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Jüdisches Volksblatt · 1904-06-10 · 24 (10.6.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
24 (10.6.1904)
Date
1904-06-10
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. Nr. 24 10. Juni 1904 die Wasserleitung einzuführen. Der Bericht berührt auch die Frage der Exhumierung der im Friedhofe auf der Baczi-ut Beerdigten. Das Budget pro 1904 mit 680 489 K. Ausgaben und 628 980 K. Einnahmen wurde votiert. Die Würde eines infolge Ablebens erledigten Vorstehungsamtcs wurde einstimmig Moriz Lindenbaum erteilt. Ferner wurden einstimmig gewählt: zu Rechnungsrcvisoren Hofrnt Josef v. Hüvös, Manfred v. Weih, August Kühner, Robert Auek, Samuel Eischler und Josef Wolfner; zu Ausschuhmitgliedern: Reichstags-Abgeordneter Paul Sandor, Philipp Back und Architekt Wilhelm Freund. Nachdem noch dem Vorstande der Dank und die Anerkennung der Generalversammlung ausgesprochen wurde, erreichte die Generalversammlung unter Eljenrufen auf den Präsidenten Jakob Boschan und den Anwalt Generalsekretär Dr. Franz Mezei ihr Ende. Sarajevo. Schon Freitag war hier die Nachricht verbreitet, daß drei auf der Durchreise aus London hier weilende Rabbiner (I) einen Vortrag über „Moses und Christus" zu halten beabsichtigten. Die hiesigen sephardischen Juden wurden ^in grohe Unruhe versetzt, als die Absicht der Vortragenden htrcf) verteilte Flugzettel bekannt wurde. Diese Proselytenmacher richteten „Eine Bitte an mein Volk" mit den einleitenden Worten: „Nach jahrelangem Studium und gewissenhafter Prüftmg sind wir zur Ueberzeugung gekommen, dah der von den Juden erwartete Messias nicht kommen werde, sondern Christus als solcher anzusehen sei usw." Der sephardischc Rabbiner mahnte die Juden, den Vortrag nicht zu besuchen. Nachdem die zur Vereitlung des Vortrages von der spanj. Kultusgemeinde unternommenen Schritte resultatlos blieben, zog am Samstag abends eine 2—3000 Personen zählende Menge — meistens Sepharden, Männer, Frauen und Kinder — vor das Hotel „Europe" und demonstrierte. Polizei zu Fuh und zu Pferde schritt ein. Den Demonstranten war es jedoch gelungen, dah der Vortrag überhaupt nicht stattgeftmden hat. Beim Abziehen der Demonstranten — gegen halb 10 Uhr — wurde einigemale das Zionslied gesungen. Die drei Herren verliehen Sonntags früh Sarajevo. Von den Demonstranten wurde niemand verhaftet. Zur Abwendung einer Gefahr, die unserer Religion, als nationalem Heiligttune drohte, sind unsere Glaubens- und Stammesbrüder muttg und energisch aufgetreten. Del. Antisemitische Camera obseura. Aus R z e s o w wird uns geschrieben: Wie sehr der Antisemitismus die Schule beherrscht, beweist folgendes Stückchen einer hiesigen „allpolnischen" Lehrerin. Es ist ein alter Usus, daß die Abiturientinnen der achtklassigen nach Jahresschluß sich in einer Gruppe photographieren lasten. Zu diesem Zwecke versammelten sich sämtliche Schülerinnen der achten Klasse bei einem hiesigen Photographen, wobin auch die Klastenlehrerin gebeten wurde. Die Lehrerin tt.-s; jedoch s' daß sie keine Zeit habe, worauf dir Schülerinnen ouseiriandergingen«-•' Am anderen Tage berief die Lchrerin die ..istüch'en Schülerinnen zu sich, begab sich mit ihnen zum Photographen, und so kam das juden- ' .ue Gruppenbild unserer Abiturientinnen zustande. Es wurde der Lehrerin mit der Gehirncamera obseura empfohlen, unter das allpolnische Bild als Motto die bekannten Heine'schen Verse zu setzen: „Noch ist Polen nicht verloren, unsere Mütter, die gebären.... Verein „Zion", Waschkosik. Bei der am 1. Juni stattgefuuoenen Generalversammlung wurden, nachdem der bisherige Obmann Apotheker Willner sein Mandat niederlegte, Dr. Ka p i x zum Obmann- Dr. Schwitz zum Stellvertrciter, Trapper zum Bibliothekar gewählt. * * * Die Exzesse gegen die Juden in Uhnow. Gendarmerieposten-Kommandant Dombrowski deponiert, daß in Uhnow der große Brand am 23. April 1903 nachts ausgebrochen sei. Der Zeuge habe sich sofort nach der Brandstätte begeben, um die Rettungsaktion zu organisieren. Nach Lokalisierung des Feuers wurden plötzlich die Kirchenglocken wieder in Bewegung gesetzt. Niemand wußte, was das neuerliche Alarmgeläute zu bedeuten habe. Im Judenviertel wurden dann vom Zeugen die Angeklagten P e t r y s z y n und F u r j a n angehalten, welche mit Hacken Fensterrahmen an Häusern zertrümmerten. Die Menge bekundete die Absicht, die Verhaftung der beiden Exzedenten zu verhindern; erst als andere Gendarmen herbeigeeilt waren, gelang es, die beiden Häftlinge dem Gerichte einzuliefern. Die Weiber riesen da immerfort: „Die Juden stecken die Häuser in Brand und uns verhaftet man I" An der Spitze des j johlenden Pöbels stand der Angeklagte Wasil Skrypczuk, der! augenscheinlich betrunken war; einen Stock schwingend, haranguierte l die Massen mit dem Rufe: „Vorwärts JungenI" Bei der Konj srontierung mit diesem Zeugen stellen die Angeklagten Petrys-! z y n, F u r j a n und Wasil S k r y c z u k alles in Abrede. Letzterer I will die Menge nur zur Beteiligung an der Löschung des Brandes! aufgefordert haben. Er sei auch angeheitert gewesen und wisse daher nicht, was er damals alles.gesagt habe. Der nächste Zeuge, Aron Stahl, erzählt, er habe, als der! Rummel begann, im Hause eines Bekannten zum Fenster der' Parterrewohnung hinausgesehen und in diesem Moment sei er von> dem vorüberschreitenden Angeklagten Iwan K a c z k o w s k i durch 1 einen Beilschlag im Gesichte verletzt worden; stark blutenb sei erzum Arzte Dr. K i b i tz geeilt, der aber selbst wegen der Ausschreii tungen des Mobs in Angst tvar und bcu Verwundeten in den1 Kellerräumlichkeiten verbarg. j Der Angeklagte K a c z k o w s k i, welcher vorgerufen wird,! bezeichnet die Darstellung Stahls als untvahr und leugnet, demsel-! ben einen Schlag mit der Hacke versetzt zu haben. — Vorsitzenj d e r: Wer sonst hätte dies getan? Der Zeuge hat doch am Gesichte! eine von einer Wunde herrührcnde Narbe? — Angekl.: Mein Bruder Wladimir dürfte den Juden geschlagen haben. — Stahl beharrt jedoch darauf, dah der Angeklagte und nicht dessen Bruder der Uebeltäter getvcsen sei. Zeuge Sporn sagt aus, er habe vom Hausflur aus gesehen, wie der Angeklagte Onyszkiewicz Fenster in Häusern des i Judenviertels eingeschlagen habe. Onyszkietvicz widerspricht und! behauptet, er sei zur kritische» Zeit in einem anderen Stadtteile I gewesen. Mehrere jüdische Beschädigte erklären, dah sie sich dem Strafverfahren nicht anschliehen. i Der als Zeuge einvernommene Kaufmann L i e b e r m a n n deponiert, daß in seinem Hause 33 Fensterscheiben zertrümmert und! die Türen beschädigt wurden; er bezeichnet die Angeklagten Koto-' w i c z. M a g u r a und Thekla T r u s i e w i c z als diejenigen, i welche den Mob zu den Ausschreitungen aneiferten, Tee, Biktuälien i und andere Waren aus den Kaufläden in eine Senkgrube warfen! und die Garderobe Liebermanns und seiner Frail in Stücke rissen.! Die genannten Angeklagten leugnen alles, trotzdem die Darstellung! Liebermanns vom Fleischhauer S ch w e i z e r, welcher seine Ausi sagen beeidet, vollständig bestätigt wird.! Der nächste Zeuge, P r e i ch l e r. teilt mit, dah einem Stein-! bombardement 00 Fensterscheiben seines Hauses zum Opfer ge- ‘ fallen sind. Der Angeklagte Dwornicki .habe die Scheiben, von der einen und M a z u r k i e tv i c z von der anderen Seite zer- * trümmert. Der Zeuge verzichtet auf Schadenersatz. Kaufmann Leder erzählt, der Angeklagte Peter M a z u r k i e tv i c z, provisorischer Gerichtsdiener, der sich ebenfalls unter den Exzedenten befand, habe immerfort schreiend kontrolliert, ob schon alle Fensterscheiben im Judenviertel eingeschlagen seien. — Zeuge Kehler schildert, mit tvelcher Wut der Pöbel im Judenviettel gehaust habe. 'Kaum war eine Rotte verschwunden, erschien bereits eine zweite, von Mazurkiewicz geführte Gruppe mit dem Rufe: „Hurra! Los gegen die Juden!" — der Zeuge versichert ferner, die Juden seien in Todesangst gewesen; von panischem Schrecken ergriffen, habe der Zeuge mit zwei Kindern seine Wohnung, in der er sich nicht mehr sicher fühlte, verlassen und irgend ein Versteck aufsuchen wollen. Auf der Flucht begegnete er dem Schuhmacher Krzanowski und bat ihn um Zuflucht in seinem Hause. Trotz der aufreizenden Reden des herbeigekommenen Lakaszkiewicz nahm Krzanowski sowohl Kehler als auch dessen Bruder gastlich bei sich auf und rannte sodann in die Wohnung Kehlers, um seine mit einem Säugling zurückgebliebene Frau, die infolge der Aufregung krank geworden war, zu beruhigen. Mit dem Ausdrucke aufrichtigen Dankes hebt Kehler das edelmütige Vorgehen' Krzanowskis hervor. Ausland. Rückwandererkonferenz. Am 29. Mai tagte in Berlin im Sitzungssaale der Armen-Kommission der jüdischen Gemeinde eine Konferenz, welche sich mit der Frage der Rückwanderer, die Deutschland passieren, beschäftigte. An der Konferenz nahmen Vertreter der jüdischen Gemeinden Berlin, Breslau, Köln, Königsberg, Posen, Kattowitz und Hamburg teil, auherdem als Delegierter des „Israelitischen Unterstützungsvereines für Obdachlose" in Hamburg, Herr Laskar-Hamburg, Vertreter des „Hilfsvereins der deutschen Juden" und der „Alliance israelite universelle". Herr Julius Cohn-Berlin begrüßte die Erschienenen namens der Berliner Armenkommission und schlug die Wahl des Herrn Theodor Oschinski-Breslau zum Vorsitzenden vor, was allgemeine Billigung fand. Nachdem Herr Oschinski den Vorsin übernommen hatte, wies Herr Laskar auf die durch das Reikript des Ministers des Innern geschaffene äuherst schwierige Lage speziell an der holländischen Grenze hin, wo die preußische Regierung den Rückwanderern den Eintritt verwehrt, falls dieselben nicht im Besitze größerer Geldmittel sind. Um dieser Schwierigkeit zu begegnen, empfahl Redner: 1. Eine Organisation derjenigen gröhercn Gemeinden, welche auf dem Wege von der holländischen Grenze nach Berlin liegen, damit dieselben vke mittellosen Rückwanderer, die ihnen von der Grenze resp. von Rotterdam aus zugcschickt werden, entsprechend weiter befördern, bis dieselben. in Berlin und in den Bereich der schon vorhandenen Organisation gelangen, die ihre Repatriierung vornimmt. 2. Eine Audienz beim Minister des Innern nachzusuchen und von demselben die Anerkennung der bereits besteherrden Organisation zur Repatriierung der jüdischen Rückwanderer zu verlangen. Außerdem richtete Redner. einen warmen Appell an die Anwesenden, durch Heranziehung derjenigen Gemeinden, die sich bisher von diesem Hilfswerk ferngehalten hätten, die Mittel der Organisation, die leider außerordentlich gering sind, zu stärken. Der Vorsitzende verlas einen Brief des Vereins Montefiore in Rotterdam, indem derselbe zu-- nächst bedauert, zu der Konferenz keinen Delegierten entsenden zu können und dann mitteilt, daß im vorigen Jahre über 600 mittellose jüdische Rückwanderer in Rotterdam gelandet sind, welche auf Kosten des Vereins nach Köln weiter befördert wurden, dah aber jent die Gefahr vorlicge, daß diese Weiterbeförderung durch die P o l i z e i m a ß r e g - l n der preußischen Regierung unmöglich w ü r d e. Die Herren Feilchenfeld-Cöln und Dr. Nathan-Berlin weisen darauf hin, dah für alle diese Rückwanderer» ob sie nun aus England oder aus den Vereinigten' Staaten von Nordamerika kommen, der Weg über Rotterdam und die darauf folgende große Landreise in jehem Falle einen bedeutenden Umweg vorstelle. Dabtt gewinne nur'-der preußische .Eiserchahnfiskuswährend die Woultätigkeitsanstalten der Gemeinden die unttütz'ttSrmehrten Lasten zu tragen haben. Es müsse darauf hingewirkt werden, daß btt* Rückwanderung auf dem geographisch nächsten Wege zu geschehen habe, besonders empfehle sich die Route über Hamburg. Herr Dr. Nathan bob noch hervor, daß es auch im Interesse aller beteiligten Faktoren liegt, die Rückwanderung möglichst zu konzentrieren, um mtt einem geschulten Personal an die Prüfung der einzelnen Fälle heranzutreten. Ein unerheblicher Bruchteil der Rückwanderer besteht aus Elementen, deren Beruf der Wanderbettel sei und deren Unterstützung infolgedessen mit aller Energie abgewiesen werden müsse. Eine dahingehende Prüfung^sei wohl in einem oder zwei Häfen möglich, aber ganz unmöglich, wenn die Leute über einweil ausgedehnte Landesgrenze an vielen Stellen vereinzelt herüberkönnen. Herr Laskar führte demgegenüber aus, daß es sich bei den Rückwanderern in ihrer großen Mehrzahl um ganz bedauernswerte Elemente handle. Die Leute seien mit ihren eigenen Mitteln, nachdem sie.das Letzte, was sie besaßen, verkauft hätten, nach England oder Amerika gereist und haben versucht, sich dort eine neue Existenz zu schaffen. Dabei seien sie gescheitert und das Elend, das sie durchzumachen hatten, war so groß, daß ihnen das Elend, das sie in ihrer Heimat, Rußland oder Galizien, verlassen halten, noch erträglicher erschien. Teils als Arbeiter auf den Schiffen, teils mit Hilfe irgendwelcher Unterstützungen arbeiten sich diese Elemente bis zli den Hafenstädten durch. Dann a6er sind ihre Mittel vollkommen zu Ende und wenn man sich ihrer ilicht annimmt, müssen sie als Wanderbettler das Land überschwemmen. Dadurch wird nur die Abneigung gegen die Juden gestärkt wld andererseits eine erhebliche Summe Geldes, die den Leuten tropfenweise zufließt, verschwendet. Darum bilde die seit zwei Jahren ausgezeichnet funktionierende Organisation für die Repatriierung dieser Rücklvanoerer eine außerordentlich segensreiche I n st i t ut i o n, die leider noch nicht genug bekannt sei und infolgedessen von Gemeinden und Privaten nicht genügend berücksichtigt werde. Herr Feilchenfeld-Köln empfahl, mit den englischen, holländischen resp. amerikanischen Komitees in Verbindung zu treten, damit dieselben diejenigen Rückwanderer, welche sie unterstützen, ausschließlich nach Hamburg dirigieren; andererseits verspricht Redner, dahin zu wirken, daß sowohl die Kölner Gemeinde, die er vertritt, wie die benachbarten Armen-Verbände in Westfale» und Hannover der Organisation namhafte Beiträge zur Verfügung stellen, die dann eventuell dazu verwendet werden können, die Mehrkosten, welche in Hamburg durch den erhöhten Rückwandererstrom entsteheil würden, zu decken. Herr Laskar betont, daß der „Israelitische Unterstütznugsbereiil für Obdachlose" in Hamburg sowie die Hamburger Gemeinde bereits 38 000 Mark jährlich für diele Zwecke aufbringen und damit an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit angelangt sind. Würde eine weitere Vermehrung der Rückwanderer eintreten — insbesondere dadurch, daß die Rollte über Rotterdain aufgegeben Ivird — so müßten in der Tat die auswärtigen Gemeinden die Hamburger unterstützest. Nach längerer Diskussion lmirden zwei Anträge des Herrn Feilchenfeld-Kötn aligenounnen. Der erste geht dahin, eventuell unter Zuziehung des Deutsch-Israelitischen Gemeindebniides nocfi einmal bei allen größereil Gemeinde», welche die neue Organisation „och nicht finanziell unterstützen, um eine solche Beihilfe vorstellig zn werden. Der zlveite Antrag wünscht, daß sich der Vorstand mit den Komitees in London und Rotterdam in Verbiuduilg setzt, um zu erreichen, daß die lutrdj die Wohltätigkeits-Institutionen in diesen Städten expedierten Rückwanderer s ä m t l i ch ü b e r H a m b » r n geleitet tv e r d e ». Sodann brachte Herr Oschinski den Antrag der Schiagogengcmeinde Breslau zur Sprache, daß als Vorort der genannten Rückwanderer-Organisation Berlin au Stelle Breslaus gewählt werden solle. Die Mehrzahl der Anwesenden sprach sich indessen gegen diese,, Antrag ans, weil die Geschäfte zur Zeit in Breslau ganz vorzüglich geleitet lmirden n»d mau infolgedessen keine Veränderung wünscheu könne. Die weitere Beratung des Breslauer Antrages wird schließlich bis zur nächsten Sitzung vertagt. Auf Vorschlag des Herrn Laskar werden die Gemeinden in Köln und Königsberg ansgefordert, je einen Delegierten in den Vorstand zu entsenden. Herr Grodzewski- Königsberg dankte als geborener russischer Jude den Versammelten für das warme Interesse, das sie seinen früheren Landsleuten tvidmen. Nach Besprechung einiger Einzelfälle schloß Herr Oschinski die Sitzung mit einigen Dankesworten an die Erschienenen. Kischenew und der Krieg. In Rußland zirkuliert jetzt ein Wortspiel, wonach in den Namen der bisher untergegangenen russischen Schiffe der Name „Kischenew" konstruiert werden könne. Der BolkSmund liest aus diesem Umstand ein Memento des Schicksals an Rußland heraus. Die Zusammenstellung ist folgende: Korejetz Wariag Zarewitsch Retwisan Jenissej Sewastopol Petropawlowsk. R. S. Wiffozky. Das Leichenbegängnis des Philanthropen Wissozky fand in Moskau unter außerordentlicher Beteiligung sowohl der jüdischen, als auch der christlichen Bevölkerung statt. Mehr als fünfhundert Arbeiter und Angestellte des Geschäftshauses, dessen Chef der Verstorbene war, folgten der Bahre. Der Verblichene tcstierie unter anderem 26 000 Rubel für verschiedene literarische Zwecke. Im Testamente befindet sich auch die Weisung an seine Kinder, auch in Zukunft zumindest 10 Prozent des Reingewinnes wohltätigen Zwecken zuzuführen. Die Kassationsklage im Kischenewer Prozesse. Aus Petersburg wird berichtet: Kürzlich wurde vor dem Senat die Kaffationsklage gegen das Urteil der Odessaer Strafkammer im Kischenewer Prozesse verhandelt, die von den Hauptangeklagten G e r t f ch i ü und M o r o s u e ch und von der Zivilpartei (das heißt den geschädigten Juden) eingelegt worden war. Das Urteil lautete, dem Anträge des öffentlichen Anklägers gemäß, auf Verwerfung der Berufung. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft war der Ansicht, die Berufung der Angeklagten könne schlechtweg abgewiesen werden, da das Urteil völlig rechtmäßig sei und den Anforderungen des Gesetzes entspreche. Was hingegen den Einspruch der Zivilkläger betrifft, so könne nicht bestritten werden, daß ihnen gegenüber einige Rechtsverletzungen stattgefunden haben, jedoch seien diese „nicht von Belang". Infolgedessen ersuche er den Gerichtshof, die Berufung der Zivilpartei ebenfalls zu verwerfen. Während der Verhandlung fanden zwischen dem Vorsitzenden (Senator R e p i n s k i) und den Vertretern der Zivilpartei heftige Auseinandersetzungen statt, so daß zwei von ihnen (im ganzen waren ihrer drei), die Herren Karabtschewski und Sarudny ihre Vollmachten niederlegten. Eine jüdische Kolonie in Amerika. Wie aus New-Dork berichtet wird, haben sich 60 jüdische Familien aus Rußland vereinigt, um in der Stadt Saratoga eine jüdische Kolonie zu gründen. Vier Familien sind bereits daselbst angelangt und haben sich mit allen für die Farmwirtschaft notwendigen Geräten und Haustieren versehen und schreiten rüstig zur Einrichtung der Kolonie. Die übrigen Familien werden noch im Laufe des Sommers in der Kolonie ankommen. In der Gegend von Saratoga befindet sich Wohl eine größere Anzahl zumeist eingewanderter Juden, doch treiben die meisten entweder Handel oder irgendein Handwerk. Der Jude als Farrner ist in dieser Gegend völlig, unbekannt, weshalb man dem Unternehmen dieser Kolonisten allgemein mit Zweifel begegnet. Die amerikanischen Blätter, welche diese Ansiedlung mit Wohlwollen besprechen, schildern diese neuen Kolonisten als kräftige für die Landwirtschaft äußerst geeignete Männer. Der erste Preis. Dieser Tage fand im Amsterdamer Künstlerhaus eine Kuilstcnlsstellung statt. Auf dieser Ausstellung hat der jüdische Maler Eduard Frankfort den ersten Preis, eine goldene Medaille, womit die Königin jährlich den besten Maler auszeichnet, erhalten. Das Bild, für das ihm die hohe Auszerchnung zuteil wurde, führt den Namen „Talmudstudie" und stellt drei den Talmud studierende Juden dar. Eduard Frankfort ist ein Sohn orthodoxer Eltern und malt meistenteils jiidische Typen. Ein Bild, das seinen Vater in Talles und Tfiillin darftellt, hat ihn in Holland berühmt gemacht. Limmerick. Unter den verschiedenen Anschuldigungen, welche gegen die Juden in Linimerick erhoben wurden, war auch der Vorwurf, daß sehr viele arme Leute wegen solcher Schulden verurteilt wurden, b,i deren Kontrahierung sie durch die Juden bewuchert wurden. Zur Erhärtung dieser Anklage erwähnte ein Korrespondent in der Londoner „Times", daß von 200 solchen Klagefällen in 170 Fällen die Kläger Juden waren. Der Minister der Limmerick Kongregation stellte jedoch fest, daß im Jahre 1903 im ganzen 1387 solcher Fälle zur Verhandlung gelangten, von denen blos in 31 Fällen die Kläger Juden waren. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. Wie aus Cambridge gemeldet wird, hat am 3. ds. dort die Promotion der Ehrendoktoren der Cambridger und Oxforder Universitäten stattgefnnden. Die Cambridger Universität hat dem Professor an. der Vndapester Universität Dr. Ignaz Goldziher den Grad eines Doctor litterarnm verliehen, und zivar in Anerkennung derjenigen hervorragenden Verdienste, die er sich durch seine großartigenLeistungen auf dem Gebiete der orientalischen Sprachwissenschaft erwürben hat. Marineminister Pelletan über den Antisemitismus. Dem französischen Marineminister Pelletan zu Ehren war jüngst in Constantine ein Bankett veranstaltet worden. Der Vertreter dieser Stadt in der Deputiertenkammer, Dr. Aubry, erinnerte in einem Trinkspruch ans den gefeierten Gast an die nicht lange zurückliegende Zeit, da die Straßen von einem fanatischen Mob gefüllt waren, der harmlose Bürger beleidigte, ihr Leben und Eigentuin mit dem Ruf „Nieder mit den Juden" bedrohte. Herr Pelletan keiulzeichuete in seiner Antwort die Berfolgungswut, den unwürdi-

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