Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Wien, Freitag Jüdisches ,Volksblatt. 2. September 1904 Sette 5 auch in anderen Punkten, wie in der Juöenfrage, sich zu keiner Revision entschließen will. Der „Jüdische Arbeiterbund" Rußlands wurde trotz seiner sozialdemokratischen Tendenz in Amsterdam nicht als selbständige nationale Gruppe anerkannt und damit neuerlich bewiesen, daß die orthodoxen Marxisten auch in der Judenfrage — orthodox sind. Gerade der Chef der österreichischen Sozialdemokraten, Dr. Adler, und die österreichischen Delegierten in Amsterdam demonstrierten durch ihre Reden und Resolutionen am deutlichsten die Krise im marxistischen Lager. Ihr Bestreben, gleichzeitig den orthodoxen Marxisten und Revisionisten recht zu tun, beweist, -atz man den einen Weg nicht betreten kann wegen der Verbündeten und Freunden im bürgerlichen Lager, den anderen mit Rücksicht auf die „klassenbewußten Arbeiter". Darum wird von den Marxisten ebenso weitergewurstelt, wie von den bürgerlichen Parteien im Zeichen der „Einigkeit"! Allerhöchster Dank. Wir haben seinerzeit über das zu Ehren des Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r aus Anlaß seiner Wiederwahl in den Landtag veranstaltete Festbankett berichtet. Der Landespräsident der Bukowina Prinz Hohenlohe hat nun an den Bürgermeister Baron v. Kochanowski nachstehendes Schreiben gerichtet: „Im Allerhöchsten Aufträge ersuche ich Euer Hochwohlgeboren, für die von der jüdischen Wählerschaft anläßlich des Festbankettes zu Ehren ihres gewählten Landtagsabgeordneten Dr.> Benno Straucher in einem von den Herren . .. (folgen die Namen aller unterschriebenen Teilnehmer) gezeichneten Telegramme vom 11. August zum Ausdrucke gebrachte Loyalitätskundgebung diesen Herren den wärm st en Dank auszusprechen." Bon diesem Schreiben wurde die hierortige israelitische Kultusgemeinde verständigt. Bodenbach« (Jüdische Auswanderer.) Seit Mittwoch den 24. d. M. 11 Uhr nachts sind etwa 90 jüdische Auswanderer aus Rumänien, die unter Patronanz der ,„Jca" bis Wien gereist sind, von dort mit Unterstützung der „Alliance israelite" sich über Leipzig nach Rotterdam und Montreal (Kanada) begeben wollen, hier angelangt. In Leipzig wurden sie ohne Angabe eines Grundes — obwohl sie in Wien bereits polizeilich revidiert und materiell von der Alliance gefördert wurden — nach Bodenbach zurückgesandt. Hier blieben sie, da der hiesige Bahnhof keinerlei Räume für Auswanderer hat, auf offener Straße liegen, ohne zu wissen, was sie tun und wohin sie sich wenden sollten. Die Kultusgemeinde Bodenbach, die ständig in Auswandererangelegenheiten tätig ist, mietete für die Auswanderer einen Saal, ließ das fast zwei Waggons füllende Gepäck nachschaffen und sorgte für i>ie Beherbergung. Die Damen des israelitischen Wohltätigkeits- Frauenvereines wechseln täglich im Dienste ab, leiten die Küche und die Verabreichung der Speisen. Bis heute ist hier der Grund der Abweisung der Auswanderer, deren regelmäßige Beförderung über Leipzig durch vier Jahre unbeanstandet vor sich ging, nicht aufgeklärt, und es wäre wünschenswert, daß die Bedauernswerten bald an ihr Ziel gelangen. Der israelitische Landeslehrervereiu in Böhmen hielt am 21. d. M. im Hotel Bristol seine 31. Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Oberlehrer S. Springer gedachte nach Eröffnung der Sitzung des verstorbenen Vereinsmitgliedes Bürgerschuldirektors M. Mautner sowie des Todesfalles Dr. Th. Herzls. Hierauf hielt das Ehrenmitglied des Vereines Rabbiner S. Königsberg einen Vortrag: „Eine Uebersetzungsstunde aus dem Hebräischen", der reichen Beifall fand. Der Vortragende zeigte an der Hand «einer Bibelstelle das streng methodisch getreue Bild des Hebräischunterrichtes in den einzelnen Altersstufen. Die Berichte des Rabbiners M. Freund (Bodenbach), Schriftführer und Schriftleiter des Vereinsblattes „Mitteilungen", sowie der Kassabericht des Religiontzlehrers D. Löwy (Prag) wurden genehmigt und den Berichterstattern der Dank ausgesprochen. Auf Antrag des Vorstandes wurde ein Stellenvermittlungskomitee eingesetzt. Als Gäste wohnten der Versammlung bei: das Mitglied des Landesschulrates Dr. Ludwig Bendiener und in Vertretung des Zentralvereiues Dr. Theodor Welsch. Beide versicherten die Versammelten ihrer Sympathien und versprachen die möglichste Unterstützung in der Abhilfe der Uebelstände, unter denen die Erteilung des israelitischen Religionsunterrichtes leidet. Nach Absendung einer Huldigungsdepesche an die kaiserliche Kabinettskanzlei schloß der Vorsitzende mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser die Versammlung. Der Ausschuß wurde in seinem vollen Umfange wiedergewählt, und zwar: Obmann: Oberlehrer S. Springer; Obmannstellvertreter : Rabbiner S. A b e l e s (Kuttenberg); Schriftführer: Rabbiner M. Freund (Bodenbach); Kassier: Reiigiouslehrer D. Löwy (Prag); Rechnungsführer: Direktor I, S ch w u g e r, Rabbiner D. Stein (Radnitz) und Herr Hoch (Czaslau). — Nachmittags fand unter Vorsitz des Herrn Prof. Dr. A. Kisch die Generalversammlung des Pensionsfonds statt. Nach Erstattung des Rechenschaftsberichtes durch den Geschäftsleiter S. Springer fanden die Neuwahlen für die dreijährige Funktionsdauer statt. In den Berwaltungsausfchuß wurden gewählt: Prof. Dr. Kisch, die Rabbiner Thorch (Schlan), S t r a n s k Y (Melnik), A b e l e s (Kuttenberg), Freund (Bodenbach), Oberlehrer S. Springer. 8t. Unentgeltliche Stenographiekurse. Anfangs September werben neue, zweimonatliche Abend-Freikurse für Herren und Damen (Schüler und Erwachsene) eröffnet. Die Einschreibungen finden Donnerstag den 1. und Montag den 6. September b. I. von halb 7 bis halb 6 Uhr abends in den städtischen Schulen (rückwärtiger Trakt) im 4. Bezirke, Alleegasse 11, 7. Bezirke, Zieglergasse 49, und 8. Bezirke, Albertvlatz 7, ferner im 1. Bezirke, Wollzeile 6 (Schreibschule Pick), 8. Bezirke. Älserstraße 7 (Maschinschreibschule), 15. Bezirke, Neubaugürtel 86 (Realschule Speneder) statt. Auch brieflich wirb unentgeltlich Unterricht erteilt. Anmeldungen und Anfragen sind; zu richten an den Zentralverein für Faulmannsche Stenographie, Wien, 3. Bez., Engerthstratze 285. Leichenbegängnis. Airs Prag wird uns geschrieben: Das Leichenbegängnis der Frau Charlotte Engel, Witwe des Begründers der israelitischen Kultnsgemeinde in Weinberge und Mutter des Fabrikanten Herrn Ludwig Engel, fand gestern um 2 Uhr nachmittags aus dem Tranerhanse in Weinberge statt. Eine überaus stattliche Tranerschar hatte sich eingefunden, um der Dahingeschiedenen, die sich wegen ihrer Herzens- und Charaktereigenschaften großer Wertschätzung erfreute, die letzte Ehre zu erweisen. Man sah den Vorstand der israelitischen Gemeinde, mit Herrn Ignaz Bayer an der Spitze, Abordnungen humanitärer und gemeinnütziger Vereine, Fabrikanten, Grvßkauflente, Advokaten, Aerzte und viele andere. Der Rabbiner Herr M. Stark hielt im Trauergemache sowohl als auch auf dem Friedhofe tief empfundene Nachrufe, während ein Doppclquartett des Weinberger Tempelgesangvereins Trauerpsalmen sang. Die Beisetzung erfolgte auf dem israelitischen Friedhöfe zu Straschnttz. Die Bevölkerungsstatistik von Budapest. Die vom Budapester Statistischen Amte soeben veröffentlichten Daten über die Popnlationsbewegung der Hauptstadt Ungarns im Jahre 1903 enthalten recht interessante Details betreffend die Juden. Zunächst konstatiert die Statistik eine allgemeine Abnahme der natürlichen Vermehrung, d. h. der Geburten. Die verhältnismäßig w e n i g st e n Geburten haben die Juden aufzuweisen, dafür aber, stehen sie inbezug auf uneheliche Kinder am günstigsten, indem sie hierin von jeder Konfession um das Dreifache übertroffen werden. Jüdische Schüler in den Mittelschulen Prags. Im Schuljahr 1903/04 waren in sämtlichen Mittelschulen 2430 Schüler eingeschrieben. Hiervon waren 1259 Katholiken 1070 Juden und 101 Protestanten. Stipendien. Der ungarische israelitische Handwerks- und Ackerbauverein schreibt für Zöglinge israelitischer Konfession der höheren Gewerbeschule, Kunstgewerbeschule und Uhrmacherschule verschiedene Stipendien in der Höhe von 100 bis 200 Kronen aus. Gesuche sind, mit dem letzten Schulzeugnisse und einem Armutszeugnisse ausgestattet, bis spätestens 10. September beim Sekretariat des Vereins in Budapest, (VII., Damjanichgaffe 48) einzureichen. Neue Palästinaansichtspostkarten. Der Jüdische Verlag (Berlin, Großbeerenstraße 75) gibt soeben eine Serie von Palttstinaansichtspostkarten heraus. Die Karten sind in Schwarzweitzzeichnung mit zweifarbigen Tonplatten hergestellt und zum Preise von Mk. 1,20 (franko) für die Serie von 25 Stück zu haben. Die Karten eignen sich vorzüglich für Glückwunsch karten für die bevorstehenden Festtage. Ausland. Kongreß für Religionsgeschichte. Aus Basel vom 30. ö. wird gemeldet: Heute wurde der Zweite internationale Kongreß für allgemeine Religionsgeschichte in Anwesenheit von 240 Delegierten eröffnet. Die Begrüßungsansprache hielt der Präsident des Organisationskomitees, Prof. v. O r e l l i. Als Vertreter des Bunöesrates sprach Professor N a v i l l e (Genf). Born Altmeister Joseph Israels. Ein künstlerisches Testament könnte man das in Amsterdam ausgestellte Selbstbildnis des niederländischen Altmeisters Joseph Israels nennen; nur darf der Gedanke, daß es sich um eine letzte Arbeit handle, hier nicht aufkommen, da der große Künstler noch im Besitze einer Schaffensfreudigkeit ist, die allen Gesetzen der Natur zu spotten scheint. In einer Landschaft, über die bereits der Abend hereinbricht und deren düsterer Charakter durch die undeutlichen Umrisse einer Stadt im Hintergründe, durch zwerghaften Bamnwuchs und ein träge dahinfließendes Wasser noch gesteigert wird, bewegt sich langsam und bedächtig die Gestalt eines einfach in Schwarz gekleideten Mannes mit hohem Seidenhut. Es ist der Lebensabend eines Mannes, der mit dem Leben abgeschlossen zu haben scheint und der mit philosophischer Ruhe dem Augenblick entgegensieht, in dem auch seine Sonne untergehen wird. Der Blick des Mannes ist in sein Inneres gerichtet; man sieht, die Umgebung, die mit seiner Erscheinung in wunderbarer Weife harmoniert, kümmert ihn wenig; es ist, als ob er, in tiefe Gedanken versunken, sein langes Leben mit allem Freud und Leid an sich noch einmal vorüberziehen läßt. Es ist ein ungemein ergreifendes Bild, der Ausdruck der wehmutsvollen Ergebung in das Unvermeidliche, aber doch voll Poesie und gestaltender Kraft, und der Eindruck muß sich unwillkürlich steigern, wenn man weiß,, daß es der große Künstler selbst ist, der hier das Buch seines reichen Lebens vor uns aufgeschlagen hat. Zahlreich ist denn auch die Schar der sich vor diesem Bilde drängenden Bewunderer und es ist nur zu bedauern, daß es aller Wahrscheinlichkeit nach bald die Reise antreten wird, von der es keine Rückkehr gibt, indem es die Sammlung eines amerikanischen Milliardärs bereichern wird. Gegen den Mädchenhandel. Die „Jüdische Vereinigung zur Bekämpfung des Mädchenhandels" in Kairo hat bereits mehrfache Erfolge ihrer segensreichen Tätigkeit aufzuweisen. Zu jeder Schiffslandung entsendet diese Bereinigung ihre Vertreter, um neuankommenden Mädchen und Frauen mit Rat und Tat hilfreich zur Seite zu stehen. Dem eifrigen Bestreben des Vereines ist es auch bereits gelungen, einige Mädchenhändler zu entlarven und sie den Gerichten zu übergeben. Der russische Konsul in Kairo hat der Bereinigung jedwede Unterstützung zugesagt, da ja die unglückliche lebendige Ware zumeist aus Galizien und Rußland importiert wird. Zur Lage der jüdischen Handwerker in Rutzlaud. Der Generälgouverneur von Wilna, Graf Paalen, hat einen Vorschlag ausgearbeitet, auf Grund dessen die Lage der jüdischen Handwerker verbessert werden soll. Nach der Ansicht des Grafen Paalen mußten die bezüglich der Gesetze, betreffend das Niederlassungsrecht jüdischer Handwerker und Gewerbetreibenden, den Intentionen des Gesetzes : entsprechend gerecht interpretiert und gehand-' habt und außerdem das Paßwesen in bezug auf die Juden reformiert werden. Graf Paalen weist darauf hin, daß die Annahme seines Vorschlages die Verminderung des Elends unter den jüdischen Handwerkern und Gewerbetreibenden, welche „einen sehr nützlichen Teil der jüdischen Bevölkerung" bilden, zur Folge haben und auch bewirken müßte, daß viele von ihnen sich außerhalb des Ansiedlungsrayons niederlaffen und dadurch die Anhäufung eines notleidenden Proletariats in der Stadt verhindert wäre. Beiträge zur Kunstgeschichte der alten Synagoge veröffentlicht Cornelius Gnrlitt im sechsten Heft der „Zeitschrift für christliche Kunst". Er geht dabei von der Auffassung aus, daß die syrisch-palästinensische Knnstgeschtchte überhaupt einer Durchsicht bedürfe. Bisher nahnr mau au, daß durch Alexander den Großen nnd die Seleuciden klassische Banfvrmen eingeführt worden seien, daß diese aber erst unter den römischen Kaisern, namentlich unter Hadrian, eine höhere formale Reinheit erhalten hätten. Die besten Arbeiten inr Sinne klassischer Reinheit wurden daher römisch genannt nnd dem 2. christlichen Jahrhundert zugewicsen. So infolgedessen auch die formenschönsten der auf palästinensischem Boden ganz oder in Trümmern erhaltenen Synagogen. Nach Gurlitts Meinung liegen die Dinge anders: Als Alexander in Syrien einzog, war dies Land schon längst dem griechischen Kaufmann und damit zugleich der griechischen Kultur erschlossen. Nasch erfolgte wenigstens für die Städte eine Ueberwindung des einheimischen Wesens durch den Hellenismus. Daher fällt in die beginnende Seleueidcnzeit bereits das Beste, was in Syrien an klassisch stilisierten Bauten geleistet worden ist. Unter den Seleuciden vermischte sich dann das hellenischo Wesen mit dem heimischen. Als die Römer das Land betraten, war in Asien der Stil fertig, den wir irrtümlicherweise als römischen zu bezeichnen pflegen. Als sie im zweiten Jahrhundert friedliche Verhältnisse geschaffen hatten, erlebte er eine zweite Blütezeit, um sich dann langsam wieder mehr und mehr zu orientalisieren und ccm sich schließlich zu derjenigen Stilgattnng anszuprägen, die wir die byzantinische nennen. Infolgedessen wird man auch anznnehmen haben, daß in Palästina die kunstgeschichtlicye Entwicklung anders, und zwar viel stetiger vor sich gegangen ist, als man das gemeinhin glaubt: und mau wird klassizistische Formen von einer gewissen Reife, soweit sich solche an palästinensischen Synagogen finden, nicht ohne weiteres mehr, in römische Zeit verlegen dürfen. Die Synagogen selbst sind im allgemeinen rechtwinklig gebaut gewesen, mit Reihen von Säulen ausgestattet, deren größte Spannweite etwa 4 Meter betrug. Fenster scheinen die Wände nicht gehabt zu haben; vielmehr erhielt die Synagoge ihr Licht von oben, derarr, daß sie einfach einen von Säulen umgebenen Hof bildete. Ans einer Seite findet sich in den erhaltenen Resten eilte Nische, die dem heiligen Schrank der jetzigen Synagoge entspricht. An den Toren befinden sich Reliefs, einmal eine Rose, von zwer knienden Lämmern flankiert; ein anderes Mal die Köpfe zweier Opferstiere nebst einem Kranz. Diese kunstgeschichtliche Beleuchtung der ältesten Synagogen, die um so dankenswerter ist, als darüber noch feine befriedigenden Darstellungen existieren, will Gurlitt später weiterführen. Antisemitische Ausschreitungen in Besiarabien. Aus Bukarest, 24. August, wird der „Boss. Ztg." geschrieben: Nachrichten aus verläßlicher privater Quelle besagen, daß in. Besiarabien in den letzten 14 Tagen blutige antisemitische Ausschreitungen vorgekommen sind, bei denen mehrere Juden getöötet und etwa 80 verwundet wurden. Die Haupthetzer sind die Geistlichen, die von der Kanzel herab blutrünstige Reden gegen die Juden halten, indem sie diese unter anderem beschuldigen, den Krieg mit Japan angestiftet zu haben. Zudem wird von berufsmäßigen Agitatoren unter der unteren Bevölkerungsklasse die Ansicht verbreitet, daß die russische Negierung den Juden volle Bürgerrechte gewähren wolle und daß die Juden dann die Herrschaft über das rechtgläubige Volk an sich reißen würden. Die Bewegung ist diesmal auf die Dörfer und kleinen Städte des flachen Landes beschränkt. Die antisemitischen Unruhen sind aber diesmal der russischen Regierung offenbar nicht erwünscht, da weitgehende militärische Maßnahmen getroffen wurden, um die Ruhe wieder herzustellen. Jüdische Wohltätigkeit in Rußland. Das große Elend, welches jetzt in Rußland im allgemeinen und unter den Juden herscht, stellt an die wohlhabenderen Juden jetzt besonders große Aufforderungen. Sie haben nicht nur für Kriegszwecke, fürs „Rote Kreuz" rc. enorme Summen zu spenden, sie müssen auch die jüdischen Anstalten, die heute fast ausschließlich auf ihre Gaben angewiesen sind, kräftiger denn je unterstützen, damit die Not wenigstens zum Teile gelindert werde. Und man kann nicht leugnen, die Juden tun ihr Möglichstes! So meldet „Kiew. Slowo", daß bei der letzten Sitzung des Kiew er jüdischen Spitals folgende neuere Spenden angemeldet wurden: Die Brüder Lazar und Löb B r o d s k Y spendeten 21.000 Rubel, Frau Lisa Brodsky 25.000 Rubel zur Errichtung einer Abteilung für epidemische Krankheiten; die Erben des verewigten Salomon Fränkel 40.000 Rubel zur Gründung einer Sal. Fränkelstiftung mit 12 Betten für Nervenkranke. Außerdem verpflichteten sich die Erben, jährlich 1000 Rubel zur Erhaltung dieser Abteilung beizusteuern, während ein Bruder des Verstorbenen, Dotor M. Fränkel. sich verpflichlet, dieser Abteilung als Arzt gratis vorzustehen. Herr M. B. Halperin spendete 50.000 Rubel zur Gründung einer Heilanstalt für jüdische Lungenleidende, verbunden mit einer Massenheilanstalt, und verpflichtete sich, zur Erhaltung dieser Anstalten jährlich 1000 Rubel beizutragen. Der Fortschritt -es Konfesfionaliswus. Aus juristischen Kreisen wird der „Franks. Ztg." geschrieben: »Zur Vertretung in Anwaltschaft und Notariat suche ich einen christlichen Affessor." „Rechtsunwalt, Christ, sucht sich zn assoeiieren." Derartige Anzeigen sind zur ständigen Rubrik auf dem Titelblatte der „Juristischen Wochenschrift" geworden. Hoffentlich sind die Herren, die ihr Bureau in unverfälschter konfessioneller Reinheit erhalten wollen, so konsequent, auch nur christliche Mandate anzunehmen. Es gibt Skeptiker, die dabezweifeln und an das Goethesche Wort erinnern: „Doch seine Weine trinkt er gern." Indessen die Ansichten, die in diesen Inseraten wiederspiegeln, sind Privatsache. Ich anerkenne die Freiheit jedeeinzelnen, die Grenzen seiner sozialen An-