Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdisches VolksblAtt 1. Juli 1904 Nr. 27 Führung von Lord Rothschild zum Ministerium des Innern, um nochmals ihre Bedenken gegen das Gesetz gelter,d zu machen. Unterstaatssekretär Cochrane, der in Abwesenheit des Ministers die Herren empfieng, nahm die Gelegenheit wahr, zu erklären, daß die Regierung allen antisemitischen Regungen ganz fern stehe; er konnte indessen natürlich nicht die Tatsache widerlegen, daß die Bill hauptsächlich die armen russischen Juden treffe. Daß das Frcmdengesetz viel nützen werde, glaubt wohl niemand ernstlich; es wird nicht einmal seinen nächsten Zweck, unerwünschte Elemente fernzuhalten, erfüllen, denn die wirklich gefährlichen Verbrecher pflegen ja sehr respektabel aufzutreten. Das Gesetz wird aber auch seine tiefere und nicht ohne weiteres zu verwerfende Absicht, den englischen Arbeiter vor der Konkurrenz schlecht lebender und darum zu Hungerlöhnen arbeitender Ausländer zu schützen, nicht erreichen können, weil es für diesen Zweck bei weitem nicht radikal genug ist. Von jüdischer Seite werden übrigens jetzt Schritte getan, den Anstotz, der durch die niedrige Lebenshaltung der in elenden Quartieren hausenden jüdischen Arbeiter in sanitärer und moralischer Hinsicht geboten wird, zu beseitigen. Bis jetzt wohnen diese Eingewanderten meist in dem entsetzlich überfüllten Londoner Stadtteil Stepney. Ein aus reichen englischen Juden bestehendes Komitee hat nunmehr 6 Millionen Mark zusammengebracht, um im Bezirke Enfield für sie gesunde Wohnhäuser und Werkstätten zu erbauen. Man will hier zunächst für 1000 Familien Platz schaffen, dann aber auch in andere Stadtteile gehen und mit einem Aufwand von insgesamt 20 Millionen Mark den Juden des Ostens menschenwürdige Unterkunft schaffen. * * * Die Geschäfts-Antisemiten auf dem Lehrerfang. Aus Berlin wird geschrieben: Aus Lehrerkreisen geht uns ein Zirkular zu, mit dem die „Staatsbürgerzeitung" die Berliner Lehrer bedacht hat. Von Ritualmord, Ahlwardt, dem Dreschgrafen Pückler und dem Konitz-Bruhn ist darin nicht im mindesten die Rede, auch kein Wort vom Antisemitismus. Schamhaft schweigt sich das edle Organ, das allerdings seine jüdischen Inserenten, wie Gebrüder Herrnfeld und Gebrüder Bär, ebenso anschnorrt, wie seine arischen, darüber aus. Dagegen heißt es wörtlich: „Unter den täglich zweimal erscheinenden Tageszeitungen Berlins steht die „Staatsbürgerzeitung" in dem Kampfe um die nationalen Güter und die wirtschaftlichen Interessen unseres Volkes an erster Stelle. (!?) Seit mehr als dreitzig Jahren tritt sie insbesondere für den freiheitlichen Ausbau der Schule (??) und für eine der Bedeutung der Jugenderziehung entsprechende Stellung des deutschen Lehrerstandes ein. In den Kämpfen, die die deutsche Lehrerschaft seit den Sechzigerjahren gegen die Reaktion auf kirchlichem und politischem Gebiete (!!) sowie für die angemessene dienstliche und wirtschaftliche Stellung des deutschen Lehrers führte, hat die „Staatsbürgerzeitung" diesen Kampf stets wirksam unterstützt (?) und auch in der allerneuesten Zeit hat sie davon werktätiges Zeugnis abgelegt." — Die „Staatsbürgerzeitung" als Vorkämpferin gegen die kirchliche und politische Reaktion, deren treueste Schildknappen die Antisemiten stets gewesen sind! Wer lacht da? Glauben die Ehrenmänner dieses auch technisch am elendesten unter allen Zeitungen redigierten Blättchens wirklich, datz ein Lehrer auf solchen Schwindel hereinfällt? Die Berliner Lehrerschaft ist nahezu durchweg freiheitlich und aufgeklärt gesinnt und bedankt sich für die Einschätzung der Geschäftsantisemiten, die offenbar das Hausieren mit Ritualmordmärchen selbst in den dunkelsten Winkeln Ostelbiens nicht mehr lohnend finden. Selbst das großartige Versprechen eines Rabatts von einer Mark vierteljährlich dürste nicht ziehen. Verlorene Liebesmüh! Gedenktage. I u l i. - 9. 1825 geb. in Hamburg Prof. Jul. Oppert, der bekannte Keilschriften-Forscher. 1849 geb. in Rawisch Dr. M. Braun. 1871 st. in Padua Prof. Lelio de la Torre. 10. 1893 st. in Berlin Ernst Wechsler (E. Lothar), Dichter. I 12. 1877 starb Fanny Nathan aus Paderborn, Bcgr. des isr.! Waisenhauses. 13. 1106 st. in Trohes Na schi. 1823 geb. in I Paris Eugene Manuel, Dichter. 14. 1083 fielen in Ungar.-Vrod l 40 Märtyrer. 1902 st. in Homburg v. d. H. Marc A n t o k o l s k y, Bildhauer. 16. 1862 geb. in Frankfurt a. M. Dr. Ludw. Fulda, i Dramat.! Tammus. 17. 70 Eroberung von Jerusalem! durch die Römer. 19. 1889 st. in Nürnberg der Abg. Wolf Frankenburger, Justizrat. 20. 1871 st. in Padua Lelio de la Torre, Prediger. 21. 1636 st. in Würms der Kabbalist Elia Loanz (Baalschem). Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 26. Juni 1904, unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern, j Beginn 9 Uhr vormittags. Außer Spenden befindet sich im Einlaufe: Zuschriften der Herren Anton Beck, Carl Lemberger und Dr. Hermann Löwy, mit ivelchen dieselben erklären, das ihnen übertragene Amit eines Dethausvorstehers zu übernehmen; ein Dankschreiben der Kantorswitwe Stern für die Aufnahme ihres seligen Gatten in die Haskarah des Fünfhauscr Bethanses, sowie ein Dankschreiben des Rabbiners Dr. D. Feuchtwang für die Veileidskundgebungen aulätzlich des Hinschcidens seiner Mutter. Im Präsidialbcrichte bringt der Vorsitzende die Einnahmen und Ausgaben der Kultusgemeinde vom 1. Jänner bis 31. Mal 1904 unter Vergleich der diesbezüglichen Ziffern des Vorjahres zur Kenntnis. Weiters berichtet der Vorsitzende, datz er über erfolgte Einladung der Ministerialkommission für die Neugestaltung des allgemeinen Krankenhauses der am 21. d. M. stattgehnbten feierlichen Grundsteinlegung beiwohnte und teilt bei diesem Anlasse mit, datz er an die Ministerialkommission das Ersuchen gerichtet habe, für die Schaffung einer würdigen Betstätte im neu zu errichtenden Krankenhause Sorge zu tragen. Subventionen werden bewilligt: Dem Bethausvevcine „Chewra-Wet-Hatfilah", dem Bethausvereine „Chassidim", der jüdischen Toyubee-Halle in Wien, dem Turnvereine „Zion" in Fünfhaus und dem Vereine der Hörer der israel.- theol. Lehranstalt; letzterem unter der Bedingung, datz die Mitglieder dem „Vereine zur Pflege kranker Studierender der Wiener Hochschulen" beitreten. Das Ansuchen der Herren Dr. Sal. Krenberger und Konsorten um Genehmigung zur Bildung eines Tempelvereines für den 13. Wiener Gemeindebezirk wird genehmigt. Der Bibliothek der isr. Kultusgemeinde werden bezüglich der Anlage eines neuen Realkataloges, Ankmlf von Manuskripten, Weisungen erteilt und wird die Einsetzung einer Bibliotheks-Kommission beschlossen, in welche gewählt werden die Herren: Dr. M. Altschiller, Professor Dr. A. Büchler, Rabbiner Dr. E. David, Professor Doktor S. Ehrmann, Abraham Epstein, Dr. S. Frankfurter, Rabbiner Dr. M. Grunwald, Rabbiner Dr. Armand Kaminka und Dr. Markus Spitzer. Verliehen werden: Die Dr. Moriz Rappaport-Preisausschreibe-Stiftung (1 Platz von K. 800.—) an einen Gelehrten; die Klara Kahane-Ausstattungsstif^g (2 Plätze von je K. 406) cm zwei verwaiste jüdische Bräute; die Jakob Josef und Fanny Schnabl-Stiftung per K. 400 an Arme. Nach Erledigung von Steuer-Angelegenheiten und Personalien wird die Sitzung um 1 Uhr mittags geschlossen. Stiftungen. Folgende Stiftungen sind bei der israelitischen Kultusgemeinde W i e n zu verleihen: 1. Josef Spitzer'sche Stiftung für drei oder vier in Wien wohnhafte, des Ernährers beraubte, jüdische Familien. Verleihungsbetrag zusammen K. 240.—. — 2, Andreas Feigl'sche Stiftung, 8'Plätze von je K. 100.— für jüdische Witwen. — 3. Fanny von Hofmannsthal-Dormitzer Stiftung. Zu verteilen K. 820.— an höchstens vier jüdische Familien. bürgerlichen Ehrenrechte sei, abhalten, mit seiner ganzen Familie in dieser Saison nach 3£. zu kommen. Nach vierzehn Tagen langt die Familie an und wird im Kurhause mit allen denjenigen Bücklingen und Ehren empfangen, die einem solvent aussehenden Badegast mit fünf Köpfen im Gefolge in allen Badeorten zustehen. Kaum aber hat die Familie es sich in den ihr angewiesenen Räumen bequem gemacht und Herr Kohn schmunzelnd eingetragen: „Kohn, Handelsmann, Berlin," und der Kellner einen flüchtigen Blick auf die Eintragung geworfen, als dieser mit Windeseile sich zum Chef begibt und ihm die schreckliche Kunde von dem Eintreffen einer ganzen Kohn-Kolonie meldet. Der Wirt erbleicht: «Warum haben Sie die Bande erst in mein judenreines Haus gelassen?" „Ich konnte doch nicht wissen," stotterte Haus gelassen?" „Ich konnte doch nicht wissen," stotterte der .Kellner. „Sie wollen Kellner sein," brüllt der Wirt, „wollen in einem an>tifemitischen Kurhaus dienen? Man sieht doch wohl, ob man es mit Geschöpfen zu tun hat, die Kohn heißen können! Packen Sie Ihre Sachen! Lassen Sie sich Ihr Lehrgeld zurückgeben und jedenfalls machen Sie, datz Sie aus meinem Hause herauskommen. Bestechen haben Sie sich von der Judenbcmde lassen, mich ruinieren haben Sie gewollt. Sie sind selber ein Jude, Sie ganz gemeiner Kerl!" Der Kellner sagt: „Ich gehe, aber für die unbegründete Kündigung und die schweren Beleidigungen werde ich schon sehen, was mir zukommt." Der Wirt, von diesen Drohungen wenig erbaut, eilt nach den Kohn'schen Zimmern, schreit: „Sie verfluchte! —" erbleicht aber und sagt: „Entschuldigen Sie, aber ich habe mich wohl in der Zimmernummer geirrt. Entschuldigen Sie nur, aber eine fatale Gemeinheit, meine große Aufregung —" «Immer kalt Blut. Männeken. Worüber regen Sie sich denn so auf?" «Da ist durch Irrtum, durch eine Jntrigue eine Judenfamilie in unser sonst judenreines Bad und gleich hier ins Kurhaus gekommen. Die aufdringliche Sippe mutz ich hinauswerfen." „Tun Sie das nicht, die Juden bezahlen auch mit deutschem Geld. Erlauben Sie, datz ich mich Ihnen vorstelle: Mein Name ist Kohn." Der Wirt erstarrt. Wie blöde sieht er auf den germanischen Recken und stottevt: „Sie — Sie — heißen — K . . K . . Kohn?" „Zu dienen und mache in alten Sachen. Wenn Sie was brauchen —* Spinde,. Oelgemälde, feine Schreibmaschinen, alles da. Eine Hand wäscht die andere. Ich gebe Ihnen zu verdienen, da müssen Sie wir auch was zu verdienen geben. Bei mir kaufen Sie die besten und schönsten Sachen, wie neu zum halben Preis." „Sie sehen doch aber gar nicht nach- K . . K . . Kohn aus? Sie sind doch kein Jude." „Tut mir leid, darin kann ich Ihnen nicht dienen. Die Juden sind zwar alt, aber noch immer nicht zu herabgesetzten Preisen zu'haben. Ich bin Christ und nicht eine Spur Jude." „Sie sehen aus, wie der leibhaftige Armin, der Cheruskerfürst. Entschuldigen Sie, daß ich Sie für einen Schacherjuden gehalten habe." „Gar nichts zu entschuldigen. Ich'wollte ,ich hätte das Geschäft von meinem Konkurrenten Jtzig, ein ehrlicher Kerl, der's Geschäft versteht und, unter uns gesagt, mir lieber ist, wie eine Anzahl meiner christlichen Kollegen. Na, auf den Schmerz, den rch Ihnen unbetvußt angetan habe, trinken wir eine Pulle Sekt." Während der Wirt des judenreinen Kurhauses mit dem Althändler Kohn eine Flasche Sekt nach der anderen leeren, hat sich in dem Badeneste wie ein Lauffeuer das Gerücht verbreitet, Juden seien einMtroffen, obendrein Kohns, Händler in alten Sachen. Das ganze antisemitische Badepublikum sammelt sich vor dem Kurhaus und singt: „Haben Sie nicht den kleinen Kohn gesehen?" und als darauf nicht reagiert wird, tvird gebrüllt: „Juden raust" „Roter Manasse, raus!" Der Wirt will vom Balkon aus das Publikum trösten, daß keine richtigen Kohns, sondern echt christliche bei ihm wohnen. Brave Leute. Kohn aber wehrt ab: „Lassen Sie doch das Pack unten schreien und johlen I Der Tropfen, den wir jetzt vor uns haben, ist was feines. Die Sorte kenne ich. Ich war früher nämlich Weinreisender." Als aber draußen der Lärm immer zunimmt und Steine gegen Tür und Fenster fliegen, tritt der Wirt doch heraus, wird zunächst von einem Stein getroffen und fällt ohnmächtig um. Jetzt geht Kohn auf die Straße und ruft: „Ihr verdammten Kerle, meint ihr denn, daß ein Jude so dumm sein wird, euch aufzusuchen. Ich heiße Kohn." Ein ohrenbetäubendes Geschrei aus der Straße, während Kohn sich Zurückzieht und vom Balkon aus den Rummel sich ansteht. Es folgt ein Rattenkönig von Prozessen. Kurhauswirt und Direktor wollen nichts mehr mit der Antisemiten-Elite zu tun haben. Diese zieht in andere Sommerfrischen und verbreitet, daß X. jetzt ein verjudetes Bad geworden sei. Man könne sich davon aus der Fremdeuliste überzeugen. Bad X. gedeiht aber, doch noch dauern die Prozesse fort, die wegen der Invasion einer christlich-germanischen Familie, die zufällig einen jüdischen Namen führtedort entstanden sind. — 4. Rosalia Pollak'sche Stiftung für eine jüdische blinde Frauensperson. Ein Platz von K. 70—. — 5. Max Ritter von Pfeiffer- Stiftung für einen Hörer der Rechte im 2. oder einem höheren Jahrgange der Wiener Universität. Ein Platz von K. 400.—. — Endlich ist vom Magistrate zu verleihen: Die Katharina und Lazar Goldstein'sche Witwen-Stiftung, 3 Plätze von je K. 400.—, für jüdische Witwen, deren Gatte in der Zeit zwischen dem 16. Juli 1903 bis 15. Juli 1904 verstorben ist. Peksonälnachricht. B. L i b r e s c u teilt mit, daß seine Promotion zum Doktor der Medizin am 8. Juli stattfinden wird. Der theologische Verein teilt allen Gönnern mit, daß seine Mitglieder, die Herren Samuel A r j e und Victor K u r r e i n, Donnerstag den 23. ds. an der k. k. Universität in Wien zu Doktoren der Philosophie promoviert wurden. Demonstration gegen Magiftratssekretär Dr. Demel. In der unter dem Vorsitz, feines Präsidenten Herrn Leopold v. Pollak abgehaltenen Generalversammlung des Gremiums der Wiener Kaufmannschaft kam es zu mehrfachen Demonstrationen gegen den anwesenden Vertreter der Gewerbebehörde, Magistratssekretär Dr. Demel. Vor Beginn der Versammlung bildete die Verurteiluug des Dr. Demel wegen der bekannten Affäre bei Eröffnung der Spiritusansstellung in der Rotunde den Gegenstand lebhafter Erörterungen, ebenso die Frage, ob dem Ansuchen der Repräsentanz um Enthebung des Dr. Demel als Gremialkommissär entsprochen wurde. Es erregte Aufsehen, als Doktor D e m e l in der Versammlung erschien. Nach Eröffnung der! Generolvirsammlung durch den Präsidenten nahm Gremialmitglied Herr Bernhard Hofbauer das Wort, nm Protest einzulegen gegen Abhaltung der Generalversammlung iu Anwesenheit des Magistratssekrctärs Dr. Demel, der alle Juden als Betrüger bezeichnet«. Redner verlangte die Entsendung einer D putation an den Statthalter, um die sofortige Abberufung ries Dr. Demel von seiner Funktion als Vertreter der Gewerbebehörde und empfahl, nicht früher in die Beratung der Tagesordnung einzugehen, bis Dr. Demel durch einen anderen behördlichen Vertreter abgelöst werde. (Lebhafter Beifall.) Präsident v. Pollak unterbrach Herrn Hofbauer mit dem Bemerken, daß dies keinen Gegenstand der Tagesordnung bilde. Herr Hofbauer erwiderte, daß er nun annehme, der Präsident teile die Ansichten dieses behördlichen Vertreters, und da er es mit seiner Ehre nicht vereinbarlich halte, der Versammlung länger berzuwohnen, solange dieser Vertreter der Behörde anwesend sei, so verlasse er den Saal. Mit Herrn Hofhauer entfernten sich mehrere Gremialmitglieder, unter diesen auch Herr kaiserlicher Rat Sch es fie l, der beim Fortgehen sagte: „Man kann in Anwesenheit eines behördlichen Organs, das den Juden die Augen ausstechen will, . nicht hierbleiben." Hierauf ging man in die Erledigung der Tagesordnung ein. Bei Beratung über die Abänderung des Statuts betreffend die Gehilfenversammlung kam es zu einer neuerlichen Demonstration 'gegen Magistratssekretär Demel. Gehilfenobmann P i ck sprach den Wunsch ans, daß jene Bestimmungen, die die Gehilfenwahlen betreffen, nicht abgeändert werden, damit die Wahlfreiheit vollständig gewahrt bleibe. Es sei nicht ausgeschlossen, daß der Magistrat wieder einmal Gehilfenwahlen durchführen müsse. „Sie werden," sagt Redner, „unsere Vorsicht begreifen, da es bei dieser Behörde mitunter Organe gibt, deren Unparteilichkeit schon gar nicht außer Zweifel steht." Bei diesen Worten wendete sich der Vertreter der Gewerbebehörde, Magistratssekretär D e m e l, an den Präsidenten mit der Aufforderung, den Redner zu unterbrechen, und drohte die Auflösung der Versammlung, falls Pick in dieser Weise fortfahren sollte. P r ä s i d e ti t: Ich möchte bitten, keine Aeußerungen zu machen, durch die sich irgendeiner der anwesenden Herren ... Pick (einfallend): Ich konstatiere, daß es mir nicht einfiel, irgendein Mitglied des Gremiums zu provoziere^ (Lebhafter Beifall und Heiterkeit.) Präsident (zu P i ck): Ich weiß, daß Sie hierbei an kein Mitglied des Gremiums gedacht haben. (Neuerliche stürmische Heiterkeit und Bravo-Rufe.) Hierauf wurde die Tagesordnung erledigt und die Versammlung geschlossen. Bemerkenswert erscheint, daß auf Anordnung des Magistrats Vertreter der Presse vom Präsidium zur Versammlung nicht zugelassen wurden. Olmütz. Die hiesige Kulülsgemeinde-Beütr.etung' beschloß, den Namen des verstorbenen Dr. Joachim Oppenheim, Rabbiners in Thorn, vormals in Eibenschütz für alle Zeiten unter die hervorragendsten und verdienstvollsten Männer des Judentums in die Haskarah einzuverleiben, indem sie ihrem Rabbiner Dr. Berthold Oppenheim, dem Sohne des Verblichenen, durch diesen' Akt der Pietät eine besondere Ehrung zuteil werden ließen. (Schulnachrichten.) In der Bürgerschule des Knabenlvaffe »Hauses der Pester isr. Religionsgemeinde hat am 26. v. M. vormittags in Anwesenheit des Präsidenten Jakoh Deutsch, des Rabbiners Dr. Weißburg, der Vorsteher Julius Adler, Messinger und Schlesinger, ferner des Schularztes Dr. Ernst Deutsch und einer vornehmen Gästeschar die Schlußfeier stattgefunden. Nach dem Vortrage des Gebetes aus der Oper „Bank-ban" eröffnete Direktor Bela Csajaghi mit einigen Worten die Feier; sodann richtete Doktor Ernst Deutsch an die zwanzig Schüler, welche nach Beendigung ihrer Studien die Anstalt verlassen, eine schwungvolle Ansprache. Mit einigen ermunternden Worten des Präsidenten Jakob Deutsch schloß die erhebende Feier. Aufnahme von Handwerkslehrlingen. Der Ungarische isr. Handwerks- und Ackerbanverein nimmt arme jüdische Knaben, welche die 3. oder 4. Klasse eitler Bürger- oder Mittelschule mit gutem Erfolge absolvierten und die industrielle Laufbahn zu betreten wünschen, in die Reihe seiner Handwerkslehrlinge auf und sorgt für deren Ausbildung in Werkstätten. Gesuche, die mit Geburts-, Schul-, Arrnuts- und Jmpfzellgnissen belegt sein müssen, sind' von den Petenten persönlich bis Ende Juni im Sekretariat Budapest, 7. Vez., Damjanich-ntcza 48, einzureichen. Der Uhnower Prozeß. Staatsanwalt Ritter von Zakrzewski begründet die Anklage wegen der Exzesse gegen die Juden in Uhnow und brandmarkt die Art, wie sich die Beschuldigten verantworten. Der Vertreter der Privatbe-- teiligten, Dr' Mild wurm, unterstützt die Anklage, schildert die erschreckliche Notlage der jüdischen Bevölkerung in Uhnow und bezeichnet die Uhnower Exzesse als neues Blatt de» jüdi-