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Jüdisches Volksblatt · 1904-05-27 · 22 (27.5.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
22 (27.5.1904)
Date
1904-05-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt, 27. Mai 1904 Nr. 22 Jndenkinder in polnischen Schule». In Podwoloczyska, einer an 5000 Seelen zählenden Stadt, von denen'wohl 4500 Juden sind, ist die scchsklaffige Volksschule der willkürlichen Leitung des Titular-Direktors Jan T nr sky überlassen. Dieser Herr ist Antisemit. Jedes Tierchrn hat sein Plaisirchen. Jnsolange Herr Tursky seinen Ansichten einen beschränkten Kreis verlieh, wurde von seiner Person wenig Notiz genommen. Nun aber er sieht, dcrß man ruhig duldet, beginnt er auch öffentlich seine Ansichten aufzutischen. Sv kam er kürzlich in einen jüdischen Friseurladen — es sind nämlich keine christlichen hier — und begann öffentlich über die Inden zu raisonnieren, indem er sagte, daß, wo man hinsehe, nur Juden und Jüdinnen zu treffen seien und lauter jüdische Geschäfte sind. Nicht genug an dem, auch tu der Schule, den Kindern gegenüber, läßt er seinen Gefühlen freien Lauf, indem er di» jüdischen Kinder mit „ihr judenschäbige Judenbagage" apostrophiert. Bor den Pfingstfeiertagen sagte Herr Tursky: «Die Juden haben Freitag und Samstag Feiertage. Am Freitag können die Juden zu Hause bleiben, wer aber sich unterstehen sollte, auch am Samstag dem Unterrichte fern zu bleiben, der wird von dem Klassenlehrer eine Strafe, außerdem aber um eine Stufe niedrigere Sitten- und Fleißnote bekommen/ Dies ist zu viel! Eine moralische Preffion auf die Kinder auszuüben ist wahrlich nicht dazu angetan, den freien Geist der Kinder zu fördern. Ist es nicht möglich, daß an zuständiger Stelle solchen Willküren rechtzeitig gesteuert wird? Wie verhält sich der galizische Landesschulrat zu diesem polnische» Hakatisten? Ferner fragen wir die anständigen Polen, was sie dazu sagen würden, wenn ihren Kindern etwas Analoges z. B. in Preußen passieren würdeV! Sie würden gewiß sehr entrüstet sein. Kultuswahl in Stanislau Nach langen Vorbereitungen wurde nun endlich die gefürchtete Kultuswahl in Stanislau durchgeführt. Es war ein heißer Kampf der »Jungen" gegen die alte Kahalswirtschaft. Leider waren die Anstrengungen der nationalen Parteien nicht von dem erhofften Resultate begleitet, denn die offizielle Liste drang, wenn auch nicht mit allzugroßer Majorität durch. Ausland. Ein Kolomsationsverein in Paris. Der Pariser Verein „Jischub Erez Jisroel", der mehrere Jahre seine Tätigkeit eingestellt hatte, hat dieselbe wieder ausgenommen und am 9. d. M. | in einer zahlreich besuchten Versammlung seine Rekonstruktion bej schlossen. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Weißkopf, eröffnete die. Versammlung mit der Verlesung eines Schreibens des Grand-! Rabbin Zadoc Kahn, in welchem dieser seine wärmsten Sympathien j für die Arbeiten der Kolonisations-Vereine kundgibt und es lebhaftj bedauert, durch anderweitige Beschäftigung verhindert zu sein, perj sönlich zu erscheinen. Der Vorsitzende gab dann einen Ueberblick, über die Geschichte der jüdischen Kolonisations-Bestrebungen iü Pa-' lästina, durch welche die große Liebe der Juden zum Lande ihrer * Väter praktische Gestalt habe. Herr Redakteur Prague berichtete' über die frühere Tätigkeit des Pariser Vereins, der neben seiner Mitwirkung bei der Gründung der Kolonie Kastinje auch den Anstoß zu Begründung des „Zentral-Komitees der Choweweh Zion" gegeben habe, das mit der Zeit sich zum Mittelpunkt für alle jüdische Kolonisations-Unternehmungen in Palästina gestalten dürfte. Redner legte die Gründe dar, welche die Pariser Vereinigung nötigten, für längere Zeit in Untätigkeit zu verharren. Die Gründe bestehen nicht mehr, es wäre daher an der Zeit, sich der Arbeit von neuem zuzuwenden. Die Kolonisation Palästinas sei der Ausgangspunkt, von dem aus das gesamte' jüdische Volk den Weg zu seiner sozialen und ökonomischen Verjüngung betreten könne. Herr Professor Joseph Hälevy forderte in einer überaus warmen Ansprache die Anwesenden auf, sich in der Liebe zu Zion zu vereinigen, damit auch das französische Judentum in die große, ganz Israel umfassende Bewegung eingreifen könne. Nachdem sich noch eine ganze Reihe anderer Redner in demselben Sinne geäußert! hatte, wurde beschlossen, eine lebhafte Propaganda zu beginnen und! zu diesem Zwecke ein Komitee einzusetzen. Binnen kurzem findet eine zweite Versammlung statt, nachdem ein Vertreter des Ver-! eins, Mr. Spanien, von einer Reise nach den jüdischen Kolonien Palästinas zurückgekehrt sein wird. Zum Schluffe der Versammlung teilte der Schriftführer, Mr. Prague, mit, daß zahlreiche neue' Mitglieder an diesem Abend dem Verein beigetreten sind. Die zionistische Bewegung. Vor einigen Tagen hat in Mailcmd eine Zionistenzusammenkunft stattgefunden, die bewies, daß die Ideen dieser Bewegung, die in Italien erst im Jahre 1898 Eingang gefunden, während dieser Zeit feste Wurzeln geschlagen j haben. Prof. Carlo Conigliani hat um sich eine Schar jüngerer' Kräfte vereint, die sich mit ihm für das Ziel, den jüdischen Proletariern Galiziens, Rußlands und Rumäniens ein Asyl in Palästina zu verschaffen, in rastlos tätiger Arbeit einsetzen. In Ancona und Neapel bildeten sich die ersten zionistischen Vereine Italiens, dann folgten Ferrara, Modena, Mailand, Venedig, Turin, Bologna und Rom. Die Häupter der zionistischen Bewegung wußten ja sogar den Papst und seinen Staatssekretär für die Realisierung ihrer Pläne zu interessieren — beiläufig bemerkt, auch ein bemerkenswertes Symptom für die Aenderungen in den Gesinnungen des Vatikans. Die jüngste Mailänder Zionistenzusammenkunft hat sich besonders mit den Beziehungen zwischen östlichen und westlichen Zionisten beschäftigt und erklärt, daß die nationale Note, die der zionistischen Bewegung im Osten innewohne, bei den italienischen Zionisten, die sich in erster Linie als Italiener und dann erst als Juden fühlen, keinen Widerhall finden könne und dürfe. Endlich wurde als eine der wichtigsten Aufgaben des Zionismus anerkannt, die moralische und physische Besserung des jüdischen Proletariats anzustreben. Lebenslauf des kürzlich verstorbenen französischen Generals See. General See trat im 18. Lebensjahre in die bekannte französische Militärschule zu Saint Cyr ein, wurde 1842 Unterleutnant im 3. Linien-Jnfanterie-Regiment, 1847 wurde er dann zum Leutnant befördert, 1850 avancierte er ztim Kapitän und trat in diesem Range in das 14. Zuaven-Regiment ein, das damals unter dem Oberst von Bourbaki in Algier stand. Er machte mehrere Kriegszüge ins Innere des Landes mit. 1854 wurde das Regiment nach der Krim beordert, dem Schauplatz des englischfranzösisch-türkischen Krieges gegen Rußland. Hier im Krimkriege nahm er teil an den Kämpfen bei Alma sowie bei der Belagerung von Sebastopol und an den Schlachten von Jnkermann und Traktir. Er trug mehrere Verwundungen davon und wurde mit dem Kteuze der Ehrenlegion dekoriert. Bei dem Sturm auf den Malakowturm befehligte er das zweite Zuaven-Vataillon. Hier wurde er wieder verwundet, aber durch seine todesmutige Kühnheit half er anerkanntermaßen zu dem großen Erfolge des Tages, er war einer der Ersten, der die Festnngswälle überstieg. Bald stieg er zum Bataillonschef im 90. Linienregiment auf und 1858 tonrde er zum zweiten Grenadier-Regiment der kaiserlichen Garde nach Versailles versetzt. In dieser Stellung machte er den italienischen Krieg mit und nahm teil an der Schlacht von Magenta, 1863 wurde er Oberstleutnant, 1807 tvar er beteiligt bei der Besetzung Roms und 1868 avancierte er zum Obersteil des 65. Linicnrcginients in Valcilcienncs. Auch den Krieg 1870/71 nlachte er init, er kürnpfte bei St. Privat i und Gravelotte. In den Kämpfen vor Metz wurde er schwer ver- | wandet und dann als invalid nach Paris zurückgesandt. Aber! er hielt es dort riicht lange aus. Trotzdem die Wunden noch nicht geheilt waren, stellte er sich der Nationalverteidigung zur Verfügung. Er tvurde als Brigadegeneral mit der Verteidigung von Chareilton betraut. Dann wurde ihm nacheinander das Kommando der Seine et Marne-Division, der Infanterie-Division in Langres und 1874 in Paris ein gleiches Kommando übertragen. '1880 erfolgte seine Ernennung zum Divisionsgeneral und im Jahre 1887 seine Zurdispositionsstellung. Djaß die Zahl der Ehrenzeichen und Orden bei einem Manne, der so viele Kriege und Schlachten mitgemacht, eine sehr große war, bedarf wohl keiner Erwähnung. See nahm sich der jüdischen Interesseil bei jeder Gelegenheit all und gehörte seit 1896 auch dem Z e n t r a l - K o n s i st o r i u m der Juden Frankreichs a n. Die Juden und die EinwauderungSbiU-Der Gesetzentwurf zur Beschränkung der Einwanderung findet außerordentlich scharfe Gegnerschaft unter der einflußreicheren Studentenschaft Englands, weil der betreffende Entwurf sich, wenigstens implizite, gegen den Zufluß der mittellosen Juden aus Rußland und Rumänien richtet. England hat sich auch nach dieser Richtung hin ein Beispiel an der einschlägigen Einwanderungs-Gesetzgebung der Vereinigten Staaten genommen. Besonders energisch macht sich diese Opposition in Manchester geltend, wo die Juden &/% Prozent der Gesamtbevölkerung bilden. Die jüdischen Wähler Manschesters haben beschlossen, bei der nächsten Parlamentswahl gegen alle jene bisherigen Vertreter Manschesters zu stimmen, die im Unterhaus für die neue Einwanderungsbill gewesen sind. Es sind das sechs Abgeordnete, worunter sogar der Premierminister Balfour. Zum Zweck der Bekämpfung des Gesetzes hat sich eine eigene große Vereinigung gebildet, die „Manchester Jewifh Registration Association", deren Präsident, ein Herr Laski, die Ansicht geäußert hat: »Die Bestimmungen der Bill gegen die Zulassung von Fremden, blos weil sie arm sind, seien typisch für die schlimmste Art der Unterdrückung, wie sie in Rußland gehandhabt werde/ Die „Fremden" in England. Der „Fremde" Israel G o wski, ein galizischer Jude, wurde im Vorjahre in London wegen Bettelei verhaftet. Man verwies ihn des Landes. Vor einigen Tagen wurde er jedoch wieder wegen Bettelei zur Polizei stellig gemacht und wurde zu drei Monaten schwerer Arbeit verurteilt. Von dem bei ihm Vorgefundenen Gelde wurden ihm zwölf Shilling per Woche für die Dauer seiner Haft konfisziert. Da hat sich der andere „Fremde" viel „anständiger" benommen; er spendete dem Londoner allgemeinen Krankenhause dreißigtausend Pfund Sterling, etz verschwieg dabei sogar seinen Namen, er nannte sich kurzweg „ein Fremder". Ja, solche „Fremde" wären John Bull allerdings willkommen. Aus der Sitzung des Zentral-Komitees der Alliance vom 4 Mai d. I. 1. Eine neu- Summe'vvu 5000 Frs. wurde für die Israeliten' von Stat (Marokko), die sich infolge der Dezember-Unruhen nach Casablanka geflüchtet haben, bewilligt. 2. Zur Gründung einer Darlehenskasse in der Gemeinde Bakau (Rumänien), die sich ihrerseits zu dem gleichen Beitrag verpflichtet hat, wurden 2000 Frs. bewilligt. 3, Das Komitee beschloß, die Domäne La Reghaia, 30 km von Algier entfernt, zu erwerben, um dort Zöglinge der Ackerbauschulen der Alliance, namentlich aus der Ackerbauschule von Djedeida, ansässig zu machen. Die Domäne umfaßt 1780 ha. Große Judenauswanderung aus Baffaravien. Mit Rücksicht darauf, daß die Auswanderung der Juden aus Beffarabien in letzter Zeit große Dimensionen angenommen Hat, wandte sich die Leitung der „I c a" an das russische Ministerium des Innern mit dem Ansuchen, die Zahl der Vertreter der Gesellschaft in dieser Gegend entsprechend erhöhen zu dürfen. Unter den Ausgewanderten befinden sich auch fünfzehn wohlhabende Familien. Viele andere haben bereits um ihre Reisepässe angesucht. Ein Teil der Auswanderer besteht aus Kolonisten, die im Chersoner Gouvernement angesiedelt waren und wegen Mangels an Boden jetzt übers Meer wandern. Herr David Feinberg begab sich nach- Südrnhland, um die Auswanderung zu überwachen. CH. S- Slonimski. DaS Leichenbegängnis des im hohen Alter verstorbenen Gelehrten und Schriftstellers CH. S. Slonimski fand am 16. d. M. nachmittags unter überaus großer Beteiligung in Warschau statt. Sämmtliche russischen Blätter widmeten dem dahingeschiedenen Gründer der ,/Hazefirah", und Berfaffrr mehrerer bedeutender Werke in russischer und hebräischer Sprache warme Nachrufe. Trauerreden wurden mit Rücksicht auf die Feiertage nicht gehalten, doch werden noch innerhalb der dreißig Trauertage in vielen Synagogen Trauergottesdienste abgehalten werden. Jüdische Einwanderung in Amerika. Der soeben veröffentlichten Einwandernnßsstatist ik der Ver. einigten Staaten entnehmen wir folgende, die jüdische Einwanderung betreffenden Zahlen: Die gesamte jüdische Einwanderung betrug im vergangenen Jahr 76203, darunter 43985 männliche Einwanderer. 19044 waren jünger als 14 Jahre.^53074 zwischen 14 und 46 Jahre, 4085 über 45 Jahre alt. 4648 Einwanderer besaßen bei der Landung mehr als 30 Pfd. St., alle zusammen 738866 Pfd. St. Nur 991 wurden zurückgeschickt, 706 weil sie nicht die zur Landung erforderliche Summe besaßen, 252 wegen ansteckender Krankheiten und nur 24 als Kontraktarbeiter. Aus Rußland kamen 47689, also weit mehr als die Hälfte der gesamte» jüdischen Einwanderung. Aus Oesterreich-Ungarn 16859, aus Rumänien 8562 Juden. Dann folgt gleich Deutschland mit 477 und England mit 420 Juden. 66"/o der Einwanderer d. h. 50946 blieben in der Stadt New-Aork, 8206 gingen nach Pensylvania. Die übrigen verteilen sich auf alle anderen Staaten und Territorien der Union, ausgenommen Wyoming und New-Mexiko. Unter den Eingewanderten sind alle Berufszweige vertreten, am stärksten die Dienstboten (!) mit 7039 und die Schneider mit 3316 Einwanderer». Im ganzen finden wir da 27071 gelernte Arbeiter und Handjverker. Was die Qualität der Einwanderung betrifft, so steht das jüdische Element nach Bekundungen der maßgebendsten Persönlichkeiten keinem andern nach. Uever die jüdischen Reformvestrevungen im 19. Jahrhundert hielt Rabbiner Dr. Cohn aus Basel im kleinen Aubettesaal vor den Mitgliedern des Kium-Emunoh-Vereines in Straßbnrg einen Vortrag. Die jüdische Reformbewegung knüpft gewöhnlich an den Namen Moses Mendelssohns an, jedoch mit Unrecht, da Mendelssohn ein frommgläubiger Jude war, wie unter anderen sein Ausspruch beweist: „In der Tat sehe ich nicht ein, wie diejenigen, die im Hause Jakobs geboren sind, sich auf irgend eine Weise vom Gesetz entledigen können. So lange wir keine authentische Befreiung vom Gesetz aufzulveisen haben, haben wir dazu kein Recht." Von seinen Kindern und Schülern aber wurde er mißverstanden; seine Kinder ließen sich mit Ausnahme eines einzigen taufen, und seine sämtlichen heute noch lebenden Nachkommen gehören dem Judentum nicht mehr an. Bis 1823 traten in Berlin 1236, im übrigen Preußen 1382 Juden zum Christentum über, und zwar meist aus den gebildeten Kreisen, so daß die Bildung bei der Orthodoxie in Verruf kam. Nachdem im ersten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts eine Reform unter napolconischen Auspizien gescheitert war, trat in Deutschland Israel Jakobsohn als Begründer der deuffchen Reform auf den Plan. Er ging bei seinen Bestrebungen insbesondere von der nach Ansicht des Redners durch nichts begründeten Unterscheidung zwischen politisch-nationalen und rein religiösen Gesetzen des Judentums aus, eine Unterscheidung, die später Schule machte. 1818 gründeten einige reiche Hamburger Juden einen Reformtempel, für den eine Orgel angeschafft und ein eigenes Gebetbuch mit christlichen Anklängen ausgearbeitet wurde. Die Reform ist stets die Vorfrucht des Christentums und der Taufe gewesen; die Orgel ist seither in orthodoxen Kreisen verpönt. Der Hamburger Reformtempel hat keine Nachahmer geftmden. In den 30er und 40er Jahren fanden sodann die Rabbinerbesprechungen und Versammlungen in Wiesbaden (1834), Frankfurt a. M. (1844), Breslau usw. statt, die zu keinen dauernden Resultaten führten. Holdheim und Geiger waren die führenden Männer dieser Bewegung. Allen diesen Bestrebungen war der Gedanke gemeinsam, das Judentum zeitgemäß zu gestalten.. Holdheim, der bedeutendere, kämpfte insbesondere für den Unterschied zwischen politisch-nationalen und rein 'religiösen Bestandteilen. Geiger, der Verfechter einer langsameren Reform, ist der Erfinder der „Zweiseelentheorie", wonach die wissenschaftliche mit der religiösen Ueberzeugung in Widerspruch stehen könne. Die Rabbiner- Versammlungen überlebten sich; niemand wollte ihnen mehr folgen,, aber 26 Jahre später erstanden sie wieder in verschlechterter Auflage in den 1869 zu Leipzig und 1871 zu Augsburg abgehaltenen Synoden. Auch sie fanden von Anfang an kein Interesse. Bon 100 OOO eingeladenen europäischen Gemeinden waren nur 20, von 10 OOO deutschen nur 18 der Einladung gefolgt; cntf der zweiten Synode zu Augsburg sah man die Resultatlosigkeit aller derartigen Bestrebungen endgiltig ein. In der früheren jüdischen Geschichte gibt es für diese Bewegung kein Analogon; Samariter und Sadduzäer stehen hoch über den „Reformjuden". Die Reform mußte nach Ansicht des Redners scheitern, weil sie nur die theoretische Beschönigung eines schon vorher erfolgten praktischen Abfalls war, während beider großen christlichen Reformation erst die veränderte Lehre und dann die Praxis kam. Den Ausführungen des Redners, der eingangs bemerkt hafte, mit' seinem Vortrage keine Beziehungen auf die ihm ganz unbekannten religiösen Verhältnisse in Straßburg nehmen zu wollen, folgte am Schluffe lebhafter Beifall. Der Hilfsverein der deutschen Juden, der am 28. Mai 1901 begründet ist, hat in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit bereits einen solchen Aufschwung genommen, daß seine Mitgliederzahl auf 6900, seine Einnahmen einschließlich der Spezialsammlung auf 950 OOO Mark angewachsen sind. Freilich konnten die Ereignisse kaum eindringlicher beweisen, daß der Verein einem dringenden Bedürfnisse entspringt und entspricht, als es in den letzten Jahren die blutigen Judenverfolgungen in Rußland und die gehässigen Gesetze gegen die Juden in Rumänien getan haben. Man hat den deutschen Juden oft vorgcworfen, daß sie sich fremden Gesellschaften dienstbar machen; man hat insbesondere die abgeschmacktesten Märchen über die seit. 1860 bestehende Alliance israelite universelle, die ihren Sitz in Paris hat, verbreitet. Aber so unberechtigt jene Anschuldimmgen waren, so fühlbar war doch den deutschen Juden selbst der Mangel einer einheitlichen Hilfsorganisation, wie sie in Paris, in London, in Wien besteht. Die Folgen zeigten sich besonders unlrebsam, wenn unerwartet die Notwendigkeit umfassender Unterstützung eintrat. Für den einzelnen Fall mußten dann Ausschüsse und Komitees geschaffen werden, die nach kurzer Zeit'wieder verschwanden. Immer reger wurden die Wünsche, daß eine feste, dauernde Zentralisation der Hilfstätigkeit der Juden auf nationaler, deutscher Grundlage eintrete, um nicht nur der Not zu steuern, sondern auch im fernen Orient dem Deutschtum Vorschub zu leisten, beides nach einheitlichem zweckdienlichen Plane. Aus diesen Stimmungen und Erwägungen ist der Hilfsverein der deutschen Juden hervorgegangen, nicht im Gegensatz zu den ähnlichen ausländischen Organisationen, sondern in dem Verlangen, sie zu ergänzen und vielfach mit ihnen gemeinsam zu wirken. Mit Recht konnte in der letzten Generalversammlung der Iverktätige Geschäftsführer des Vereins, Dr. Paul Nathan, sagen: „Auch unsere Tätigkeit bahnt der Kultur den Weg; wir arbeiten nicht nur im Interesse unserer Glaubensgenossen, sondern zugleich im Interesse jener Staaten, deren jüdischer Untertanen wir uns annehmen; denn wenn wir die geistigen unb materiellen Fähigkeiten unserer dort lebenden Glaubensgenossen entwickeln, so ist das auch ein Degen für das betreffende Land. Darum dürfen wir hoffen, daß uns der gebildete Teil der zivilisierten Welt und nicht blaß die Juden bei unserer Arbeit unterstützen werden." Der Hilfsverein hat für die Verfolg-. Len von Kisehenew 660 000 Mark aufgebracht. Er bemüht sich, in Galizien die Lage des jüdischen Proletariats durch Hausindustrie zu verbessern; er sucht in Rumänien deutsche Bildungsanstalten für die Juden zu schaffen und zu erweitern; er nimmt lebhaften Anteil an den Bestrebungen zur Unterdrückung des müvürdigen Mädchenhandels: er unterstützt deutsche Schulen, Seminare, Kindergärten in Konstantinopel, Jaffa, Jerusalem und anderen Orten, auch die anatalisehen Kolonien der rumänischen Juden; er sucht Inden zu tüchtigen Landwirten unb Handwerkern heranznziehen. ädnrzurn, die Tätigkeit des Hilfsvereines ist eine echt humanitäre und zugleich zivilisatorische. Es ist daher erfreulich und natürlich, daß ihm die wachsenden Sympathien weiter Kreise zuteil Iverden. Im letzter: Jahre ist ihn: ein Vermächtnis in der Hohe von 300 000 Mark von der Baronin v. Cohn-Oppenheim zugefallerr. Auch das Komitee für die rnssisch-jüdischerr Flüchtlinge hat ihm 25 000 Mark überwiesen. Indessen erfordern die Zwecke des Vereins so viel Mittel, daß es noch des Beitritts vieler Mitglieder und reichlicher Zuwendnngen bedarf, soll auch nur der bittersten Not abgeholfen werden. Es darf daher gehofft unb muß gewünscht werden, daß der Verein sich auch ferner in demselben Maße enttvickle unb erweitere, wie in der: ersten drei Jahren seines Bestehens. Vorsitzender des Hilfsvereines deutscher Inden ist Herr James Simon, Tiergartenstraße 16 a; das Bnrean des Vereines befindet sich Potsdamerstraße 39.

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