zu lernen. Es war ein sehr heißer Tag, und die Wanderung durch die schmutzigen, engen, schlecht gepflasterter Ghettoslratzen ward mir doch recht beschwerlich. Immer dasselbe graue Elend, nichts als zerlumpte Männer und Frauen und nackte^ mit schmutzigen, zerrissenen Hemöchen hernmlaufenöe Kinder zu sehen, wirkte sv nieöerdrückend und entmutigend, daß man an der Hoffnung, jemals für diese Deklassierten eine bessere Zeit kommen zu sehen, schier verzweifeln mochte. Wie wohnen diese sich Menschen nennenden Wesen! I« Räurnen, die für das Vieh noch zn schlecht wären, hausen Tausende und Abertausende ohne Luft, Sonne und Licht. Ueberall wohnen und schlafen Erwachsene und Kinder beiderlei Geschlechtes urit fremden Familienangehörigen nebeneinander,, mit- und beieinander. Das Wohnnngselend erreicht in Wilna den höchsten Gipfel. So gelangten wir auf unserer Wanderung bis zum „Schulhof", dem alten historischen Platz der alten Synagoge, in welcher mancher bekannte jüdische Gelehrte seine Tätigkeit entfaltet hat, die der Schauplatz mancher brutalen Verfolgung gewesen ist. Dieser „Schulhof" bildet vorzüglich auch öen natürlichen Aufenthaltsort aller derjenigen Bettler und Schnorrer, welche sich nicht einmal des Luxus einer Schlafstelle in den sogenannten menschlichen Behausungen erfreuen können und gezwungen sind, von Tag zu Tag, je nach der Höhe der Barmittel, sich nach einer Schlafstätte umzusehen. Auf diesem „Schulhof" kampieren sie wenigstens tagsüber kostenlos und von der fürsorglichen Polizei ungestört, und manchmal gibt es auch einen fetten Brocken, wenn irgend ein menschlich denkender Glaubensgenosse oder ein Fremder des Weges kommt, der sich nicht schämt, den verlumpten Bettlern irgend eine Münze in den Schoß zu werfen. Mit jauchzendem Herzen und freudestrahlendem Gesicht wird jede, noch so kleine Münze entgegengenommen und für alles herzlichst gedankt. Hier sind die Aermsten der Armen, die sogenannten „Lustmenschen", welche über keinen weiteren Besitz verfügen können, als über die Luft des Schulhofes, und auch diese wird ihnen manchmal noch durch Konkurrenten streitig gemacht. Unser Erscheinen auf dem Schulhof und unsere Besichtigung der Synagoge sowie der vom jüdischen Verein für Volksrvvhl begründeten Bibliothek, konnte in öen Kreisen dieser Luftmenschen nicht unbemerkt bleiben. Es war für sie ein Ereignis. Wir hatten uns mit Kleingeld versehen und gaben jedem der Armen je nachdem eine größere oder kleinere Münze. Je mehr mir aber gaben, umso größer wurde die Zahl der Nehmenden. Schien uns beirn Betreten des Schulhofes die Zahl der sich dort anfhaltenden Bettler im ganzen vielleicht 6 bis 10,- sv wuchs sie bald auf 20 bis 90, und je länger unser Aufenthalt sich durch unseren Besuch in der Bibliothek hinzog, umso größer wurde auch die Zahl der Bettler, so daß wir im ersten Augenblick unser Erstaunen über diese rasche und zahlreiche Vermehrung nicht unterdrücken konnten. Uno dennoch mußten wir uns über das Natürliche dieser Erscheinung eigentlich ganz klar sein. Diejenigen, welche bereits ihre Gabe hatten, holten schnell aus ihrer Nachbarschaft Bekannte heran und stellten sich mit den neuen Gästen nochmals in Reih und Glied, so daß manche, mit dem Handwerk des Schnorrens gut vertraute Bettler an diesem für die Bewohner des Schulhofes denkwürdigen Tage ein doppelt gutes Geschäft zu verzeichnen gehabt haben mögen. Wir verteilten all unser kleines Bargeld und waren gezwungen, auch noch größere Münzen wechseln zu lassen, zu welcher Arbeit viele aus der Reihe der Bettlersich freiwillig meldeten, meist in der Hoffnung, daß bei diesem kleinen Geldgeschäft noch ein kleiner Nutzen für sie zu erübrigen sein werde. In der allerehrlichsten Weise lieferten uns die armen Leute bis auf die letzte halbe Kopeke — ein bis anderthalb Pfennige — den ganzen Betrag ab und wurden demgemäß in einer sie zufriedenstellenden Weise belohnt. Dabei fingen aber schließlich auch die größeren Münzen an, auf die Neige zn gehen und mir machten unS auf den Heimweg. ■_ Wir waren bereits ein Stück gegangen, als uns durch' mehrere Straßen und Gassen ein hinkender, schmutziger, zerlumpter Bettler mit aufgeregtem, aufgedunsenem Gesicht und gläsernen Angen, redend und mit den: ganzen Körper gestikulierend, nacheilte. „Was wollen Sie noch von uns?" fragte mein Freund auf Jargon, in welcher Sprache übrigens die ganze Unterhaltung mit den Leidensgenvssen des Schulhofes vor sich gegangen war. Und von dem schnellen, beschwerlichen Nachlaufen ermüdet, erwiderte der Ungefragte stotternd: „Ich habe noch nichts bekommen." Wenn wir auch ob der schon unverschämt erscheinenden Aufdringlichkeit kein gerade freundliches Gesicht machten, mußten wir uns doch sagen, daß, wenn die Angaben dieses in Lumpen gehüllten Bettlers auf Wahrheit beruhte, wir ihm nach Lage der Dinge wegen seiner Dreistigkeit nicht gerade unrecht geben konnten. Im Augenblick war aber Geld für uns sehr rar und wir mußten lange suchen, bis inein Freund glücklichernwise in der tiefsten Falte einer seiner Taschen eine silberne Münze im Werte von 10 Kopeken fand. , u t _ .. „Geben Sie mir 5 Kopeken zurück," sagte mein Begleiter in etwas ernstem Tone. Unser Freund holte nach langen; Ueberlegen ans seinen Lumpen ein Portemonnaie hervor und nachdem er eö von den vielen Bändern und Bindfäden, die es umwickelten, befreit hatte, bestand seine ganze Barschaft im ganzen mcr aus 3 Kopeken. In der Nähe wechselte mein Freund die Silbermünze und gab dem Mann hiervon in aller Eile ein Dretkopeken- Damit glaubten wir uns von der Zudringlichkeit deS Bettlers befreit zn haben. - Wir täuschten uns aber. Mit derselben Ausdauer wie vorher rannte uns der hinkende Mann trotz der unerträglichen Hitze weiter nach. „Was wollen Sie noch," schrie mein Freund. „Sie wollten mir doch ein Fünfkopekenstück geben und haben wir nur ein Dreikopekenstück gegeben." Es war eigentlich selbstverständlich, daß wir diesen um einzelne Kopeken kämpfenden Bettler im gewissen Sinne un- *) Aus dem „Neuen Montagsblatt".

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