Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 20 (13.5.1904)
- Date
- 1904-05-13
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2432763-2433023-2433043--2415-2436278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 20 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 13. Mai 1904 Seite 5 1843 geb. zu Ratibor Prof. Adolf B a g i n s k y. 1868 st. in Fürth David Ottensoser, Exeget. 1868 st. in Prag Marc. Fischer (Gesch. d. I., hcbr.). Isar. 22. 1890 st. i. Paris Jacques Fromental Halevy, Komp. 29. 141 Einzug des Hasmonäers Simon in die Akra. 1090 Judenverfolgung in Worms. 24. 1822 geb. in Münchengrätz Leopold K o m p c r t, Ghetto-Novellist. 26. 1832 st. Jakob Lissa, Nabb. in Kalisch. 20. 1747 st. in Akko Moses Chaim Luzatto, Dichter. 27. 1820 geb. i. Halbcrstadt Nabb. Dr. Israel Hildesheimer. 28. st. in Rama Prophet Samuel, 62 I. Israelitische Allianz zu Wien. In der am 10. ds. stattgcfundencn Generalversammlung wurde der Bericht des Vorstandes ohne jede Debatte zur Kenntnis genommen. Auf Antrag des Vaurates S t i a s; n h wurde dem Vorstände Dank und Absolutorium votiert. Gewählt wurden die Herren: Theodor K o h n, Adolf Klei n, Nabb. Dr. S ch m i c d l, Fritz Singer, Hofrat Sigm. T a u s s i g und Pr. Jakob N i r e n st c i n. Da sich zu den übrigen Punkten der Tagesordnung niemand zum' Wort meldete, schloß der Präsident David Ritter v. Guttmann nach einem warmen Nachruf für die verstorbenen Mitglieder nach kaum viertelstündiger Dauer die Sitzung. Chewra-Kadischa Wien. Am 10. ds. fand eine Sitzung der Chewra-Kadischamit der Tagesordnung: „Wahl des Präsidenten" statt. Vizepräsident Dr. Spitzer eröffnet die Sitzung und erklärt wiederholt in bestimmter und präziser Weise, daß er nicht in der Lage sei, eine auf ihn entfallende Wahl zum Präsidenten anzuueymen. Sohin Ivird Herr S a l o Cohn einstimmig zum Präsidenten der Chewra-Kadischa gewählt. Tempelvorstnnd Josefstadt. Der Vorstand des Tempels 8. Bezirk, Neudeggergasse 12, zeigt hicmit an, daß die Trauerall d a ch t anläßlich des Ablebens seines Vorstandsmitgliedes, des Herrn Abraham Adler, Montag den 10. ds., halb 7 Uhr abends, stattfindet. Verein zur Hebung der Gewerbe. Der Verein unternimmt unter Führung seines Präsidenten Herrn S. B r o d am Mittwoch den 18. Mai eine Exkursion nach dem neuen Polizei- Gebäude an der Elisabeth-Promenade, Zusammenkunft halb 4 Uhr nachmittags im Tnrm-Vestibule, Ecke Berggasse — Elisabeth- Promenade. Vereins-Abzeichen werden angelegr. —Gleichzeitig teilt die Vereinsleitung mit, daß am Montag den 30. Mai dem im Jahre 1899 verstorbenen Mitgliede Architekt Adolf Golde nberg auf Kosten der Vereinsleitung am Friedhofe in Baden bei Wien ein Grabmal gesetzt lind eine Leichenfeier abgehalten wird. Zusamrnenkuilft am 30. Mai, halb 3 Uhr nachmittags, bei der Abfahrt Südbahnhof Wien. 10. Bez. Mitteilungen des innerösterreichischen Distrikts-Komitees. An ll n s e r e Wiener Vereine und Gesinnungsgenossen! Samstag beu 14. ds. wird Gg. Rudolf Nassau, von seiner Reise aus Egypten und Palästina, nach dem Besuche der jüdischeil Koloirien und der Kischenewer Waisenkinder, zurückgekehrt, cincil Vortrag über „Zionistische Arbeit in und für Palästina" hallen. Ort: „Hotel de France". Beginn: 8 Uhr. Regiebeitrag 20 Heller. Der Nasenboge,, des Musikers. Der in New-Dork erscheinende „Musical Courier" bringt eine, wenn auch nicht ganz neue, so doch zeitgemäße Geschichte von Gustav Mahler, dem großen Kapellmeister und Komponifterr in Wien. Mahler ist, wie man weiß, als Jude geboren. Im Jahre 1897 ging er von Hamburg nach Köln, wo er solche Proben seines Könnens ablegte, daß er hoffte, am Theater als Kapellmeister engagiert zu werden. Die Stelle war zu besetzen. Jedoch gab'die Theaterleitung einem Freunde' Mahlers' einen Wink, daß man wohl das Können des Künstlers schätze und sehr zufrieden gewesen iväre, das; mail ihn aber in Hinsicht auf deil Bogen seiner Nase llicht engagieren könne. Mahler ging auf der Stelle nach Wien, wo ec Erfolg hatte und sofort engagiert wurde. Das erfuhr man iil Köln uild wollte sich einen so erfolgreichen Künstler nicht durch die Finger schlüpfen lassen. Mail depeschierre ihm: „Kommeil Sic zurück, haben unsere Ansicht geändert, stellen Sie uns Ihre eigenen Bedingungen." Mahler antwortete: „Der Bogen von Gustavs Nase ist immer noch derselbe. Lehne Alierbieten ab." — Seitdem hat sich der Wiener Hofopernkapellmeister den herrschenden Anschauungen bekanntlich angepaßt und ist Christ geworden. (!) Den Nasenbogen aber hat man ihm doch nicht gerade gerichtet. Bewegung der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1902 und 1903. Im Jahre 1902 fanden inklusive derKonvalidierungen 872 Eheschließungen, im Jahre 1903 866 Eheschließungen statt. Hie- > von erfolgten exklusive der Ehekonvalidiernngen in den fünf Äemeindebethäusern im Jahre 1902 570 Eheschließungen, im Jahre 1903 507 Eheschließungen, während in den Bereinsbethäusern im Jahre 1902 229, im Jahre 1903 291 Eheschließungen stattfanden. — Ehetrenn nngen erfolgten im Jahre 1902 86, im Jahre 1903 78. — Ziv-ilehen' wurden im Jahre 1902 85, im Jahre 1903 106 geschlossen. — Geburten erfolgten im Jahre 1902 3259, im Jahre 1903 3150. — I« Jahre 1902 fanden 105 Legitimirungen unehelicher Kinder durch nachfolgende Eheschließungen, im Jahre 1903 127 Legitimierungen statt. — Die Zahl der Todesfälle betrug im Jahre 1902 2008, im Jahre 1903 1847. — Austritte aus dem Judentum erfolgten im Jahre 1902 646, im Jahre 1903 638. — Die Zahl der Widerrufe der Austritte,| fohlte Ueb ertritte und Rücktritte zu« Judentum betrug im Jahre 1902 98, im Jahre 1903 105. Wien. Iil der jüngst im Sitzungssaale der israelitischen Kultllsgemeinde stattgehabten, überaus zahlreich besuchten 38. Generalversammlung des Kranken-Unterstützungs- und Humanitäts-Vereines „G o m l e C h e s e d" (Wohltätigkeit aus Pietät) widmete der Vorsitzende Herr Präses-Stellvertreter Michael Jo kl zunächst dein im Jänner d. I. Hingeschiedenen Präses Bernhard K a n i tz, der durch polte 27 Jahre an der Spitze des Vereines gestanden und sich namhafte Verdienste um die Hebung und Förderung desselben erworben, tvarme Worte der Ehrung, die von den Anwesenden teilnahmsvoll angehört lvurden. Sodann erstattete er namens des Vorstandes den Rechenschaftsbericht über das verflossene Vereinsjahr. Aus demselben ist ersichtlich, daß dieser alte und angesehene Verein, der in der Reihe der hierortigen Humanitären Institutionen einen hrvorragenden Platz einnimmt, in der segensreichsten Weise wirkt und in nicht zu unterschätzendem Maßstabe zur Entlastung des Ärmenbudgets unserer Kultusgemeinde beitrügt. Wir heben u. a. folgende Ziffern hervor: DieKrankengebuhren erreichten dieHöhe von K. 3104; Kurbeiträge wurden im Allsmaße von K. 670 belvilligt; 10 Witwen erhielten K. 1400; aus dem allßerordcntlichen Fonds wurden 28 Mitglieder mit K. 1069 beteilt. — Der Verein verdient ob seines rein htimanitären Wirkens die tatkräftige Illiterstütziillg u>ld Förderllng seitel's unserer wohlhabenden Glnubensge>losse>l. Der Vorstand setzt sich nunmehr aus nachfolgenden Herren zusammen: Moriz Baum, Präses; Louis Flamm, Stellvertreter; Dr. Kornfeld, Kontrollor; M. Neurath, Kassier; Dr. S. Elias, Schrifrführer; Leo Brandt. Dr. M. Blttmenthal. Dr. Leo Ehreutheil, M. Graf,-Dozent Dr. I. Grünfeld, I. Jaiteles, M. Jokl, Lollis Käufmantt, S. Oser, S. Werner, Allsschuß-Mitglieder. Wilhelm Breuer, Sekretär. Sitz des Vereines: 9. Bez., Türkenstraße 8. Die jüdische« Religionslehrer und das Präsidium der Kuttusgemeinde. Nach Schluß der am Sonntag stattgefundenen öffentlichen Plenarsitzung des Kultus- > Vorstandes, erschien unter Führung des Inspektors Prof. >Dr. Kanitz eine Deputation der jüdischen Religionslehrer! für Volks- und Bürgerschulen, dieser Stiefkinder der Gemeinde, i beim Präsidium der Kültusgemeinbe, um dasselbe zu seiner!Wahl zu beglückwünschen. In seiner wegen ihres entschiedenen Tones sehr beachtenswerten Ansprache sagte Inspektor Kanitz nach der formellen ' Begrüßung des Präsidenten ungefähr folgendes: Die hebräische Sprache zeichnet sich hauptsächlich dadurch aus, daß sie trotz der Kürze des Ausdruckes, die Begriffe am präzisesten wiedergibt. Die hebräische Sprache wirkt veredelnd auf Geist und Gemüt. Nun macht sich in der Kultusgemeinde eine Bewegung geltend, welche die Eliminierung der hebräischen Sprache aus idem Religionsunterrichte bezweckt. Wir 'protestieren mit aller Entschiedenheit gegen ,ein solches Vorhaben! Inspektor Kanitz wies dann auf die traurige Lage der Religionslehrer, welchen die „Zukunft des Judentums" anvertraut ist, und bat um Berücksichtigung ihrer gerechten Wünsche. Präsident Dr. Alfred Stern bemerkte in seiner Erwiderung, daß er sich an die Spitze der Protestierenden stelle, und nicht zugeben werde, daß die hebräische Sprache als Unterrichtsstoff eine Schmälerung erleide. Die Wünsche der Religionslehrer sollen, soweit es die Finanzen der Kultusgemeinde gestatten, Berücksichtigung finden. Nachdem Inspektor Kanitz an den zweiten Vizepräsidenten kais. Rat Hirsch, als dem „Finanzminister^ der Gemeinde, einige Worte richtete, und dieser erwiderte, daß die Religionslehrer selbst dazu beitragen können, daß die Ersparnisse, welche die Kultusgemeinde machen müffe, den Lehrern selbst zufließen, wurde die Deputation entlassen. Wien. Samstag den 30. April veranstalteten die jüdischen Arbeiterorganisationen des zweiten Bezirkes eine Akademie, die bei zahlreichem Besuch der Mitglieder und Gäste einen sehr animierten Verlauf nahm. Als Einleitung spielte die Musikkapelle Fiedler die bekannten Nationallieder „Auf mein Volk" und „Hattkwoh". Hierauf rezitierte Fräulein Matilde Halpern „Kiß: Judith Simon" sowie ein heiteres Gedicht und erntete für ihre glänzenden Leistungen lebhaften Beifall. In Fräulein Gisela Halpern lernten wir eine jugendliche Klaviervirtuosin kennen, welche zwei Piecen von Mozart und Schubert mit sicherem Anschlag und Verständnis zum Vortrag brachte. Fräulein Fleischer entzückte die Anwesenden durch ihre mit Anmut und Temperament vorgetragencn Dialektdichtungen. Mit lebhaftem Beifall begrüßt, erschien nun der beliebte Sänger Rudolf Blann, der diesmal mit seiner überaus schönen, besonders in der hohen Lage vorzüglich klingenden Tenorftimme ausschließlich Jargonlieder sang: „Pyramiden", „Babys Wiegele", „Jene Lieder, welche klingen", „Was wird sein der Sof?" Das letzte Lied mußte er wiederholen upd außerdem das Volkslied „Lllef Bais" als Zugabe singen. Herr Blann gab an diesem Abend bedeutende Proben seines Talentes und wurde für den Vor- ' trag der schönen, dem Verständnis und der Gefühlswelt des Publikums naheliegenden Lieder stürmisch akklamierr. Zum Schlüsse — last not least — wäre noch besonders Herr Willy Quartner hervorzuheben, der in bekannt vorzüglicher Weise Rosenfeld'sche Perlen der jüdischen Dichtkunst, sowie Zuckermanns „Misrach" zum Vortrag brachte. Es wäre nur zu wünschen, daß in Wien öfter solche Veranstaltungen stattfinden würden. B. G. Der Wiener Korrespondent der „Row.- Wreurja" und die Anden. Aus Petersburg wird uns geschrieben: „Sie haben in Ihrem Blatte schon wiederholt darauf hingewiesen, daß der Wiener Korrespondent der „Now.- Wremja" seine Hauptaufgabe darin erblickt, in Rußland Mißtrauen gegen Oesterreich-Ungarn zu erwecken und gegen die Juden dabei zu hetzen. Jüngst bekam er aber eine verdiente Abfertigung. Der Obmann des Wiener russischen Hilfskomitees, Stefan von D e v o n i s k i, veröffentlicht in den Petersburger Blättern einen offenen Brief, worin er den Korrespondenten Dr. Bergun, folgendermaßen charakterisiert: „Dr. Bergu u sei nur bemüht Unfrieden zu stiften und gegen die Juden zu hetzen. Ec glaube eine Tat vollbracht zu haben, wenn er einige Gassenbuben engagiere, vor der russischen Botschaft einige Hurras ausbringen laffe und nach Petersburg die Lüge telegrafire, daß anläßlich der russischen Niederlagen jüdische Demonstrationen in Wien stattgefunden, hätten. Dagegen könne er (Devoniski) als Obmann des russischen Hilfskomitees mitteilen, daß ihm von solchen Demonstrationen nichts bekannt sei; wohl aber wiffe er, daß sich an der Sammlung, für russische Verwundete die Juden mit 9/10 der Spenden beteiligt hätten. Dagegen habe Dr. B e r g u n bts jetzt nicht einen Heller beigesteuert". Diesen offenen Brief bringen alle Petersburger Blätter mit Ausnahme — der „Now.-Wremja". ES wurde mir auch mitgeteilt, daß der momentan in Petersburg anwesende Wiener Gesandte, Graf K a p n i st, sich über die Haltung der Now.-Wremja" Oesterreich gegenüber beschwert habe, da die feindliche Haltuug ihm seine Miffion, die freundschaftlichen Beziehungen aufrecht zu erhalten, sehr erschwere. . Wohltätigkeit und Antisemitismus. Der Hausierer Jaküb Kästenbaum war heute des Betruges nnegklagt, weil er beim Sammeln von Spenden für einen wühltätigen israelitischen Verein sich nicht nur an seine Glaubensgenossen, sondern auch an Christen wendete. Der Angeklagte hatte im Jahre 1900 die Bewilligurig erlangt, für einen israelitischen Krankenverein Spenden zu sammeln. Nach der ihm vom Vereirrsvorstande erteilten Jnstrrlktion sollte er jedoch nur bei Glaubensgenossen sammeln. Kästenbamn sprach jedoch auch in der Hernalser Hauptstraße bei einzelnen christlichen Geschäftsleuten vor und deshalb war'er infolge Anzeige des Spielwarenhändlers Rudolf Lehrter wegen Betruges angeklagt. Er gab an, daß er seiner Instruktion gemäß nur bei Glaubensgenossen sammeln dürfte und nur drirch Irrtum hiegegen gefehlt habe. —• R i ch ter: Sie sprachen aber auch in christlichen Geschäften vor? — A n g e k l a g t e r: Das karrn schon sein, irr Wien kann man die Inden von den Christen nicht unterscheiden. (Heiterkeit.) — Der Richter bemerkte zurrt staatsantvaltschafrlichen Funktionär: Eilt Schwindel liegt wohl in dem Vorgehen des Artgeklagteu nicht vor; iver für wohltätige Zwecke etrvas hergibt, fragt nicht nach der Konfession der zu beteilenden Personen. — S t aa t s a n Walt - s ch a f t l i ch e r F u n k t i o n ä r: Nicht jedern wird es gleichgiltig seirt, für lvelche Zwecke seine Spende verwendet tvird. Der Spiellvarenhnndler Rtidolf L e h n e r, welcher die Anzeige gegen den Angeklagten veranlaßte, erklärte als Zettge. daß er dem Angeklagten nichts gegeben habe uitd auch nichts für einen jüdischett Vereiit hcrgeben würde. — Richter: Was hat der Angeklagte gesagt, als er bei Ihnen vorsprach? — Zeuge: So viel ich mich erinnern kann, sagte er, das; er für Kranke sammle. — Richter: Woher sollte der Angeklagte tvisscn, daß Ihr Geschäft ein christliches ist? — Zeuge: Das mußte er sofort crkcitnen. — Richter: Woran denn? — Zeuge: An der Solidität der Auslage. (Heiterkeit.) — R ichter: Ich selbst habe, Herr Zeuge, in Ihrem Geschäfte Spielwaren gekauft und tvußte bis heute nicht, ob Ihr Geschäft ein jüdisches oder christliches ist. — Zeuge: Der Name Lehner ist doch gelviß eitt arischer. — Der Zeuge Max K u s l a erklärte, daß er, trotzdem er Christ sei, dem Angeklagten beim Msammelu einen Kreuzer gab und es ihm egal sei, ob das Geld für christliche oder jüdische Zwecke verwendet werde. Der staatsmtwaltschaftliche Funktionär beantragte die Bestrafung des Angeklagten wegen Uebertretung des Betruges. (Wir sind neugierig, ob der Staatsanwalt Nonnen, die, wie es häufig vorkommt, auch bei Juden Geld sammelit, auch wegen Betruges verfolgen wird. Anm. d. Red.) Der Richter sprach den Angeklagten frei, da durch das Vorgehen des Angeklagten ltiemand geschädigt oder irregführt worden sei. Klage des Magistratssekretärs Demel. Der am Mittwoch Ivegen der Szerte in der Spiritusausstellttng zu 48 Stundett strengen Arrests verurteilte Magistratssckretär Heiitrich Demel hat gestern bei dem Bezirksgericht Lcopoldstadt gegen Herrn Mathias L ö b l, weil diese bei dem Streite in der Ausstellung die Bezeichnung „antisemitischer Lump" gebraucht hatte, die Gegenklage eingebracht. Die Verhandlung findet bereits am 20. ds. vor dem Gerichtssekrcär Dr. Helfer statt. Die Ernennung von zwei jüdische» Generälen in der österreichischen Armee tut beit deutschnationalen Zeitungen sehr weh. Die Reichenberger „Deutsche V o l k sz e it u n g", das Organ Pfades, ereifert sich darüber, daß der bisherige Oberst-Ingenieur Siegfried Popper zum General-Ingenieur befördert wurde, Unter anderem schreibt dieses ehrenwerte (?) Blatt: „Die ungetauften Juden brachten es bisher höchstens zu Obersten. Jetzt aber er- . kannte man auch in den maßgebenden Kreisen, daß das Weihwasser an der Stammesangehörigkeit nichts äitdert. Der Weg ist frei und den Juden die Möglichkeit geboten, nicht nur die Zivilbevölkerung durch ihr Geld zu regieren, sondern auch das Armeekommando an sich zu reißen. So weit haben wir's also gebracht!" sagt mit tiefem Seufzer das Neichenberger Blatt. — Hiezu bemerkt die „Na r o d n i Politika", die auf die Juden durchaus nicht gm zu sprechen ist: „Für utts (die Tschechen) ist der Umstand sehr interessant, wie die Deutscynationalcn mit ihren jüdischen Verbündeten immer roher verfahren und wie diese trotz alledem vor den Deutschnationalen. im Staube kriechen." — Für uüs (die Juden) ist dieser Bericht doppelt interessant, auf der einen Seite der rüdeste Antisemitismus, von der anderen die unbedingte Verurteilung der Kriecherei der Assimilanten. Würden diese unwürdigen Verhältnisse auch dann andauern, wenn eine gesunde, jüdische, nationale Politik festen Boden fassen würde? Also, auf Ihr Schläfer! Werfet das drückende Joch der Assimilation von eurem Nacken, sprenget die Ketten der alten, unwürdigen Gewohnheiten, damit Juda in neuem Glanze auferstehe und dem jüdischen Volksgedankcn zum endgiltigen Siege verhelfe I Berichtigung. Durch ein Versehen des Druckers wurde in der vorigen Nummer im Artikel „Kultusgemeinde und jüdische Handwerker" der Name der Kultusgemeinde D o b r i s ch verdruckt, lieber die eigentümlichen Verhältnisse in dieser Stadt, welche eine. . Schwesterstadt von Pribram ist, ließe sich übrigetts noch vieles berichten. Eine eigene Rabbiner-Frage hat die israelitische Gemeinde in Triest, welche seit Jahrhunderten in ihren drei Gotteshäusern in italienischer Sprache predigen läßt. Ihre Rabbiner waren aus den besten italienischen Unterrichtsanstalten hervorgegangen. Als kürzlich die Stelle des Haupträbbiners vakant wurde, schrieb die Gemeinde dieselbe aus und erhielt 26 Bewerbungen aus allen Teilen Italiens. Aber diesmal verweigerte die österreichische Regierung die Bestätigung; sie verlaitgt, daß der nette Rabbiner österreichischer Untertan sei. Da die Gemeinde wegen der Führung des Zivilstandsregisters die offene Stelle ungesäumt besetzen mußte, so war sie genötigt, einen deutschen Rabbiner anzustellen,'der etwas italienisch spricht. Alle Gegcttvorstellungeit bei der Regierttng haben bis jetzt nichts gefrtlchtet. Ausland. Der dritte Prozeß gegen die Kischenewer Exzedenten. Gestertt begann die dritte Prozeßserie, betreffend die vorjährigen Exzesse. Dr Gerichtssenat ist wie bei den früheren Prozessen zusammengesetzt, nur fungieren als Vertreter der Stände diesmal der als, Judenfeind bekannte Bürgermeister des bessarabischen Städtchens Cendcri, namens Bulgakow, und ein Herr v. Garttng. Die gegenwärtige Serie umfaßt vier Einzelprozesse und dürfte zehn Tage beanspruchen. Gestertt wurde in einer für das ganze Verfahren charakteristischen Weise der Mordfall Kainarski erledigt und endete mit der Freisprechung der beiden Mörder Antonor und Tschekau. Kopel Kainarski, Besitzer einer Selcherei nt der Nähe des städtischen Schlachthauses, Ivurde am Ostermontag 1903 von einer Exzedentenbande verfolgt. Diese Bande wurde von den erwähntett beiden Leuten aus persöitlicher Rachsucht angeeifert, da sie als Taglöhner bei Kainarski früher einmal wegett Pferdediebstahls angezeigt worden waren. Nachdem an diesem Tage das Totschlägen von Juden all-?[enteilt gestattet schielt, liefen sie hinter dem mit seiner Familie lüchtende^Mäntt auf offener Straße einher und brachten ihn am Hellen Tag um. Seilte Frau, ivelche zwanzig Schritte vom Tatort hinter einem Baume sich versteckt gehalten und der Szene zusäh, war als Zeugin anwesend, ebettso der Sohn des Ermordeten, der Provisor in einer Apotheke ist. Die Hinterbliebenen hatten, um als Privatkläger ztigelassen zu iverden, nominell eine Schadettersatzklage wegen materiellen Verlustes auf nur eitten Rubel eingereicht; dadurch konnte Advokat Sartldny als Zivilvertreter Mitwirken. Es nützte jedoch nichts, daß er in langer Rede die Bestrafung der Verbrecher forderte. Da unmittelbar nach den Exzessen von der Kriminalpolizei nichts geschehen war, um ben Tatbestand genau aufzunehmen, und die nach Mouateu vott der Negierung widerwillig angeordnere lintersuchting nicht aufrichtig geleitet wurde, so konnten jetzt mehrere Freunde der Mörder als Entlastungszeugen unter Mitwirkung der atttisemitischett Advokaten Romanenko und Orlotv einen Freispruch wegen ttnzureicheuder Beweise erwirken. Die fretgesprvchenen Banditen verließen höhnisch lächelnd den Saal. Protestanten und Juden. Ein eigentümlicher Streit beschäftigt zurzeit die öffeittliche Meinung in Hannover. Mehrere Anhänger der dortigen adventistischen Richtung der lutherischen Kirche habeit beantragt, turnt möge ihre Kinder mit Sonnabend von der Anfertigung der Schularbeiten befreien. Nachdem dieses Ansuchen von der Schtilverwaltting abgelehnt worden war, habeit die betreffenden Väter ihre Kinder aus den lutherischett Schulen herausgettommen und der Bildungsanstalt für jüdische Lehrer überwiesen. Die obere Schulaufsichtsbehörde, welck>er diese Sache vorgetragen worden ist. hat zurzeit noch nicht darüber entschieden, ob christliche Kinder ihrer Schulpflicht in einer jüdischen Schulp genügen können. Ei» philosemitisches Drama. Als Antwort auf die zlvei jüngsten antisemitischen Tettdenzstücke Maurice Bonnays ttttb Guinons „Le Retoor de Jerusalem", und »Decadence", hat ein blutjunger Bühnendichter Rene Fatichois, der bereits mit 10 Jahren ein überaus temperainetttvolles Drama, „Der König der Juden" und später zwei andere interessante Bühnenwerke, „Louis der Siebzehttte" und „Danton" geschrieben, mit einem ausgesprochen philosemitischen