Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 23 (3.6.1904)
- Date
- 1904-06-03
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei te 4 Wien, Freitag Jtt&Mtoe VoLtablatfc. 3. Juni 1904 Nr. 23 2. Die Leinmg des Blattes wird einem vom Parteitage zu wählenden dreigliedrigen Preszkomitee, das im Einvernehmen mit der Verbandsleinmg zu handeln hat, übergeben. 3. „Der jüdische Arbeiter" wird obligatorisch in den zionistischen Proletarier-Organisationen eingeführt, indem jedes Mitglied 15, Heller monatlich an den Verband zu zahlen hat. 4. Jugendliche Arbeiter sowie die Mitglieder der Kolonialwarensekiion in Krakau haben nur 8 Heller monatlich zu entrichten. 5. Alle Vereine haben monatlich 2 Kronen für die Erhaltung des Blattes beizutragcn. 6. „Der jüdische Arbeiter" hat sich auch mit der Fraucn- Organisation zu befassen. Resolution. Der Parteitag der j ü d i s ch e n H a n d e l s a n g est e l l t e n und Arbeiter O e st e r r e i ch s d r ii ck t dem g e s a rn t e n g c g e n j e g l i ch e F o r in d e r ll n t c r d r ü ck u n g k ä m p f e n d e it Proletariate seine aufrichtige S y mp a t h i c aus, v e r u r t e i l t jedoch die seitens der österreichischen Sozialdemokraten gegen unsere B e >v c g u n g geübte Taktik der B e r l e u md u n g. N c b e n z a h I. Aus Rußland. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt".) Kruschewan, der Mörder von Kischenew. läßt wieder von sich hören; natürlich sind es schmutzige Geschichten. Um sie zu verstehen, muß ich vorausschicken, daß Kruschewan bis vor kurzem eine förmliche Schreckensherrschaft in Kischenew ausübte, die sich nicht nur über Inden, sondern auch Christen erstreckt». So borgte er sich von einem Christen ca. 6000 Rubel aus gegen Wechsel und schriftliche Verpflichtung, im Falle er nach der abgelaufenen Frist nicht das Geld zahlen könne, gehöre der „Beffarebetz" anstatt der Zahlung dem Gläubiger. Kaum war die Frist abgelaufe«, als Kruschewan jede Zahlung verweigerte und überhaupt die Schuld nicht anerkannte. Der Gläubiger ließ sich aber nicht eiuschüchtern und klagte den sauberen Patron. Kruschewan aber erklärte das Ganze als eine« Betrug und Schwindel. Das Gericht bewilligte ihm drei Monate, um seine Beweise zu sammeln. Die drei Monate vergingen, ohne daß Kruschewan natürlich auch «ur ein Moment, das für ihn sprach, anführen konnte. Darauf sprach das Gericht die Zeitung .Beffarabetz" dem Kläger als Eigentum zu; ich werde ihnen über de» Verlauf der Affaire berichten. Das ist aber nicht der einzige Gläubiger KruschewanS. Auch St erb an, der Helfershelfer bei den Unruhen, hatte Kruschewan eine größere Summe geliehen. Da nun Kruschewan nach seiner Raubrittermoral ihm die Schuld nicht zurückerstatten will, so haben sich beide Spießgesellen zerschlage» und es sind interessante Enthüllungen über das Arrangement der Kischenewer Metzeleien zu erwarten. T Bor dem Kischenewer Gerichte wurde Kruschewan! letzte Woche zu einer Woche strengen A r. r e st verurteilt. Diese Verurteilung eHNUe nicht etwa wegen seiner Schuld an den Kischenewer Räubereien, sonder wegen Ehrenbeleidignngen eines gewissen Britan, eines Juden. Dieser hatte bis vor kurzem den Kischenewer städtischen Amtsanzeiger geleitet. Er schrieb ein Offert für die billigste Druckerei zur Drucklegung des Blattes aus. Auch Kruschewan beteiligte sich an der Konkurrenz, stellte aber ein sehr teures Offert. Den Druck bekam daher ein Jude, der ein billigeres Offert überreicht hatte. Nun überhäufte Kruschewan den Britan mit den gemeinsten Berläumdungen, er habe ohne Konkurrenz den Druck einem Juden gegeben, er verschwende das Geld der Stadt ». f. w. Britan verließ bald nach den Metzeleien angewidert die Stadt und wanderte nach Amerika aus; vorher ließ er aber Kruschewan vor dem Bezirksgerichte verklagen. Kruschewan legte gegen das erste Urteil Berufung ein; sein Advokat sagte zu seiner Verteidigung, Kruschewan sei durch die Angriffe Britans in unzurechnungsfähigen Zustand versetzt worden — der Wolf, dem das Lämmchen das Wasser trübt. Der Vertreter Britans geißelte in sarkastischer Weise diese Verteidigung : Kruschewan, der die Angriffe gewerbsmäßig betreibe, gebe an, er sei durch emen Angriff — der gar nicht erfolgt sei — in Unzurechnungsfähigkeit versetzt worden. Gracchi de seditione quaerentes. Das Gericht verwarf die Berufung und bestätigte das erstgerichtliche Urteil. Bekanntlich haben die ausländischen Firmen ihren Warenverkehr mit Rußland wegen der überhandnehwenden wirtschaftlichen Krise stark reduziert und teilweise ganz eingestellt. Um diese Firmen von neuem zu animieren, hat der Finanzminister im Amurgebiete die Zollfreiheit für ausländische Waren angeordnet. Das russische Amtsblatt veröffentlicht die Ernennung des gewesenen Direktors vom Departement für fremde (nichtorthodoxe) Konfessionen, Geheimrat M o s s o l o w zum Mitglieds des Staatsrates. M o s s o l o w konnte aber von diesem Avancement keinen Gebrauch mehr machen, denn er starb am 21. d. M., noch ehe er seine neue Stellung antrat. Die Juden haben keinen besonderen Grund, den Abgang dieses echt russischen Bureaukraten zu ^beklagen, der ein williges Werkzeug der jeweiligen Machthaber war. Als Zeichen der Zeit will ich noch folgende zwei Verfügungen der Regierung und ihrer Behörden bekanntgeben. Dem Herausgeber der »Nowoje Wremja" A. S. Suworin wurde gestattet, in Moskau eine neue Zeitung ohne vorherige Zensur herauszugeben. Die Zeitung, welche dreimal täglich erscheinen und 3 Kopeken per Exemplar kosten wird, führt den Titel „Telefon der Now. Wr." Die zweite Verfügung betrifft die Kiew er Juden, Am 15. April ist die Frist abgelaufen, die den Juden, welche aus welchem Grunde immer ihr Wohnrecht in Kiew verloren haben, zum Verlassen der Stadt gegeben wurde. Der Polizeimeister von Kiew hat nun seinen untergebenen Organen den strengen Auftrag erteilt, mit aller Energie, eventuell auch mit Gewalt, die von dieser Verfügung betroffenen Juden ungesäumt aus der Stadt zn entfernen. Daher kann ich zu den Zeitungsmeldungen betreffend den Antrag Plehwes, die 50 Werst von der Grenze den Juden freizugeben, nur sagen: Timeo Danaos et dona ferentes. Wozu läßt Plehwe seinen Antrag, bevor er noch Gesetz wurde, in alle Welt telegraphieren. Wahrscheinlich, weil er dafür gesorgt hat, daß sein Antrag im Reichsrat begraben und nie Gesetz werden werde. Sv trifft er zwei Fliegen mit einem Schlag; er steht als Jndenfreund da, und für die Inden geschieht doch nichts. Ein echter Plehwe. Ich habe bereits darauf hingewiesen, daß die Regierung es besonders ans die jüdischen Aerzte abgesehen hat. Nun wurden aus dem O d e s s a e r Kreise neuerlich dreißig Aerzte zum Kriegsdienst eiuberufen, von denen zwanzig Juden sind. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung kommt bald da, bald dort zum Ausdrucke und das Dynamit tritt jetzt häufig in Verwendung, wenn die Anschläge auch zumeist mißlingen. So kann ich Ihnen positiv melden, daß vor einigen Tagen in einem der Eisenbahntunnels bei CHarbin, als derselbe gleich, nachdem ihn ein Militärzug passiert hatte, abgegangen wurde, ein Kistchen Dynamit entdeckt wurde. Das Kistchen hatte die Größe von einem halben Quadratmeter. Im Kistchen befanden sich auch einige Fläschchen mit Quecksilber. Es ist ein wahrliches Wunder, daß diese Fläschchen unversehrt blieben, und dadurch ein großes Unglück verhütet wurde. Psychologisch interessant ist ein Fall in K a w a r. Ein dortiger jüdischer Arzt, der gegenwärtig in Afrika wohnt, wurde zum Kriegsdienst einberufen. Als ihn seine Verwandten hiervon verständigten, sandte er die telegraphische Antwort, daß er der Berufung unverzüglich Folge leisten werde. Die allgemeine wirtschaftliche Krise wird noch durch den Umstand gesteigert, daß auch die wenigen Firmen, welche Lieferungen für den Krieg übernommen haben, diese nicht ausführen können, da die sibirische Eisenbahn selbst für Kciegsbedürfnisse nur wenig Ware und die mandschurische Bahn g a r k e i n e zur Beförderung übernimmt. Alexei. Galizischer Brief. (Geterum censeo. — Patriotismus auf Kosten der Juden. — Arbeitsbureau.) Mau kann den Polen, respektive ihren oberen und unteren, ihren offenen wie geheimen Führern das Zeugnis nicht versagen, daß sie konsequent, seit der Emanzipations-Aera nach zwei großen Zielen gestrebt haben. Das eine Ziel: ihren BolkSgenoffen alles zuzuwenden, andere» Galizianern hingegen alles oder schirr alles zu. entziehen, ein zweites Ziel: den Kaiserstaat zu ihren Speziälzwecken ganz gehörig auszunützen — Galizien hingegen zu einem polnischen Staate katexochen auszugestalten; beides ist ihnen auch fast vollständig gelungen. Wir können in. wenigen Zeilen die Art, wie sie ihre Allmacht dem zweiten zahlreichen slavischen Stamme gegenüber geltend machten, hier nicht auseinandersetzen und unseren ruthenischen Landsleuten den Vorwurf nicht ersparen, daß sie diese gegenwärtige auch für sie drückende Situation selbst mitverschuldet haben, da sie den Pakt, welchen die Ruthenenführer von 1873 (von denen heute noch einige am Leben sich befinden, u. zw. Domherr Pawlikow, Advokat Doktor D o b r y a v s k i) mit dem Komitee d»s Vereines Schomer Israel und dem jüdischen Zentralwahl-Komitee schlossen, nicht realisiert haben. Ruthenischerseits konnte man die Treue und die Disziplin der jüdischen Wählerschaft bestätigen, welche den Ruthenen 22 Sitze im Reichsrathe erobert haben, während die jüdischen Kandidaten in Tarnopol und Przemysl ruthenischerseits im Stich gelassen wurden. Lange noch wird man von ruthenischer Seite darauf zurückkommen, welch' ein Segen für Galizien jener Pakt geworden wäre, vermittelst dessen jeder Volksstamm das ihm gebührende Ausmaß an Rechten zur Mitverwaltung dieses Kronlandes in friedlicher Weise ohne Bevormundung, ohne boshafte Hintergedanken erhalten hätte. Galizien wäre dann eine österreichische Provinz geblieben und die Massenauswaijderung der arbeitsfähigen Elemente war? unterblieben. Verlassen wir diesen, allgemein politischen Standpunkt, der aus nebelhafter weiter Ferne — als virtuelles Bild, sich noch zeigt, und ziehen wir uns auf den Judenpunkt zurück. Konstant unter allen Maßnahmen seitens der polnischen Führer im kaiserlichen oder im polnischen Rocke bleibt nur das altrömische Wort Geterum een30 Iudaeos delendos esse, die Juden vernichten, materiell und geistig. Die großen Geldmittel, welche der Kolka rolnicze gewährt werden, der Fabrik Tlen behufs Erzeugung von Verbandsstoffen und Pflastern in Lemberg, alles wandert in die Tasche der katholisch-polnischen Nation. Jetzt haranguiert man die jüdische Kaufmannschaft, nur Landesprodukte zu kaufen, bald wird man in Acht und Bann getan werden, wenn der jüdische Händler seinen Warenbedarf außer den Grenzen seiner polnischen Heimat decken wird. Der Appell zur Rettung und zur Mitarbeit ergeht an die Bracia mojzyszowego wyznania Brüder mosaischen Glaubens nicht zum erstenmale und stets in schmeichelhaftesten Ausdrücken, so im Jahre 1848 und 1863?! Der polnische Vvlksmund hat in sehr bezeichnender Weise die polonica fides geprägt in den Worten: Jak bieda, to do zyda Po biedzie za drzwi zydzie zu deutsch: Gerätst du (Pole) in Not, geh zum Juden, Nach der Not — hinaus Jude. Wer bürgt uns dafür, daß, wenn es den Polen gelingt, die heimische Industrie fruchtuud gangbar zu gestalten, sie nicht ihre Ware nur an die Sklepski der kolko rolnize abgeben werden, um den jüdischen Handel zu unterbinden» analog wie der Landesausschuß beim Salzhandel vorgeht, wo er den jüdischen Kaufleuten einfach kein Salz liefert? Lange genug hat der Adel das süße Gefühl des Quos ego des kategorischen Imperativs empfunden. Der ehemalige, wie ein Wurm unter den Hieben der Schlachta sich krümmende Bauer rückte bekanntlich zum „Kleingrundherrn" auf! Und doch konnte er seines freiheitlichen Daseins nicht froh werden — dafür sorgte der Großgrundherr und seine Hungerlöhne. Die Verarmten und ausgehungerten Bauern, zumeist dem ruthenischen Volksstamme angehörig, wandern aus, die Auswanderer aber nehmen mit sich ihre billige Maschinenkraft, die Hände, welche den grundgescheiten Feudalherrn billig Arbeit zu leisten pflegten. Dieser empfindliche Entgang stieg der Schlachta wohl zu Kopf; sie setzten im Reichsrate die Errichtung von Arbeitsbureaus durch, um mit Hilfe des Staates die Emigration einzudämmen und die Arbeiter nach Belieben zu dirigieren, indeß der Jude seinen Bettelsack umhäugen und ungehindert das Weite suchen kann. Ob aber das Zurückdämmen der Bauernemigration nach Wunsch vor sich gehen wird — ob nicht diese Satrapenherrschaft Zusammenstöße zwischen Bauern und Schlachta herbeiführen wird, das wird die Zukunft lehren. Das „Deutsche Tagblatt", früher „Ostdeutsche Zuckerrundschau", bringt in ihrer Pfingstnummer am 22. Wonnemond einen recht traurigen Artikel über die Fahnenflucht ihrer ehemaligen Anhänger. Wir reproduzieren diesen Artikel auszugsweise, da er einerseits sehr bezeichnend ist für die jetzige Lage der Wiener Deutschnationalen, andererseits ein scharfes Licht auf jene Herren wirft, die sich bei jeder Gelegenheit über die moralische Inferiorität der Juden entrüsten zu können glauben, selbst aber, wie der Artikel ihres Bruders in Antisemitismo zeigt, in einem Glashause sitzen. Der Artikel des „D. T." lautet: . „Namens der Deutschnationalen sprach damals — Vergant gönnerhaft zu den Christlichsozialen: „Wir begrüßen Sie Mnz gerne, als Bundesgenossen gegenüber den Judenliberalen, aber rn der großen antisemitischen Bewegung bilden wir Deut sch - nationale die Garde und werden diese Stellung niemals aufgeben." Fünfzehn Jahre sind seither verflossen. Wo sind sie alle die „Deutschnationalen", die Ausschutzmitglieder des „Deutschen Volksvereins", die nationalen Gemeinderäte und Bezirksausschüsse, die einstigen Vertrauensmänner des «Vereins der Deutschnationalen", die von-deutschem Radikalismus überschäumenden Lehrer u. v. ä.? Vergant, Bäumann, Tomola, Rissaweg, Rudolf Müller, Dr. NeUrneher, Bock, Stifft, Arnoscht, Lettner, Dr. Mayreder, Dr. Spannagl, Direktor Pollak, Jerzabek, Siegmeth, Steiner, Dr. Wesselsky \ und wie sie alle heißen, .wo sind sie, d i e m i t d e r K o r n b l ume im Knop floche gar oft die „Wacht am Rh ein"^gesungen, „Heil Germania" und „Pfui Lueger" g.er u f eii? Alle sind sie teils „still auf.gerettetem Kahn", teils „frohlockend mit guter Ladung" im Hafen KlerUäris.aus gslan-et.i MW mag wo einer oder der andere der einstigen deutschnationalen «Vorkämpfer" zu Hause im: stillen Kämmerlein der Vergangenheit gedenkend sich sagen wird:- „Schön war es doch damals, wo ich mich noch für ein Ideal be-! geisterte", allein rasch auffahrend und errötend Mrd er dann bedenken, was er dafür, dank seines Gesinnungswechsels, mittlerweile an Aemtern und Würden, an Geld und Gut erworben, weshalb er bei nächster Gelegenheit für den gottlosen Gedanken an die Vergangenheit Butze tuend eine um so tiefere Verbeugung vor Dr. Lueger, seinem Herrn und Gebieter, machen wirdl Ja, wer hätte es damals geahnt, daß ein Ernst V e r g an i, welcher in seinem Blatte die „katholischen" Studentenverbindungen täglich verhöhnte, sich einst glücklich schätzen wird, wenn ihm eine „Norica" oder «Austria" Berichte über ihre Chärgenwahl senden wird. Wer würde einem nicht an die Stirne gegriffen oder den Puls gefühlt haben, wenn man gesagt hatte) D a u ckNrnn, der Währinger strammnationale Baumauu, werde jemals mit dem Prinzen Liechtenstein durch Dick und Dünn gehen und den Kerzelweibern der unterschiedlichen Maria-Zeller-Wallfahrervereine seine Reverenz machen? Und T o m o l al Du meine Güte, der Tomola! Niemand lvar ihm national genug, niemand konnte ihm genug über die „schwarze Sippe", wie er noch vor 8 bis 10 Jahren seine heutigen politischen Freunde nannte, losziehen. Die Abende der „Tafelrunde deutscher Lehrer", welchen er als Obmann Vorsatz, zählten zu den Eliteveranstalbingen deh nationalen' Gemeinde Wiens. Nur vollgültigen, strammen Parteigenossen gab er Zutritt. Tomola hielt die Festrede, als Schönerer die politischen Rechte wiedererlangte (1893): „Greise sollten vor Freude weinen, Kinder jubeln, Schönerer ist wieder unser", so ähnlich lautete eine der Redewendungen bei der damaligen Festveranstaltung beim „Auge Gottes". — Einige Jahre später beantragte derselbe Mann, welcher mittlerweile christlichsozialer Stadtrat geworden war — abgeschworen hatte er indes Schönerer, Wolf mrd all den anderen ttt deutschnationalen Unholden — die Ablehnung eines Subventionsgesuches desselben Vereins, dessen Obmann er vor kurzem noch gewesen ivar, mit der Begründung, es sei über diesen Verein „nichts Näheres bekannt". Rissaweg, heute auch Stadtrat von Luegers Gnaden, beklagte sich noch bei einem Maifeste des Bundes der Germanen im Jahre 1896 oder 1896 über das durch Lueger begünstigte Anwachsen des Klerikalisrnus in Wien, Gemeinderat Rudolf M ii l l e r unterschrieb noch um dieselbe Zeit deutschnationale Wahlaufrufe, Dr. N e u m e y e r ivar bis zum Jahre 1896 Vertrauensmann der Partei und meldete mittels heute noch gut aufbewahrter Visitkarte erst dann seinen Allstritt aus dem Verein der Deutschnationalen, als ihm die goldene Vizebürgermeisterkette winkte. Bock und Stifft zählten ebenso zu den führenden Persönlichkeiten der radikälnationalen Bewegung im 13. Bezirk, wie Leitner im 17., Pollak im 10., Steiner im 19., Siegmeth im 14. Bezirk. Der heutige Gemeinderat Je rz a b e k, einer der „gesinnuugstüchtigen" Lehrer am Wiener Boden, verkehrte bis vor zirka 9 bis 10 Jahren bei einer stramm deutschnationalen Verbindung in Margarethell, hielt begeisternde völkische Reden uub wohl hundertmal konnte man ihll den Gassenhauerrefcain singe,l hören: „Taaffe, Rieger, Liechte n st e i n, das silld die wahren Volksbeglücker — oder was beißt mich." Und so iveiterl Eili Buch könllte man voll schreiben, wollte mari alle jene Personell kellnzeichnerl, welche mit fliegenden Fahnen zur „Ecclesia triumphans" — chrlstlichsozialen Partei hinübergeschwenkt sind. Alle wurden sie entsprechend belohnt. Direktorennnd Oberlehrerstellen, Landtags-, Reichsvats- oder miildestens Stadtratslnandate und andere mehr oder nlillder ergiebige oder doch ehrenvolle Auszeichnungen wurdell huldvoll verabfolgt, so lange der Vorrat reichte. Später aber, als die erbgesessenen aften Chrlstlichsozialen zu murren begannen, da mutzte ein Halt gemacht werden. Nur dem Dr. Wesselsky, dem Verfasser des «berühmten" Quo badis-Aufsatzes, gelang es lioch rasch als Stadtrat unterzuschlüpfen. Seither werden wieder die Stamm-Christlichsozialeil