Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 33 (12.8.1904)
- Date
- 1904-08-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Wien, Freitag Jüdisches Tolksbiatt. 12. August 1904 JL- -jirofc AM», ist, und auf diese Art eine neue Gemeinde gründen und fie würden allen Unannehmlichkeiten in religiöser Beziehung dadurch enthoben fein. Um aber diese Idee zur Ausführung zu bringen, mutz ein Komitee gebildet werden, welches die Leitung in die Hand ninnnt und die Angelegenheit organisiert. Zu unserem größten Leidwesen aber finden sich nur sehr wenig solche Männer, die bereit wären für ihre unglücklichen Brüder diese Tätigkeit zu übernehmen. Wohl gibt es einige, die für diese Idee arbeiten, aber nur mü Worten. Diejenigen aber, welche auch mit Mitteln der Sache dienen könnten, stehen in -er Ferne und sehen zu, wie Tausende von ihren Brüdern verhungern und zu Grunde gehen. Wäre es möglich, mit Genehmigung der Negierung zunächst eine Versammlung in dieser Angelegenheit anzuberaumen, dann würden sich schon leicht Wege und MUtel finden, wie diese wichtige Frage zu lösen wäre. So lange aber in dieser Weise nichts getan wird, ist keine Hoffnung vorhanden, datz es besser werden könnte. Diesen Ausführungen haben wir folgendes himzuzufügeu: Im vorigen Jahre hat die Jewtsh Coloniz. Association in Paris 4000 Rubel dem Petersburger Komitee zu diesem Zwecke bewilligt. Zugleich hat die I. C. A. noch weitere Summen versprochen. Nach dem Jahresbericht hat das Komitee von den 4000 Rubel gebraucht — 270 Rubel. Ein Zeichen, daß das Komitee gut — schläft. Eine so wichtige Sache sollte in die Hände tatkräftiger Männer gelegt werden. Das bisherige Komitee erfüllt seinen Lweck nicht. „Ein ruthenisch-zionistisches Feuer." ' Czernowitz, 7. August 1904. Polen ist in Gefahr. Weil in der Bukowina die freisinnigen Elemente sich zusammengetan und die reaktionäre Bojarie, mit welcher der polnische Großgrundbesitz durch dick und dünn geht, im letzten Wahlkampfe für den Landtag überwunden haben, leistet sich das „Slowo Polskie" einen Brandartikel — gegen das ruthenisch-zionistische Feuer. Feuer gegen Feuer! Das genannte allpolnische Blatt findet in dem Programm des „freisinnigen Verbandes" nichts anderes als einen Kampf gegen Rumänen und Polen. Und namentlich soll die Lage der Polen durch den Ausgang der Lanvtagswahlen sich stark verschlimmert haben. Der Landespräsident Prinz Hohenlohe wird beschuldigt, die radikal-ruthenische und zionistische Bewegung in der Bukowina unterstützt und demgemäß die Kandidaten der Freisinnigen bei der letzten Landtagswahl öffentlich protegiert zu haben. Das „Slowo Polskie" apostrophiert Dr. v. Koerber, ob dies sein Wille allein oder bloß der des Bukowinaer Landespräsidenten sei, daß an der Grenze der polnischen Allmacht ein ruthenisch-zionistisches Feuer entfacht werde, das — was Gott verhüte — nach Galizien einüringen könnte. „Slowo Polskie" hat sich offenbar selbst einen Scherz oder der Artikelschreiber mit dem genannten Blatte einen solchen erlaubt. Es ist nämlich in der ganzen Bukowina eine bekannte Tatsache, daß Lanöespräsiöent Prinz Hohenlohe dem Lande zum erstenmale die freien Wahlen gegeben und nicht die geringste Jngerenz auf die Durchdringung von Kandidaten ausgeübt hat. Ebenso weiß jedermann, daß die zionistischen Vereine als solche, jede politische Betätigung schon ihren Statuten nach, vermeiden. Die Behauptungen des allpolnischen Blattes entbehren somit jeder wahrheitsgemäßen Darstellung . Der Kern liegt offenbar anderswo. Den Polen ist der beliebte ruthenische freisinnige Abg. Nikolaj v. Wassilko schon lange ein Dorn im Auge und weil dieser in so kurzer Zeit sich die Sympathien des ganzen Landes und der Judenschaft mit erobert, die Ruthenen zu einem gleichartigen Faktor unter den Nationalitäten in der Bukowina gemacht hat, sind zu Wien und seine Erben verkaufen ihre Badstube, gelegen vor dem Kärntnerthor zunächst dem Juden freithofe um 400 Pfund und ein fünf Pfund (zur Errichtung eines Judenbadesj Wiener Pfennige der Judengemeinde zu Wien und allen ihren Erben und Nachkommen, was der Kaufbrief sagt". Bald begannen, wie fast überall, auch in Wien die Zeiten der Judenverfolgungen, die hier mit der Verbrennung der reichen Juden auf der Gänseweide, 12. März 1421, endeten. Kein Jude sollte mehr den Boden der Stadt betreten, ihr Besitztum war herrenlos geworden. Herzog Albrecht der Fünfte schenkte den Grund des Judenfriedhofes dem Dorotheerkloster, die zahlreichen Grabsteine dienten zum Häuserbaue und jedenfalls die besterhaltenen wurden nach der „neuen Burg" gebracht. Hier hatte der Babenberger Herzog Leopold der Siebente zu Anfang des 19. Jahrhunderts den später unter Maria Theresia „Schweizerhof" genannten Burgteil gebaut, der im Laufe der Zeiten viele Umgestaltungen erfuhr; eine der wichtigsten war der Vau der Burgkapelle, deren Einweihung am 29. April 1449 stattfand und zu deren Fundamentierung und Ueberwölbung diese Judengrabsteine dienten. Die übrigen wurden zum Häuserbau der nahen Vorstädte verschleppt; einige derselben kamen nach Gumpendorf und beim Umbau kleinerer Häuser wieder ans Tageslicht, wobei der Historiograph Lazius, dem sie falsch entziffert wurden, aus ihnen eine Fabel ableitete von uralten Ansiedlungen der Juden in Wien, die auch der biedere Fuhrmann als wahr annahm und in seiner Geschichte Wiens weiter, ausschmückte. Diese von ihm ausführlich beschriebenen Grabsteine gehören, wie die jetzt aufgefundenen, dem Friedhofe vor dem Kärntnertor an, und das hohe Alter entstand durch den Irrtum der Datierung, da auf allen Steinen nach dem Kalender der Juden von der Erschaffung der Welt (1411 v. Ehr.) an gerechnet wurde und die Tausende der Jahre ausgelassen wurden. Als die Juden wieder nach Wien zurückkehren durften, bezogen sie den mittlerweile verbauten Friedhof vor dem Kärntnertore nicht wieder, sondern legten einen provisorischen in der Leopolöstaöt „Auf der Haide" an, und anfangs des 16. Jahrhunderts entstand der berühmte, noch jetzt erhaltene sie aus., ihrer Ruhe emporgeschreckt worden und schleudern ihre Mbltzisttschen Pfeile gegen die Ruthenen und ihre Freunde. Darum auch der Kampfruf gegen das „zionistische Feuer". Dr. Straucher, der wackere Führer der Bukowinaer Juden, gehörte bekanntlich der freisinnigen Vereinigung von ihrer Gründung an und focht an der Seite seines Freundes Nikolaj v. Wassilko und der von ihm geführten Ruthenen, ebenso mit dem Jung-Rumänen Dr. Aurel v. Onctul für öle Befreiung des Landtages von der Herrschaft der Bojarie. Nun, da der Kampf zu Ende ist und der nach nationalen Gruppen gegliederte freisinnige Verband siegreich in die Lanüstube einziehen wird, blieben die konservativen Rumänen und die Polen, die der „Mittelpartei des Großgrundbesitzes" sich nicht anschließen wollten, in der Minorität. Der neue Landeshauptmann wird der Majorüät entnommen werden: Baron Georg Wassilko, ebenso der Landeshauptmann-Stellvertreter, als welcher der ruthenische Abg. Untv.-Prof. Dr. Smal-Stocki gilt. In den Landesausschuß dürfte auch Dr. Straucher gelangen. Das ist den Polen unangenehm. Landeshauptmann- Stellvertreter war bisher Bürgermeister Baron Kochanowski, zufällig ein Pole. Derselbe ist aber jetzt nicht wiedergewählt worden. Die Polen glauben nun, datz sie keine Hoffnung haben, im Landesausschusse, Landesschulrate u. s. s. entsprechenvertreten zu sein. Andererseits beginnen ihnen die Ruthenen zu mächtig zu werden, dazu die Emanzipationsbestrebungen der Bukowina, die „Los von Galizien" zu ihrem Grundsatz gemacht — dies alles bereitet den Polen Kummer. Daß ihre Zahl in der Bukowina eine verschwindende Minderheit ist, so -atz sie nicht einen Kandidaten selbständig in den Gemeinderat zu bringen imstande sind, verschweigen sie. Und dennoch hat die nationale Expositur der Polen in der Bukowina sich eine viel mehr als ihr gebührende Berücksichtigung zu verschaffen gewußt. Es wurde auch nicht der geringste Widerstand entgegengesetzt, am allerwenigsten von den Juden. Im Gegenteil. Dr. Straucher ist immer derjenige gewesen, welcher im Gemeinderat und in den anderen öffentlichen Körperschaften in warmer Weise sich der Interessen der Polen angenommen hat, weil er eben als jüdischer Vertreter den Standpunkt vertritt, jedem Volke sein Recht zu gewähren. Gerade deshalb aber durfte auch Dr. Straucher sich nicht ablehnend verhalten, wenn die 300 000 Ruthenen der Bukowina ihr Recht verlangten und gegen jede Zurücksetzung sich zu verwahren begannen. Wir Juden, die im Laufe der Jahrhunderte die düsteren Quartiere des Ghettos und in der Folge auch die anderweitigen Zurücksetzungen mit ihrer ganzen Schmach und Kränkung ansgctostet haben, Hegen für jeden bedrückten Volksstamm eine Art Mitempfinden und werden deshalb stets im Kampfe auf Seite der Unterdrückten zu finden sein. Daß dies den Polen in Galizien wegen der Ruthenen unangenehm ist, finden wir sehr begreiflich. Dies aber auf die Bukowina hinüberzuspielen, ist politisch unklug, da dadurch die Polen sich viel schaden könnten. Es ist an den Juden nicht unbeachtet Vorbeigegangen, datz in der polnischen Presse in letzter Zeit wiederholt gegen Dr. Straucher Notizchen verschiedensten Inhaltes ein willkommenes Plätzchen fanden, selbst wenn dieselben sich auf interne Vorgänge der.iudrschen Kultusgemeinöe in Czernowitz bezogen, mit den polmschen Interessen also nichts zu tun haben. Unnötigerweise also Polen und Juden in der Bukowina zu entzweien, um galizischen Aspirationen zu dienen, wird gewiß jeder Bukowinaer Pole mißbilligen. Beweis dafür, daß viele Polen, trotz Beschlusses ihres Exekutivkomitees bei der Landtagswahl für Dr. Straucher stimmten. ' Die Polen der Bukowina täten deshalb gut, in politieis ohne die nachbarlichen Lehrmeister zu Handeln. Sie würden gewiß damit weiter kommen. Jedenfalls mögen sie aber die Juden unbehelligt lassen. Die nationale Entwicklung eines Volkes kann niemand demselben benehmen, das ist sein gutes Recht. Auch die Juden der Bukowina werden es sich nicht schmälern lassen. Und weil der freisinnige Verband alle Nationen zur gemeinschaftichen Arbeit für das Land, bei gleicher Berücksichtigung ihrer Interessen vereinigte, haben auch die Juden dahin den Weg gefunden. Daß die Polen so unklug waren, draußen zu bleiben, ist ihr Schade. S. Kaßner. Aus Kroatien. (Bewegung und Gegenvewegung.) A. L. Ich stehe noch unter dem Eindrücke der Meldung: „In Osijek (Slavonien) sollte der erste Abiturienten-Kongreß der Juden aus den südslavischen Ländern abgehalten werden. Die Einberuferin war die „Bar Giora". Der erste Tag verlief ohne Störung bis zum Abend. Da aber entstanden Streitigkeiten zwischen Juden und Assimilanten-Juden und die Folge war: der Stadthauptmann löste die Versammlung auf!"! Das war der Ausbruch der gegenjüdischen Bewegung der „konfessionell"-jüöischen Akademie-Jugend. Was nirgends geschieht, das geschieht in Kroatien: Der Zionismus ist in die politische Debatte der Tagespreise hineingezogen. Der politische Taumel, der in Kroatien alle ergriffen hat, so daß ein jeder in der Politik Betätigung sucht, hat auch unsere Juden ergriffen und sie wählten sich als Ob-' jekt der Polemik und der Angriffe die jiidisch-nationale Bewegung und ihr mächtiges Kind, den Zionismus. Seit Herzls Tode ruht die Bewegung nicht und ruht die Gegenbewegung nicht. Durch alle Zeitungen wandert der ewige Jude. Es ist ja nicht ohne Wert, daß die Meinungen geklärt werden, wenn aber die Meinungen ins Stadium der Ueberzeugung treten, so kann doch die Polemik sehr wenig daran ändern. Es handelt sich also hier einerseits, seitens der Zionisten, nur um die aufrichtige Bekenntnis und wenn sie die Oeffentlichkeit derselben nicht scheuten, so ist dies des Beweises genug, daß man in den zionistischen Kreisen beruhigt war darüber, daß dies Bekenntnis keinen gegnerischen Standpunkt dem Kroatentume gegenüber bedeute, geschweige denn, datz unsere nationale Bewegung eine — im Sinne der „Nur-Konfessionellen" — „gegennationale" Bewegung ist, wie sie dies in ihrem unziemlichen Attentate auf die freie Ueberzeugung, ihrem öffentlichen Proteste nannten. Was bedeutet aber die Gegenbewegüng der „Nur-Konfessionellen"? Warum fanden sie gerade unter allen Kroaten es notwendig, ihre Stimme zum Proteste gegen die „gegennativnale" nationale Bewegung zu erheben? Warum? — Es ist nur geschehen, weil der utilitaristische Instinkt die Handlung leitet, der Instinkt, nicht die volle Einsicht in die Sache des Gegners. Hätten sie nur die winzige Broschüre Nordaus gelesen, so dürften sie nicht behaup- Roßauer Friedhof. Die jetzt aufgefundenen Grabsteine, wohl^'A", daß der Zionismus genetisch unnatürlich sei, bloß eine geborgen im Gebäude der Hofbibliothek, verlangen eine mühsame Reinigung von Mörtel, der einen Teil der Schrift verklebt. So viel kann schon heute gesagt werden, daß es einer der interessantesten Funde zur ältesten Geschichte Wiens ist, ein Beitrag zur Geschichte jenes Volkes, von dem schon Byron sagt: „Die Taube hat ihr Nest, der Fuchs die Kluft, Der Mensch die Heimat, Juda — nur die Gruft!" Dr. F. S. Bewegung, die dem Antisemitismus ihre Existenz verdankt (also direkte nicht den Juden!) Wüßten sie was von den Juden, bis zu denen ihr Auge nicht reicht, von den Dichtern, hie national sind und dabei groß, dann könnten sie keine Ungeheuerlichkeiten in dummen Protesten niederschretben und eine der schönsten (objektiv-schönsten) und reinsten Bewegungen verunglimpfen. Sie sehen den Gegensatz nicht ein, den sie da aussprachen, als sie den Zionismus als Frucht des Antisemitismus (nicht der Ueberzeugung) -erstellten, den Gegensatz, der darin besteht, daß sie so gar oft den Zionismus als Utopie hinsetzen und den Juden zumnten in einer Utopie ili .rjriihK' ■jKu viifr1;. vor der realen Gefahr Rettung zu suchMtnrrt'MM'Äik behaupten, der Zionismus züchte den AnttMUMWl Mischmasch, ein Circulus vittofus, aus 6ctn¥l|fcu»fi kommen! Jawohl, ihr Herren, wollt ihr imm^M ÄstheM§ anfeinden, die Patrioten spielen und den Zivniste'ü'cheüWtrto-. tiSmuS absprechen, dann kann es ja passieren, öaß"MÄrM semitismus grotzgezogen wird und dann werdet thr'MM sagen: Sehet, wohin der Zionismus fiihrt! Eine innere iM ruhige Stimme wird euch dann vielleicht doch sagen: Siehe, wohin wir eS brachten... . aber die „Nur-Konfessionellen" ein Beispiel auf, wie die Mohammedaner, obwohl viele von ihnen Türken der Abstammung nach sind, — sich alsKroaten zu bekennen, so wäre es gar nicht nötig, dies einer Kritik zu unterziehen, sondern mit einem viel näheren konkreten Beispiele zu kommen: Mit den Serben in Kroatien und Slavonien. Ich machte vor Monaten darauf aufmerksam und sagte, daß nur eine politische Fraktion, deren Führer ein getaufter Jude ist, den Serben ihre Stellung als Nation für sich abspricht. Ich werde nicht fehlgehen, wenn ich behaupte, -atz sich die Verneiner -es Judenvolkes in dem Lager dieser Fraktion befinden. Ich glaube auch nicht zu irren, wenn ich sage, datz die Herren nur die der nationalen Züge entblößte Bourgeoisie zum Vergleich herbetzieht, daß sie die Geschichte und Traditionen, kurz die Vergangenheit der Völker nicht würdigen, daß sie den inneren Kern — nicht Ueberzeugung — eines Volkes außeracht lassen, denn nur so kann ich mir ihren Jdeengang erklären. In einem kroatischen Schulbuche steht es: „Eine besondere Nation bilden in der Monarchie die Juden, doch werden sie gewöhnlich zu dem Volke gerechnet, wo sieweilen." (Steklasa, Zemljopis i statistika Austro-Ugarske Monarkije.) Und eine Autorität, Universitätsprofessor Dr. Krsnjavt, veröffentlicht soeben eine Reihe von Feuilletons, in denen vieles enthalten ist, was sich in dieser Hinsicht die Herren merken sollten. Dieser Professor war in Schweden und als er dort verwundert fragte: „Gibt es denn in Schweden verschiedene Nationen?", wurde ihm die Antwort zuteil — von einem Gelehrten: „Es gibt bei uns verschiedene Nationen" ... Ich selbst Habe einige Freunde an der Universität, die mir, ohne meine Gesinnung zu kennen, offen heraus sagten: „Juden können nicht Kroaten sein". Sie sind keine Antisemiten . . . Um aber zu den Mohammedanern zurückzukehren, so müßten doch die Herren wissen, daß auch der Zionismus die Möglichkeit der Assimilation nicht leugnet, ja, ihr könnt euch assimilieren, aber wenn ihr schon überzeugt sein werdet, Vollblutkroaten zu sein und nur die Taufe hat noch nicht den „Judenfleck" weggewischt, so wird man euch hinterrücks nach allen Anstrengungen, die ihr macht, um ja keinen Zweifel an eurer Kroatisierung aufkommen zu lassen, zurufen: „Cherez le Juifl" — -—- Und dann, meine Herren, kann man mit Fug und Recht den Namen „Jude" mit größerem Stolze tragen, als den Namen „Türke . Und wozu bedient sich die Regierung in Bosnien neben der serbo-kroatischen Sprache bisweilen auch der türkischen? Bloß weil es ein „Loschon hakodesch" ist? Es ist auch sehr fraglich, ob in der Türkei selbst das National-Gefühl entwickelt ist, wie auch nicht zu übersehen ist, daß die Türken beiwertem in jeder Hinsicht minderwertiger sind als die Kroaten oder Serben .... Wir Juden streben nach keinen Prärogativen innerhalb anderer Völker, wir werden gewiß die Gesamtinteressen der staatlichen Einheiten, in denen wir wohnen, fördern und wenn wir dabei auch Juden bleiben und jüdische Ideale fördern, wenn wir uns mit Stammesgenossen eins fühlen, so kann es uns niemand verargen. Und wir werden dabei gute Bürger des Landes und gute Patrioten sein. Wenn die Assimilanten aber Teilung unserer Kräfte befürchten, so bezweifle ich die Aufrichtigkeit der Befürchtung, denn auch andere sind nicht so engbrüstig, um nur ihrem Volke die Liebe zu weihen und man befürchtet davon keine Gefährdung der Interessen des Vaterlandes. Ihnen, die da sagten, daß bloßes Volksgefühl nur leeres Stroh sei, sagen wir, daß uns schon das bloße Gefühl große Befriedigung bietet! ... Vom Kiewer Gouvernement. (Jüdische Händwerkerfrage.) Bei uns in Rußland sind die Zeugdrucker aus der Arbeitsklasse ausgeschlossen und da sie den Namen „Arbefter" nicht hatten, besaßen sie kein Recht in Kiew zu wohnen. Es wurden ihnen die früher erteilten Konzessionen genommen und sie sollten. schleunigst die Stadt verlassen. Die armen Leute richteten eine Bitte an den Kiewer Gouverneur, ihnen das Mvhnungsrecht zu gewähren und vorige Woche entschied der Kiewer Gouverneur zugunsten der Zeugdrucker. Noch im Jahre 1900 hat der kaiserliche Rat die Drucker von den Harchwerkern ausgeschlossen und der Befehl lautete: Allen neu angelangten Druckern das Aufenthaltsrecht in Kiew zu nehmen, auch den alten die Konzessionen langsam zu nehmen und sie auszuweisen. Ebenso ging es den Steinpflasterern und Steinmetzen, die viele Jahre als Handwerker in Kiew ruhig wohnten und mit einemmale zog sich eine düstere Wolke über sie und sie nmßten ihr Hab und Gut zum Spottpreise verkaufen und die Stadt stracks verlassen. Viele übersieöelten nach dem Städtchen Radomisel und waren genötigt, ihr Handwerk mit dem Almosenbitten zu vertauschen. Von der vorigen Woche ab ist ihnen der Aufenthalt gottlob gestattet und viele verließen schon Radomisel und begaben sich nach Kiew; da wird einem jeden eine schriftliche Erlaubnis erteilt. Manche jüdische Männer und Frauen haben das sehr bedauerliche Bestreben, ihre jüdische Abstammung auf jede mögliche Weise zu verheimlichen oder gar zu verleugnen. Jeder anständige Mensch wird für diese Feigheit nur die tiefste Verachtung empfinden. Diese an sich so große Feigheit wird aber lächerlich, wenn der betreffende junge Herr oder die betreffende junge Dame eine jüdische Nase, einen jüdisch klingenden Namen und eine jüdische Aussprache besitzen und trotz alledem — freilich vergebliche — Versuche machen, ihr Judentum zu verleugnen. Auf meiner jüngsten Reise nach der benachbarten Stadt Zitomir in Wolynien begegnete ich einer Dame, die einen echt jüdischen Typus besitzt und sich trotzdem überall als „Russin" ausgibt, obwohl bei uns in Rußland ihr Bruder nicht einmal den Grad eines Unteroffiziers erlangen könnte. Leider, wie es scheint, ist die Wissenschaft dieser jungen Dame ebenso gering, wie ihre Religion. Sie richtete an mich in russischer Sprache eine Frage, worauf ich ihr erwiderte: „Liebes Fräulein, ich spreche nur zwei Sprachen: Deutsch und Jüdisch! Wenn Sie die gewünschte Auskunft haben wollen, bitte ich Sie, Ihre Frage in einer dieser Sprachen zu formulieren" Was tim? Deutsch kann sie ja nicht und — Jüdisch sprechen?! Sie eine „Russin" soll ihr holdes Mttndchen durch die unästhetischen Töne dieser geschmacklosen Sprache entweihen?! Sie sitzt nun eine halbe Stunde ganz trostlos, denn sie möchte sprechen. Endlich öffnete sie ihr liebes Mündchen und sagt: „Sogt, wvs is dos?? Sie wollte nämlich erfahren, was für ein Gebäude öasteht. So sind sie, manche junge jüdische Damen. Erst der Not gehorchend sprechen sie einige Worte aus in der Sprache ihrer