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Jüdisches Volksblatt · 1904-09-02 · 36 (2.9.1904) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
36 (2.9.1904)
Date
1904-09-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Wien, Ereiteg Jüdisches Volksblatt. 2. September 1904 Nr. 86 1. Das jüdische Bildungsideal wurzelt iu der in unserer heiligen Schrift nieöergelegten und gemäß der Ueberliefernng unserer Weisen ausgebauten Gotteserkenntnis. 2. Bon dieser Grundlage ans erstrebt und vermittelt das jüdische Bildnngsideal unter Verwertung der geeigneten Hilfsmittel und Hilfserkenntnisse ein Berstünönts und eine Erkenntnis der Welt, der Natur, der Menschheit und des eigenen Selbst. 3. Das jüdische Vildnngsideal verwirklicht sich in drei Erkenntnisstnfen: a) in der jüd. Volksbildung, b) in der jüd. Lehrerbildung, c) in der jüd. Gclehrtenbildung. 4. Pflanzstätten des jüd. VildnngöidealS find die zweckentsprechend ansgestatteten und von entsprechend vvrgebildeten Trägern des jüd. Bildungsideals geleiteten Eliedarim und Jeschiwohs. Zeitungsschau. Jüdische Zukunft und jüdische Gegeuwartsarbeit. Die in London erscheinende jüdische Jargonzeitschrift „Die jüdische Zukunft" bringt in einer ihrer jüngsten Nummern einen Artikel: „Jüdische Parteien und jüdische Zukunft", welcher besondere Beachtung verdient. Nachdem der Artikelschreiber die bestehenden Parteiungen innerhalb des Judentums Revue passieren läßt und konstatiert, daß die größten Feinde des Judentums die Assimilanten sind, stellt er die nächsten Aufgaben des Zionismus wie folgt fest: „Wir sind für die G e g e n w ar ts - arbeit im Zionismus. Wir können es uns in keiner Weise vorstellen, wie ein versklavtes, erniedrigtes Volk eine bessere Zukunft zu erreichen imstande wäre. Wir glauben überhaupt nicht, daß ein so gestaltetes Volk die Kraft besäße, seine Befreiung zu erringen. Dieser ernste Wille muß erst in ihm erzogen werden. Wir sind daher der Ansicht, daß unsere Aufgabe zunächst darin bestehen muß: in allen Ländern, wo Juden leben, die Erziehung des jüdischen Volkes ernstlich vorzunehmen und durchzuführen. Unter Erziehung verstehen wir aber nicht bloß die Errichtung von Schulen für Kinder. Wir müssen das Volk kulturell, wirtschaftlich und organisatorisch erziehen. Das jüdische Volk muß beginnen, frei zu denken, frei zu fühlen, muß sich einen starken, selbständigen, nationalen Willen anergnen, den Willen, sich zu befreien, und sollte .diese Befreiung auch vielerlei Opfer erheischen. Nicht der ist der wahre Bolksfteund, der sich mit dem Besingen der jüdischen Zukunft begnügt, der das Volk davon träumen lehrt, daß man dieGegenwart überspringen und sich sofort in die Zukunft versetzen könne. Nein! Dieser Gedanke ist grundfalsch! Nur durch die Gegenwart kann man zur Zukunft gelangen und deshalb werden wir Mittel und Wege suchen, durch welche die Lage der Juden schon hier imGolus verbessert, der Geist und der Körper des jüdischen Volkes schon jetzt gestärkt werden könnten, ohne dabei das Endziel aus dem Auge zu verlieren." s. Dte „Norvoje Wremja" hält Einkehr! Was müssen die Juden alles fern und machen, um die Gnade der „Nowoje Wremja zu erlangen? Denn Gerechtigkeit erwartet* rnan schon lange nicht von Vater S u w o r i n und seinem' glerchgennnten Korps. Und dennoch, es geschehen Wunder: m Suworms Blatt ein juöenfreundlicher Artikel! Allerdings wrrö der Wert dieses Artikels durch den Umstand geschmälert, daß er von emem gewissen S—n gezeichnet ist, von dem der in die rustrschen Verhältnisse eingeweihte „Frainö" behauptet, daß er der unverlätzlichste Mensch ist, der heute für etwas ist ^?6en dasselbe mit desto größerer Wut zu bekämpfen. Also kerne unnutzen Hoffnungen gemacht! Die Gerechtigkeit und der gesunde Menschenverstand haben sich nur vorübergehend rn der Redaktion der „Now. Wr." aufgehalten. Im lautet der Artikel des S—n u. a. folgendermaßen: „Das Leben Hat die Nationalitätenfrage aufgeworfen, und zwar nrcht nur Inbezug auf die Juden. Die Judenfrage ist aber alter und eindringlicher und verdient eine größere Beachtung als alle übrigen. Ein berühmter Diplomat sagte einmal: So oft ich einen kranken, eingefallenen Juden mit seinen schmutzigen „Arba Kanfoth" erblicke, möchte ich auf ihn Meilen und ihn um Entschuldigung bitten. DieLagedes jüdischen Volkes ist heute ebens o wenig normal wie ehedem, manmuß ihm zu Hilfe kommen m i t g u t e m W i l l e n und Verstand, (!) Man kann natürlich in einem Zeitungsartikel nicht die ganze Juöenfrage lösen, aber es ist Pflicht, auf ein Blättchen aus der Geschichte des jetzigen Krieges aufmerksam zu machen, welches geeignet ist, viele Herzen zu erweichen (auch dasjenige von Suworin und Genossen?! Red.) und die angenommenen, falschen Vorurteile auszurotten. (Vederemol Red.) Der, Kampfam eine Position war entbrannt. Der Geistliche Schtsch erbakowski ging., mit hocherhobenem Kreuze an der Spitze des begeisterten Heeres dem Tode entgegen. Die Militärkapelle hat gespielt, die Trompetentöne vermischten sich mit dem Donner der Granaten . . . Der Kugeldonner wurde immer stärker und die Klänge der Musik immer schwächer . . . Die Musikanten fielen zu Tode getroffen aus den Rethen . . . Die Gefallenen waren Juden! . . . Fast bas ganze Orchester bestand aus Juden! . . . Ihre Kameraden haben ununterbrochen weitergespielt. Merkte man, daß ein Ton in der Mitte abgebrochen wurde, so wußte man, daß wieder ein Musikant weniger im Chor, wieder ein Jude gefallen ist. So dauerte dies fort, bis — mehr als die Hälfte der Musikanten tot auf dem Felde blieben. Aber plötzlich sinken die Hände des Geistlichen, die Kugeln verschonten auch ihn nicht und das goldene Kreuz wies nicht mehr dem Heere sein hohes Ziel. Doch siehe... eine Minute später wird das Kreuz wieder sichtbar, zwei Soldaten — zwei jüdische Soldaten, hoben den entkräfteten Geistlichen und führten ihn, ihn mit ihren Armen stützen-, b t s s i e a l l e drei fielen . . . Drei geistige, moralische Helden errangen dort einen Sieg, wo der schwache Körper unterliegen mußte. Es gibt Momente und Umstände, wo sich die Seelen verschiedener Völker in höherer Erregung vereinigen. Aber man mutz solche Mouente suchen, und findet man sie nicht, muß man sie selbst schaffen, und durch ruhige, kluge Auseinandersetzung den Frieden zwischen den Gegnern Herstellen!" Sehr richtig, Gospodin Solyptn! Aber den „klugen" Reden folge auch die „ehrliche Tat"! Ueber das neue Jndengesetz in Rußland bringt die ,Köl Nische Zeitung" aus Petersburg nähere Mitteilungen. Am 12. August traten die Minister und Ressortchefs unter dem Vorsitze Wittes zu einer Komiteesitznng zusammen. ES handelte sich mn die Abschaffung einer ganzen Anzahl von irrtümlichen Auslegungen der Jndengesctze durch die Gouvernements- und Polizeibehörden, die durch Schiedsspruch des Senats oder Reichsratcs Gesetzeskraft bekommen hatten. In nenn Punkten zufannnengefaßt, ist die nette Verfügung durch Witte dem Zaren zur Genehmigung vvrgelegt worden. Sie soll den Beifall des Zars gefunden haben und voraussichtlich in fünf bis sechs Wochen veröffentlicht werden. Der Inhalt des ilenen Gesetzes bezieht sich in erster Linie auf die schon bisher privilegierten Israeliten. Sv erhalten die Frauen und Kinder von studierten Leuten, Kaufleuterl erster Gilde und Handwerkern das Recht ausdrücklich zngesprochen, bei Abwesenheit des Familienoberhauptes an ihrem bisherigen Wohnorte verbleiben zu dürfen. Tie genannten privilegierten Juden dürfen auch in Dörfern wohnen Mld erhalten ausdrücklich das Recht, daselbst Wohnung, Laden und Werkstatt zu rnieten. Bisher wurde ihnen das Recht zum Blieten von Wohnungen usw. strclitig gemacht, da im Gesetze nur stand: „Die Israeliten haben das Recht, in den Dörfern zn wohnen," nicht aber stand, sie haben das Recht, Wohnungen zn mieten. Ferner sind einige kleine Erleichtcritngen für die Haltung jüdischer Dienstboten durch Israeliten vorgesehen. Auch die Reiseerlaubnis für israelitische Kaufleute erster und zweiter Gilde ist erweitert worden. Bisher dürfen diese Leute nicht öfter als zweimal in einen Ort kommen, wo sie keine Wohnverechtigung haben, Nach dem neuen Vorschläge dürfcll sie nach Belieben außerhalb der Zone reisen: jedoch darf die Gesamtzahl der außerhalb der Zone verbrachten Tage im Jahre 180 nicht übersteigen. In eiugewcihten Kreisen wird behauptet, das Gesetz enthielte eine große Anzahl von Nngenauigkeiten, die der Willkür der Provinzialbehördcn Tor und Tür öffneten. Tatsache ist, daß die am meisten unter der Ausnahmegesetzgebnng leidenden Kreise, nämlich die niedere Arbeiterbcvölkeruug, an den Wohltaten des neuen Ministerialbeschlusses gar keinen Anteil hat. Dem „Berliner Tageblatt" wird geschrieben: Es ist bezeichnend, daß die russische Regierung an der ursprünglichen und authentischen Darstellung, die das „Berliner Tageblatt" am 6. d. M. von den Vorfällen in Ostrowicz und Parczew brachte, nichts auszusetzen hatte. Sic hielt es nur für notwendig, durch ihre hauptsächlich fürs Ausland bestimmte Telegraphenagentur gegen die sekundären Berichte der amerikanischen Presse zu polemisieren. (Berl. Tageblatt vom 17. d. M.) Was die offiziösen Auslassungen im einzelnen betrifft, so sehen wir gern ab von der auf gewisse Kreise berechneten, aber allzu lächerlichen Darstellung der Vorgänge in Ostrowicz, als wären sie ein Racheakt für Schlüge, die ein jüdischer Knabe einem „strenggläubigen" Katholiken versetzt haben soll. Tatsache ist, daß in Ostrowicz eine strenge Untersuchung eingeleitet wurde, wenn auch nicht den Juden zu Liebe, so doch wegen des Gendanneriehauptmannes, der während der Krawalle von den Arbeitern durch Stockhiebe und Fußtritte schwer verwundet wurde: jedenfalls ist da einige Aussicht auf Ahndung der Verbrechen vorhanden. „Den eingezogenen Erkundigungen" über den Vorfall in Parczew müssen wir jedoch entschieden entgegentreten. Es handelt sich zunächst nicht um einen getauften Juden, sondern um eine Jüdin, und nicht um eine Erwachsene, sondern um ein I3jähriges Mädchen Hanne Korn aus Czestochow, Gouvernement Lublin, und niemand wollte sie „verbergen", sondern ihre Eltern Chaim und Myriam Korn wollten sie am hellerlichten Tage vor Gericht aus den Klauen der Jesuiten reißen. Dies verursachte wohl einen „Auflauf" von Christen wie von Juden, aber die einen und die anderen sahen anscheinend teilnahmslos dem stillen Kampfe von Eltern und wildfremden Leuten um ein Kind zu. Erst als der Vertreter des Jesuiten Klopotowski den christlichen Haufen haranguierte und der Polizeigewaltige des Ortes, Maxim Tokarski, dreinrief: „Nun los, Jungens, nach Kischenewer Art!", während sein Gehilfe Osmalski fünf Revolverschüsse abgab, dann erst warfen sich die Christen, allerdings mit Herrn Tokarski und den Gendarmen Melnikow, Zizkin und Golod an der Spitze, auf die Juden. Daß kein einziger Christ zur Verantwortung gezogen wird, nicht einmal der famose Maxim Tokarski, dem übrigens eine der Zeuginnen vor dem Staatsanwalt Nikolai Domochowski und dem Untersuchungsrichter Karplnski den Versuch einer Notzüchtigung auf den Kopf zusagte — darüber schweigt sich der offiziöse Telegraph natürlich aus. Dagegen sollten sechzig Inden eingekerkert werden — wenn sie nicht bei Zeiten entflohen wären: nur neun befinden sich vorläufig im Gefängnis zu Siedler, nämlich D. Udler, M. Liebermann, A. Nappoport, I. Pankiewitz, M. Feigenbaum, I. Feigenbaum, M. Oelbaum, I. Weinberg, B. Wildbaum. Welchen Vergehens sie eigentlich augeklagt werden, weiß kein Mensch. Chronik. Inland. Tempelverei« Josefstadt. Montag den 6. September findet im neuen Tempel Josefstaöt, Neudeggergasse Nr. 12, präzise halb 5 Uhr die feierliche Enthüllung für weiland Ihrer Majestät Kaiserin Elisabeth statt. Antisemitismus im Heere. In einer Berliner Zeitschrift wirb jetzt eine Debatte darüber geführt, ob die Juden sich als Soldaten eignen und ob es wünschenswert erscheine, Juden zu Unteroffizieren avancieren zu lassen. Die Debatte in der erwähnten Zeitschrift wird, wie immer sie auch enden möge, wohl die tatsächlichen Zustände kaum ändern, aber das öffentliche Gewissen gibt wenigstens ein Lebenszeichen von sich und das ist in diesen traurigen Zeitläuften auch etwas. Bei uns in Oesterreich-Ungarn macht man das ganz anders: die Heeresleitung erklärt ganz offen, daß sie die Blutsteuer der Juden nicht nur gerne annehme, sondern auch fordere, hingegen aber alles aufbiete, um den Juden — wo es eben angeht — das Avancement im Heeresdienste so schwer als möglich zu machen. Die jüngsten Tage brachten wieder einen Beweis für diese traurige Tatsache. Die Kanzletdirektvren der verschiedenen Korpskommanden haben an ihre Truppen den Befehl erlassen, Unteroffiziere namhaft zu machen, die sich zum Kanzletdtenste eignen. In dem Befehle wird ausdrücklich vermerkt, daß die betreffenden Christen sein sollen. So macht man das bet uns! Ungeschminkt, trocken, echt militärisch! Und das öffentliche Gewissen? Es liegt irgendwo vergraben .und rührt sich ebensowenig, wie die Staatsgrundgesetze, die durch solche Erlässe öffentlich mit Füßen getreten werden. Avancementshindernisse in Oesterreich. Man hat sich in Oesterreich nachgerade daran gewöhnt, die Juden ans den öfentlichcn Stellungen aller Kategorien ausgeschlossen und aus den Aemtern, welche sie zufällig innehaben, allmählich herausgedrängt zu sehen. Höhere und niedere Beamte des Staates finden cs bereits natürlich und selbstverständlich, daß ein Jude an den Aemtern, zn deren Erhaltung er mit seinen blutig verdienten Groschen beiträgt, nicht teil haben dürfe. Nur wenn der Antisemitismus in seinem Uebcrmnte sich einen launigen Scherz erlaubt und Auswüchse zeitigt, da findet sich ein Landesgerichtsrat, der ganz naiv sich über diese — Auswüchse wundert. „Ich gebe zu, daß die Konfession des Mannes eine Rolle spielen kann, aber die Konfession der Gattin hat mit dem Avancement gar nichts zn tun!" sagte bet einer jüngst stattgefundenen Gerichtsverhandlung der Vorsitzende Landesgerichtsrat Dr. Großer und mochte sich dabei im Stillen gedacht haben: „Diese Herrett vorn Magistrat sind doch viel modernere Menschen, sic finden doch immer eine Abwechslung: wir halten,noch immer beim Pharaonifchen Antiscmttisrnus, der sich nur gegen das m ä n n l i ch e Israel wendet . . . Ja, man kann von der Luegergarde doch noch etwas lernen!" Der interessante Gerichtsfall verlief übrigens folgendermaßen: Der Magistratsakzessist Rudolf Enterich K a i n z m a y e r und seine Gattin Regina geborene Popper begehrten am 27. August d. I. vor einein Setkat des Zivillandesgerichtes unter Vorsitz des Landesgerichtsrates Dr. Großer einverstündlich die Trennung ihrer vor zirka fünf Jahren geschlossenen Ehe. Ans dem vorbereitenden Verfahren ging hervor, daß der Gatte einen flotten Lebenswandel führte, Verhältnisse uttterhielt und eine Witwe, die er sontenierte, sogar ins Haus brachte und mit seiner Frau bekannt machte. Der Gatte seinerseits tnachte gegen die Frau geltend, sie habe sich ihm durch ihr hysterisches Wesen entfremdet, ihm Szenen gemacht und ihm einmal gedroht, sie tverde ihtn eine Ohrfeige geben. Der Vorsitzende machte den vorgcschriebenen Versöhnungsversuch, indem er zunächst der Gattin nahelegte, der Gatte habe sich wohl schwer gegen sie vergangetl, doch könnte sie ihm immerhin verzeihen und es noch einmal mit ihm versuchen. — Gattin (nach einigem Zögern): Ich glaube, es würde n i ch t s n ü tz e n. Präs.: Warum denn nicht? — Gattin: Man hat mir gesagt, er wolle mich los werden, weil ich Jüdin bin und er glaubt, deshalb nich t avancieren zu können. — Präs.: Daran wird kein vernünftiger Mensch glauben. Ich gebe zu, daß die Konfession des Mannes eine Rolle spielen kann, aber die Konfession der Gattin hat mit dem Avancement gar nichts zu tun. (Zum Manne gewendet): Wie denken Sie über die Versöhnung? —. Gatte: Ich bitte, in die Verhandlung einzugehen. — Prüf.: Sie begehen wirklich ein großes Unrecht, wenn Sie sich der Versöhnung widersetzen. Warum wollen Sie denn davon nichts wissen? — Gatte: Ein Stadt rat — seinen Namen darf ich nicht nennen — der bei der Beratung über den Besetz ungsvorschlagintervenierte, alsich avancieren sollte, hat mir selb st gesagt, daß ich präteriert wurde, weil meine Frau eine Jüdin ist. — Der Vertreter der Gattin, Dr. Leopold Brady, beantragte Trennung der Ehe aus dem Verschulden des Gatten, der Ehebandsverteiöiger Dr. Julius Ehlers plaiöierte auf Abweisung des Trennungsbegehrens, weil ein Grund zu gegenseitiger unüberwindlicher Abneigung nicht vorliege. Der Gerichtshof erkannte jedoch die Ehe aus dem Verschulden des Mannes geschieden. Der internationale sozialdemokratische Kongreß. Der in Amsterdam stattgefundene Kongreß der Marxisten bot dasselbe Bild rvie seine Vorgänger. Der Hauptkampf drehte sich um die Frage: Sollen wie bisher die marxistischen Theorien und die marxistische Taktik allein richtunggebend für die Sozialdemokratie sein oder soll im Sittne der Revisionisten Bernstein und Jaures Theorie und Taktik der Sozialdemokraten den geänderten Verhältnissen angepaßt werden? Die Verurteilung des Revisionismus in Amsterdam von Seite der orthodoxmarxistischen Majorität ist einfach darauf zurückzuführen, daß die Furcht vorherrscht, daß wenn einmal der Revisionismus im sozialdemokratischen Lager offiziell als mit sozialdemokratischen Anschauungen vereinbar anerkannt wird, er sehr bald um sich greifen und aller Wahrscheinlichkeit nach viel weiter gehen werde als selbst Bernstein und Jaures heute beabsichtigen. Diese beiden Wortführer der reichsdeutschen und französischen „Revisionisten", stehen ja trotz aller ihrer „Ketzereien" am Boden der internationalen Sozialdemokratie, sie sind ja Neo- Marxisten und unterscheiden sich in letzter Linie von den Marxisten der alten Schule nur dadurch, daß sie das sagen und theoretisch festlegen wollen, was ihre Antipoden wohl vielfach tun, aber aus taktischen Gründen mtt Rücksicht auf die revolutionäre Legende nicht aussprechen wollen. Einerseits also das Gefühl, daß in den alten ausgefahrenen marxistischen Geleisen auf die Dauer doch nicht fortgeschritten werden könne, andererseits die Furcht, daß jedes Verlassen derselben die Einheit der Partei gefährden werde, das ist der Kern des Zwiespaltes zwischen Revtstontsten und orthodoxen Marxisten, jener Zwiespalt, der auch auf dem Amsterdamer Kongresse nicht begraben wurde. Bon ihrem Gesichtspunkte aus haben beide Teile recht, von der Hochwarte eines wirklich modernen Sozialismus aus betrachtet sind beide im Unrecht. Die Revisionisten begreifen, daß auf Grundlage der Proletarisierungstheorie des Mittelstandes die Sozialdemokraten nicht mit Hilfe der Arbeiter allein zur politischen Macht gelangen können und daß somtt der orthodoxeMarxismus «in Haupterfordernis für die weiteren Fortschritte der Partei bilde, die Vertreter öeS starren Marxismus wieder meinen, daß ja Nach Wegfall der marxistischen Theorien nichts mehr von der alten Sozialdemokratie übrig bleibe. Schließlich läßt sich beiden Auffassungen eine gewisse Logik nicht absprechen, aber keine von beiden kommt zu dem allein richtigen Schluß: daher müssen die gesamten Grundlagen des Sozialismus revidiert werden und der Marxismus als Haupthindernis des Sozialismus muß fallen. Wohl sind manche Revisionisten so wett vorgeschritten, daß sie auch teilweise den Forderungen der nichtmarxistischen Gruppen nach größerer Förderung des Genossenschaftswesens und gröberer Autonomie des Individuums Genüge leisten, aber sie übersehen, daß eine Revision des Sozialismus mit Beibehaltung der marxistischen Grundlage -- unmöglich ist. Dazu aber kommt noch der Umstand, daß man

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