Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 32 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 5. August 1904 Seite 8 ■ \ Grafen Batthyany die Hand. Kurz nach Schließung dieser Ehe kam es aber zwischen Batthyany und Nosenberg zu einem Pistolenduell, in dem Batthyany den Tod fand. Der -ritte Gatte der Baronin Schoßberger war Baron Offermann, von dem sich die Baronin nunmehr scheiden lassen will, angeblich, weil er ihr nicht Geld genug zum Leben zur Verfügung stellt. Gegen gewisse käufliche Blätter, die „fürs herzige Geld alles tun", zieht die sozialdemokratische „Frankfurter Volkssttmme" derb vom Leder. „Zu den ekelhaftesten Geschöpfen," so meint sie, „gehören jene Menschen, die sich als Antisemiterl aufspielcn, weil sie von G e b u r t I u d c n sind. Ihrer würdig sind alle jene kleinen jüdischen Kapitalistenblättchen und -Blätter, die fürs herzige Geld alles tun: sich selbst verkaufen. Ein klassisches Beispiel liefern wieder zivei anerkannt jüdische Hamburger Blätter. Nachdem kürzlich das „F r e nr d e il b l a t t" als „Judenblatt" eine Bäöer-Anzetgc seinem israelitischen Lesepublikum bot, die den Vermerk trug: „I n d e n w e r d e n nicht a u f g e n o m m e bringt jetzt auch die rricht rninder „jiidische" „Neue Hamburger Ztg." eine Anzeige des Inhaltes: „Ostseebad Binz, Potenbergs Hotel. Pension inkl. Zimmer Mk. 4.50 und Mk. 6.—. 8 Min. vom Bahnhof, 8 Min. von der Landungsbrttcke. Indischer Besuch verbeten." Ob ein einziger Jude deshalb das Blatt abbestellen wird? Ich glaube: Nein. Die bürgerlichen Juderl sind für solche Fußtritte ebenso unempfindlich, wie ihre christlichen urld anderen Brüder: Geld heilt alles wieder." (Dazu wollen wir nur bemerken, daß sich auch die sozialdemokratischen Juden alle Fußtritte ihrer Blätter (siehe „Arbeiter- Zeitung") gefasten lassen. Nicht ob „bürgerlich oder sozialdemokratisch" kommt es an, sondern ob „assimilatorisch oder national". Und in dieser Beziehung haben die sozialdemokratischen Juden sehr viel zu lernen. Anm. d. „I. V.") Die Lage in Siidrnßland. Unsere unglücklichen Glaubensgenossen in Südrußland, die unter den Nachwirkungen der vorjährigen Krawalle nach! wie vor schcher leiden, dnrch die Geißel der „Somnner-Brände" auch in diesem Jahre hart heim gesucht sind und zu allem Unheil die infolge des Krieges sich zuseh>ends verschärfende ökonomische .Krisis weit drückender als die übrige Bevölkerung empfinden, werden von einer neuen furchtbaren! Katastrophe bedroht: von den Schrecken! der Hungersnot. . Infolge ungewöhnlicher Dürre ist ini einen:! großen Teile Rußlands die ganze Ernte zugrunde gegangen. Der soeben edierte offizielle Bericht über die Ernteaussichtm besagt: Winter- Weizen schlecht in Südbessambien und Cherson, Poltawa und Wittebsk; Sommerweizen schleD in Bessarabien, Cherson, Ploltawa und Wittebsk; Roggen schlecht in Bessarabien, PM!awa> und Wittebsk; Gerste und Hafer schlecht resp. ^befriedigend in Bessarabim, Cherson, Teilen von! Polen, Poltaiwa^ und Wittebsk. Was sollen aber unsere unglücklichen GlaNbensbrüdev in Bessarabien, Cherson, Poltawa'und Wittebsk essen, wenn Weizen und Roggen, -Hafer! und Gerste mißraten sind? Wer die Hungersnot in Südrnßland im Jahre 1900/1901 mit durchgemacht hat, weiß, >was eine einzige Mißernte für die von der Hand in den Mund lebenden russischen Juden selbst in sonst normalen! Zeiten bedeute!!!. Die Not dürfte diesmal gegen die vor bm Jahren sich umso akuter als vor drei Jahren gestalten, als die russischen Juden mittlerweile noch weiter verarmt sind und ihren hungerirden Brüdern ich Südrußland umsoweniger zu Hilfe eilen können, als sie infolge dev Geschaftskrisis jetzt selbst am Hungertuchie nagen. Jndenauswandernngen aus Rumänien. Am 25. Juli ist neuerdings eine Gruppe von 30 Auswanderern mit dem Predealer Zuge vvn Bukarest abgereist. Dieselben wenden sich Südamerika zu. Verbot hebräischer Zeitungen. Die „Königberger Hariung'sche Zeitung" schreibt: „Ein neuer charakteristischer Beitrag zur russischen Judenpolitik wird uns soeben aus Petersburg gemeldet. Dort erschienen bis vor kurzem vier Zeitungen in hebräischer Schrift, zwei davon in hebräischer Sprache, zwei in jüdischem Idiom. Seit dem 1. v. M. alten Stils <14. v. M.) sind alle diese vier Zeitungen gezwungen worden, ihr Erscheinet: einzustellen. Die Ursache liegt darin, daß die russische Negierung die jüdischen Schriftsetzer als Künstler (!) erklärt hat, die nach dem Ansiedelungsgesetz sich nicht im Innern Rußlands, sondern nur in den Grenzrayons aufhalten dürfen. Sämtliche jüdischen Schriftsetzer haben infolgedessen die Hauptstadt verlassen müssen, und da andere Setzer mit den hebräischen Lettern nicht umgehen können, haben die Zeitungen wohl für alle Zeit zu erscheinen aufhören müssen." (Nach unseren Informationen ist diese Nachricht der „K. H. Z." unrichtig. Nur der „Hasman" stellt sein Erscheinen ein. Anm. d. „I. V.") Zur Judenfrage in Rußlaud. Wie Warschauer! melden, hat das Polizei-Departement den Warschauer chnrpolizeimeister benachrichtigt, daß Vermerke über die Annahme des Christentums nur auf den Pässen solcher Juden gemacht werden müssen, die zur griechisch-orthodoxen Kirche ttbergetreten sind. Die Pässe von Juden, die zu einer anderen christlichen Konfession über getreten find, bekommen einen solchen Vermerk nicht. O Indes. Aus Lissabon wird gemeldet: Eine eigenartige Gedenkfeier wird nächstes Jahr in der Hauptstadt Portugals begangen werden. In diesem Jahre werden 300 Jahre verflossen sein, als in dieser Stadt ein Jude, namens Antonio Jose, ei« bedeutender Schauspieler und Dramatiker, von der Inquisition auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Antonio Jose war ein Liebling de- Theaterpublikums und wurde allgemein „O Indes" (Der Jude) genannt. Zum Andenken an dieunschuldige Opfer der Inquisition wird auf Anregung der dortigen Presse an dem Tage, an welchem vor 200 Jahren Jose verbrannt wurde, in Lissabon eine imposante Gedenkfeier stattfinden, wobei ein Monument 3» Ehren diese- Märtyrers errichtet werden wird. Wie dem „Hazofeb" mitzeteilt wird, sollen die Portugiesisch': Synagogen-; Nikolaus dem Ersten eine so große Nolle gespielt hat, mit der Gemeinde in Paris sowie die Alliance Jsraelite sich bereit Herausgabe des schriftlichen Nachlasses seines Großvaters hemietet haben, zu diesem Monument beznsteuern. Ebenso so!! gönnen (Paris, bet A. Lahnre). Die bis jetzt erschienenen zwei Bünde enthalten hauptsächlich den Briefwechsel zwischen dem Grafen Wilhelm vvn Nessclrvde und seinem Sohne Karl, dem späteren Reichskanzler. Besonders interessant ist die Beant- Nie'.'tnng einer Anfrage des Sohnes, der 1801 als Attachee der russischen Gesandtschaft in Berlin weilte, ob er die jüdische Gesellschaft dieser Stadt frequentieren solle. Der alte Graf schreibt den 13. November 1801 ans Frankfurt a. M.: „Frau die hervorragende Künstlerin Sarah Bernhard, die bekanntlich jüdischer Nbstaminmig ist, für eine Vorstellung zu G.instkn oieses Monumentes gewonnen worden sein. Stramm preußisch! Der Unterrichtsminister hat die allgemeine Einführung des Hebräischen in den jüdischen Religionsunterricht der Berliner städtischen Gemeindestliulen abj 'Arnsteiner, welche ich vor sechs oder sieben Jahren in Berlin gelehnt dnrch folgendes Reskript an den Vorstand der indischen gesehen habe, vereint mit viel Geist eine sehr große Gememde: „Ans öre Vorstellung vom: 1». Juli v. I. erwidere i Liebenswürdigkeit, Ihre Tochter zählte, glaube ich, damals uh, daß ny nnca den gedenken oer stadtuchen Schnldepntation, 12 oder 13 Jahre und versprach schon dnrch ihre ersten Fort- und dev Kömgl. PimvinzialEchulkollegiumv gegen die allgefchi-stte die glücklichsten Resultate einer sehr sorgfältigen Er- -.nelncEmfuhruugdes Hebralschenin den jüdischenReligwnszieiuinn. Ich habe hier in Frankfurt nur einen Augenblick, unterricht der Berliner Gcmeindeschule nicht verschließen kann, während eines Balles, den Moritz Bethmann Ihnen zu Ehren Es wird Sache der jüdischen Gemeinde fern, denjenigen Kinggh, gesehen. Ich fand die Mutter sehr gealtert; die Tochter dern, deren Eltern die Erteilung hebraßchen Unterrichtes aus tanzte wunderbar schön ... Es ist nicht zu bestreiten, daß die ^Möien Gründen wünschen, dazu außerhalb des Schulunter-! in ihrer Bildung seit 80 Jahren große Fortschritte gerichtes Gelegenheit zu geben. Ich habe demnach keinen Anlaß,! macht haben; besonders in Nvrdöentschland. Und ein gewisser den Bescheid des König!. Promnzial-Schulkollegiums vom 16. Mendelssohn, den ich in Berlin zur Zeit Friedrichs des Zwei- Februar vorigen Jahres aufzuhebcn. gez. Stuöt." Ans den palästinensischen Kolonien Der bekannte OdessaerCbowew-Zion Herr Boris Goldberg, der mehrere Monate in Palästina geweilt und die jüdischen Ansidelungen eingehend besichtigt bat, hielt vor einem zahlreichen Zuhörerkreise einen interessanten Bortrag über die jüdischen Kolonien im heiligen Lande, der darin gipfelte, daß die Insassen derselben weit besser leben, als etwa der jüdische Mittelstand in Wilna. Im einzelnen berichtete er von der 2.700 Ha. umfassende» Kolonie Chedereh, die wegen perniziösen Fiebers bis vor Kurzem unbewohnbar war, daß die Sümpfe daselbst durch umfassende Anpflanzungen von Euealyptusbäumen unschädlich gemacht worden sind. Die Ansidelung besitzt nun mächtige Eucalyptus-Waldungen, deren Stämme demnächst eine reiche Einnahmequelle abgeben werden. Die sehr wasserreiche Kolonie liefert massenhaft Gemüse, das von den Händlern gerne und zu guten Preisen gekauft und direkt per Schiff nach Alexandrien transportiert wird. Auch Viehzucht toird in Chedereh in großem Maßstabe getrieben, da die Sümpfe überaus reichliches Viehfutter liefern. In dem Dorfe ist noch reichlich Platz für fleißige Ansiedler und die alten Kolonisten würden sich über einen eventuellen Zuwachs umso mehr freuen, als ihnen dadurch die Bestreitung der Gemeindekosten erleichtert wird. Mehrere Kolonien mit sehr günstigen Existenzbedingungen kranken schier unheilbar an ihrer Kleinheit, so Scheweja-Gamal (bei Sichron Jakob), aber auch Katra und Kastinjeh, welche wegen der geringen Zahl der Kolonisten nie in der Lage sein werden, aus eigenen Mitteln einen gute« Lehrer und einen Schochet zu unterhalten. Andere Dörfer, wie beispielsweise Sichron-Jakob, leiden wiederum an Uebervölkerung, die sich auf dem zur Verfügung stehenden Boden nicht ernähren kann. Aus diesem Grunde sah sich die „Jca" genötigt, diese Kolonie stark zu evakuiren und mehr als 60 °/0 der Ansiedler nach den neuen Dörfern bei Liberias zu verpflanzen. Die ea. 3000 hu umfassende Kolonie Rosch-PinaH ist die größte und zugleich landschaftlich schönste jüdische Kolonie in Palästina. Die Luft daselbst ist.so rein und durchsichtig, daß .man von dem Berge, au deffen Abhang sie gelegen ist, den Genezareth- und den Hulesee sehen kann, obgleich beide 24 Kilometer entfernt sind. Neuerdings haben die Kolonisten den in der Nähe gelegenen, herrenlosen Berg ,Kanaan" in Besitz genommen und so ihr Eigentum wesentlich vergrößert. Sämmtliche Kolonisten Pa- Mstina's klagen bitter über den Zehnten. Dieser im Verein mit den großen Gemeindekosten verschlingt über 20 % ihre- Einkommens. Die Choweweh-Zion-Bereine beabsichtigen auf Beranlaffung des Vereins „Esra", den Zehnten selber zu rächten und so die Kolonisten von den Bedrückungen der päuberischeu Steuerpächter zu befreien. ten gekannt habe, hat viel dazu bcigetragen. Er war ein sittenreiner Mann und genoß großes Ansehen unter seinen Glaubensgenossen. Er ist der Verfasser des Buches „lieber die Unsterblichkeit der Seele" . . . Und nun genug, mein lieber Sohn, über diesen Gegenstand. Mein letztes Wort aber ist, daß Du, da nun einmal Fräulein Arnsteiner sehr liebenswürdig ist, und ihre Mutter viel Verstand und sicherlich mehr Lebensart als die meisten Damen Berlins besitzt, gut daran tun würdest, Mutter und Tochter so oft als möglich zu besuchen." Kurze Zeit darauf schreibt der junge Nesselrode: „Die Liebenswürdigkeit 5er Frau Arnsteiner und ihrer Tochter hat in mir das Verlangen geweckt, in der jüdischen Gesellschaft zu verlehren; wenn es ihrer viele gibt, die oen Arnsteiner gleichen, so lohnt es sich wohl der Mühe, gesellige Beziehungen zu ihnen zu pflegen." Preuß.-Schlesien. Die Erscheinung, daß sich die Minöerheitskonfessionen relativ stärker vermehren als die Mehrheitskonfession, tritt auch bei den Juden nicht zu Tage. In Schlesien war 1867: 1,33 vom Hundert und 1900: 1,02 vom Hundert der Bevölkerung Juden. Sie zeigen also relativ eine Abwärtsbewegung. Aber auch gegenüber den übrigen Konfessionen ist bei ihnen eine nennenswerte Zunahme nicht zu verzeichnen. Sie beträgt seit 1867 nur 6,17 vom Hundert. Verschiedenartige Verhältnisse liegen in den einzelnen Regierungsbezirken vor. Während im Regierungsbezirk Breslau ein relatives, wenn auch ganz geringes Vordringen der Juden zu konstatieren ist und die Zunahme 28,61 vom Hundert beträgt, ist in den Regierungsbezirken Oppeln und Liegnitz eine numerische Abnahme, und zwar um 8,50 bezw. 11,68 vom Hundert, festzustellen. Die Juden haben von jeher eine ausgesprochene Vorliebe für die größeren Städte, da. dort ihre Neigung für Handel und Gewerbe mehr befriedigt wird. Aber auch die Städte mit mehr als 20000 Einwohnern zeigen eine relative Mckwärtsbewegung der Juden. Auf sie entfielen 1867 : 5,99 vom Hundert der Bevölkerung und 1900: 3,38 vom Hundert. Was speziell die drei größten Städte der Provinz betrifft, so ergaben sich folgende Verhältniszahlen: Breslau 1867: 7,31, 1900: 4,67 vom Hundert; Görlitz 1867: 1,01, 1900: 0,77 vom Hundert; Liegnitz 1867: 3,77, 1900: 1,60 vom Hundert. Der Zahl nach sind sie aber in diesen drei Städten angewachsen, und zwar in Breslau um 57,01 vom Hundert, in Görlitz um 68,10 vom Hundert und in Liegnitz um 16,85 vom Hundert. Anscheinend liegen für die Juden im Regierungsbezirke Breslau günstigere Verhältnisse als in den Regierungsbezirken Oppeln und Liegnitz vor. Zur Erklärung der Abnahme in den letzteren beiden Bezirken kommen offenbar auch wieder Wandererscheinnngen in Betracht, die den Zuzug nach dem Regierungsbezirk Breslau bewirkt haben. Die Grundsteinlegung der neue» Synagoge in Cape Tow«. Am 3. Juni legte Sir Walter F. Hely-Hutchinson, Gouverneur der Cap-Kvlonie, in Gegenwart der jüdischen Honoratioren von Cape Town, einer Anzahl städtischer Behörden und Prediger verschiedener Glaubensbekenntnisse, den Grundstein zu der neuen Synagoge in dem Gartenteil, in dem die jüdischen Schulen liegen. Unter den Zuschauern befanden sich u. a. der Dekan von Cape Town, Erzbischof Ltghtfvdd. Rev. G. Willoughüy, Rev. A. Pitt, Rev. B. Evans und der Bürgerlneister Mr. W. Thorne, der den Magistrat repräsentierte. Die Kinder der jüdischen. Volksschulen begrüßten das Erscheinen des Gouverneurs mit der Nationalhynme. Bor kurzem hat ein Enkel des russischen Reichskanzlers Grafen Karl Neflelrode, der unter Alexander dem Ersten nnd Der Antisemitismus verurteilt von einem Konservative«/ Selten ist mit einer Phrase so sehr Mißbrauch getrieben worden, wie mit dem von Stahl, dem getauften Juden, dem Begründer der konservativen Partei geprägten Schlagwort vom „christlichen Staat". In der letzten Nummer des der posttiveu Richtung angehörenden kirchlichen Blattes „Auf der Warte" wendet sich Graf A. v. Bernstorff sehr entschieden gegen diesen Mißbrauch des Christentums zu politischen Zwecken. „Es ist ungeinein bedenklich," sagt er u. a., „die Sache des Christentums mit bestimmten politischen Parteien zu verquicken. Auch soziale Reformen sind den wechselnden Verhältnissen unterworfen. Was heute ein Fortschritt sein würde, kann es in zwanzig Jahren oder selbst heute schon in einem anderen Lande nicht sein. Solche Dinge im Namen des Christentums zu fordern, ist nicht ungefährlich." Aus diesem Grunde ist Graf Bernstorff auch ein abgesagter Feind des Stöcker'schen christlichen Sozialismus, wie er denn auch aus seiner entschiedenen Gegnerschaft gegen den Antisemitismus kein Hehl macht. Er bekennt offen: „Die Christenheit hat sich viel an diesem Volke (der Jud.en) versündigt," und saßt sein Urteil über die antisemitische Bewegung in folgendem Verdikt zusammen: „Es ist niernals christlich, nationalen Haß zu schüren, am wenigsten gegen das Volk, dem der Herr so große Verheißungen gegeben hat, und welches berufen ist, in der Geschichte des Reiches Gottes auf Erden noch eine große Rolle zu spielen . . . Der Gläubige wird mit warmem Interesse das Volk verfolgen, das nach den Verheißungen der Schrift noch eine große Zukunft hat — er wird das Volk herzlich lieben, von dem unser Heiland dem Flei sch nach abstammte." Ein solches unbefangenes Urteil aus positiv kirchlichen und politisch-konservativen Kreisen ist dem Antisemitentum aller Parteien erklärlicherweise im höchsten Grade unangenehm und diese Presse hat denn auch bisher diese Auslassungen des Grafen Bernstorff totgeschwiegen. Zwanzig Rubel für eine Todesnachricht. Man berichtet aus Breslau: Ein unerhörter Vorfall, der für die russischen Verhältnisse recht bezeichnend ist, wird der „Breslauer Zeitung" unter der Angabe sämtlicher Namen und Details mitgeteilt: Ein junger russischer Jude, der seiner Militärpflicht genügte, ging mit seinem Regiment nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatz ab. Die Eltern erhielten wiederholt Briese von ihm, indes seit Wochen blieb jede Nachricht aus. Begreiflicherweise befanden sich die Eltern in Angst und Sorge. Vor wenigen Tagen nun wurde der Vater aus daS Polizeirevier gerufen und ihm mitgeteilt, daß ein feinen Sohn betreffendes Telegramm vorliege, das man ihm nur gegen Bezahlung von 20 Rubel aushändigen könne. Der arme Mann war nicht im Besitze des verlangten Geldes und alles Bitten des geängstigten, in höchster Sorge befindlichen Vaters half nichts. Er mutzte wieder forttzehen und es gelang ihm mit Mühe und Not in größter Hast die verlangte Summe aufzutreiben, die er dann dem Polizeikommissär übergab. Hierauf erhielt er das Telegramm. Es war tzom Generalkommando und enthielt die Nachricht, daß sein Sohn gefallen sei. Ein jüdischer Dozent. Wieder hat ein angesehener Gelehrte? seine Dozentur an einer preußischen Universttät niedergelegttveil er als Jude trotz seiner unzweifelhaften wissenschaftlichen Befähigung und trotz langen Wartens keinerlei Aussicht auf Beförderung hat. Hören wir, was ein unparteiisches Blatt über diesen Fall berichtet: „Wie aus dem neuesten Personalverzeichnisse der Universität hervorgeht. hat Professor Albert Fraenkel, der Direttor der inneren Abteilung des städtischen Krankenhauses am Urban, seine Dozentur an der Unwersität niedergelegk. Professor Fraenkel ist seit der ztveiten Hälfte der Siebzigerjahre Privatdogent an -er Universität. Er unterrichtete zuerst in der dainaligen zlveiten medizinischen Klinik, bei der er unter Traube und später unter Leyden Assistent war und seit 1889, seit der Eröffnung des städtischen Krcmrenhauses am Urban, an diesem. Noch während seiner Tätigkeit an der zlveiten medizinischen Klinik erhielt Fraenkel den Titel als Professor. Eine autzerovdentliche Professur an der Universität blieb Fraenkel aber versagt, trotz der allgemeinen Anerkennjung, die seinen wissenschaftlichen Leistungen bei uns und im Auslande zuteil geworden ist. Wesentliche Fortschritte der inneren Dkedizin, insbesondere solche auf dem Gebiete der Lungenkrankheiten, sind mit seinem Namen verknüpft. Sein neuestes Werk, der erste Band eines umfassenden Handbuches der Lehre von den Lungenkvankheiten, nimmt unter den einschlägigen Werken mit den ersten Rang ein. Man kann es verstehen, daß Fraenkel angesichts der Tatsache, daß die Unterrichtsverrvaltung ihm die Anerkennung seiner Leistungen 4- Sri > -