Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 26 (24.6.1904)
- Date
- 1904-06-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nv. 26 Wim, üftAy 24. /uni 1904 ste nicht nur vor ihrer Verehelichung mit Jokai ihrem Glauben nicht untreu werden wollte, sondern auch später, alverschiedene Geistliche, die Altersschwäche Jolais ausnützend. Eingang in sein HanS fanden, und die renitente Jüdin durch Litkeden ünd Drohungen. zu „bekehren" versuchten, standhaft VlM Giese Kreise können es nicht verwinden, daß die spätere Äterüturgefchichte der Wahrheit entsprechend wird erwähnen Müsse«, daß der Lebensabend des großen Nationaldichters durch ftkne innige Liebe zu »liier Jüdin und das friedliche Eheleben mit derselben verklärt wurde. Deshalb mußte dieser Skandal Provoziert werden, und deshalb sollen diese Lügen als Mahnung für zukünftige altgewordene Nationaldichter dienen. Zu den Pukowinaer Landlagswahlen. An den Gutsbesitzer Sigmund Weißglas ist seitens des Obmannes des Radautzer Zionvereines Dr. Vierer im Namen dieses Vereines eine Einladung ergangen, in Radautz als Kandidat der Freisinnigen für den Landtag aufzutreten. Dieser Einladung Folge leistend, ist Herr Weitzglas Samstag den 19. ds. in einer ins Restaurant Schaffer eintzerufenen Wählerversammlung erschienen und hat seine Kandidatenrede gehalten. Die erwähnte Einladung war auch von 24 Radmcher Bürgern mitunterfertigt. — Zu dieser Versammlung wurde, wie man uns meldet, auch der zweite Kandidat Salomon Rudich eingeladen. Landtagswahlen in dev Bukowina. In den Czernotvitzer Blättern wird der gemeinsame! Aufruf des kürzlich gegründeten Freisinnigen Verbandes veröffentlicht. Dem Verband gehören bekanntlich an: Deutschfortschrittliche, freisinnige Juden, Rumänen und Ruthenen. Demgemäß ist der, Aufruf von den Führern der genannten Parteien, Prof. Skedl, Dr. Straucher, Dr. Aurel v. Onciul und Dr. Smal-Stocki,* gezeichnet. Der Freisinnige Verband will eine zeitgemäße Landtagswahlreform erkämpfen, die Errichtung einer Landesbank, Ausgestaltung des Schulwesens, besonders durch Schaffung von Minoritätsschulen, Aufhebung der Gutsgebiete, Regulierung der Lehrergehälter und die Sanierung der Landesfinanzen erstreben. Nattonale Angelegenheiten sind von der Tätigkeit des Verbandes ausgenommen. Die Beschlüsse 'in Verbandsangelegenheiten werden in gemeinsamer Veratrmg gefaßt. An die Wähler richtet der Aufruf die Aufforderung, im Sinne dieses Programms zu wählen. Generalversammlung der Pester israelitischen Religions- Gemeinde. Die Pester israelitische Religionsgemeinde setzte am 19. d. M., vormittags 10 Uhr, ihre am 12. ds. unterbrochene außerordentliche Generalversammlung fort. Den einzigen Gegenstand der Beratung bildete der neue Statutenentwurf. Den Vorsitz führte Hofrat Sigmund Kohner, als Referent fungierte Gemeindesekretär Dr. Julius Gabor. Seitens des Vorstandes waren anwesend: Vize- Präsident Dr. Philipp Weinmann, Ludwig Baumgärten, Ludwig Adler, Max Grünbaum und Sigmund L. Breitner. Zu einer längeren Diskussion gab bloß Paragraph 67 Anlaß, demzufolge die Vorsteher der Sektionen zu allen Sekttonsverhandlungen, die aus den Mitgliedern der Repräsentanz eingeteilten Mitglieder jedoch nur zur Verhandlung wichttger oder prinzipiell hkldeüttingsvollex Gegenstände zu laden sind. ''Tw. Max Schächter erstatt sich gegen die Disparität bei der Einladung von Vorstands- und Repräsentanz- Mitgliedern; es dürfe hier kein Unterschied gemacht werden. Paul Tencer führt den Beweis, daß dieser Unterschied eben den Zweck verfolge, das Interesse der Repräsentanzmitglieder an den Sektionsberatungen wachzuhalten. Denn wenn'diese Mitglieder nicht nur den wichtigen Sitzungen, sondern den alltäglichen, nur bedeutungslose, laufende Angelegenheiten behandelnden Sitzungen beigezogen werden. so wird ihnen die Lust, sich am Gemeindeleben intensiv zu beteiligen, verleidet. Nachdem Dr. Bela Feleki, Dr. Alexander Groß, Dr. Philipp Weinmattn u. a. zur Sache gesprochen- .wurde der Paragraph in der ursprünglichen Fassung akzeptiert. Die Generalversammlung akzeptierte den Statutenentwurf mit einiges stilistischen Modifikationen. Präsident Sigmund Kohner bemerkte, daß der Statutenentwurf nunmehr unverzüglich der Regierung mit der Bitte Um baldigste Genehmigung unterbreitet werden wird, damit die nächste Wahl schon auf Grund der neuen Statuten erfolgen könne. Redner verlieh der Hoffnung Ausdruck, daß die neuen Statuten zum Wohle und zum Emporblühen der Religionsgemeinde dienen werden. (Lebhafte Eljenrufe.) Zum Schluffe verdolmetschte Paul Tencer unter allseitiger, lebhafter Zustimmung dem Präsidenten Sigmund Kohner und dem Vorstande für deren erfolgreiches, hingebendcs Wirken den Dank und die Anerkennung der Generalversammlung. Ein Todesurteil. Aus P rz emy sl wird uns gemeldet: Vom Hiesigen Schwurgericht wurden die Taglöhner Polz und Ziemba wegen Ermordung einer jüdischen Schenkerfamilie zum Tode durch den Strang verurteilt. Ausland. Russische Toleranz. Zur Zeit der Judenverfolgungen aus dem Moskauer Gouvernement, „so erzählt man sich in Rußland", hat sich folgende Episode zngetragen. Großfürst Sergius ließ sich in seinem Winter- Palais und Wintergarten das elektrische Licht einführen. Zu dieser Arbeit war der renommierteste Elektrotechniker dieser Gegend berufen. Als die Probebeleuchtung stattfand, bei der der Großfürst zugegen war, ließ er den Elektrotechniker zu sich kommen. Nachdem ihm dieser über jedes einzelne Objekt genaue Aufklärung gegeben hatte, klopfte ihm der Großfürst ans die Schulter' und fegte: „Sie haben ihre Sache gutgemacht, Meister Jsackoff. Ich ernenne Sie zu meinem Hoflieferanten, denn ich bin sehr zufrieden." Hierauf schüttelte er ihm freundschaftlich die Hand. „Ich bin überglücklich, die hohe Anerkennung Eurer kaiserl. Hoheit erworben zu haben", erwiderte Jsackoff, „und ich werde stets bemüht sein, mich der hohen Auszeichnung, den Hoflieferantentitel führen zu dürfen, würdig 511 erweisen. Nur gefütten mir. kais. Hoheit, eine untertänigste Bitte zu üßen legen zu dürfen." — „Was wäre das?" frug der Großfürst neugierig. „Ich bitte um Gnade, kais. Hoheit", sagte Jsackoff und warf sich in die Knie. „Warum? Was ist denn vorgefallen? Erzählen Sie mir, aber fassen Sie sich kurz." „Ich habe den Ausweisungsbefehl bekommen, kais. Hoheit." „Sie den Ausweisungsbefehl? Wie ist denn das möglich? Was haben Sie denn verbrochen?" — „Verbrochen? Kais. Hoheit, gar nichts. Aber weil ich Jude bin, soll ich das Land verlassen müssen." — „Sie sind Jude? Warum Hab' ich das nicht früher gewußt?" Der Großfürst trat einige Schritte zurück, um an den Juden nicht zu nahe zu stehen, ließ sich Wasser bringen und wusch sich die Hand, die er dem berühmten Elektrotechniker reichte, als ob er sie mit Oelfarbe beschrmcht gehabt hätte, dann fuhr er fort mit seinen Fragen. „Wer hat Sie zu dieser Arbeit bestimmt?" — „Der Haushofmeister Eurer kais. Hoheit, Exellenz von 36.", entgegnete Jsackoff. „Dieser Mann muß mir sofort aus dem Hause", rief der Großfürst im befehlenden Tone. „Er muß zur Verantwortung gezogen werden." — „Wann müssen Sie denn schon fort?" — „Innerhalb acht Tagen, kais. Hoheit." „Wie lange brauchen Sie, um Ihre Arbeit zu vollenden?" — „Mindestens 14 Tage." — „Dann schicken Sie Ihre Familie zuerst ins Äusland und Sie folgen, sobald Sie bei mir fertig sind." — „In Anbetracht der hohen Zufriedenheit Eurer kais. Hoheit hatte ich auf den Allerhöchsten Schutz gerechnet, umsomehr, da ich unbescholten bin, meiner Militärpflicht in Rußland Genüge geleistet habe, die Steuern pünktlich bezahlte und mich in ganz Moskau des besten Leumundes erfreue." — Der Großfürst machte eine abwehrende Handbewegung. Nochmals versuchte Jsackoff knieend, den Großfürsten zu erweichen und um Gnade zu bitten. — „Erlauben Sie mir?" siel der Großfürst ein. „Wollen Sie noch mehr Gnade? Genug an dem, wenn ich Ihnen erlaube, einige Tage sich langer in Rußland aufhalten zu dürfen, als Ihre Familie." Großfürst Konstantin und die Inden in Rußland. Eine äußerst interessante Tatsache, welche die plötzliche ungnädige Entlassung des russischen Unterpichtsministers v. Sänger erklären dürfte, wird erst jetzt bekannt: Großfürst Konstantin, bekanntlich Chef der militärischen Lehranstalten Rußlands, ließ durch den damaligen Kriegsminister. Kuropatkin dem Reichsrate eine Gesetzesvorlage unterbreiten, wonach Personen jüdischer Herkugft, wenn sie auch scholl längst dem orthodoxen Glauben angehören, die Aufnahme in die militärischen Lehranstalten verweigert werden soll. Der damalige russische Unterrichtsminister bou Sänger opponierte gegen diese Gesetzesvorlage. Er schrieb, wie die „Oswoboschdenje" meldet, an den Kriegsminister Kuropatkin: „Ich halte es für meine Pflicht, Eure Exzellenz zu verständigen, daß ich es für unmöglich finde, die Gesetzvorlage zu unterstützen, welche einerseits einer offiziellen Negierung des Sakramentes der heiligen Taufe gleichkäme, andererseits in unserer Gesetzgebung einen ganz neuen Grunds^ ins Leben rufen würde, welcher die totale Unfähigkeit einer gewissen Kategorie von Personen bloß ihrer Herkunft wegen proklamiert. In diesem Falle aber erscheint es ganz. urjettlärlich, wie zugleich mit der geplanten Maßnahme die Militärpflichtfür die Juden als obligat aüfrechterhalten bleibt. " Diesem Antwort des russischen Unterrichts- Ministers v. Sänger scheint beim Schöpfer der Gesetzesvorlage üblen Eindruck gemacht zu Hatzen und Minister v. Sänger mußte bald darauf gehen ... Die Gesetzesvorlage aber soll nicht fallen gelassen worden sein. Sie dürfte bald Gesetzeskraft erhalten ... Jüdischer Kindergarten in Jaffa. Seit , langer Zeit wurde Won der hiesigen jüdischen Bevölkerung das Bedürfnis nach einem modernen Kindergarten stark empfunden. Mangel an den notwendigen Erhaltungsmitteln, sowie; Schwierigkeiten aller Art haben die Begründung des Kindergartens verzögert. Dank den eifrigen Bemühungen einzelner Freunde der Kindererziehung wurde die neue Anstalt im Oktober 1901 mit zirka 40 Kindern eröffnet. Nachdem sich der „Hilfsverein der deutschen Juden" von der segensreichen Wirksamkeit des neu gegründeten Kindergartens überzeugt hatte, beschloß er, demselben eine größere Subvention zu gewähren- Damit war seine Existenz begründet und nunmehr konnte er auch eine bedeutende Erweiterung erfahren. Die Entwicklung, welche der Kindergarten genommen hat, kann als erfreulich und durchaus befriedigend bezeichnet werden. Aus dem Bericht des Schulkomitees an den „Hilfsverein der deutschen Juden" geht hervor, daß die Anstatt gegenwärtig von 102 Zöglingen — 62 Mädchen und 40 Knaben — besucht wird. Der eigentliche Kindergarten mit 62 Zöglingen im Atter von 3 bis 5 Jahren besteht aus 2 Abteilungen, an welchen 2 Kindergärtnerinnen und 1 Gehilfin wirken. An den Kindergarten schließen sich zwei Elementarklaffen an, in welchen 40 Kinder von einem Lehrer und den Kindergärtnerinnen in den Clernentarfächern unterrichtet' werden. Vor einiger Zeit hat der Kindergarten ein neues Schulhaus bezogen, das allen hygienischen Anforderungen entspricht. Aber auch dieses Schulhaus ertveist sich bereits als zu stein. So mußten. 20 Neuanmeldungen wegen Raummangels abgewiesen werden. Diese Tatsache beweist wohl am besten, welchem Bedürfnis der Kindergarten entspricht, an dessen segensvoller Wirksamkeit Aschkenasim und Sephardim gleichmäßig teilnehmen. Die Einrichtung der Elementarstassen und dessen starker Besuch beweist ferner, wie notwendig die Errichtung einer neuen Schule in Jaffa neben den bestehenden ist. Neues aus Jerusalem meldet die „Köln. Volksztg." unterm 27. Mai: Von hier sind zwei Begebnisse mitzuteilen. Zunächst, daß die Stadt eine wöchentlich einmal erscheinende Zeitung erhalten hat. Sie führt den Titel «Elkuds elscherief" und wivd in türkischer und arabischer Sprache heraüsgegeben. Sie ist vor allem ein Regierungsblatt und kennzeichnet sich durch einen stark lobhudelnden Ton gegenüber allen höherstehenden und einflußreichen Personen in Verlvaltung^ Rechtsprechung, Polizei usw. Die Vorsteher der 'Dorfschaften, die oft genug nichtlesen und schreiben können, sind gezwungen, das Blatt, das unter allen Umständen den Herausgebern einen entsprechenden Gewinn bringen mutz, zu halten. An Verfügungen, die mit großem Pomp aufgeführt werden, fehlt es .in, der neuen Zeitung nicht. Die Zahl der 'Uetze rtrctungen der Verordnungen ist dadurch merklich gesteigert worden. Eine in Wirklichkeit sehr notwendige Verordnung, das Abhauen der Bäume und Ausroöen noch lebensfähiger Wurzeln verbietend, scheint die Folge zu haben, daß die Wald- und Baum- und Wuvzelvertilgung nur noch eifriger betrieben wird. Der arme Bauer in Palästina muß sich eben etwas verdienen: und die Gesetze werden gegeben, damit sie übertreten werden I Wir leben hier eben in der Türkei. Das zweite, und zwar recht erfreuliche Ereignis ist die Auff i n d u n g einer Quelle l e b e n d i g e n Wassers. Das Geschick eines englischen Quellenfinders hat am Wege nach Bethlehem in. der Nähe des Bahnhofes den Besitzer eines Grundstückes, einen Griechen, auf eine Wasser verheißende Stelle aufmerksam gemacht. Der Grieche begann dort au graben und ist so glücklich gewesen, in einer Tiefe, von 85 Metern gutes, frisch anfsprildelirdes Wasser zu finden. Schon nach einigen Tagen starte es sich mehr und ab; die feinen Mergelteilchen, die es zufolge seiner Doderckeschasfenheit mit sich führte, schlugen sich nieder und das Wasser erwies sich rein und trinkbar. Darob große Freude in Jerusalem! Bisher hatte man, so viel bekannt, keine Quelle in Jerusalem gefunden. Man will durch weitere Bohrungen den Sprudel vergrößern und hofft sogar gemäß Versicherungen des englischen Entdeckers, noch an anderen Stellen in der Umgebung der heiligen Stadt Quellwaffer aufzufinden. Es würde eine wahre Wohltat für alle jetzt nur auf in Zisternen gesammeltes Regenwasser angewiesenen Bewohner sein. Die Konitzer Affäre. Die Untersuchung der neuen Spuren in der Konitzer Mordaffäre nimmt ihren Fortgang. In Könitz wurden heute mehrere Einwohner darüber vernommen, ob sie noch in Erinnerung haben, wo sich der Schlosser Berg am Tage der Ermordung Winters aufgehalten hat. Unter denjenigen, die heute einer Vernehmung unterzogen wurden, befand sich auch Restaurateur Sänger, der hinter dem Schlochauer Tor wohnt und der frühere Inhaber einer Kutscherstube hinter dem Kühn'schen Hotel. Es heißt, daß die Vernehmung sehr wichtiges Mate.rial zutage gefördert hat. — Gleichzeitig wird aus Halberstadt gemeldet, daß Matzloff nach einer Vernehmung, die er in der Konitzer Affäre zu bestehen hatte, auf freien Fuß gesetzt wurde. Auch Frau Maßloff wurde vernommen. Aus Alt-Berlin. „Ich wurde im Jahre 1863 an einem schönen Winter! age t,i das in der Neuen Friedrichstraße belegene gemütliche HauS der «Gesellschaft der Freunde" eingeladen. Mein vis-a-vis war der alx Kommerzienrat Liebermann, neben mir zur Rechten saß der Präsident des Vereins, Herr Friedeberg, und links zu meiner Seite hatte ich einen Herrn, der den Abend über sich äußerst schweigsam benahm. Der Präsident war mit diesem Herrn sehe befreundet und er richtete manches heitere Wort an ihn. Unter anderem fragte n ihn: „Lieber Löwenstein, wie lange werden Sie noch in Berlin bleiben?" „Nicht sehr lange," war die Antwort „da ich sehr bald zu Hause erwartet werde." Als Liebermann den Namen Löwenftein hörte, fragte er den ihm noch nicht vorgestellten Herrn üb-r den Tisch hinweg: „Wann fahren Sie nach Letztzig zur Messe?" Sehr verbindlich antwortete der Gefragte: „Bebau« unendlich, ich fahre nicht zur Messe." «Hm, hm," kopfschüttelnd sagte Liebermann zu seinem Nachbar, dem Geheimen Kommerzienrat Bezold: „Hast du gehört Bezold, er reist gar nicht zur Messe!* Die Antwort-Bezolds war, indem er Liebermann verstohlen einen Puff gab: «Das ist m Löwenstein-Wertheim!" Darauf ein noch überraschteres Gesicht von Liebermann: „Was, Löwenstein-Wertheim, und dann reist er nicht zur Messe?" Dieses steine Zwiegespräch hatte Fnedeberg gehört, er stand auf und sagte: „Gestatten Sie, daß ich die Herren vorstelle, Herr Kommerzienrat Liebermann und Prinz Löwen>tein-Werrheim." So erzählt Emil Thomas, der bekannte Berliner Schauspreter, in seinem soeben erschienenen Buch: „Nettestes, Allerältestes." So war Alt-Berlin, die Stadt der Viermalhunderttausend Einwohner, in der der Rausch der Gloire noch nicht gewütet hatte; in der der Kommerzienrat noch ein angesehener Mann der Arbeit und der Prinz nicht immer sein polittscher Verächter war. Die Zetten haben sich auch hier geändert und ich zweifle, ob man in der „Gesellschaft der Freunde", die ja noch besteht, urch einem eigenartigen Statut entsprechend, seit einem Jahrhundert dir verstorbenen Mitglieder immer noch mit urtter den „Freunden" aufführt, auch heute ein derartiges soziales Md finden könnte. Unter der Uederschrift „Wurst widet Wurst" erzählt Hr,-S. Luh-Mannheim in der „Frankfurter Zeitung": „Die Honoratiyrett eines kleinen Städtchens gelten jedem Nichtkasinofähigen füe Wesen höherer Art, namentlich steht der Herr Amtsrichter öder der Herr Amttnann, wie es in Kurheffen heißt, so hoch, daß ein Widerspruch oder gar ein direktes Zuwiderhandeln gegen dessen Autorität etwas schier Uuglauvlickies ist. Und doch hatte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts sich zwischen dem Herrn Amtmann und dem Kaufmann Isaak Stern (wir wollen ihn so nennen) ein gespanntes Verhältnis gebildet, das zu fortwährenden persönlichen Reibereien führte. Da Isaak Stern mit allem Möglichen und Unmöglichen handelte? hatte er auch oft in Klugesachen am Amtsgericht zü tun, so daß es an Gelegenheit zu Reibungen nicht fehlte. Eines Morgens, eüle halbe Stunde nach Bcg.nn der Dienststunden, erschien Jsagr Stern im Vorzimmer des kurfürstlichen Amtsgerichtes und sagte dem Herrn Aktuar, der im Vorraum des heiligen Sitzes der GerechHgkttt die Regie führte. daß cr den Herrn Amtmann zu sprechen begehre. Da sich aber der Herr Armmann häufig ein doppeltes oder dreifaches akademisches Viertel gestattete, wurde dem p. Stern -er BefKeih-. M der Herr Amtmann noch nicht zu sprechen, sei. Isaak Sterst erklärte sofort, daß er keine Zeit habe, zu warten, und daß 'eiZA über d'ie Nichteinhaltung der Dienststunden an geeigneter Stelle beschweren werde. Der Akumr hielt es dgher für das Beste-, dem Herrn Amrmann einen Boten in der Person eines ferner Untergebenen zu sendeu und da die Wohnung des Amtsrichters MnKm der Nähe war. war dieser nach wenigen Minuten zur Stelle; aber begreiflicherweise war seine Stimmung gegen den Störer seiner Gemütlichkeit, der sich schon im allgemeinen seiner besonderen. Abneigung erfreute» nicht gerade rosiger geworden^ Kaum stand Isaak Stern vor der Schranke, die den Sitz des Herrn AmtmannS umgab, so maß ihn der Richter mit strengem Blick von oben bis unter,.- „Warum erscheine,, Sie nicht in angemessener Kleidung vor Gericht?" — „Herr Amtmann, ich bin anständig gekleidet. — "SP*** In diesem Rock hantieren Sre auch in Ihren schmutztgen Magazinen." — „Herr Amtmann, in diesem. Rock gehe ich Werktags rmmer aus." — „Vor Gericht haben Sie in Ihrem Schabbes-Ro« zu erscheinen." — „Adieu, Herr Amtmann!" —-Damit schliM« Isaak Stern aus der Tür und erschien nach zehn Minuten wieder, angetan mir denr „SchabbeS-Rock" und bedeckt mit dem Zyttnderhut. der nur an hohen Feiertagen und bei Leichenbegängnissen m den Straßen des Städtchens zu sehen war. Es war deshalb natürlich, daß sich viele Bekannte des Herrn Isaak Stern m das, GerichtSzimmer drängten, um zu erfahren, was diesen zu so feierlicher Ausstaffierung veranlaßt habe,, konnte. Isaak Sternstrat, den Zylmver in der Hand, an die Schranke und sogleich fragte der Richter: „WaS wollen Sie?" — ..Ich will den Herrn Amtmann sprechen. Der Amtsrichter wütend: ..Zum Teufel, sagen Sie-doch endlich, was Sr« wollen!" — „Ich will den Herrn Amtnrann sprechen. „Ja, Sie sehen doch, daß ick, da bür." — ..Ich kenne^ Sie, nicht und WM nur mit dem Herrn Amtmann sprechen." — „Ei, Sie kennen mich doch." — ..Nein, ich tonne Sie nicht., ich erkenne den j&ertn Amtmaim nur an seinem hellblauen Frack mit goldenen 5möpstn UNI da Sie keinen solchen Frack anhaben. kann ich auch nichts glauben, daß Sie der .Herr Amtmann sind." Es blieb dem Richter nicht» anderes übrig als nach Hause zu gehen und die dainalige, vorschriftsmäßige Amtstracht. die aus Bequemlichkeit me im Dienste, soildern nur bei feierlichen Gelegenheiten- Kurfürsts Geburtstag und dergleichen getragen wu -de. anzulegen und nachher vom Herrn Stern im Schabbes-Rock die wichtige Klage über 2 Taler 6 Silbergroschen gegen Kaspar Müller in Jxdorf entgegenzunehmen. Kultusbudget, lieber die Kosten der verschiedenen Kickte in Frankreich dürften folgende Ziffern gegenwärttg von besoriderem Interesse sein: Das gesamte Kickttlsbudgct beläuft sich auf rund 42.6 Millionen. In dieser Summe sind die Gehälter der Beamten der Kirltusleitung, die Unterhaltungskosten für die Gebäude, di« Ausgaben für die Beaufsichiigung usw. inbegriffen. Von den, KulmehrEtuSbeamten erhalten die katholischen 36 666 800, die protestanti-