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Jüdisches Volksblatt · 1904-07-08 · 28 (8.7.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
28 (8.7.1904)
Date
1904-07-08
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 8. Juli 1904 Nr. 28 stimmungen jüdisch-gemeinnützigen Zwecken vermacht. DaS aus Staatspapicren und Anteilscheinen der großen Teegesellschaft K. Wissvtzki u. Co. bestehende Kapital soll in Beträgen von je 20.000 Rubel jährlich realisiert werden. Alle fünf Jahre tritt daS Kuratorium zusammen, um über die Verwendung der inzwischen realisierten 100.000 Rubel zu beschließen. Zu Kuratoren wurden testamentarisch bestellt der Schriftsteller Ascher Ginzburg (Achad Hoorn), der Moskauer Krönrabbiner Dr. M a s e und der ehemalige Direktor der Moskauer Internationalen Bank, Herr S ch m e l k e s. Bestattung jüdischer Kriegsgefallener. „Wiln. Wjckstnik" bringt die Mitteilung, daß mehrere jüdische Gemenrden um die Erlaubnis angesucht haben, eine Abordnung jüdischer Männer auf den Kriegsschauplatz entsenden zu dürfen, deren Aufgabe es wäre, die im Kriege gefallenen jüdischen Soldaten n ach jüdischem Ritus zu bestatten. Ein jüdischer Marquis befindet sich am Hofe des Mikado. Am Hofe des japanischen Kaisers ist ein österreichischer Arzt, Doktor Emil Rothmann, zum Leibarzt des Kronprinzen Joschibito aufgerückt und wegen seiner Verdienste um die Gesundheit des .Kronprinzen und der Prinzessin zum Marquis ernannt worden. Dr. Rothmann, der aus Wien stammt und im Alter von zweiundsiinfzig Jahren steht, erfreut sich eines großen Ansehens beim Mikado, der ihm zu Ehren für die Errettung einer Prinzessin aus lebensgefährlicher Krjankheit eine Plantcme pflegen ließ, deren Stamm auf silberner Platte den Namen Dr. Rothmanns trägt. Es ist'dies eine Ehrung, die nur den verdientesten Männern zuteil wird. Das Fest der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung in Paris. Aus Paris wird vom 4. ds. berichtet: Heute fand, wie alljährlich, das Festessen der hiesigen amerikanischen Handelskammer zur Feier der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten statt. Im Saale des Palais d'Orsay waren nebst den Mitgliedern der amerikanischen Kolonie zahlreiche französische Notabilitäten, darunter! Handejtsminister, Trouillot, Generalissimus Brugere, Bankgouverneur Pallain von der „Banque de France", der hier auf Urlaub befindliche, in Washington akkreditierte französische. Gesandte Jussercutd, Professor Anatole Leroy-Beaulieu und niedere erschienen. Unter den zahlreichen Reden, welche den Ruhm der großen transatlantischen Republik und ihre herzlichen Beziehungen zur französischen Schwesterrepublik feierten, zeichneten sich diejenigen des Handelsministers Trouillot und des Herrn William Seligman, des Nestors der amerikanischen Bankwelt in Paris, besonders aus. Herr Seligman, der mit 82 Jahren noch genügend Kraft und Gedächtnis besitzt, frei zu sprechen, erregte wieder großen Beifall, als er in warmen Worten die Aufgabe der Vereinigten Staaten proklamierte, sich der Rechte der Unterdrückten in jenen Ländern anzunehmen, wo Despotismus willkürlich eine gewisse Bürgerklasse wegen ihrer Religion von polittschen Rechten nuSichließt. Er schloß init den schönen Worten: „Möchte das Band internationaler Brüderlichkeit die Erde umgeben nicht wie ein Meridian, i ndc'.n wie eine Atmosphäre!" Ein invanisches Kriegsgedicht. Baronin Babo-Vivenot aus Tokio die nachstehende Uebersetzung eines japanischen jkriegsgedichtes, das einen Schüler der Handelsakademie in Tokio zum Verfasser hat und das, in japanischen Blättern veröffentlicht, in Japan großes Aufsehen erregte. Das Gedicht lautet: Zu den Waffen! Auf Liaotungs schneebedecktem; Strande Hört ihr die Geisterstimme nicht? , Von denen, die gefallen sind auf diesem Sande ■ In heißem Kampf, und die da spricht In dunkler Nacht, während wie Donnerrollen Am Meere draußen die Geschütze grollen: „Nicht eine Spur mehr blieb Auf Chosens furchtbaren Gefilden, Von dem hier ausgefochrenen gerechten Krieg." Und drohend sich Gewitterwolken bilden Am Himmel dort, wo sich die Sonne senkt Hinter Chopakus steilem Felsengrat. Zu welchem Schicksal wird das Volk gelentt, Das hier sein Recht vertritt mit. mut'ger Tat? Bei der Kosaken wildem Kampfgeschrei Des Ostens altes Königshaus erbebt, Zitternd, daß Unterjochung droht der Länderei. Sagt, wenn die Lieb' erlischt, die in uns lebt, Und die Confucius uns durch Wort und Schrift, Die uns gemeinsam sind, gelehrt. Sagt, welches Schicksal dann das Volk wohl trifft. Das, unterdrückt, der Freiheit Recht entbehrt? D'rum, mutig Brüder gegen den angestammten Feind, Hier gilt's Millionen Menschen doch zu retten. Schließt euch zusammen und vereint Befreit das Land aus Sklavenketten. Des breiten Amurs blutgefärbte Wellen, Die 5000 Opfer führten einst zum Meere hin, Die in den Fluß getrieben rohe Mordgesellen, Sie fordern Rache; doch nicht genug es schien, Und Kischenew reiht würdig sich zu diesen Schreckenstngen, Verbrecher sind sie, die ihrer Fahne Ehre so entweiht, Und der Geschichte schmachvoll ist es, einzntragen Den Bericht der Bluttat, die znm Himmel schreit. Du sprichst vom Frieden? Hältst du so das Wort, Das du gegeben und willst nun verschlingen, sag', Mandschurien und den ganzen Nord'? Nein. Dort, wo der junge Tag Zuerst der Sonne Licht erblickt. Da liegr ein Jnselreich, Fuso genannt, Das nun zum Kampf das Schwert gezückt, Und seine tapferen Scharen als Rächer hat entsandt. Dereinst wenn wieder heiliger Frieden Sein Helles Licht ansstrent auf unfern Strand, Wenn des klugen Gottes Merkurstab hienieden Wieder das Szepter führt in unserem Land, Dann streben wir der Heimat Ruhm zu mehren, Doch jetzt, wenn Waffen blitzen und zum Krieg Die Unseren zogen, wollen wir Mars verehren. Geht hin, ihr Brüder, geht zum Sieg! Zur Erklärung des vorstehenden Gedichtes mögen nachstehende Erläuterungen beitragen. Chosen ist der japanische Raine für Korea. Unter dem «gerechten Krieg" meint der Autor den Krieg zwischen Japan und China 1 «04/05, m dein die Japaner Port-Arthur eroberten, es aber auf Wunsch von Rußland, Frankreich und Deutschland wieder aufgeben mußten. Chopaku ist der sich durch Korea ziehende Gebirgszug. Mit de«« Worten „des Amurs blutgefärbte Wellen" >vird auf das Massacre von Blagowestschensk hinyewiesen. Fuso ist der poetische Name für Japan, und der Merkurstab, das Emblem des Handels, ist auch das Abzeichen der Handelsakademie in Tokio. - Die Seeschlachten im russisch-japanischen Kriege, welche allen Problemen der Schiffsbautechnik eine besondere Mtualität verleihen, haben unter anderem die Aufmerksamkeit amerikanischer Fachmänner auf Transportschiffe gelentt und die Untersuchung der Arche Noahs vom Standpunkt der modernen Schiffsbaukunst veranlaßt. The American Shipping schreibt: „Viele Schiffsbaumeister sind zu der Ueberzeuguug gekommen, daß die Arche, wie sie die biblische Ueberlieferung schildert, den Typus eines ausgezeichneten. Seeschiffes und eines zuverlässigen Transportträgers repräsenttert. In den letzten zehn Jahren hat man sich sogar beim Bau von amerikanischen Ozean- und Binnensee-Dampfern dem Typus der Arche sehr eng angeschlossen. Nach der Bibel war die Arche 480 Fuß lang, 60 Filh breit und 48 Fuß tief; ihr Raumgehalt! betrug 11 413 Tons (ein Ton gleich 1016 Kilogramm). Bei diesen Raunwerhältnissen konnte sie allerdings Paare der verschiedensten Tierarten — 244 nach Buffons Klassifizierung — außer den 1000 Personen und einen reichlichen Lebensmittel-Vorrat tragen. Im 17. Jahrhundert baute Peter Jansen, ein Holländer, ein Fahrzeug von genau den Größcnverhältnissen der Arche, das sich für seine Besitzer als sehr einträglich erwies. Heute sind Schiffe von über 10 000 Tons keine Seltenheit mehr; die Hamburg-Amerika-Linie allein besitzt zehn solcher „Archen", von denen die älteste allerdings erst im Jahre 1896 gebaut wurde. In einer Beziehung hält die Arche heute noch den Rekord: kein Fahrzeug kommt ihr in der Breite gleich. Ihr Zweck war also offenbar sicheres Schwimmen, nicht Schnell-Schwimmen. Selbst das jüngste und größte Riesenkind der Welthandelsflotte, der englische Dampfer «Baltic", hat noch fünf Fuß weniger in der Breite als das Schiff Noahs. Der Schnelldampfer „Deutschland", der die Arche mit 16500 Tons im Raümgehalt ein gut! Teil übertrifft, ist zwar 663 Fuß lang, doch nur 67 Fuß breit. Seine Tiefe kommt mit 44 Fuß dem Noah-Schiff schon eher nahe. Der Schnelldampfer „Deutschland" ist, absolut genommen, das breiteste Schiff der Hamburg-Amerika-Linie, im Verhältnis zu seinen übrigen Abmessungen, aber eines der schlanksten. Aber auch die im Verhältnis ihrer Teile breiteren Niesenschiffe der Gesellschaft, die Dampfer der P.-Klasse sind äußerst schlank gegen die Arche des biblischen Patriarchen. So kommen beispielsweise auf den Dampfer „Pennsylvania" 660 Fuß in der Länge, 41 Fuß in der Tiefe und nur 62 Fuß in der Breite". Sammlung von Palästina - Literatur. Die „Chowewe Zion" in Odessa beschlossen, eine Bibliothek anzulegen, in welcher sämtliche literarischen Erscheinungen über Palästina vertreten sein sollen. Mit den Vorarbeiten wurde A. Drujanow betraut, der auch zum Bibliothekar gewählt wurde. Die Palästina-Handelsgesellschaft. Nach vielmonatlicher Prüfung und Vorbereitung ist in Hamburg ein weitausschauendes, gvotzangelegtes Unternehmen zur Tatsache geworden, dessen eminente Bedeutung für die jüdischen Kolonien Palästinas und für die agrikulturelle, wie industrielle Entwicklung des heiligen Landes überhaupt nicht dargelegt zu werden braucht. Aus Anregung des Herrn Wilh. Groß aus Jaffa, der seit einer Reihe von Monaten zur Propagierung dieser Idee in Hamburg weilt, ist die Begründung einer „Palästina-Handelsgesellschaff m. b. H." erfolgt, welche ihre Tätigkeit natürlich jjmf .• den Vertrieb der Produkte jüdischen Acker- und Gewerbefleißes beschränken wird, aber in erster Reihe zu diesem Zwecke ins Leben gerufen wurde und nach Lage der Verhältnisse auch vorwiegend unseren Glaubensgenossen zugute kommen wird, lieber die merkantile Wichtigkeit des bedeutsamen Unternehmens äußert sich die „Neue Hamburgische Börsenhalle" unter der Ueberschrift „Deutsch-palästinensischer Handel" in ihrer Nummer vom 29. Juni wie folgt: „Mit der hier erfolgten Gründung der Palästina-Handelsgesellschaft m. b. H. in Hamburg vollzieht sich ein bedeutsamer Schritt zu einer engeren Gestaltung der wirtschaftlichen Beziehungen ztvischen Deutschland und Palästina sowie den Nachbarländern, vor allem der Levante, nachdem bereits die regelmäßige Hamburger Schiffahrtsverbindung einen bequemen, billigen und verläßlichen Weg für den Warenaustausch geschaffen hat. Nur langsam konnte an die Verwirklichung des längst ventilierten Planes herangetreten werden, durch ein besonderes Unternehmen die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Palästina in festere Bahnen zu lenken, nachdem nämlich die Kolonisation von Palästina hinreichende Fortschritte erzielt hatte, um dem europäischen Konsumenten die Gewähr dafür zu bieten, daß ihm jederzeit größere Quantitäten und gleichartige Produkte, je nach Bedarf, zur Verfügung stehen werden. Mancherlei Faktoren haben dazu beigetragen, um die Besiedlung von Palästina sicher zu stellen; wie hart aber auch die Arbeit gewesen ist und welche Mißerfolge auch durchkostet werden mußten, heute hat sich dort der Anbau von Getreide, Oelpalmen, Wein, Tabak, die Schafzucht usiv. derart entwickelt und weisen vor allem auch die Verkehrsivege — dank der jetzt liberalen Auffassung der Mrkischen Regierung — derartige Fortschritte auf, daß mit reichlichen Erträgen der Landwirtschaft und regelmäßiger Zufuhr zu den Hafenplätzen gerechnet werden kann. Die Berichte unserer in dieser Hinsicht eher pessimistisch, als optimistisch veranlagten Konsuln bestätigen den Aufschwung, der durch energische und stetige Arbeit, besonders seitens derjenigen, die' in der festen Absicht, Palästina als ihre neue Heimat zu betrachten, ins Land gekommen sind, erreicht worden ist und der nunmehr auch dem Handel nicht unerhebliche Chancen bietet. Die Gestaltung der Ausfuhr über die palästinensischen Häfen redet eine deutliche Sprache. Es erscheint nunmehr an der Zeit, das; der deutsche Handel, der bisher keineswegs die erste Stelle cm der Ausfuhr ans Palästina eingenommen hat, sich in erhöhtem Maße die hier gewonnenen Resultate zunutze macht, zumal, da schon ohnedies in ganz Kleinasien der deutsche Name den besten Klang hat unb die Schar der wenig organisierten Händler, besonders aber die Kolonisten am liebsten mit deutschen Kaufteuten Geschäftsabschlüsse betätigen. Hamburg erschien kn erster Reihe berechtigt, sich in den Dienst einer weiteren Hebung des deutschen Einflusses in Palästina zu stellen, da schon bisher einige hiesige Firmen den Erzeugnisse»; des Landes wachsenden Absatz besorgt und vor allem das dank ihrer Güte berechtigte Renommee geschaffen haben. Unterstützt wird eine solche Ausbreitung des Handelsverkehres durch die zwar nicht unbegrenzten, aber doch nicht unbeträchtlichen Möglichkeiten, die die Hamburger Schiffahrt' auch einem fernen, in der Entwicklung begriffenen, vorzugsweise land wirtschaftlichen Gebiet zu gewähren vermag, und zwar haben wir hierbei in erster Reihe au die Deutsche Levante-Linie zu deuten, die ja auch ihre bisherigen Erfolge förmlich einem spröden Boden hat abringen müssen, dabei aber den deutschen Import und Export außerordentlich gekräftigt und die in allen Häfen, in denen ihre Flagge weht, das Vertrauen zur deutschen Arbeit in erfreulichster Weise gehoben hat. Diese Stärkung des deutschen Einflusses, die gerade in den Vertehrsbeziehungen mit den unter türkischer Hoheit stehenden Ländern von Jahr zu Jahr kräftigere Fortschritte gemacht hat, glauben ivir, bei der Beurteilung des. nun in Hamburg gewagten Schrittes hoch veranschlagen zu müssen. Die Greuel tunt Kischenew. Das Plaidoyer Winawers im Prozesse vor dem russischen Reichsgericht. Am 26. Mai hat das russische Reichsgericht (der „Dirigierende Senat") in öffentlicher Sitzung die vorjährigen Greuettaten von Kischenew behandelt. Es lagen dem Senat Zivilklagen gegen die damaligen Kischenewer Verwaltungsbeamten vor, in denen diese der Fahrlässigkeit im Amte beschuldigt und zum Schadenersätze verhalten wurden. Den bedeutsamsten Teil der Verhandlung bildete das Plaidoyer Winawers, der seinerzeit an dem hinter verschlossenen Türen geführten Prozeß in Kischenew kräfttg mitgewirkt hat. Die Angeklagten, nämlich der damalige Gouverneur von Bessarabien, Generalleutnant von R a a b e n, der damalige Vizegouverneur U-strugow, der damalige Polizeipräsident C Hansen ko w, der Polizeikommissär Lutzinski und dessen Adjunkt M a k e d o n waren zur Verhandlung nicht erschienen, sondern hatten schriftliche Erklärungen eingeveicht. General von Raaben behauptet in seiner Schrift, er hätte seine volle Schuldigfeit getan, gibt aber zu, daß er während der kritischen Tage seine Wohnung nicht verlassen habe. Der Vizegouverneur berief sich darauf, daß er bei Anwesenheit des Gouverneurs keine Initiative haben konnte. Ebenso wälzen die übrigen Angeklagten die Schuld auf den Gouverneur, da sie ihm nur zu gehorchen hätten. Frisches Menschenblut. W i n a w e r schildert die Vorfälle folgendermaßen: Am 6. und 7. April 1903 ist in Kischenew etwas Wäldes geschehen : alle Grundlagen des sozialen Lebens sind zusammengestürzt.. Auf den S t v a ß e.n d a m p f t c . f r i s che> s Menschen-; b lut; menschliche Schädel wurden eingeschlagen, Augen ausgestochen; Frauen auf offener Straße vergewaltigt. Und derjenige, der die oberste Macht in Händen hatte, machte nicht den mindesten Versuch, dem wütenden Gesindel entgegen zutreten und ihm zu gebieten: „Hände weg. Dieses Gut ist mir anvertraut und ich werde es beschützen. Nicht das Erwachen des Tieres im Menschen ist das Schrecklichste an diesem Schrecken, sondern bei& kein Wärter da war, der es zähmen sollte. Einer der Angeklagten behauptet in seiner Verteidigungsschrift, man habe es mit einem „sehr komplizierten" Fall zu tun gehabt. Mer was ist denn Kompliziertes daran und was ist einfacher als das? Wenn ich einen Mörder sehe, der zu einem Hiebe auf meinen Bruder ausholt, so suche ich, ihm das Messer aus der Hand zu schlagen, ohne zu fragen, ob ich dazu verpflichtet bin; völlig genug ist es für mich, wenn ich das Recht dazu habe. Was aber jedem gegenüber so ohneweiters klar ist, das wurde „sehr kompliziert", als es sich um Juden handelte; als Juden gemordet wurden, dachte eben niemand daran, daß vor allen Dingen die. Juden nicht gemordet werden sollten. Auch der erste Vertreter der Negierung ist auf diesen Einfall nichr gekommen; er ersann eine große Menge Maßregeln, überlegte und dachte nach, aber daß die Juden nicht gemordet werden sollten, war ihm zu „kompliziert". Drei Viertel von seiner Verteidigungsschrift an den Senat füllt Herr v. Raaben mit der Schilderung aller Maßregeln, die er an jenen Tagen der Krawalle zu bewältigen hatte. Mit großem Kraftaufwands organisierte er die Verteidigung der Bankinstitute, die von niemand bedroht wurden und erklärt jetzt noch, daß er es für seine Schuldigkeit hielt, „das Wichtigste" zu bewachen. Viel Mühe kostete ihn ferner die Besorgung von Zellen für die wenigen verhafteten Mordbuben, damit sie nicht etwa irgendwo auf dem Hofe unter freiem Himmel warten müßten. Er ging sogar so weit, für sie telephonisch Brot zu bestellen, denn sie sind ja auch Menschen und sollten nicht hungern. Er hätte eigentlich noch mehr der schönen Handlungen ausfindig machen können, da alle in der TatI in sein Ressort hineingehörten und genügend Arbeit verschaffen könnten, während vor seinem Hause die Leute in Blutlachen ertranken. Der Gouverneur am Telephon. Ich will aber diese Tätigkeit v- Raabens verlassen. Ich glaube kaum, daß irgend ein Gericht diesen Teil seiner Verteidigungsschrift ohne Abscheu gelesen, geschweige Senn als wirkliche Entlastung hinnehmen wird. Ich gehe darüber hinweg zum kleineren Teile der Schrift, welche die Maßregeln zur Unterdrückung der Meuterei schildet. Herr von Raaben schildert die beiden Tage getrennt, aber beiden Teilen ist eines gemein: weder am ersten noch am zweiten Tage hat er sein Zimmer verlassen, den ersten wie den zweiten Tag hat er am Telephon zugebracht. Herr von Raaben überlegte: „Wenn ich auf die Straße hinausgehe, so dann ich doch in jedem Augenblicke mir an einer Stelle sein und es könnte gerade geschehen, daß ich mich an einer weniger wichtigen aufhalte, während all einer andere»; was Wichtiges vor sich geht. Es wird also am vernünftigsteil sein, Iveun ich in meinem Zimmer bleibe und harre der Dinge, die mir telephonisch gemeldet werden." So blieb er da am Telephon. Er übersah mir die Kleinigkeit, daß in derartig wichtigen Augenblicken seine Hauptkraft in dem unmittelbaren persönlichen Zugreifeil besteht: seine Blicke, seine Auffassung, seine Stimme, das sind die Hebel, welche ihm zu Gebote stehen, mn die schwere Last zu bewältigen. Deswegen ist muh sein Sitz dort au Ort und Stelle. Wozu sollte denn sonst der Gouverneur in Kischenew sitzen? Warum sollte nicht lieber ein zentrales Telephon in Petersburg sein, welches mit dem ganzen weiten Rußland Varbindnng hätte und überallhin die Weisungen des Leiters hinaustrüge? Man würde dann nirgjends einen Gouverneur braucheil. Aber Herr v. Raabel» saß am Telephon und wartete, was Augenzeugen ihm über den Znsammensturz des ihm anvertrauten Gebäudes berichten werden. Er nahm wohl an, daß die Mordbuben au jeder Straßenecke und vor jedem Hause erst ein Telephon anlegen werden und keiner von ihnen einen Schlag ausüben wird, bevor er davon den am Telephon in seinem Arbeitszimlner sitzenden Gouverneur verständigt. Ilm 5 Uhr nachmittags wurde ihm gemeldet, das; die Krawalle begonnen haben. Er ließ sofort anspannen unb bestellte eine Schwadron Kavallerie und eine Kolonne Infanterie. Der Wage»» fährt vor, das Militär kommt an. Herr v. Raabei» ruft den Polizeipräsidenten m», er hört, daß dieser draußen ist »nid mm kommt jene klassische Ueberlegung. Das Hörrohr wird an bc|t' Haken gphängt uich her Gou ve',r nciut bleibt am Telephon sitze n. Draußen steht der Wagen, die Schwadron Kavallerie und die Kolonne Infanterie, drin sitzt Herr v. Raaben. Hub das ist alles, was der Gouverneur von Bessarabien am 6. April zl,r Beilegung der Krawalle getan hat. Schriftliche Befehle. Es wurde Nacht, es wurde Tug —■ der 7. April. Um 9 Uhr morgens, erzählt Herr v. Raaben, hörte er bei; Vortrag des Polizeipräsidenten, daß es in der Stadt ruhig sei. Warum er bis nm 9 Uhr und sogar bis um 10 Uhr, da er doch von niemand angerufen wurde, sich llicht mis seiner bescheidenen Ecke hmausgetrarlt hat, um ucichzuseheu, was gestern geschehen nub ob bpnu hellte wirklich alles ruhig war. ist nicht zu ersehen. Ebenso bleibt es unverständlich, tvieso Herr v. Raaben einen Vorfall vergessen konnte, der ihm eigentlich für ewigo Zeiten in: Gedächtnis bleiben müßte: u m 7 U h r früh st a n d vor i h nt eine tor A u g st zitternde Menge Juden und flehte um Schutz; er versprach ihn auch und — kehrte vom Empfangsin das Arbeitszimmer zurück. Es verstrich uoch eine Stunde. Um 10 Uhr

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