Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 28 (8.7.1904)
- Date
- 1904-07-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 28 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 8. Juli 1904 Seite 3 Die Juden und Nen-Oesterreich. Unter die wenigen weitblickenden Politiker des konstitutionellen Oesterreich, die für die Aufgaben und die Existenzbedingungen des Reiches das richtige Verständnis besaßen. zählt der »Weise von Zemmersdorf", unser Volksgenosse Dr. Adolf Fischhof. Mit bewundernswertem Scharfblicke sah er die Ursachen und Wirkungen des Rationalitätenhaders — speziell auch den Antisemitismus voraus und empfahl auch die rich- Ligen Mittel zur Konsolidierung Oesterreichs: Nationale VerständigungaufdemokratischerBasisund radikale Sozialreformen. Das im Jahre 1882 von Dr. Adolf Fischhof, Baron Robert Walterskirchen, Dr. Theodor Hertzka, Dr. Ferdinand Kronawetler und Dr. Karl Lueger proponierte Programm der geplanten österreichischen Volkspartei, welche alle modernösterreichisch und national-sozial Gesinnten der verschiedenen Volksstämme umfassen sollte, ist keineswegs durch die politische Entwicklung in den letzten 22 Jahren gegenstandslos geworden, sondern es ist heute mehr als je das einzige richtige und mögliche im Donaureiche. Alle übrigen chauvinistischen und irridentistischen Tendenzen, sowie sämtliche Parteibestrebungen, welche auf gegenseitige Vergewaltigung und Verhetzung der einzelnen Nationalitäten, Rassen, Konfessionen und Klassen gerichtet sind, haben in gleichem Maße die Monarchie wie die G es a m t bevölkerung, in ersterLinie aber die österreichischen Juden geschädigt. Bitter haben ganz besonders die Juden unseres Vaterlandes es gebüßt und büßen es noch immer, daß sie die Mahnungen und Warnungen Adolf Fischhofs nicht beherzigten, sondern Heeresfolge leisteten und vielfach noch immer leisten deutschen, tschechischen, polnischen, italienischen und magyarischenChauvinisten. Die Früchte dieser Politik ernten die Juden nun überall in der gesamten Monarchie unter allen Vslksstämmen. Ueberall regt sich der verschämte oder unverschämte Antisemitismus oder es äußert sich die Abneigung gegen die Juden als Asemitismus, besonders bei den sogenannten „ph i l o s e m iti s ch en" und „v e rjudeten" Parteien. In Wien vollzieht sich allmählich eine Annäherung der gemäßigten Liberalen an die Christlich-Sozialen, wie sie in Böhmen teilweise schon in Gablonz, Brüx und anderen Städten vor sich gegangen ist, wo.Juden z. B. nicht einmal mehr zu deutschen fortschrittlichen Festen geladen wurden. Typisch ist übrigens für den deutschen ..Liberalismus", der bei verschiedenen Wahlen in Deutsch-Böhmen wieder von den All d e u tsch en geschlagen wurde, ein Vorkommnis in Gablonz, über welches wir folgende Notiz im „G e b i r g s b o t e" in Gablonz lesen: „Liberale Antisemiten. Wir haben schon wiederholt gesagt, daß die Liberalen ganz mit Unrecht als verjudet hingestellt werden, da sie ebenso wie die Nation alen, wenn auch etwas verschämt, judenfeindlich gesonnen sind. Schon ihr Konservatismus bringt sie den national-zünftlerisch-antisemitischen Bestrebungen so nahe, daß kaum noch ein Unterschied zwischen ihnen und den Judenfressern reinster Sorte besteht. Und wenn noch einer ist, so ist er nur noch sehr äußerlich, wie bei uns in Gablonz. So ereignete sich z. B., daß bei der hiesigen Sparkasse, welche ganz und gar in fortschrittlichen Händen ist, ein Beamter gebraucht wurde, weswegen man hielt. Ja, es ist möglich und sogar wahrscheinlich, daß er ohne diese eifersüchtige Anwandlung des Armen gar nicht gedacht hätte. Aber, wie gesagt, es ist dies nur eine Vermutung und wir haben es hier mit der Tatsache zu tun, daß Heine in Versen und in Prosa Josef Dessauer verfolgte und niederhehte, nicht nur, weil er ihn» als ein eitler unangenehmer Mensch und unfähiger Mrsiker erschienen ist, sondern iveil er sich der Gunst der George Sand und noch dazu ohne Grund gerühmt haben soll. Selbstverständlich ist der. der sich genossener Frauengunst rühmt, ein verächtlicher und niedrigeitler Gesell und wenn die Tatsache überdies unwahr ist, geradezu ein Verleumder. Wegen dieser Beschuldigung, die Heine im Wiederabdruck der „Lutetia" 1866 von Neuem erhob und der Saphir bei Schilderung eines Besuches bei Heine ist Nr. 229 des „Humorist" die weiteste Verbreitung gab, strengte Dessauer gerichtliche Klage gegen Saphir an, der dann auch zu einer Woche Gefängnis verurteilt lvurde. Heines Bruder. Gustav, der Redakteur des Wiener Fremdenblattes, der wegen eines dort veröffentlichten Briefes des Dich-- ters gleichfalls angeklagt Ivar, wurde freigesprochen. Infolge dieses Prozesses hatte sich herausgestellt, daß Heines Beschuldigungen tatsächlich unbegründet lvaren, indem Graf Auersperg (Anastasius Grün), der Hauptzeuge Heines, den Dichter geradezu der Wortverdrehung beschuldigte. Bei einem Besuche, den er dem Verfasser der „Lutetia" gemacht, hatte Graf Auersperg nach der Art der Beziehungen Dessauers zu George Sand gefragt und aus dieser Frage wurde dann von Heine die Bestätigung des Gerüchtes, Dessauer habe sich der intimen Beziehung zu George Sand gerühmt, herausgearbeitet. Ebenso glänzend tvie das Zeugnis des Grafen Auersperg lvar für Dessauer das der George Sand, die schon so viele Liebhaber gehabt uub sicher in ihrer bekannten Wahrheitsliebe mich diesen nicht verleugnet haben würde. Sie schenkte nämlich Heines Beschuldigungen keinen Glauben, erhielt Dessauer ihre Freundschaft und blieb mit ihm in Briefwechsel bis an ihr Lebensende. Ja, noch mehr, obgleich Heine kein bequemer Gegner'ivar, schrieb sie dem verleumdeten Freunde einen liebenswürdigen Brief über den ein Inserat in die Zeitungen einrücken ließ. Nebst denn n g a r i sch en Nationalstaat zu sichern". Wie verschiedenen Forderungen, die in demselben an die Reflektanten gestellt wurden, wurde auch die Zugehörigkeit zur christlichen Konfession verlangt. Es ist ja möglich, daß die Sparkassenverwaltung den diesbezüglichen Inhalt des Inserates nicht beschlossen hat, aber nichtsdestoweniger kommt darin das innerste Wesen der fortschrittlichen Herren zum Ausdruck, die, um den Angriffen derNationalen zu entgehen, diesen all ihr Räuspern und Spucken nachzuäffen suchen. Was sagen aber die Herren Hebräer, wie der Herr Daniel Men dl dazu, der doch Direktionsmitglied der Kasse ist? Empfinden sie es als Schimpf oder Schmeichelei, oder sind sie an derartige kleine Entgleisungen ihrer deutschliberalen Brüder schon gewöhnt, also schon abgestumpft gegen solche Pöbeleien? Auf alle Fälle, ob es nun so oder so ist, das Inserat legt Zeugnis ab von der innerlichen Gefühls- und Wahlverwandtschaft, in der der hiesige Liberalismus zum nationalen Antisemitismus steht." Der Führer der den nationalen Antisemitismus hochhaltenden,Drutschen Volkspartei", Dr. Derschatta, hat sich ja übrigens auch mit Dr. Lueger vor kurzem auf dem Semmering verbrüdert, und so vollzieht sich über die Köpfe der Juden hinweg der Aufmarsch und die K o n z e n t r a t i o n der gegnerischen Armee. Daran ändert gar n i ch t s die Tatsache, daß bei Festen und in. Zeitungsartikeln man von Seite einzelner Juden sich an Dr. Lueger herandrängt und ihn anstrudelt. Damit schafft man die alten Fehler n i ch t mehr aus der Welt, sondern fügt nur neue hinzu, .keineswegs nützt man aber damit dem jüdischen Volke. Wir stehen gewiß nicht auf dem Standpunkte der Verewigung des Kampfes aller gegen alle in Oesterreich, wir wollen im gesamten Reiche, wie in der Stadt Wien die Hand zur Verständigung bieten, aber unter vollerWahrung unserer nationalenWürde als gleichberechtigtes jüdischesVolk unter den übrigen gleichberechtigten Völkern Oe st erreich?, nicht als Oesterreicher 2. oder 3. Klasse. Die Gleichberechtigung, die wir in nationaler, religiöser und sozialer Hinsicht für alle Bewohner Cis- und Transleithaniens begehren, fordern wir voll und ganz auch für uns Juden.überall in der gesamten Monarchie. Chauvinismus und Unduldsamkeit verwerfen wir bei uns Juden ebenso wie bei allen übrigen Völkern, mögen wir sie bei Deutschen, Slaven, Italienern oder — Magyaren finden. Speziell der magyarAche Chauvinismus wird täglich größer. Die magyarischen Chauvinisten aller Schattierungen konkurrieren miteinander in dem Bestreben, den Nachweis zu erbringen, daß es ihnen gelungen ist, ihre deutschen und slawischen Geistes- und Gesinnungsgenossen im Punkte nationalen Fanatismus zu übertrumpfen. Was der Exminister Baron B a n f f y sich bei seiner Jungfernrede im ungarischen Reichstage zu bieten erdreistet gegen Cisleithanien, gegen die ungarischen Nicht magyaren und speziell gegen Kroatien, das stellt sicy würdig den Leistungen der Schönerer, Wolf, Lem isch, Klo facz rc. zur Seite. Ganz trocken verkündete dieser „freiheitliche" Herr, „daß mit einer anderen Nationalitätenpolitik als er sie vertreten habe, es nicht möglich ist. den beschaffen nun „die Respektierung der Rechte der nichtmagyarischen Staatsbürger im weitesten Sinne ist", zeigt die Behandlung des rumänischen Abgeordneten Dr. Wlad in derselben Sitzung, dem von koffuthistischer Seite zugerufen wurde: „Walach, marsch hinaus!" Wohin diese Politik führt, werden schon die nächsten Wahlen für den ungarischen Reichstag beweisen, für welchen die nicht magyarischen Nationalitäten schon jetzt rüsten. Die ungarischen Juden aber könnten auder Leidensgeschichte ihrer cisleithanischen Brüder schon lernen, wohin die Handlangerdienste an den fremdnationalen Chauvinismus und Pseudo-Liberalismus führen. Zum Antisemitismus! Noch ist es Zeit zum Ernlenken, aber nicht mehr allzulange; denn immer intensiver wird die Gegenbewegung unter den nichtmagyarischen Nationalitäten gegen die Budapester Machthaber. Die Stimmung derselben illustriert deutlich eine Brochüre von Alexander P e t r o v i c, betitelt: Die magyarischen Sonderbestrebungen im Reiche der Habsburger. Der serbisch e-Autor schreibt: „Immerhin bleibt es fraglich, ob das Herrscherhaus in der Lage sein und bleiben wird, in einem Reiche, welches von nicht weniger als 12 national entwickelten, selbstbewußten Völkern bewohnt erscheint, deren nationale Bestrebungen mitunter auf das heikle Gebiet der auswärtigen Politik hinüber spielen, den magyarischen Sonderinteressen auch dann die ersehnte Beachtung zu schenken, wenn dieselben, wie das ja auch heute der Fall ist, mit den nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens bedingungen dieser Völker mehr oder minder in Widerspruch geraten." Die augenblicklichen Wirren in Oesterreich sind die Folgen desjenigen unnatürlichen, gekünstelten politischen Systems, welches durch denselben Dualismus begründet wurde, dem die Magyaren ihre jetzige Vorherrschaft in Ungarn verdanken. Dem gegenüber darf nicht vergessen werden, daß die eigentlichen Ursachen, welche im Jahre 1867 zur dualistischen Ausgestaltung der Monarchie geführt haben, heute nicht mehr vorhanden sind. Die geographische Lage, das gemeinsame wirtschaftliche Interesse, die Gestaltung der internationalen Beziehungen, die heilige Sache des europäischen Friedens, sie alle fordern gebieterisch den Fortbestand der Mo n a r ch i e der Habsburger, des großen Einheitsreiches im bunten Osten, des alten, sturmgewöhnten — Oesterreich. „Oesterreich bat feine Zukunft auf unserem Festlande, es war nicht, es w i r d erst das werden, was es sein soll und muß." delikaten Fall uttb stellte ihm die Verwendung und Veröffentlichung dieses Schreibens vollständig anheim. Der schon früher durch den Druck bekannt gewordene, jeden Zweifel beseitigende Brief der hochherzigen Frau lautet wie folgt: M e i n l i e b e r D e s s a u e r! Aus Rußland. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt".) Am 19. Juli,a. St. werden es vierzig Jahrs, daß der jetzige Oberbefehlshaber der russischen Kriegsmacht im fernen Osten, Generaladjutant Kuropatkin seine Studien in der Pawlower Universitätsakademie beendet hat. Die Anstalt beabsichtigt diesen Tag festlich zu begehen. An der Festlichkeit werden sich auch die gewesenen Zöglinge der Akademie beteiligen. Interessant ist der offizielle Bericht über die russische» Gefängnisse während des Jahres 1901. Demnach befanden sich während dieses Jahres in sämtlichen russischen Gefängnissen nicht weniger als 682.372 Häftlinge, d. h. ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung war in diesem Jahre zeitweise seiner Freiheit beraubt. Entsprungen sind aus den verschiedenen Gefängnissen 705 und während des Transportes auf den Steppen 1444. Von diesen entkamen 1546 über die Grenze. Die Auswanderung über Liebau nimmt ger r . Y r, . . . . xo r * s c, er. radezu erschreckliche Dimensionen an. Vorige Woche allein ver- Ich Hab- >»° flcolmrö «,1b imvic memaB 0^6»,®.e « diesem Haken «b-r Tausend jüdisch- 1.' iivnmh i'ftnrra ftrtTfrfu'S iifipv hie 9Wnr mumm: Örmöftribittui fite _ _ ...1 je irgend etwas Falsches über die Natur meiner Empfindung für Sie weder erzählt noch zu verstehen gegeben haben. Ich weiß, daß Sie ein rechtschaffener Mann, ein edles Herz uub ein treuer Freund sind. Chopin liebte und schätzte Sie. Durch ihn bin ich vom ersten Tage an in jenes geschwisterliche Verhältnis zu Ihnen getreten, habe Ihnen volles Vertrauen geschenkt und Ihr schönes Talent, Ihre ausgezeichnete Intelligenz und Ihren ehrenwerten Charakter von Tag zu Tag in immer höherem Grade geschätzt. Ist das ein Zeugnis in guter Form? Ich gebe es Ihnen in Eile, aber mit Freuden und bevollmächtige Sie, sich seiner von einem Ende der Welt bis zum ander»! zu bedienen, sollte mich dies auch mit meinem alten Freunde Heinrich Heine entzweien und mir die bedauerlichen Ausfälle zuziehen, die diese leidende, aber eines besseren Endes dennoch würdige Seele ausznhanchen pflegt. Kommen Sie bald nach Paris, und zwar, wenn ich dort bin, denn ich gehe selten nach der Hauptstadt und bleibe nicht lange daselbst. Wenn ich aber nicht dort sein sollte, so besuchen Sie mich in Nohaut, ich wünsche es. Ich besitze ein gutes Pianino und würde mit so viel Vergnügen nicht allein unser famoses „Crisna", sondern auch jene schönen Lieder wieder hören, deren ich mich noch so gut erinnere. Mein armer Bruder, der Sie so sehr liebte, ist leider nicht mehr am Leben/ Hingegen ist mein Sohn Moriz bei mir und bittet mich, Sie zu grüßen. Er ist jetzt ein Mann -von dreißig Jahren, aber immer noch ein vorzügliches Kind. Ihre Ihnen herzlich ergebene G e o r g e S a n d. Nohaut bei La Chatre, Dep. de l'Jndre, 23. Nov. 1861. Auswanderer das russische Reich. Sie fuhren nach London, wovon der größere Teil nach Nordamerika weiterfuhr. Als Symptom für die finanzielle Krise, welche jetzt Rußland und hauptsächlich Polen ergriffen hat, erwähnen die polnischen Blätter die Tatsache, daß in der Warschauer Kommerzialbank allein während der letzten vier Monate Wechsel im Werte von nicht weniger als eine Million Rubel protestiert werden mußten. Diese Wechsel stammen zumeist von Firmen der inneren russischen Gouvernements. Die Wechselprotestsumme der übrigen Warschauer Banken während des gleichen Zeitabschnittes beträgt auch eine Million Rubel. Nicht besser geht es in. Lodz, wo sich die bedrängten Kaufleute durch horrende Prolongationszinsen (15—20%) wenigstens kurze Zuwartungsfristen zu erzwingen suchen, die sie aber desto rascher dem Ruine zuführen. Wie die „Kiewskije Otliki" melden, wurde am 10. v. M. vor der Gerichtskammer in Mohilew über die dreizehn Juden verhandelt, welche unter der Anklage standen, im September 1903 einige jüdische Arrestanten, welche von Polizisten zum Bahnhof in Orscha eskortiert wurden, unter Anwendung von Gewalt befreit zu haben. Die Verhandlung wurde auf Befehl des Justizmiuisters geheim durchgeführt. Die Gerichtsverhandlung ergab die völlige Schuldlysigk.it der Angeklagten. Sämtliche Angeklagte wurden daher von der schweren Beschuldigung freigesprochen, aber wegen Beleidigung der Polizisten zu drei Monaten Kerker verurteilt... Da die Juden im ganzen Reiche aus den in den Gouvernementsverwaltungen vorhandenen speziell jüdischen Geld- 1 summen namhafte Spenden zugunsten der Bedürfnisse des