Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 22 (27.5.1904)
- Date
- 1904-05-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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9 Seit« 4 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 27. Mai 1904 Nr. 22 N a ch mittag s s i tz u :: g. Die Berichte -er Gg. Bloch und Obernik werden mit Befriedigung zur Kenntnis genommen- Sodann hält Gg. Groß- Wien das Referat über „Unsere Stellung im Zionismus und zur Sozialdemokratie". Er führt in einem ivohlangelegten anderthalbstündigen Referate ungefähr folgendes ans: Der Zionismus ist keine Klassenpartei, sondern umfaßt alle Schichten und Klassen des jüdischen Volkes. Der Zionismus kann den Proletarier nicht entbehren. Wie sollen sich diese organisieren? Nationalfonds- und Schekelsammlungen können keine Grundlage für eine feste Organisation bilden. Die wirtschaftlichen Interessen müssen wahrgenommen tverden. Bis jetzt hatten wir Jeirt Programm, es wird Aufgabe einer von allen Koale-Zion zu beschickenden Konferenz sein, ein solches zu fixieren. Die Organisation kann nur in der Weise durchgeführt lverden, daß sie politisch zionistisch dem Kongresse unterstehend in wirtschaftlicher Beziehung vollkommen autonom sei. Diese Separierung ist nicht jüngsten Datums. Es ist ein tiefer gesellschaftlicher Gegensatz im Judentum vorhanden. Es muß der wirtschaftliche Kampf durch Schaffung von Gewerkschaften in die Bewegung hineingetragen werden. Dia Sozialdemokratie führt aus dem Judentume hinaus, sie gibt einen Wechsel auf die Zukunft, der am Verfallstage keinen Präsentanten vorftnden wird. Die Lage der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten ist eine exzeptionelle, die Sozialdemokratie verschlechtert dieselbe nur, wenn auch ungewollt, z. B. durch die Verstaatlichungs- und Verstadtlichungstendenz. Der jüdische Arbeiter sei lediglich auf die noch nicht assimilatorischen Arbeitgeber angewiesen, der hiedurch über eine furchtbare Waffe im wirtschaftlichen Kampfe verfügt, da er nur nichtjüdische Arbeiter zu nehmen braucht, um den jüdischen vollständig zu schlagen. Es ist daher für die wirtschaftliche Struktur der jüdischen Arbeiterschaft nicht angezeigt, daß sie sich der Sozialdemokratie anschließt. Wir wollen zionistische Gewerkschaften begründen und bei der Unterstützung der Sozialdemokratie, auch" ihrer politischen Aktionen, uns immer nur fragen, ob es den Juden nützt. Wo es uns Juden schädigt, müssen wir die Unterstützung verweigern. Reicher Beifall wurde dem Referenten für seine Ausführungen zuteil. Die Debatte über dieselben wurde auf den nächsten Tag verschoben und eine Kommission gewählt, um die aus dem Referate sich ergebenden Thesen zu redigieren. Die von dieser Kommission vorgelegten und fast durchweg einstimmig angenommenen Thesen wollen wir schon jetzt bringen, während wir über die Debatte über das Referat Groß und die Thesen erst in der nächsten Nummer berichten werden. Thesen zum Referate über unsere Stellung im Zionismus und zuri SozftalDemokratie. 1. Wir stehen auf dem Boden des Baseler Programmes und innerhalb des vom Kongresse geschaffenen Organisationsrahmens. 2. Wir erblicken im Zionismus keine Klassenpartei, sondern die berufene Repräsentanz aller Klassen und Schichten des jüdischen Volkes, welche die Fortexistenz desselben durch Schaffung einer eigenen Heimstätte dauernd sichern wollen. Der Zionismus verlangt demnach von seinen Anhängern keineswegs, daß sie ihre Gesinnungen in sozialer Beziehung verleugnen. 3. Das jüdische Proletariat kann nich't als Objekt unserer Bewegung angesehen. werden, sondern muß Objekt und Subjekt zugleich sein. Die zionistische Politik kann und darf darum^nur eine demokratische sein, die alle in unseren Volksmassen vorhandenen Kräfte weckt, um sie in den Dienst unseres Endzieles zu stellen. 4. Die jüdische Arbeiterschaft, welche infolge ihrer im Verhältnis zum arbeitslosen jüdischen Proletariat günstigeren Lage besonders berufen und befähigt ist, ein kräftiger Träger der zionistischen Idee zu sein, kann sich innerhalb des Zionismus nur in der Weise organisieren, daß sie, politisch-zionistisch dem Kongresse unterstehend, in ihrer sozialwirtschaftlichen Tätigkeit vollständig autonom sei. 5. Die Lage der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten ist mit jener der nichtjüdischen nicht identisch, weil der jüdische Proletarier nicht nur gegen Ausbeutung zu kämpfensondern noch mehr durch die wirtschaftliche Verdrängung zu leiden hat. Aus diesem Grunde darf die jüdische Arbeiterschaft ihre wirtschaftlichen Organisationen nicht in den Dienst der sozialdemokratischen Partei stellen, welche diese Tatsache verkennt und deren Endziele für den jüdischen Arbeiter so lange von sekundärer Bedeutung bleiben müssen, als nicht durch ein eigenes Territorium eine normale Klassenentwicklung ermöglicht wird- Eine eventuelle Anerkennung der nationalen Autonomie für die jüdische Arbeiterschaft seitens der sozialdemokratischen Partei ist sowohl in wirtschaftlicher als in nationaler Hinsicht vollständig wertlos. 6. Die auf zionistischer Basis aufgebauten rmd aufzubauenden Arbeiterorganisationen werden alle sozialpolitischen Aktionen der Sozialdemokratie unterstützen, die geeignet sind, die ökonomischen Interessen der jüdischen Arbeiter wahrzunehmei. 7. Die zionistische Arbeiterschaft wird nur jene politischen Aktionen der Sozialdemokratie unterstützen, durch welche die natio- ' nalen Interessen des jüdischen Volkes eine Förderung erfahren. Nach dem Referate Groß referiert Gg. Salomon H e r z - Lemberg über „Die Regelung der Arbeitszeit". Referent schildert in einem trefflichen Referate den kulturellen Tiefstand des galizischen Handelsangestellten, der, durch die späte Geschäftssperre auch zum Lumpen verleitet, auch moralisch verkommt. Er verlangt die 8 Uhr-Ladensperve, damit der Angestellte die Möglichkeit habe, sich weiterzubilden, sich zu erholen usw. Als Mittel zur Erwirkung der 8 Uhr-Ladensperre schlägt er vor: 1. stramme Organisation, 2. Stellenvermittlung. 3. Bildungsvereine. Haller- Lemberg erwähnt, daß Mädchen im Alter von 8—12 Jahren von 7 Uhr früh bis 12 Uhr nachts beschäftigt werden und fordert Beseitigung dieses Zustandes. Kenner- Tarnow meint, nicht nur die Ladensperre, sondern überhcnlpt die Verkürzung der Arbeitszeit sei anzustreben. Bienen stock - Tarnow spricht polnisch. Er verlangt Heranziehung der Frauen für die Ladensperre-Bewegung, Einführung von Arbeitslosenunterstützung und große Organisation. Obernik- Wien verlangt die 0 Uhr-Ladensperre für Engros-Geschäfte und die 7 Uhr-Ladensperre für Detailgeschäfte für de-n Westen Oesterreichs und erklärt diese Forderungen nur als Etappen zum 8stündigen Arbeitstag. Weiters bespricht er die Frage der Sonntagsruhe. Er fordert einen 36stündigen Ruhetag. Als Mittel zur Durchführung der Ladensperre empfiehlt er, das kontzlmierende Publikum durch Flugschriften, Maueranschläge usw. auf die Folgen der allzu langen Arbeitszeit aufmerksam zu machen. Er fordert ferner Verkürzurrg der Arbeitszeit der jugendlichen Arbeiter. Die GGg. Bloch --Krakau, Freund- Krakau, Halber- Lemberg, Kenner- Tarnow, sowie der Referent selbst in seinem Schlußworte traten für den 36stündigen Ruhetag (also eventuell Samstag statt Sonntag) ein. Hiemit schlossen die Verhandlungen des ersten Tages. \ . Nebenzahl. Czernowitzer Brief. (Roch einmal der Doktor Schorrl) „Ist Mordechai, vor welchem du zu fallen einmal anfingst, von jüdischer Herkunft: So wirst du ihm nicht beikommen, sondern noch immer tiefer vor ihm fallen." (Megillath Esther K. 6, V. 13.) Der in letzter Zeit zur traurigen Berühmtheit gewordene Dr. Schorr scheint lvirklich mit Blindheit geschlagen zu sein, wenn er nicht einsieht, daß die breite Oeffentlichkeit über ihn längst den Stab gebrochen und nicht Muße hat, sich mit seinen lächerlichen Paragraph 19-Bcrichtigungen, aus denen er als unschuldiges Täubchen hervorgehen will, zu beschäftigen. Auch für mich war die Sache bereits abgetan. Nun, Herr Dr. Schorr, nach dreiwöchentlicher Pause, durch eine kindlich-naiv gehaltene Paragraph 19-Berickstigung meinen letzten Bericht anzufechten wagt, gebietet es mir die journalistische Pflicht, der breiten Oeffentlichkeit zuliebe — mit Herrn Dr. Schorr mich in eine Polemik einzulassen, denke ich überhaupt nicht — in dieser Affäre noch einmal das Wort zu ergreifen. Ich muß aber vorausschicken, daß ich, wiewohl auf einen groben Klotz ein grober Keil gehört, den Dr. Schorr, wie früher, nur mit Glacehandschuhen anfassen werde, da ich nicht über ein solches Schimpflexikon verfüge, das dieser ehreniverte Herr in seinen zwei Artikeln in der „Volkspresse" gegen Dr. Diamant und die Zionisten insgesamt handhabte. Nun, sehen wir uns einmal die Berichtigung an: 1: «Es ist nicht wahr, daß ich ein jüdischer Antisemit bin, wahr ist, daß ich Sozialdemokrat!üdischerKonfession bin." Hier lohnt es sich, etwas länger zu verweilen und über „Sozialdenwkvat jüdischer Konfession" einige allgemeine Betrachtungen anzustellen. Die sozialdemokratische Partei hat als den hervorragendsten Punkt ihres zukünftigen Programmes die Forderung des s ozialistischen Staates auf natio na l e r Basis aufgestellt. Man sollte nun erwarten, daß die sozialdemokratische Partei. das, was sie für alle Stationen anerkennt, ja selbst praktiziert, in Galizien und der Bukowina speziell, die nationale Organisation der polnischen und ruthenischen Arbeiter, auch den jüdischen Arbeitern zuerkennen wird und sie belehren, daß ein jüdisches Gemeinwesen auf sozialer Grundlage die letzte Forderung des jüdischen Arbeiters sein muß. Allein in puncto Judentum reichen sich die Antisemiten und die Sozialdemokraten brüderlich die Hände. Die antisemitische Theorie, was für alle gilt, gilt nicht für die Juden, wird auch von der sozialdemokratischen Partei voll und ganz vertreten. Ja, noch mehr! Als bei dem vor kurzem stattgehabten Parteitage in Lemberg eine große Zahl polnischer und ruthemscher Organisationen sich für die s e l b st ä n d i g e Organisation der jüdischen Arbeiter aussprachen, waren es die jüdischen F ü h r e r, die die Bildung solcher Organisationen verhinderten. Uebrigens möge für meinen „jüdischer Antisemit" eine Aeußerung des Dr. Liebermann, des Führers der jüdischen Sozialdemokraten Galiziens, herhalten. Doktor Liebermann, der es öffentlich brandmarkte und als einen Verrat am ruthenischen Volks tu me bezeichnete. als ein ruthenischer Arbeiter sich der polnischen Organisation anschließen wollte, derselbe Dr. Liebermann hatte den traurigen Mut, zu behaupten, daß ihn — er ist, nebenbei bemerkt, der Sohn orthodoxer Eltern, sein Vater ein Kaftanjude — nichts ans Judentum feßle, er mit diesem in gar keinem Zusammenhänge stehe, hingegen als Pole fühle unddenke und höchstens ein polnischer Sozialdemokrat mosaischer Konfession - genannt werden könne. Ist nun das Vorgehen Dr. Liebermangs,e tutti. quanti, nicht ein.antisemitisches und. weil er leider.Jude ist, ein judenantisemitisches? Dr. Schorr zahlt auch zu den Führern und ist mit Dr. Liebermann gleichen Sinnes. Der „Sozialdemokrat mosaischer Konfession" behauptet auch ferner, daß er die Vertretung der Zablotower Juden „ohne einen Heller führen wollte". Ich muß gestehen, daß ich dem „Sozialdemokraten mosaischer Konfession" mehr Scharfsinn und Gedächtnistreue zugemutet habe; er sollte zumindest, wenn er so vergeßlich ist, die Berichtigung einigemale gelesen haben, bevor er sie zum Druck einschickte. Hätte er das getan, dann hätte er sich selbst nicht lächerlich gemacht (im selben Passus), in der dritten Zeile desselben Passus zu behaupten, er habe von der Union 3000 Kronen verlangt. Wie man einmal „ohne jeden Heller", das andere Mal „für 3000 Kronen" vertreten will? — das verstehe, wer kann! Tatsache aber ist, daß der Sekretär Fleischer 5 Tage nach den Exzessen dem „Sozialdemokraten mosaischer Konfession" in Kolomea die Vertretung übergehen und dieser erst nachher, als die Union ihm die Vertretung entzog urrd sie seinem politischen Gegner Dr. Zipser übertrug, sich bereit erklärte, die Vertretung unentgeltlich zu führen. Daß diese Beteuerung aber bloß Pflanzmacherei und nicht ernst zu nehmen ist — sie kam ja übrigens post festum — erhellt zur Genüge aus den eigenen Worten des „Sozialdemokraten mosaischer Konfession", seines in der „Volkspresse" ddto. 7. Mai l. I. abgedruckten Pamphlets. Dort heißt es wörtlich: „Ich sehe nicht den Grund ein, weshalb die Union, mir kein menschliches Honorar für ehrliche Arbeit leisten sollte, wenn sie dem Dr. Aurednicek im Prozesse Hilsner 30 000 Kronen bezahlen konnte"! Sapienti sat. Ich müßte eigentlich den Dr. Schorr auch für einen schlechten Juristen halten, doch will ich, um nicht seinem Berufe zu schaden, annehmen, daß er wieder im Punkt 5 vergessen, was er im Purrkt 4 geschrieben. Jeder Laie könnte ihm nämlich sagen, daß man gegen Leute, die „bei derVersammlung nicht waren"— so will es Dr.Schorr — auch nicht mit einer Klage auftreten könne. Ich will noch zuletzt dem „Sozialdemokraten mosaischer Konfession" einen Dienst erweisen und ihn einer Pflicht entheben, die er sich selbst auferlegt: das Resultat der Ehrenbeleidigungsklagen der Oeffentlichkeit zu übergeben. Nun möge es die Oeffentlichkeit wissen: Von den 50 Bürgern, die tatsächlich bei der Versammlung toaren rmd eigenhändig die Erklärung unterschrieben haben, hat der „Sozialdemokrat" merkwürdigerweise nur vier angeklagt, die sämtlich bei der am 17. ds. Mts. stattgefundenen Verhandlung freigesprochen wurden. Das einzig richtige Forum hat nun-geurteilt! Herr „Sozialdemokrat jüdischer Konfession", berichtigen Sie weiter! Czernowitz, 22. Mai 1904. E m e s. Zettungsschau. Die antisemitische Provinzpresse. Wie verläßlich die Berichterstctttmrg der antisemitischen Provinzpresse ist, zeigt folgende Notiz, die gleichlautend im „Grazer Tagblatt" und in der „N o r d b ö h m i s ch e n Volkszeitung Te tscheü - Botz en b ach" erschien: Ein jüdischer U e b e r f a l l. Aus Czernowitz wird gemeldet: In der antisemitischen (sic!) „Czernowitzer Zeitung" erschien dieser Tage ein Bericht über eine Versammlung jüdischer Arbeiter, iit welcher Dr. Schorr ans Kolomea sprach. Der Bericht glossierte die Rede Dr. Schorrs in sehr abfälliger Weise. Daraufhin veranstalteten die Anhänger Dr. Schorrs eine Demonstration vor der Redaktion der „Czernowitzer Zeitung"; einige Arbeiter drangen in das Haus ein und prügehten Den Chefredakteur des Blattes, Klüger, durch. — Die jüdische Presse bringt diese Meldung mit einem gewissen Behagen; galt es doch, einen -f-fß-Antisemiten durchzuhaueu. Wenn es sich um einen jüdischen Redakteur gehandelt hätte, welch Geschrei wäre da nicht in der ganzer: jüdische,: Zeitungswelt erhoben worden! (Heilige Einfalt!) Siehe Schönerers Eindringen in die Schriftleitung des „N. Wr. Tgbl." — Wenn zwei dasselbe trm, ijt cs bei den Juden nicht dasselbe! Es grvt in C z e r n o w i tz weder eine antinoch eine philosemitische „Czernowitzer Zeitung". Der Vorfall spielte sich in der Redaktion des „Czernowitzer Tagblatt" ab, dessen Chefredakteur Klüger ein Jude ist. Derselbe hat sich wahrlich nicht träumen lassen, daß er durch die wackeren Provinzteutonen mit Schönerer in eine Parallele gestellt wird. Im übrigen scheinen die antisemitischen Redakteure ein sehr schlechtes Gewissen zu haben, da sie ihre Haut so fürsorglich saldieren. Die jüdische Presse ist nicht so schlecht, wie sie von diesen bierduseligen Köpfen dargestellt wird. Sie ist zufrieden, wenn die antisemitischen Redakteure — moralische Ohrfeigen bekommen. Das „Prager Tagvlatt", jenes Blatt, das fast nur von Juden gehalten und erhalten wird, treibt es mit jedem Tage besser. Kaum, daß man an die unglaubliche Annonce, in der „Rabbi 3E." die Juden zum Uebertritte zum Christentume aufforderte, vergessen hat, leistet sich dieses „Judenblatt" in seiner Nummer vom 16. ds/ nachstehende Annonce: „Ich wünsche möglichst bald in eine, wenn auch kleine Bahnrestaumtion einzuheiraten. Bin alleinstehender, intelligenter Herr, besitze zirka 20 000 Kronen Barvermögen, Fachkenntnisse, ledig, 40er, beider Landessprachen mächtig, bin zwar Israelit, ' habe jedoch christliche, sehr angenehme Umgangsformen . Es scheint, daß die Redaktion des Blattes, in der es von Löwys und Kohns wimmelt, selbst an die Regeln des Derech erez vergessen hat. Mit jüdischen Monuenten derart zu verfahren, hat das Blatt der Kasinojuden wahrlich keinen Grund! Für Konfessionslose und solche, die es tverden wollen, unterhält das Blatt eine besondere Rubrik, in der es Ratschläge gibt, wie die Sache am wirksamsten anzupacken ist. Auch für Täuflinge erteilt der „Ratgeber" wohlgemeinte Instruktionen zur Taufe. Die jüdischen'Leser des „feinen" Blattes hätten Wohl Grund genug, sich derartige Sachen energisch zu verbieten. ' * * * Mäßigkeit und geringe Atortalitiit Lei den Juden. Die Statistik ergibt, daß die Sterblichkeit der Juden in allen Ländern wesentlich geringer ist, als der Nichtjuden. So starben in Preußen in den Jahren 1878—82 auf je 1000 Personen bei den Nichtjuden 25, bei den Juden 18, in den Jahren 1893—97 bei den Nichtiuden 22, bei den Juden 16. Aber die Differenz trifft wesentlich oie Altersstufen unter 16 Jahren. Denn unter den Personen über 16 Jahren betrug die Todesvate 1893—97 bei den Nichtjuden 10,37, bei den Juden 10,77, war also so gut wie gleich. Unter schlechteren gesundheitlichen Verhältnissen ist nicht nur die Sterblichkeit überhaupt, sondern auch die Differenz zwischen der nichtjüdischen und jüdischen wesentlichgrößer.. In Amsterdam z. B. beträgt die Todesrate bei den Personen zwischen 20 und 60 Jahren bei den Nichtjuden 60, bei den Juden nur 31. Dabei muß man freilich berücksichtigen, inwieweit die Juden etwa mehr den oberen Ständen angehören. Aber auch in New-Iork Haben die Abkömmlinge der meist jüdischen Russen und Polen, trotzdem sie fast ausschließlich dem Proletariat angehören, nur eine Todesrate von 16, dagegen, z. B. die Abkömmlinge der Deutschen eine solche von 22, die der Engländer von 26, der Uankees von 32, der Iren von 33, der Italiener von 36 und die der Tschechen gar von 44. — Allgemein wird die geringe Kindersterblichkeit und die geringe Zahl der Totgeburten und ferner auch eine geringere Morbidität, besonders was Tuberkulose und Syphilis anbetrifft und eine größere Seuchenfestigkeit konstatiert. Aus alledem folgt aber eine längere Lebensdauer und ein stärkerer Bevölkerungszuwachs. — Wie ist nun diese Widerstandsfähigkeit zu erklären? Die strengere Speiseordnung könnte jetzt, nach Einführung der allgemeinen gesetzlichen Sleischbeschau, höchstens die Uebertragung der Tuberkulose durch das leisch triberkulöser Kühe verringern. Dagegen kann kaum bezweifelt werden, daß die Innigkeit des Familienlebens bei den Juden die Kindersterblichkeit stark herabsetzt. Sodann aber ist an den Mohol zu denken. Nach der amerikanischen Statistik starben in New-Aork von 1886—-90 an Alkoholismus auf 100 000 Einwohner bei den Russen und Polen 1, bei den Italienern 3, bei den Aankees 6, bei den Deutschen 10, bei den Iren 31! Doch nimmt der Alkoholmißbrauch bei den Juden rreuerdings stark zu, ebenso wie die Syphilis und natürlich auch die Folgeerscheinungen beider: Unter den Paralytikernin Wien siud 20 Prozent Juden. (Dr. Hoppe, Intern. Monatsschr. zur Erforschrnrg des Alkoholismus- 1903, Nr. 11—12.) Zur Nassengeschichte der portugiesischen Juden- Juden aus Portugal kamen schon 1690, meistens aber um die Mitte des 17. Jahrhunderts teils direkt, teils über andere Großstädte nach Amstexdam. Sie vermischten sich nie mit den sogen, deutschen Juden, sondern bildeten eine besondere aristokratische Kaste.. Vermischungen mit den Christen kamen allerdings vor, führten -aber in der Regel, zum Uebertritt in die reformierte Kirche und damit zum Austritt aus der Kaste. Innerhalb dieser also herrschte spätestens seit 1650 eine strenge Inzucht. Um das Vermögen zusammenzuhalten, beschränkten sie die Kinderzahl und zeigen infolgedessen eine geringe Sterblichkeitsziffer. Die Zahl der Nervösen rmd Entarteten ist eine sehr große. Dennoch findet kein Aussterben statt, trotz mindestens 260jähriger Dauer des angeblich so schädlichen Großstadtdaseins. Denn es leben zurzeit noch 6000 portugiesische Juden in Amsterdam, die sich auf 161 Geschlechter verteilen. Wenn einzelne Geschlechter ausgestorben sind, so Haben sich andere umso stärker vermehrt. 7 (Dr. Kohlbrugge, Internat. Zentralblatt für Anthrop.. 1903, Nr. 6.) P. A. R. * * * Zu der am 24. ds. in Berlin erfolgten Organisierung des Verbandes deutscher Juden bemerkt die „Lkrenzzeitung", die über diese Gründung sehr mißvergnügt ist, ein Grrnrd mehr, ihr eine gedeihliche Entwicklung zu wünschen. „Das bedeutet nicht mehr rmd rncht tveniger als die Zusammenfassung aller Mittel rurd Strafte, über die das deutsche Judentum im wesentlichen verfügt. Im wesentlichen, sagen wir, denn immerhin ist anzuneymen, daß gewisse Freischärler, wie die Zionisten und die deutschnationalen Juden, mit denen wir uns zeitweilig beschäftigt haben, auf eigene Faust vom Hanptheere getrennt weiter fechten, werden. Je straffer sich dieses Hauptheer aber organisiert, desto weniger Beachtung verdienen jene Stegreifreiter, die der Regel gegenüber nur die Rolle der Ausnahme spielen. Der «Verband der deutschen Juden" hat den Satzungen, zu denen er sich der Oeffentlichkeit gegenüber bekennt, eine so allgemeine Fassung gegeben, daß aus ihnen allein nichts zu entnehmen ist. Er will die Gesamtinteressen des Judentums vertreten. Dem Nichteingeweihten sagt das nichts, dem Sachkundigen alles. Wenn die Juden von ihren Gesamtinteressen reden, so brauchen,sie die Einzelheiten nicht zu berühren. Seit Jahrtausenden ist 'jedem von ihnen in Fleisch und