Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 27 (1.7.1904)
- Date
- 1904-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 1. Juli 1904 Herr v. Pl ehwe befürchtet jetzt die große Solidarität des Judentums, die sich bei einer rücksichtslosen Verfolgung der Stammesgenossen noch immer betätigt hat, und sucht dieser Solidarität die Spitze abzubrechen, indem er kleine Köderungsversuche macht und sich nebenbei auch noch im Auslande eine gute Presse verschafft. Außerdem stehen ja Herrn v. P l e h w e in seinen Geheimfonds die bedeutendsten Mittel zur Verfügung, so daß er nur audem Vollen zu schöpfen braucht. Ec hat sich deshalb auch ein groß organisiertes Preßbureau angelegt und an die Spitze desselben den bekannten Herrn Tatischt s ch e w gestellt. Herr Tatischtschew hatte u. a. auch den Plan, nach London zu gehen, um die dortige Presse für Plehwe zu bearbeiten, aber unser dortiger Botschafter verbat sich dies sehr energisch. So muß sich Herr Tatischtschew jetzt zunächst in seiner Arbeit auf Deutschland und Frankreich beschränken und sich hier eine Preffe suchen, die seinen Inspirationen zugänglich ist. Als Gehilfen hat er Herrn W i l e n k i n herangezogen, denselben Wi lenk in, den er seinerzeit so schnöde und ungerecht verdächtigt hatte. Herr Wilenkin ist ein sehr tüchtiger, kluger und energischer Mensch; er hat nur das eme Unglück, Jude zu sein, aber gegenwärtig verzeiht ihm Herr v. P l e h w e auch dies, denn Wilenkin ist mit der Tochter des großen, sehr einflußreichen Bankiers S e l i g m a n n verheiratet und spielt deshalb eine nicht unwichtige Rolle in der Geldaristokratie. Um Wilenkins Eifer noch mehr anzustacheln. hat es Herr v. Plehwe durchgesetzt, daß der — Jude Wilenkin als stellvertretender Finanzagent nach Amerika geschickt wird. Wenn Herr v. Witte seinerzeit einen solchen schritt getan hätte, so wäre er von Plehwe als der Oberprotektor aller Juden hingestellt worden, wie denn Plehwe überhaupt immer damit bei Hofe operiert bat, Witte allzu übertriebene Borliebe für die Inden auzudichten, während dieser Minister nichts tat, als allzu willkürliche Verletzungen der schon ohnehin sehr harten jüdischen Ausnahmegesetze nach Möglichkeit zu verhüten. Jetzt aber ist das Spiel ein anderes geworden. Herr v. Plehwe ist bereit, einigen jüdischen Persönlichkeiten Liebenswürdigkeiten zu erweisen; er wird sogar eine oder die andere der unbedeutendsten Beschränkungen für die Juden ciufheben, und dann wird dies pomphaft durch alle Blätter gehen, wir werden von Kulturfortschritt und einer „neuen Aera" hören, und wenn man genauer zusieht, so wird alles beim Alten geblieben sein. Aber was ginge das dann Herrn Plehwe an? Wenn er heute eine gute Presse hätte, so kann man sie ihm nicht mehr von heute auf morgen schlecht machen; er kann dann ruhig für längere Zeit die Früchte seines Spieles genießen. Nur will es uns scheinen, daß dieses Spiel im letzten Grunde doch auch ein sehr plumpes ist. Wir würden uns wirklich wundern, wenn gerade die Juden mit ihrem natürlichen Scharfsinn auf diesen Köder anbeißen und für ein Linsengericht alles aus der Hand geben sollten. Denn heute haben sie etwas in der Hand: die sich immer mehr verdichtende öffentliche Meinung Rußlands sowohl, wie des Auslandes, daß die Wege Herrn v. P l e h w e s nicht mehr gangbar sind. Die „Peterburgski ja Wedomosti" teilen heute bereits den Text des Gesetzes betreffend das Wohnrecht der Juden im 50werstigen Grenzstreifen der westlichen Gouvernements und Bessarabiens mit. Danach wird die Bestimmung aufgehoben, daß daselbst nur Juden wohnen dürfen, die vor dem 27. Oktober 1858 dort angeschrieben sind, und der Grenzstreifen allen Juden geöffnet unter Beobachtung der allgemeinen Gesetze über das jüdische Wohnrecht. Die Beraus seinem Tornister den Tallis hervor, hüllte sich in denselben, ein leises Gebet verrichtend. Die. Kanonen der Japaner lichteten die Reihen der russischen Mannschaft . . . die Kriegskolonne schwankte ... der Klommandant ritt an die Tete und zog den Säbel aus der Schjeide . . . die Hornisten bliesen Sturm. „Vorwärts Jungen, in Gottes Namen!" . rief der Kommandant. „Unser Leben für den Zcvron!" brüllte das Regiment. „Es lebe der Zar!" > „Hurra!" donnerte es tausendfach zurück, und sie stürzten sich auf die Japaner. Efräim stürmte, das aufgepflanzte Bajonett krampfhaft haltend, vorwärts. Plötzlich verspürte er einen stechenden Schmerz. Dunkel ward es vor seinen Augen... aber plötzlich sah er helles Licht aufsteigen ... er wanderte auf einem ihm so wohlbekannten Pfade . . . das ist der Weg, den sein Vater gegangen. . . O b a r m h e r z i g e r Gott, gelobt sei deinName, ich werde meinen V a t sc a* wiederfinde n! Und er fand ihn wieder! Er war tot. Mei« Freund, der Althändler Kohn. Ich hatte vor einiger Zeit Bedarf nach einem immerhin kostspieligeren Gegenstand, suchte in dem Annoncenteil der Zeitung, ob nicht vielleicht ein Angebot zu finden tväre, und stieß auch richtig gleich auf ein solches. Ein Kaufmann Köhl: bot den von. mir gewünschten Gegenstand „billigst" an. Ich war nicht wenig erstaunt, als mich eine Frau empfing, die von ihrem Manne sprach, der Kohn hieß, während sie eine unverkennbare Germanin war. Ich dachte natürlich, daß es eine Mischehe sei und machte irgend eine dahingehende Bemerkung. Sie erwiderte, es sei ja schließlich gleich, ob Christ oder Jude, sie habe sich nie darum gekümmert. Ihr Mann sei auf dem Hofe und wasche den Wagen ab. Hauswirt, Händler mit alten Sachen und Kohn: tvas ist natürlicher, als daß nmn einen „richtigen Juden" vorznfinden erwartet. Man denke sich nun mein Erstarrnen, als mir ein großer breitschultriger kräftiger anlaffung dieses Gesetzes ist, daß das bisherige Verbot seinen Zweck, nämlich die Verminderung des Schmuggels, nicht erreicht hat, dagegen für die Bevölkerung drückend war. Alexe:. Zeitungsfchau. Die „Wiener Sonn- und Montags-Zeitung" schreibt über das Thema „Liberale Journalisten und christlkchfozialer Champagner" unserer letzten Nummer: „Nein, die liberaler: Männer gehen nicht zu Lueger, wenn er sie ruft, sorrdern sie laufen ihm nach, bis sie in Schweiß geraten. Sie lasserr sich nicht herbei, an Stelle der erbitterten Gegnerschaft kühle Höflichkeit zu setzen, sondern sie beeilen sich, gleich mit Begeisterung und Verehrung anfzuivarten. Sie ergreifen die dargebotene Rechte nicht zum Händedruck, sondern sie konkurrieren, werden schmatzendsten Kuß darauf drücken könnte. Und an der Spitze dieser Charakterfesten nrarschieren liberale, marschieren jüdische Journalisten. Leute, die gestern mit dem Pathos und der Bekümmernis des Propheten Jeremias den antisemitischen Mob und seine gewissenlosen Führer verfluchten rrnd morgen auf eben diese Führer schwungvoll toastieren. Leute, die jahrelang von der Lueger-Herrschaft als von dem absoluten Ruin jeder Kultur Wiens, als von der rettungslosen Verpöbelung des öffentlichen Lebens rinserer Stadt schrieben und nur: bei der ersten Fresserei, die sie an einen Tisch mit diesen Kulturvcrderbern führt, sich ihnen gegenüber hündischservil benehmen. Jetzt weiß man schon, daß Dr. Lueger die Macht hat und daß er sie sobald nicht mehr verlieren wird, jetzt hat es affo keinen Sinn mehr, den Beleidigten zu spielen; es schaut mehr dabei heraus, wenn man in den Befruchiungskveis dieser Macht zu komme:: trachtet, als wenn man, um eines leeren Prii^ips willen, i noch weiter die Erinnerung daran behalten wollte, wie namenlos gemein, niedrig und verächtlich man von den gutgelaunten Siegern traktieut wurde, damals, als sie noch schlechtgelaunte Kämpfer waren. Lieber Gott — so lange sie einem ins Gesicht spuckten, ärgerte man sich natürlich. Aber jetzt bieten sie einem Champagner an, und da sagt man besten Dank! und trinkt. Das ist doch die einfachste Logik des gesunden Menschenverstandes." * * * Aus der Jugendzeit des Antisemitismus. Im Leipziger „Grcnzboten" erscheinen seit einigen Wochen „Erinnerungen des ehemaligen Kultusministers D. Dr. Robert Bosse", welche auf die intern-politischen Vorgänge der letzten drei Jahrzehnte interessante «treisllchter werfen. In der vorwöchentlichen Nummer, welche die „Tagebuchblätter" des Jahres 1880 enthält, lesen wir: 16. N o v e m b e r. Bei einen: Diner saß ich heute neben dem Geheimen Rat St. Er sprach sich ungemein feindselig und scharf gegen Stöcker und dessen Anjijudenagitationen aus. Gerade jetzt tobt der Streit gegen die Juden sehr heftig aus Anlaß eines Skandals, den zwei Gymnasiallehrer mit einem jüdischen Destillateur Kantorowicz :n einem Psirdebahnwagen gehabt haben. Anscheinend :st dabei auch das Verhalten der beiden Lehrer nicht einwandfrei gewesen. Von jüdischer und liberaler Seite ist aber dieser Fall gefl:ssen>tlich aufgebauscht worden. In den Zeitungen erlassen hervorragende liberale Parteimänner, wie Forckenbeck. Mommsen, Gneist und andere, eine nicht gerade glücklich redigierte Erklärrmg gegen d:e Judenagitation'und im Abgeordnetenhause ist eine Interpellation über die Judenfrage eingebracht worden. Bei dem allen ist auf beiden Seiten viel Geklingel und agitatorische Uebertreibung; aber jeder nüchterne Christ muß sich in der Tat die Frage vorlegen; Wo hinaus soll es eigentlich mit der unter Stöckers Führung in Szene gefetzten Antijndenagitcmon? Was soll und kann damit schließlich erreicht werden? Die Juden werden dadurch schwerlich bescheidener Iverden, und in dem ganzen antisemitischen Treiben fehlt das Beste, nämlich Gerechtigkeit und wirklich erbarmende Menschenliebe gegen die Juden. Die politische Emanzipation der Juden ist nicht rück- Mann entgegentrat, jeder Zoll ein ganz nnzweifelhaster Germane. Händler mit alten Sachen, Kohn und Germane! Der Berus, dem ich angehöre, bringt es mit sich, daß ich etwas — wißbegierig bin. Ich drückte dem Manne mein Erstaunen ans, sagte, ich könste Namen und Erscheinung bei ihm nicht in Einklang bringen und fragte ihn, ob er jüdisch sei. „Ich bin Christ," antwortete er. „Also Christ sind Sie," sagte ich, „aber entschuldigen Sie meine Indiskretion, sind Sie vielleicht von jüdischer Llbstammung?" „Darum: habe ich mich wirklich nicht gekümmert," und man durfte es ihm aufs Wort glauben. Er zeigte mir noch Photographien seiner Brüder — alles schon dem Aussehen nach germanische Germanen. ' Ich fragte ihn, ob nicht auch andere Leute schon über den Widerspruch zwischen seinem Aussehen einer- und seinem Namen und Beruf andererseits erstaunt gewesen seien. „O," erwiderte er, „diesem Widerspruche habe ich sehr gute Geschäfte zu verdanke::." „Wie das?" fragte ich. „Ganz einfach," gab er zur Antwort. „Die Leute — ich war nämlich früher Reisender — drückten auch erst ihre Verwunderung aus, kamen mit mir, wie Sie eben, in Unterhaltung, ein Wort gab das andere und schließlich entwickelte sich eine Geschäftsverbindung." Ich machte auch mein Geschäft mit ihm und bin sehr zufrieden. Aber der Mann ging mir lange nicht aus dem Kopfe. Daß man Erzbischof sein und doch Kohn heißen kann, ist bekannt. Aber der Mann war doch nachweislich jüdischer Abstanunung. Germane durch 'und durch zu sein und doch Kohn heißen und obendrein mkk alten Sachen Handel:: —> alten Sachen, nicht etwa Antiquitäten — das schien mir die personifizierte contradictio in adjecto zu sein. Da soll u:an sich noch auf etwas verlassen in diesen Zeitläuften. Und nun stieg mir ein schrecklicher Gedanke auf. Urplötzlich sah ich allen Wirrwarr und alles Unheil, das entstehen müßte, wenn etwa diesem Maune einfiele, mit seiner Eheliebsten und seinen christlich-germanischen Kindern eines der bekannten antisemitischen Bäder oder Sommerfrischen besuchen zu wollen und seinen Entschluß auch ausführte. Und richtig! Eines Tages — doch man höre l Kohn, der als vorsichtiger Mann gern sicher geht, schreibt an die Direktion des antisemitischen Bades, sie möchte ihm den Prospekt schicken. Mit der Höflichkeit, die einer antisemitischen Badedirektion eigen ist, wird auf den Brief nicht geantwortet. Nach einiger Zeit schreibt Herr Kohn, der als richtiger Perliner sich nichts gängig zu machen. Der einzige Weg zu einer Lösung der Judenfrage wäre doch nur eine Massenbckehrung Israels. Das weist auf die Judenmission hin. Aber für große geschichtliche Erfolge ist jetzt — so weit Menschenaugen sehen — die Zeit noch nicht gekommen. Mir scheint hier in Berlin zunächst alles in eine große politische Hetze gegen Stöcker umzuschlagen, dessenOptimismus und Eifer für eitu: im großen Stile zu erstrebende Masseueinwirkung auf unser Volksleben ihn oft genug über das rechte Maß und die rechte Nüchternheit hinaus und in große wirtschaftliche und soziale Probleme hineinführen, denen er nicht gewachsen ist. 20. November. Verhandlung im Abgeordnetenhausc über die Hänel'sche Interpellation wegen der Juden. Hänel begründete sie init Pathos und viel Sentimentalität. Die Erklärung der Regierung wurde von dem Grafen Stolberg in recht guter Form und sehr präzis dahin abgegeben, daß die bestehende Gesetzgebung das Recht aller religiösen Bekenntnisse in staatsbürgerlicher Beziehung gewährleiste und daß die Regieritng nicht beabsichtige, an diesem Rechtszustande etwas zu ändern. Diese Erklärung machte einen guten Eindruck. Sehr gut sprachen Peter Reichensperger und der konservative Heydebrand, nur mäßig Virchow, pathetisch und gewandt Träger, der die Wendung gebrauchte: Ich nehme keinen Anstand, zu bekennen, daß ich ein gläubiger Christ bin. Möchte er in Wirklichkeit ein gläubiger Christ sein und es immer werden, wip alle, die gläubige Christen sind, es immer mehr werden müssen. Die Debatte wird übermorgen fortgesetzt, da Stöcker nicht zum Wort kam. 22. Novembc r. Im Abgeordnetenhause sprach heute in der Antisemitendebatte Eugen Richter erregt und erregend mit ungewöhnlicher Schärfe und Feindseligkeit gegen Stöcker. Dann kam dieser zum Wort. Im Anfang sprach er ausgezeichnet. Später wurde er zu breit und las eine ermüdend lange Reihe von Belegstellen vor. Seinen Gegnern lvar dies nur willkom:nen; denn dadurch wurde die sonst so packende Beredtsamkeit Stöckers stark abgeschwächt. Er wurde fortwährend durch Zwischenrufe unterbrochen und kam in eine für ihn ungewohnte Position. Er verteidigte die Antijudenpetition und seine Beteiligung daran. Das aber ist nicht Stöckers Stärke. Er kann begeistert und begeisternd mit zündender Rede seine Idee:: vertreten; aber sich mit nüchternen, überzeugenden Beweisen kühl gegen einen Sturm verteidigen, der planmäßig vorbereitet ist, um! ihn zu stürzen, unmöglich zu machen, das ist nicht seine Stärke. Er wurde zuweilen unruhig und unsicher und gab sich einzelne Blößen, die sofort von seinen fortschrittlichen Feinden festgelcgt und ausgebeutet wurden. Ludwig Löwe sprach gegen Stöcker mit leidenschaftlichem Haß. Der Eindruck der ganzen Diskussion war deshalb wesentlich ungünstiger, als am Sonnabend. Das Vernünftigste, was in der ganzen zweitägigen Debatte gesagt worden ist, bleibt die von Stolberg abgegebene, besonnene, auf dem Boden der Gesetzgebung bestehende Erklärung der Regierung. Die Petition der Anttfemiten konnte von vornherein keinen wirklichen Erfolg haben. Auch wenn nmn von dem jetzt üblichen, sittlich und christlich gar nicht zu rechtfertigenden Fanatismus der Antisemiten absieht, sind deren Forderungen ungeschichtlich, unpreutzisch, politisch unerfüllbar. Stöcker hätte das Hauptgewicht aus die von ihm zuerst an die Juden gerichteten beiden Aufforderungen legen sollen: „Etwas bescheidener und etwas toleranter!" * q- * Ein nettes Heiratsgesuch bringt das „Berl. Tgbl.". „Für 1 Waise, 21 Jahre alt, geb. Jüdin, jedoch sehr freidenkend, recht gut, aber solid erzogen, aristokratische Erscheinung, Mitgift vorläufig 126 000 Mark in bar, später mehr, suche ich als christlicher Vormund passende Partie. Herren in fester Position, wie Richter, Rechtsanwälte, Regierungs-Baumeister, Mediziner, höhere Beamte usw. Juden, event. auch getaufte, ersuche um ihre Offerten unter B. H. 1236 an Rudolf Masse, Berlin SW. Diskretion Ehrensache; Briefe auf Wunsch zurück." Beste Empfehlung des Geldes an die „event. auch getauften". * * * Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: Unter den vom offenen Verkehr zum Protektionismus hinführenden Neuerungen, die jetzt in England an der Tagesordnung sind, ist das Fremdengesetz eine der umstrittensten, weil es gleichzeitig gehässig und unwirksam ist. Es will Verbrecher und anrüchige Personen aus dem Anslande, auch Leute mit ansteckenden Krankheiten von der Landung in England ausschlicßen, niemand zweifelt aber daran, daß der wahre Zweck ist, die osteuropäischen Juden, die seit Jahren zu Tausenden einströmen und in den jämmerlichsten Quartieren der Großstädte eine bemitleidenswerte Existenz fführen, fernzuhalten. Bei den englischen Juden stößt die Bill daher auf heftigen Widerstand. Vor einigen Tagen begab sich eine Deputation jüdischer Vertreter unter gefallen läßt, einen neuen, diesmal schon geharnischten Brief mit frankiertem an ihn adressierten Kuvert als Einlage. Der Herr Badedirektor erwidert in der vom Grasen Pückler-Kl.-Tschirne gelernten Bildersprache, aus der zu entnehmen ist, daß Juden in dem Badeorte nicht gern: gesehen, im Gegenteil hinausgegrault und weggeekelt werden. Mein Kohn, der als Berliner Humor hat, schreibt, er habe sich nun einmal in den Kopf gesetzt, mit seiner Familie gerade dieses Bad zu besuchen und er bemerkte nebenbei, daß er. wenn er auch Kohn heiße, noch weniger als der Erzbischof Kohn Jude sei. Nochmals legt er ein frankiertes und adressiertes Kuvert bei. Nach einiger Zeit, in welcher mein Freund Kohn dringend um Antwort gebeten und eine Bemerkung über die loddrige Wirtschaft, und ob die ctiva auch zur antisemitischen Badekur gehöre, eingeflochten hat, kommt eine Antwort im gewähltesten und blumigsten Pückler-Deutsch: besagend, daß die Direktion, mißtrauisch gemacht, ja abgeschreckt, entsetzt über den Namen Kohn, erst überhaupt nicht habe antworten wollen, auf die verblüffende Erklärrmg hin aber, daß Herr Kohn kein Jude sei, habe er einmal sich überzeugen wollen, wie weit eigentlich Verlogenheit, Betrug und Aufdringlichkeit bei den Leuten, die auf den Namen Kohn hören, gehen. Er habe sich bei antisemitischen Freunden in Berlin erkundigt, tvas der Herr Kohn, der dort und dort wohne, eigentlich sei. Die Antwort lautete: „Kohn, natürlich «alte Sachen", Hosen verkaufender Jüngling und „Nix zu handeln." Danach könnte Herr Kohn wohl selbst ernressen, mit tvelchem Nachdruck er ihm empfehle, ja nicht nach dem! von der antisemitischen Elite besuchten, seiner Direktion untere stehenden Bade zu kommen, sondern sich lieber eine „Judenschtvemme" anszusuchen. Mein Freund Kohn lacht und sagt: „Nu grade." Die zarter besaitete Frau-bittet, den Rüpeln und Flegeln, bei denen man doch keine rechte Erholung haben iverde, aus dem Wege zr: gehen. „Nicht in die ka main," sagt Kohn. „Wir Deutschen fürchten Gott, sonst niemand in der Welt, und da sollte ich vor solchen blödsinnigen Rowdies retirieren? So tvahr ich Kohn heiße, wir nmchen hin und einen schönen Ulk will ich dort erleben oder das Antisenütennest sollen die Motten holen." Itub richtig, mein Kohn schreibt dem Direktor: So viel wie er. Kohn, wisse, gebe es in Deutschland, Deutschland über alles Freizügigkeit. Nichts werde ihn, einen deutschen Bürger, der Staats-, Kommunal- und Gewerbesteuer zahle. Berliner Hauseigentümer und rm Besitze der