Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 36 (2.9.1904)
- Date
- 1904-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433059--2557-2436436- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 36 Wien, Freitag Jüdisches Volksbiatt. 2. September 1904 Seite 3 die der Minister gewiß nicht beabsichtigte. Schon darum mußten fie Übergangen werden. ES geht aber aus denselben noch mancheandere hervor. In erster Linie das starke Selb st bewußtsei n und die erstaunliche Sorglosigkeit des leitende» Ministers, die, beide vereint, es ihm leicht erscheinen ließen, Über die schwierigsten Aufgaben rasch hinwegzukommen, sie in kürzester Frist einer gedeihlichen Lösung zuzuführen. Diese Sorglosigkeit — eine andere Bezeichnung wäre vielleicht die richtigere — mag übrigenmehr in der männiglich bekannten nationalen Eigenart der polnischen Rasse liegen, als daß sie für eine spezifisch« Eigenschaft des Grafen Badeni gelten könnte. Was wollte er alles, wie glaubte er, alles rasch und leicht durchführe» zu können! .... Und wie beurteilte er erst die antisemitische Bewegung! Alle Anzeichen wiesen darauf hin, daß der Antisemitismus im Steigen begriffen sei, daß seine Anhängerschaft, zuvörderst in den breiten Schichte» der Bevölkerung, bedeutend zugenommen habe, nur Badeni glaubte, ihn, als im Niedergange begriffen, leicht besiegen und aus der Welt schaffen zu können. Welchen Verlauf nahmen aber in Wirklichkeit gerade diese Verhältnisse! Am 29. Oktober (1895) wurde Dr. Lueger zum Bürgermeister von Wien gewählt. Der Kaiser bestätigte die Wahl nicht. Als Graf Badeni am 8. November seitens der Antisemiten interpelliert wurde, weshalb die Bestätigung verweigert wurde, erwiderte er darauf: „Die Bestätigung sei versagt worden, nicht, wie vielfach behauptet worden, weil die Regierung von Lueger die Niederlegung des Reichsrathsmandats verlangt habe, er aber hierzu nicht zu bewegen gewesen wäre, vielmehr deshalb, „weil die erforderliche Bürgschaft für eine streng objektive, sachliche, von agitatorischen Tendenzen freie, allen Bevölkerungsklassen gleichmäßig gerecht werdende, den Anforderungen der Autorität volle Rechnung tragende Führung der Verwaltung in der Reichshauptstadt nicht außer Zweifel stehe." In gleichem Sinne sprach sich auch Graf Badeni einigen Abgeordneten gegenüber aus. Diesen sagte er, daß er seinen ganzen Einfluß aufbieten werde, um die kaiserliche Bestätigung hintanzuhalten. Einzelnen hervorragenden Deputierten, die er zu sich geladen hatte, zeigte er sogar zur Bekräftigung seines Vorhabens einen, auf seinem Arbeitspulte gelegenen „alleruntsrthänigsten Vortrag", den er iu der fraglichen Sache dem Kaiser zu unterbreiten im Begriffe stehe, worin er, wie er hinzufügte, in ausführlicher Weise die Gründe dargelegt habe, weshalb die Wahl Luegers nicht zu bestätigen sei. Einen von einem Abgeordneten ausgesprochenen Zweifel, als wenn die Sache denn doch eine andere Wendung nehmen könnte, wußte Badeni mit Hinweis darauf zu bannen, daß er, mit dem allerhöchsten Vertrauen des Monarchen ausgezeichnet, wohl mit einer gewiffen Sicherheit hoffen könne, daß sein Vorschlag maßgebendstenorts die entsprechende Würdigung finden werde. Wie hätte man nun nach der so entschiedeueu Sprache eines maßgebenden Faktors auch nur ahnen können, daß schon nach Verlauf weniger Monate das gerade Gegentheil von dem geschehen werde, was kurz vorher als gänzlich ansgeschloffen bezeichnet wurde? Das Unerwartete war aber zur Thatsache geworden: die Wahl Luegers fand die kaiserliche Bestätigung. Es geschah dies am 16. April 1896. Bier Tage darauf wurde Lueger vom Monarchen in besonderer Audienz empfangen und noch am selben Tage als Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien beeidigt! Was ist — so fragte man allgemein — denn geschehen, das eine solche Wendung herbeiführen konnte? Welchen Einflüssen ist diese merkwürdige Wandlung zuzuschreiben? Der alte Großvater spielt Sinai-Melodien oder entfach synagogale Weisen: einen Kol-Nidrei, einen „Schoschanath Jakob", einett „G'di K'schur Jadajim" und was dergleichen mehr ist. Der Vater, ein SJtann mit chassidäischen Neigungen, ergeht sich in einer fröhlichjüdischen Weise. Der Sohn hinwieder spielt schon nach Noten. Oft hört man ihn sogar Lieder aus dem Theater spielen. Wie das Zeitalter, so der Sang. - Was fangen Ehassidim an, wenn ein Schluck Branntwein fehlt °? — Sie reden von Branntwein. Ganz allen:, ohne Gesellschaft, ohne rechte Begleitung zu singen, vermag ich nicht. Also will ich von der Sangesknnst reden. Ihr müßt wissen, es ist eine große Sache um den rechten Sang. Ganz Talno war auf die Sabbathausaangslnahlzeiten gestellt nnd die Hauptsache an dem Sabbathausgnngsmahl war der Gesang. Es handelt sich nur darum, wer da singt und was er singt. Mit denselben Ziegeln läßt sich eine Synagoge und ein Kloster, ein Palast und ein Gefängnis erbauen, auch ein Hospital. In den nämlichen Buchstaben kann man die heiligsten Mysterien der Thora und die größten Ketzereien niederschreiben. Und nüt den gleichen Tönen ist es möglich, sich zur höchsten Stufe der Beseeligung rmd Gottesnähe emporzuschwingen oder in die tiefsten Hüllengründe hinaozusinken rmd sich dort wie ein Wurm im Moraste zrr wälzen. Der Inhalt eines Briefes hängt vorr der Betonung ab; die Beschaffenheit einer Melodie vorr der Art des Sanges. Nehmen wir zum Beispiel einen „Fröhlichen". Da haben wir eine erlesene Talnoer Sabbathausgangs- Melodie — ben Frohsinn der Gesetzesbeobachtung urrd der guten Werke; da haberr wir aber auch die unbändige Frerwe des übernrütigen Genußmenschen in einer Welt ohne Schranken. Darüber wurden mir nun von ganz zuverläffiger Seite Andeutungen, die, so unwahrscheinlich sie anch klingen mögen, doch als volle Wahrheit gelten können. Die Persöulichleiten, die zugunsten Luegers intervenierten — so lauteten die mir gewordenen Informationen — waren, was vor allem richtiggestellt werden muß, keine Standespersonen, gewiß nicht solche, welche, wie sie damals die Gerüchte bezeichneten, den höchsten Kreisen angehört haben sollen. Es sei dieses Gerücht, wie mir noch besonders betont wurde, schon deshalb von vornherein nicht glaubwürdig gewesen, weil dies einer Gewohnheit widerspricht, die vom Kaiser wie ein Gesetz beachtet wird. Es ist ja eine bekannte Tatsache! daß der Monarch jede unberufene Einmengung in Ressorts, die anderen zugewiesen, jede derartige Kompetenzüberschreitung perhorresziert, weshalb denn auch alle dem Hofe nahestehenden Persönlichkeiten stets strenge Zurückhaltung beobachten, besonders dann, wenn es sich um ernst« politische Angelegenheiten handelt. Diejenigen, die in der bewußten Sache intervenierten — es war, was nebenbei erwähnt werden soll, ein „Kleeblatt" — seien übrigens, wie mir weiter mein Gewährsmann versicherte, keine Berufspolitiker gewesen, ja sie hätten sich bis dahin überhaupt nie vorher ernstlich mit Politik befaßt. Sie seien auch jedem Parteigetriebe ferngestanden, wären nie öffentlich hervorgetreten, welchem Umstande es zuzuschreiben sei, daß ihre Namen, selbst wenn man sie nennen würde, in weiteren Kreisen kaum bekannt wären. Zur werteren Charakterisierung jener „ehrlichen Makler" wurde noch hervorgehoben, daß sie noch nicht einmal das gesetzliche Alte^ erreicht haben, das es ihnen möglich gemacht haben würde, mitkämpfend in die politische Arena einzutreten. Diesen „Minorum gentium“ — wie man fie füglich nennen könnte, wenn diese Bezeichnung nicht einen kränkenden Beigeschmack hätte — sei nun das Unerhoffte, Unwahrscheinlichste gelungen: den Ministerpräsidenten gänzlich umzustimmen und ihn zu bewegen, dem Kaiser den „untertänigsten Vorschlag" zu unterbreiten, die Wahl Luegers zu bestätigen. Leicht war der Erfolg nicht. Die Annahme, daß der Kaiser dieser Bestätigungsfrage von vornherein sympatisch gegenübergestanden wäre, kann als eine ganz irrige bezeichnet werden. Im Gegenteil. Es kostete den Monarchen eine große Ueberwindung, in dieser Sache seinem ersten Minister nachzugeben. Nicht etwa aus persönlichen Motiven; solche weiß der Kaiser, wo sie vorhanden gewesen, von jeher gegen das Staatsinteresse zurückzndrängen: es waren politische Erwägungen, die zn ernsten Bedenken Anlaß gaben. Wenn sich jedoch der Kaiser gleichwohl entschlossen hat, im Sinne des Ministerpräsidenten die Entscheidung zu treffen, so mochte wohl die Tatsache ausschlaggebend gewesen sein, daß — wie man damals in gutunterrichteten Kreisen mit Bestimmtbeit kolportierte und was als ganz richtig bezeichnet werden kann —: Lueger sich bereit erklärt hatte, die bis dahin beobachtete schroffe Opposition gegen den ungarischen Ausgleich aufzugeben.j und auch auf seine Parteigenossen im Parlamente seinen Einfluß nach der gleichen Richtung hin geltend zu machen. Ein Geheimnis, in das bislang nur sehr wenige Personen eingeweiht sind, bleibt es immerhin, welche Erwägungen, es gewesen sein mögen, die den gedachten Umschwung in den Anschauungen des Mini st er Präsidenten heröeigeführt, und wodurch die Intervenierenden einen solchen Einfluß gewinnen konnten! Sei dem aber wie ihm wolle. Genug, das Unglaubliche war, wie gesagt, zur Tat geworden. Was eine rechte Melodie ist, das glüht - „das Innere voll Liebesglut", wje die Schrift sagt. Allein Liebe ist etwas gar verschiedenartiges : es gibt eine Liebe zu Gott, eine Liebe zu den Menschen, eine Liebe zu All-Israel. Gar mancher hat aber nur sich selbst lieb, oder hegt sonst eine sträfliche Liebe. . . Was eine rechte Melodie ist,.das schluchzt und klagt. Aber in der einen Melodie schluchzt die Klage ob der Erbsünde, ob des verlorenen Paradieses, in der zweiten — ob der Flucht der Gottesherrlichkeit, ob der Zerstörung des Tem.pels, ob unserer Erniedrigung und Entwürdigung. „Sieh, wie wir dastehen. . klingt's aus ihr mit den klagenden Worten des Gebets . . . Dann gibt es aber auch eine Melodie, aus der die Trauer ob der Treulosigkeit irgend einer Schönen seufzt... Es gibt Melodie:: voll tiefer Sehnsucht. Aber was ist das für eine Sehnsucht, die aus der schwermutvollen Weise strömt? Es sehnt sich eine fromme Seele zu ihrem Urquell zurück, und es sehnt sich ein alter Narr nach jungen Jahren mit junger Sündenlust! . . . Nehmen wir beispwlsweise das Lied: „Einst wohnte Reb Dowid in Wassilkow — in Wassilkow Und heut wohnt er in Talno-" Es wird von Talnoern und wird von Wassilkowern gesungen. Allein, wenn es die Talnoer singen, glüht und loht die Freude, der Frohmut darin. Singen es jedoch die Wassilkower, so ist es randvoll mit Wehmut rmd Betrübnis. Alles hängt nämlich von der Beseelung der Melodie ab. Ihr müßt wissen: die Melodie ist eine Summe von Tönen, oder wie- „Jene" sagen von Akkorden. An Tönerr fehlt es nicht in der Natur; sie brauchen nicht erst erfrrnden zu werde::. In Gottes großer Welt hat alles seinen eigenen Ton, wenn nicht gar seine eigene Ans -er zionistischen Bewegung. (Der Misrachistenkoirgreß in Preßbnrg.) Das Referat des Rabbiners Dr. Daniel Fink a«S Wien iiber „Judenerziehung in Westeuropa" führte nngeführ folgendes aus: In einer Zeit, in der das BildnngSprvblem im fortschreitenden Flusse sich bewegt, könne es nicht verwegen erscheinen, auch vom Standpunkte des gesetzestreuen Judentums diese Frage zu behandeln. Wohl werbe auch diesmal, wie gewöhnlich, Mißtrauen sich regen: allein wer könne denn vom Mißtrauen ausschließlich seine Existenz frtsten? Fast hundert Jahre hatten wtr dieser stets brennender werdenden Frage keine Antwort entgegenzusetzen als die Umgehung. Es ist durchaus kein Teufelswort, wenn unser Volk den Notschrei nach weltlicher Bildung erhebt. Seitdem die Völker aus den engen Schranken der Industrie hinausgetreten und in das verwickelte Getriebe der Weltwirtschaft eingetreten sind, gehört ein gewisses Maß weltlichen Wissens ebenso notwendig zum Leben wie das tägliche Brot. Unsere Chachomim haben sich dagegen aufgelehnt und der Erfolg war, daß sie die Führung an Mendelssohn und seine Schüler verloren haben. Wie teuer haben wir das bezahlen müssen! In den Ländern Westeuropas allein haben wir seit jener Zeit anderthalb Millionen jüdische Seelen durch Taufe verloren. Wer aber zählt erst die Zahl derer, die in unserer Mitte äußerlich zwar verblieben, aber geistig uns verloren gegangen sind? Man hat nun verschiedene Versuche in Westeltrvpa behufs Lösung dieser Frage, d. h. Aussöhnung zwischen Kultur uno Judentum, unternommen. An der höchsten Leistung dieser Anstrengungen, das ist der moderne Doktor-Prediger — als Rabbiner werden doch diese Herren ernstlich nicht in Betracht kommen — kann man erkennen, daß diese Versuche gänzlich verfehlt sind. Es konnte auch nicht anders kommen! Man hat bisher alles nur daraus angelegt, auf das allgemein übliche, dem Hellenismus entlehnte Bildnugsversahren etwas mehr oder weniger Judentum aufzupfropfen. Der moderne Prediger ist dem entsprechend nichts anderes als ein ins Jüdische übersetzter evangelischer Pastor, was er auch fast unbewußt durch Anlegung von Amtstracht bekundet. Wer von Jugend auf Gymnasialstudien, mannbar geworden Universitätsstndien sich gewidmet hat und so nebenher während des letzteren Studiums Bekanntschaft mit dem jüdischen Schrifttum gemacht, der muß doch viel mehr mit dem Wesen des Hellenentums als mit der ‘ Lehre des Judentums vertraut sein! Nun wird gar solchen Leuten die Lehrbefngnis im Judentum zugesprochen und ihren Händen die Wahrung unserer geistigen Güter anvertraut. Es ändert nichts an der Tatsache, wenn diesem System ein Stich ins Orthodoxe zu geben versucht worden ist. Wir müssen vielmehr aus einer jüdischen Gesamtanschauung heraus das jüdische Bildungsproblem zu lösen versuchen. Das jüdische Bildungsideal verkörpert uns Rabbi Jochanüw ben Sakkai und seine Lehrweise. In seiner allseitigen Ausprägung haben es nur wenige Männer, wie Rabbi Sadja Gaon, Rambam und in anderer Zeit der Wilnaer Gaon, zur Darstellung gebracht. Ans Grund dieser heiligen göttlichen Wahrheiten haben wir eine Erkenntnis der Welt, der Natur, des Menschen und des eigenen Selbst zu erstreben. , - . Natürlich gehören hierzu zahlreiche Hilfsmittel und Hilfserkenntnisse, die wir allesamt zn pflegen haben, jedoch nicht um ihrer selbst willen, sondern als Mittel zur Bewältigung der umfassenden großen Aufgaben an den großen Erkenntmsobjekten. Es bedarf hierzu keiner Gründung von neuen Lchranstalten, sondern nur der liebevollen Pflege und fürsorglichen Ausgestaltung der bestehenden Cheder und Jeschiwoh. Cheöer und Jeschiwoh sollen eben aus ihrer Einseitigkeit heraustreten und ihre Aufgabe darin erkennen, Menschen auszubilden, an denen Gott und die Welt ein Wohlgefallen finden können. In unserer Mitte schlummern so zahlreiche geistige und mvrausche Schätze, die ungehoben bleiben, geradezu verkümmern und verkrüppeln, daß in Anbetracht der Armut unserer Zeit an solchen Gütern es jedem wahren Juden ins Herz schneiden müsie. Wir können unser qesetzestreues Judentum zu neuem Glanze erheben, wenn wir ihm auch die wissenschaftlichen Errungenschaften der Gegenwart — worunter keineswegs ihre Theorien oder als Wissenschaft sich geberdende Zweifelsucht zu verstehen sind — zugänglich machen. . r ■ Redner schlägt zum Schlüsse dre Annahme folgender Thesen vor: Melodie. Es singen die Himmelssphären, :vie uns überliefert worden ist. Der Tag und die Nacht — so kündet uns die Schrift — singen die Allmacht Gottes. Menschen und Vögel singen, von den übrigen Lebewesen hat gleichfalls ein jedes seinen besonderen Sang. Stein schlägt an Stein, Metall gibt einen Klang, Wasser plätschert im Lauf! Gar erst der Wald! Regt sich auch nur das leiseste Lüftchen, so rauscht er sein mächtiges Lied, einen echten, stillen, süßen „Wallach". Und die Eisenbahn, das wilde Tier nüt den rotflammenden Augen, betäubt euch ihr Lied nicht, wenn sie an euch vorbeisaust? Selbst den stunnnen Fischen, las ich einst in einem frommen Buche, entringt sich bisweilen ein singender Ton. Ja, ja, man muß nur das richtige Ohr haben, das die Stimmen der Natur wie ein Netz einfängt, wie ein Schwamm aufsaugt. Aber eine Menge von Tönen macht noch laticje keine Melodie, ein Hausen Ziegel bildet noch lange kem Haus. Das ist erst der Körper der Melodie, es fehlt ihr noch die Seele. Die Seele der Melodie aber ist das Gemüt des Sängers: seine Liebe, sein Zorn, seine Heiterkeit, seine Herzenssehnsucht, seine Reue, seine Betrübnis. Dies alles kam: der Sänger seinem Gesäuge einhauchen, und das Lied ist beseelt, es lebt. Denn ich glaube, meine Brüder, daß dasjenige, was mich belebt, selbst ein Leben haben n:uß. Wie könnte es mir sonst Leben eingeben! Und dann: versucht doch einmal eine Melodie zu zerpflücken! Singt sie von rückwärts! Habt ihr da noch eine Melodie? Ihr habt ja alle Töne, nicht ein einziger Akkord fehlt, aber die Seele ist dahin. Ihr habt eine weiße Taube geschlachtet und unter dem Messer entfloh euch das reine Seelchen. Die Melodie ist gestorben, nun habt ihr eine Sangesleiche. In Talno gilt es als sonnenklar, daß eine Melodie ein lebendes Wesen ist! (Fortsetzung folgt )