Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-07-29 · 31 (29.7.1904) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
31 (29.7.1904)
Date
1904-07-29
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433054--2515-2436389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

JftdtotaB TolkabUitt. LS. Juli 1904 Seit« 6 Wien, Freitag Ifr, Al Für die Kvtz'! Mit dem llrbilde des Marchese Thristofow di Gumpelino, dieser köstlichsten Schöpfung Heine'schen Humors, beschäftigt sich ein Aufsatz von Gustav Karpeles in den „Hamburger Nachrichten". Sehr viel Neues erfahren wir daraus freilich nicht über Lazarus Gumpel, den Hamburger Bankier, welcher 1843, als Heine gerade in Hamburg zu Besuch weilte, als gläubiger Jude aus dem Leben schied. Die Aehnlichkeit zwischen Gumpel und Gumpelino scheint überhaupt keine sehr große gewesen zu sein, hauptsächlich hat Heine ihn wohl verspottet, weil Gumpel seinen Onkel, den reichen Salomon Heine, in lächerlicher Weise kopierte. Gumpel war ein ziemlich unbedeutender Mensch, der von Kunst und Literatur keinen Begriff hatte, der aber zu seinen üppigen Gastereien regelmäßig Künstler und Literaten einlud, „damit das arme Pack sich einmal bei ihm satt äße". Hinterher mußten sie sich dann produzieren. Als Heine sich irr Hamburg befand, so erzählt sein Freund, der taube Maler Lyser, in dem verschollenen Wiener „Salon" von 1847, wurde so viel von ihm gesprochen, daß Gumpel beschloß, ihn zu seinem nächsten Gastmahl einzuladen. Heine, der - längst von anderen erfahren hatte, wie es Freund Gumpel mit den Musenkindern zu halten Pflegte, sagte zu und erschien zur festgesetzten Stunde in sehr eleganter schwarzer Kleidung. Gumpel schien etwas verblüfft über den eleganten Anzug und das feine Benehmen des Dichters, von dessen „Tollheiten" und „Liederlichkeiten" man ihm so viel erzählt hatte. Ganz fassungslos war er jedoch, als der witzige Heine, der „Tausendsappermenter", kein Wort sprach und außer einigen Löffeln Suppe nichts genoß. „Sind Sie rmwohl?" fragte Gumpel. „Sehr Wohl!" lautete Heines Antwort. „Warum essen Sie denn nicht?" „Ich bin nicht hungrig." „Dummes Zeug, was sollen Sic nicht hungrig sein? Versuchen Sie einmal den Braten da!" „Ich danke." „Oder die Pastete?" „Ich danke." „Oder die Meerbuttenl Meerbutten! Das Stück 7 Mark 8 Schilling Kurant!" „Ich speise keine Meerbuttenl" Das war für Gumpel zu viel und wütend rief er aus: „Na, wenn Se fe nich freien, so mag se de Katt freien!" Und in der Tat reichte er die Schüssel mit den teuren Fischen der alten Lieblingskatze hin, die bei Tische stets hinter seinem Stuhle saß. Nachklänge zu der Kischenewer Tragödie. Die AbrsKnung des Kifcherrewer Komitees ist muh sehr langem k endlich erschienen. Im gangen haben die verschiedensten Zeitungen 167 594,62 Rubel gesammelt. Dazu kamen bist anderen Spenden ohne nähere BWmmung M Betrage von 820 625 Rubel, so daß für die Unterstützung der Opfer des Krawalls--978 119,63 Rubel —. 2 102 957,20 Mark eingelaufen sind. Dazu kamen spezielle Spenden und Einnahmen im Betrage von 32 223,67 Rubel und zwar waren idavon bestimmt: Für die Hinterbliebenen dev Ermordeten 7009, für. ein Kinderhospital 9997, zur Errichtung von genossenschaftlich betriebenen Werkstätten 5559; anonyme Spenden 6464 und Zinsen 4143 Rubel. Das Komitee glaubte ursprünglich, schon im Herbste 1903 sich auflösm zu können, da man hoffen durfte, daß nach Einbringung der Ernte sich die ökonomische Lage der Juden wesentlich bessern werde. Aber die Ernte hat die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt und die Zahl der Notleidenden hat zugenommlen,' statt abzunehmen. Dazu kam noch, daß die durch den KrawM Eingeschüchjterten keine Kurage hatten., sich in ' dauernden Geschäften zu engagieren, die Geschäftsstockuing artete zu einer veritablen 'Krisis aus und. das Resultat war, daß das Komitee außer - den direkt vorn. Krawalle üe- '.troffenen Juden es noch mit Hunderten! von! jüdischen Familien zu tun bekam, lvelche durch iden. Krawall nach indirekt brotlos wurden. Aus diesem Grunde sah es sich gezwungen, seine Tätigkeit zu verlängern und so lange in ' Aktion zu bleiben, bis die Spenden ganz und gar auszublerben begannen. Am 25. Jänner 1904 hatte das Komitee seine letzte Sitzung abgehailten, irr der beschlossen wurde, sich aufzulösen und den in seinein. Besitze sich noch befindlichen Restbetrag von! 1036 Atubel dem Vereine zur Unterstützung von Ortsarmea zu überlveiftn. Während seiner neunmonatlichen Tätigkeit (vom 15. April 1903 bis 25. Jänner 1904) hat ^das Komitee 3809 vom Kirawall unmittelbar betrosfew Familien unterstützt und 6805 Familien, welche indirekt durch die auf. den Krawall gefolgte Geschäftsstockung in Not geraten sind.' gefördert. Für die erste Kategorie lvnrden 633 573, für die zweite 166 072 Rubel verausgabt. Eine große Summe wurde für die Witwen und Waisen der ermordeten Juden verwendet, so büß alle Spender fiir KWenelv das beruhigende Bewußtsein haben dürfen, daß wenigstens für die Hinterbliebenen der heiligen Märtyrer von Kifchenew ausreichend gesorgt worden ist, indem! fiir sie nicht! weniger als 100 200 Rubel verloendct wurden. Fenier sind verausgabt worden für Emigrationszwecke 15 390, Aerztehonorar. uftv. 3041, für Rechllsbeitstand 14 700, Unterhaltung des Bureaus. 4041, fiir die Volksküche 23 067 nnd zur Unterstützung verschiedener Bildungsanstalten 16 748 Rubel. Endlich hat die Beerdigung der von: Pöbel geschändeten Thom rollen - 681 Nickel gekostet. Nach Abzug der für verschickend spezielle Zkoecke gespendeten 31 904 Rubel verblieb noch! ein Restbetrag von 110 03.6.88 Rubel, oonvem 60 000 der „Jca" zur Errichtung, einer großen jüdischen Kolonie < im Gouvernenrent Bessarabien und 60 900 Rubel deni Lckesiaer Ko nt itee für Kolon isa.t ion. P q l äst i n a s z ü r G r ü n d u n g e i n e s 60 F a m i l i e n umfass e n d e n Dar f e s i n P a l ä st i n a über - wiesen wurden. Die Bauern des in Palästina zü errichtenden Dorfes müss-en Juden fein, welche von dem Kischenewer KrawM unmittelbar getroffen wurden. Der Rest von 10 035.88 Rubel wurde, wie gesagt, dem Boyeine zur Unterstützung Kischenewer Ortsavmor überwiesen, worauf das Komitee sich aufgelöst hat. Die Verbreit««- -es jüdischen „Bundes" in Rntzland. Als die bedeutendsten Tatsachen im Zeitraum zwischen dem vierten Parteitag (April 1601) und dem fünften Parteitag des Bundes (Jnnt 1903) sind die Ausdehnung des Gebietes des Bundes, die Steigerung des politischen Kampfes und die schnelle Entwicklung der literarischen Tätigkeit zu bezeichnen. In Litauen geht die jüdische Arbeiterbewegung auf die kleinen Städte über und fast jede einigermaßen bedeutende Stabt wird zum Agitationszentrum für ein mehr oder weniger großes Gebiet. Das Hineinziehen der kleinen Städtchen in die Bewegung, der weite Erguß des revolutionären Stromes gehört zu den erfreulichsten Erscheinungen im Bunde und schafft eine nicht nnbedentende Quelle revolutionärer Energie. Besonders zeichnen sich in dieser Beziehung die Gouvernements Mvhilew, Minsk und Kvwno aus. In Mvhilew entsteht ein Komitee, in Orscha, Schklow, Pinsk, Bobrnisk, Schaulen, Ponewesch und anderen bilden sich Organisationen. In Poren geht die Bewegung von Warschau und Lodz auf die „Provinz" über,' es entstehen Organisationen des Bundes in Sjedlez, Plozk; die Warschauer und Lodzer Komitees dienen als Zentren, deren Wirksamkeit sich auf Städtchen wie Pabjanitza, Sgersch, Bjala und andere ansdehnt. Im Gouvernement Suwalki geht die Bewegung über die Grenzen der Bürstenproduktion hinaus und ergreift auch die Arbeiter anderer Gewerbe; es bilden sich Organisationen in Suwalki nnd Mariampol. Andererseits durchzieht die vom Bunde geleitete jüdische Arbeiterbewegung in breiter Zone auch den Südwesten Rußlands: es entstehen Komitees des Bundes in Schitomir und Berditschew, eine Organisation in Odessa, Gruppen und Vereine, welche in Kiew und im Gouvernement Kiew, in den Gouvernements Tschernigow, Wolhynien, Podolien und in den Gouvernements Tschernigow, Wolhynien, Podolien und Pvltawa sich bilden, schließen sich dem Bunde an. Die Tätigteit des Bundes breitet sich auch über Livland und Kurland aus nnd konzentriert sich in Riga, Libau und Mitau. Die Entfaltung der Tätigkeit in diesem Gebiet wird ungemein durch den Umstand behindert, daß sich dieses außerhalb des Ansiedlungsgebietes für Inden befindet und den organisierten jüdischen Arbeitern fortwährend die Gefahr droht, ansgewiesen zu werden. Mach Schluß des Stalles. U * itttt h u r g, J&j Iny Hrr MWAer des Irriurrr ». rvrrrdr auf der Fahrt zum Warschauer Kahnhof durch eine Sprengbombe getötet. Eine Jüdin als Freundin Goethes. Im Reigen der Goeihe'fchen Weiblichkeit ist diese Marianne eine ganz neue Erscheinung für weitere Leserkreise. Sie wohnte in Wien, sie war unter allen, die ihn mit Nachrichten bedienten, die emsigste Feder, sie stand an der Spitze jener diplomatischen Vertretung, von der wir oben gesprochen, Marianne war Goethes Botschafterin in Wien. Sic verkehrte.in den vornehmsten Kreisen, und zwar aus dem vertrautesten Fuße. Sie spricht von ihren guten Freunden und gemeint ist immer hin Prinz oder Fürst; sie spricht von ihrem Paulinchen undgemeint ist eine Prinzessin von Hohenlohe-Schillingsfiirst. Obwohl vosi Haus cmS eure Bürgerliche, wird sic in der Gesellschaft für voll genommen,, darüber ist kein Zweyel und man hält etwas auf ihre gute Meinung. Der alte Fürst de Ligne, der Veteran der welschen Galanteriepoeten, preist den großen Goethe, den er Alexandrinern unk sonstigem polierten Versmaß überschüttet, ganz besonders als „ami de Marianne". '.Ihr Freund sein, das sei ein Beweis von Herzensgute, ein Patent auf Liebenswürdigkeit,chas gelte ihm gleich einem Rechts¬ und einem Ehrentitel. Goethe weiß, daß er sich an die richtige Adresse wendet, wenn er die Fretlbdinchittet. ihm zu schildern, «was in der großen Welt inlvendig vorgehr"; dem Auslvendigen war jede andere Feder gewachsen. Die zlvei Steine, dje ihr, einer größer als der andere, diese „große Welt" versperrten, scheint sie leichthin mit den Fußspitzen wegge stoße» zn haben. Sie tvar nicht bloß eine Bürgerliche, sie war airch eine Jüdin, eine/geborene Meyer, Tochter eines reichen Berliner Kaufmannes. Die Nachrichten über ihren wunderlich beivegten Lebensgang fließen leider recht spärlich. ' Sowohl Sauer als Ludwig feiger, der Bruchstücke ihrer Briefe schon im Goethe-Jährbuche veröffentlicht-hat, vermag nicht einmal ihr Geburtsjahr anzugeben, was für den Leser und die Arbeit seiner Phantasie ein^Mlpfindliche Lücke bedeutet, Im Jahre 1808 behauptet sie, nun sei sie alt geworden, ohne klug geworden zu sein. Mit ihrem Alter' aber kokettiert eine Frau nur, so lange sie noch ziemlich jung ist. Zwei Jahre später, 1810, findet sie (tzoethe „umringt von Verehrern", die sie dafür auf den Händen tragen, Sie war vielleicht um diese Zeit 35 Jahr« als und diese Wahrscheinlichkeitsrechnung dürfte mit allen ihren Lebenslagenstimmen. Als Goethe sie zum erstenmal in Karlsbad sah, wäre sie dann als blendende Schönheit von zwanzig Jahren vor.! seinem Kennerange gestanden. "->; In Berlin wirkte diese Schönheit unter den Männerherzen wie ein.Brander unter hölzerüen Schissern. Wohin ein Funken flog, gab es eine Feuersbrunsä Am gefährlichsten wurde der Zündstoff den Diplomaten. Graf Getzler, der sächsische Gesandte, war: sterblich in sie verliebtder junge Gmf Bernstoiefft ein Däne, wollte sie sthlechjerdingd' ' 'wo er den Widdrstaird seiner Familie endlich besiegte, heiratete "sie einen anderen, den Fürsten Heinrich den Vierzehnte« von Reuß» einen häßlichen alten Mann. der. geistig nicht unbedeutend, fett 1788 als österreichischer Gesandter in Berlin lebte. Die Ehe soll ein« heimliche gewesen sein. Marianne tvohnte nicht im Haufe deS Gesandten, wurde jedoch überall als dessen rechtmäßige Güttin betrachtet. Galant bis zum Heroismus, tat ihr der alte Fürst schon 1799 den Gefallen, zu sterben. Sie war nun wieder frei und wollt« es bleiben. In diesem Jahre schreibt einer ihrer Bewunderer, ihre Augen seien „die schönsten, die jemals mn Himmel oder auf der Erde geleuchtet haben". Sie ließ die beiden Sterne fortan in Wien leuchten, wo sie pensionsbevechtigt war. Auch Sterne haben ihre irdischen Bedürfnisse. Nach einem UeÜeveinkommen mit der Familie ihres verstorbenen Mannes nahm sie den Namerr eines reußischen Rtttersitzes an und hieß fortan Marianne v. Eybenberg. Natürlich stellten sich die Verehrer auch in Wien zahlreich genug ein rrnd Feuersbrünste gab es ari der Donau wie an der Spree. Das Gerücht will sie einmal mit Gentz verheiraten (1803), sie schreibt jedoch sofort an Goethe, an der Sache sei gar nichts. Gentz besuche sie zwar fast täglich, aber „ich gefalle ihm nicht einmal, es fällt ihm gar nicht ein, daß ich ein Weib bin". Anderen dürfte dies umso öfter eingefallen sein. In seinem Tagebuchs spricht Gentz von einem „Engagement", das sie um diese Zeit mit Montjoie (Gmf Frohberg) gehabt habe. Er selbst begnügte sich damals mit einem Hintertreppenroman, indem er der Gesellschafterin der Frau von Eybenberg, einer sehr putzigen MNe. Rose, seine verliebte Aufmerksamkeit zuwendete. Welchem engeren Lebenskreise Marianne angehörte, ist also klar. Obwohl früh zum Christentum übergetreten, muß sie mitgerechnet werden, wenn man von jenen schönen und geiswollen jüdischen Frauen spricht, die vor etwa hundert Jahren in der vornehmsten- Wiener Gesellschaft eine führende Stellung einnahmen. Es war beinahe selbstberständlich, daß sich die Baronin Eybenberg mit der Baronin Arnstein und der Baronin E s k e l e S eng befreundete. Sie waren ja auch durch Landsmannschaft an einander'gebunden. Denn seltsamertveise tvaren diese schönen Wiener Jüdiinien lauter Berlinerinnen, welche die Freude an einer edleren, geistig regsameren Geselligkeit aus ihrer Vaterstadt nach Wien mitbrachten. Die A rn st e i n und die E s k e l e s waren Schwestern, sie hießen mit ihren Mächdennarnen Franziska und Cäeilic Jhig. Man denkt immer gleich an den Wiener Kongreß, wenn man ihren Namen hört, an die festlichen Tage, wo in ihrem Hause Tallehrand, Wellington, Hardenberg, alle großen Staatsmänner Europas glänzende Gastfreundschaft genossen. Damals waren jedoch die beiden Damen schon ziemlich bejahrt. Ihr Einfluß auf die Wiener Gesellschaft reicht viel tveiter zurück, noch in die Zeit Leopolds des Zweiten und Josefs des Zweiten, von welch letzterem erzählt wird, daß ihm die schöne Franziska v. Arnstein, die geistig und leiblich bedeutendere von beit beiden Schwestern, nicht ganz gleichgiltig blieb. Ein Minnehof von ariswkvatischen Bewunderern scharte sich damals schon um die zwei Damen. Jüdin, was verschlug es! Brauchten Geist und Schönheit ein Glaubensbekenntnis anzumelden? So wurden allerwärts die Altäre aufgerichtet und brünstige Gebete stiegen auf zu diesen alttestamentlichen Madonnen. Es kam auch zu dramatischen Zwischenfällen, deren einer jene aus Feudälgrafcn und Finanzbaronen so wunderlich gemischte Gesellschaft in bebende Aufregung versetzt haben muß. Um der schönen Fanni willen schlug sich ein junger Fürst Liechtenstein mit dem Domherrn (!) Baron Weichs und verlor sein Leben in dem Zweikampf. Im der historischen Entfernung stellt sich der Vorfall noch seltsmner dar. Biele, werden heute kaum begreifen können, daß es in Wien eine Zeit gab, wo die vornehmsten Kavaliere wegender Tochter des Juden Jtzig sich die- Hälse brachen. Ueberdies schlugen sie sich pour le roi de Prusse, denn Fanni blieb einfach die Frau ihres Mannes und dachte nicht daran, irgend einem dieser Ritter auch nur ein Blünrchen zu reichen. Was die Herren zu den schönen Frauen hinzog, war selbstverständlich zunächst die Schönheit, aber gewiß nicht sie allein. Wir habere immer gedacht, daß die jüdische A b st a m m u n g geradezu mitgeholfen hat, daß sie den Reiz dieser Schönheit eher vermehrte als verminderte. Sie wob um diese schwarzäugigen Salonbeherrscherinnen einen eigentümlichen ftemdartigen Zauber, der ja in der Literatur bereits seinen Ausdruck gefunden hatte. Lessings Nathan wurde in Wien lvenigstens gelesen, wenn auch noch nicht gespielt und wo eine Recha auftauchte, war auch schon der Tempelherr da, der sich in sie verliebte. Daß man nebenher die Juden verlästerte, hinderte nicht, daß man die schönen Jüdinneil vergötterte: Ob auch Goethe seiner Marianne gegenüber den Prickel dieser exotischen Ronrantik an sich verspürte, läßt, sich weder behaupten, noch verneinen. Möglich ist es jedenfalls. Mehr noch als seine Briefe lassen feixte flüchtigen Tagebuchnotizen aus einen hohen Grad von Vertraulichkeit schließen. Wenn er in Lkarlsbad mit ihr zusarnmentrifft, kommt er ihr nicht von der Falte und notiert in einem fort: „Abends bei Fraxx v. E." Fast täglich speist er bei ihr, täglich besucht auch sie ihn, täglich fährt er mit ihr spazieren. Ein förmliches Zusanxmenleben, wie es in einem Badeorte sich leichter ftrge>x inochte, als mrdersivo mxd aus dein matt noch nicht das Aeußerste zu schließerl braucht. Wir wollen nicht vergessen, daß sich der Dichter in feinem „Tagebuch", diesem Hochgesang der deutscheii Erotik, seiner ehelichen Tteue berühmt und dies in einer' Sit'ugtion,..wo dieses Selbstzeugllis Glauben verdient. Andererseits hielt er nach seiltem eigenen Ausspruch „eine kleine Liebschaft" für den besten Kurbehelf und pries sich glücklich, daß es ihm fast bei jeder Badereise gelang, „irgend eine kleine- Wahlveptvandtschaft" zll finden. Seit seiller Flucht nach Italien ivar er ein, lveltwetser Mann geworden, der seiner Leidenschaft Herr blieb und selbst die Stürme seiner Seele lui« die Temperatur eines wannen Bades zu regeln verstand. Sie versieht ihn mit jüdischen Anekdote»!, die in Weimar sofort von TM zu , Tisch tvandern. Sie besorgt ihm Unkäufe W das Weimarer Theater, Einmal, tp-ill er ihr eilt« Partt« abkaufen uild es ist nicht ohne Pikante.rie, wie der Dichtep/als echter Sammler und als guter Kmlfmann, der er!vap, sich den möglichst günstigen Preis .sichert. Er verlangt ein Stück hM Kauf, er gehabt sich bei dem Halwel beinahe jüdischer als die Jüdin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.