Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Volksblatt · 1904-05-13 · 20 (13.5.1904) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
20 (13.5.1904)
Date
1904-05-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2432763-2433023-2433043--2414-2436277
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S»K4 Wien, Freitag Jüdieekes Yolksblatt. 13. Mai 1904 Nr. 20 schauerliche Prophezeiungen de- Johann Kronstadski und verschiedener Astrologen (?) verbreitet, nach denen der Zar ein baldige-, schauerliches Ende nehmen werde. Dar sind selbstverständliche Winke mit dem Zaunpfahl und SttmmungSmacherei seitens der Unzufriedenen; es sind Schatten, die der Katastrophe vorauseilen. Geradeso arbeitete diese nationalistische Partei, als Ni kolaus seinerzeit sein bekannte- Friedensmanifest herausgab, wodurch die panruffifche Partei ihre Pläne durchkreuzt glaubte. Sofort war der allzeit inspirierte Herr Johann Kronstadski auf dem Schauplatze mit einer Prophezeiung, daß die Zarin nach der GeburAhretz) siebenten Tochter sterben, der Zar einem epilep tischen Anfalle^erliegen und sein Bruder Michael den Thron besteigen werde. „Dies sei, so lautete die Prophezeiung, „beson derS wichtig, denn in alten türkischen Schriften sei gesagt (?), daß unter eiuem Zar Michael die Hagia Sophia in Konstantinopel wieder in eine griechisch-orthodoxe Kirche verwandelt werde". Bei Hofe verstand man diese drohenden Winke und beeilte sich, der panruffischen Kriegspartei zu versichern, daß das Friedensmanifest nicht so ernst gemeint sei. Der auf den Juden lastende Druck der Ausnahmegesetze wird von Tag zu Tag stärker. Erst dieser Tage meldete der »Kietpljauin", daß man daran gehe, aus dem Dorfe NikolSk, Gouvernement Tschernigow (innerhalb des „den Juden offenen" AnsiedlungSrayons gelegen) 115 jüdische Fa milien, zusammen 600 Seelen zu vertreiben, da sie sich dort entgegen den temporären Ausnahmegesetzen vom Jahre 1882 nied «gelüsten hätten! Die Landpolizei hatte wäh rend zweier Jahrzehnte, im Interesse des Bezirkes, die Nieder laffungen geduldet, manche Juden haben dort ihre, besten Lebens jahre verbracht und sich und die Ihrigen durch redliche Arbeit ernährt — jetzt sollen sie zu Wanderbettlern gemacht werden. In dem neuen Paßgesetze, welches die russische Regierung jüngst herausgegeben hat, befindet sich auch eine Aenderung des Artikels 68, in welchem die Ortschaften angeführt werden, in denen die Juden nicht wohnen dürfen. Die Aenderung besteht darin, daß die verbotenen Ortschaften um drei vermehrt wurden. Es sind dies die Gemeinden Sevastopol, Nikol a j e w und Jalta. Diese waren im alten Paßgesetze nicht angeführt. Am bemerkenswertesten ist es, daß auch Nikolajew aus dem Ansiedlungsrayon ausgeschlossen wurde, weil diese Stadt von jeher und zum letztenmale durch eine Senatsentscheidung vom Jahre 1896 gesetzlich als zur „Tscherta" gehörig deklariert wurde. Dagegen sind die Nachrichten über Judenverfolgungen in Bender, die das Lemberger „Jüdische Tagblatt" verbreitete, falsch. - Ich habe ihnen in meinem letzten Briefe eine Probe der unglaublichen — sagen wir — Naivität der russischen Soldaten gegeben. Hier noch eine Probe r Kurz nach dem Ausbruch des Krieges sandte der Zar an Admiral Alexejeff ein Telegramm, in dem er seine Truppen dem Schutze der Vorsehung empfahl und mit dm Worten schloß: „Mein Herz ist bei meinen tapferen Truppen." Dieses Telegramm wurde auf der Parade vor allen russischen Soldaten und Matrosen verlesen. Eine Anzahl sehr unwissender Soldaten aus Wjätka faßte die Botschaft wörtlich auf und es verbreitete sich das Gerücht, daß der Zar, um seine Truppen zu ermutigen, sein Herz herausgenommen und es in einer goldenen Kasette mit der sibirischen Eisenbahn geschickt hätte. Es hieß, er hätte das mit Hilfe von Vater Johann von Kronstadt getan, der an Stelle des ursprünglichen Herzens das von St. Nikolaus dem Wundertäter gesetzt hätte, das in einem Kloster im Norden Rußlands aufbewahrt wird. Einige Tage darauf entdeckte man, daß das Schloß der Regimentskasse aufgebrochen, aber der gesamte Inhalt unberührt war. Als das ganze Regiment mit Strafe bedroht wurde, wenn nicht der Namen des Schuldigen verraten würde, gestand ein Soldat namens Sereshkoff, daß er die Kasse geöffnet habe. Sereshkvffs Kameraden hatten erklärt, daß niemand das Herz des Zaren sehen und am Leben bleiben könne, und da der Soldat seinen Mut zeigen wollte/ hatte er das Schloß aufgebrochen, fand aber zu seinem großen Erstaunen nur Geld und Papiere; Sereshkoff überlebte nicht nur das Oeffnen der Kaffe, sondern auch die 20 Streiche, die er zur Strafe für seinen „Heldenmut" bekam. In Petersburg ist ein neues Blatt gegründet worden, die „Rusika Prawda", die die Devise der Panrussisten: „R u ßland für dieRussen" umgekehrt in: „die Russen für Rußland." Herausgeber ist ein bekannter Schriftsteller, namens Hakkebusch; es bleibt abzuwarten, ob er der nationalistischen Bewegung eine moderne Seite abgewinnen wird. — Der famose Wiener Berichterstatter der „N. Wr." fährt mit seinen Hetzereien fort. So erzählt er, daß die Wiener Presse, soweit sie nicht von Juden abhängt, die Niederlage am N a l u als bedeutungslos hinstellt; er vergaß hinzuzufügen: Soweit sie von Rußland — abhängig ist. Inzwischen macht sich in den regierenden Kreisen eine zunehmende Verwirrung und Kopflosigkeit bemerkbar. Wir stehen am Vorabende wichtiger Ereignisse. A le x e i. Bcredtsamkeit über die Verfolgungen der Protestanten, über! anderer christlicher Leser des ..Kikeriki" die Redaktion des sonst so lssifizierung der Finländer entrüstet, wie es scheinheilig für! trefflichen christlichen Witzblattes verhöhnende Witze und Bilder Zettungsschou Die Wiener antisemitische Presse »Nd der russisch-japanische Krieg. Wie verdummend der Antisemitismus auf seine Anhänger wirkt, kann man an der Haltung der Wiener antisemitischen Presse gegenüber Rußland ersehen. Wir können diese Presse im allgemeinen in vier Gruppen teilen: erstens in die, die das reine Deutschtum, zweitens, die das reine P r o t e st a n t e n t u m, drittens die den reinen Katholizismus, und viertens die das reine O e st e r r e i ch e r t u m gepachtet haben. Nehmen wir beu Repräsentanten der ersten Gruppe, das „Alldeutsche Tagb l a t t" her, das so ziemlich von allen als das verlogenste aller Tagcsblätter bezeichnet wird; es begeistert sich zu gleicher Zeit für die Okkupation der Ostseeprovinzen durch Deutschland, zetert über die Russifizierung der deutschen Ackerbaukolonien, begeifert das habsburgische Haus und lobt die Mörder von Kischencw, und — küßt die Knute, weil sie auch Juden trifft. Wir laden den Ritter Georg ein, auf kurze Zeit doch in Rußland seine Tätigkeit zu entfalten; er würde über die Institution der K>mte eine andere Meinung gewinnen. Nun kommt als Repräsentant der zweiten Gruppe, das „D e u t s ch e T a g b l a t t", vormals „Ostdeutsche Rundschau", Organ für „Los von Rom" und „Hin zum Zuckerkartell", ein fades Limonadcnblatt, das sich mit eben der selben die Russifizier das kräftige Auftreten der Russen gegenüber den Juden sich begeistert. Als Repräsentanten der dritten Richtung nehmen wir die ,.R c ich s p o st". Auch sie schwärmt für Rußland. Dabei passiert ihr das Malheur, daß sie nach dem Geschmacke mancher Leser zu kühl in ihrer Liebe für Rußland ist. Sie schreibt, wenigstens gekränkt in dem Briefkasten der Nr. vom 1. Mai: Abonnent: „Mer es heißt doch nicht für die Japaner sympathisieren, wenn man ihre Siege und Erfolge mitte.il t. Wir können doch den Russen zu Liebe nicht japanische Niederlagen und russische Siege erfinden!" Arme „Rcichspost"! Aber Spaß beiseite, die „Reichspost" speziell sollte doch nicht vergessen, welchen Verfolgungen die katholische Kirche in Rußland ausgesctzt ist. Die „Gazetta naro dowo" teilt aus Rom mit, daß der Pap st am 6. Mai 600 polnische Pilger mks Galizien, Rußland und Deutschland, die unter Führung von 7 polnischen Bischöfen und Erzbischöfen erschienen, empfing. Dem Papste wurde eine in nationalen Farben ausgefertigte, sotvie mit dem Wappen Polens und Littauens geschmückte Ergcbenhcits- und Huldigungsadresse überreicht, in welcher es mit Bezug auf die Lage der Polen in Rußland heißt: „Die Religion, nämlich unsere heilige und katholische, die Religion unserer Vorfahren, wird durch gewaltsame G*e - h ä s s i g k c i t c n d e r a r t e r s ch ü t t e r t, daß sie schon die schwersten Schäden erlitten hat; in den Kirchen, welche für sie errichtet und ausgeschmückt worden sind, werden fremdartige Kulte gefeiert; mit Gewalt und durch ungerechte Gesetze werden w i r ferner aus unseren angestammten Ländern verdrängt, und selbst die von den Vätern überlieferte Sprache sucht uns die E i f ersuch t u n s e r c r Feinde zu entreißen." Der Papst nahm die Huldigung der Polen freundlich entgegen und erteilte dem Pilgerzuge den apostolischen Segen. Gegenüber dem Lemberger armenischen Erzbischof Teodorowicz bezeichnet^ er die Polen als „gens paupcrrima et infelicissima". Wir glauben, das sollte doch dst Begeisterung der Katholiken für Rußland etwas abkühlen.; Die katholischen Blätter geben sich aber doch auch den Anschein, als ob sie den Patriotismus gepachtet hätten. Nun haben sie ganz vergessen, wie nahe Oesterreich vor einigen Jahren vor einem Kriege mir Rußland stand? Ist doch Rußland der Erbfeind, der uns zu immer neuen Rüstungen drängt. Und ist es wirklich katholisch, bloß aus Feindschaft gegen die Juden vor dem russischen Kolos; auf dem Bauche zu liegen? Ist cs nicht bezeichnend, daß das W i e ne r „Deutsche Volksblatt" das Telegramm über die Unruhen im Kolomearer Bezirk aus P e t e r s b u r g erhielt. Man wußte also in P e t e r s b u r g früher als in Wien, daß in diesem Bezirke Unruhen ausbrechen werden. Es ist ganz klar, daß hier der rollende Rubel seine Schuldigkeit getan hat» daß Rußland durch bezahlte Agenten in O e st e r r e i ch Unruhen st i f t e t. Sapienti satis. Also nur gerecht, liebe „Reichspost". Die anderen Vorwürfe, die die „Reichspost" gegen die Juden erhebt, find ebenso ungerecht. Der Gedanke der Industrialisierung Galiziens findet gerade in jüdischen Kreisen sehr viel Anklang und hat schon manche Erfolge aufzuweisen. Nur darf man eben nicht diesen Gedanken als Vorwand benützen, um jüdischen Existenzen den Kragen zn brechen, wie es eben in Galizien geschieht. Im übrigen sollte die „Reichspost" aber als katholisches Blatt etwas vorsichtiger in ihren Angriffen sein. Der Antisemitismus ist in den Händen von bewußten Katholiken ein Zweischneidiges Schwert. Ist doch die „Reichsp." selbst gezwungen, in derselben Nummer folgende Briefkastennotiz gegen den „Kikeriki" zu richten: „Geistlicher und Seelsorger. Sie haben durchaus recht und wir bitten in Ihrem und gewiß vieler auf Kirchenfürsten und Priester zu unterlassen. Wie oft man z. B. — Fürsterzbischof Dr. Kohn als Karrikatur verhöhnt: Es geht nicht an, dieses damit zu entschuldigen, daß Dr. Kohn Fehltritte gemacht habe und bei Klerus und Volk mißliebig geworden sei. Man kann es ja sonst auch nicht den jüdischen Witzblättern verübeln, wenn sie ÜrchUche Personen verhöhnen!" — Aber, liebe „Reichspost", nicht nur Dr. Kohn hat jüdisches Blut in sich. Auch Jesus, Maria, Josef, Paulus und Petrus gehörten dem jüdischen Stamme an. * * An die Adresse der „Reichspost". Die „Reichspost" vorn 1. Mai bringt unter dem ebenso geschmacklosen wie unloahren Titel „Die Judenherrschaft in Galizien" eine Polemik gegen unfern Artikel: „Die Judenfrage in Galizien", vom 29. April. So viel Wahrheitsliebe sollte sie doch besitzen, um zuzugeben, daß in Galizien der polnische Feudaladel und nicht die Inden herrschen. Die „R." sagt: „Das „Jüdische Volksblatt" beklagt sich bitter, daß man den jüdischen Kleinhandel in Galizien jetzt brachlegt durch die in jedem Städtchen und jedem Dorfe etablierten Konsumvereine, die jetzt zu einem politischen Faktor geworden seien, da sie nebstbei die Aufgabe haben, die Juden vom Handel zu verdrängen." Die „R." erklärt dann, daß die „Kolk, roln." nur in Origiiialflaschen von drei Zehntel Liter den Schnaps verkaufen. Erstens ist es sehr fraglich, ob durch die Einschränkung auf drei Zehntel Liter wirklich der Schnapskonsum herabgesetzt wird; denn so viel Geld hat gewöhnlich auch das arme Volk, um sich drei Zehntel Liter zu kaufen; es wird im Gegenteil oft dazu verführt, mehr Schnaps zu kaufen, als es eigentlich will. Zweitens hat die „R." nicht mit einem Worte auf folgende. Ausführungen unseres Korrespondenten geantwortet: „Als Hauptartikel befinden sich in einem solchen Vereine Alkoholgetränke in größter Quantität, dagegen sind andere Waren nur auch da. Aus den Konsumvereinen werden mit der Zeit Schnapsbuden, wo nur die Tsunkenheit der Ballern gefördert wird, und zwar umso leichter, als sie, die Konsumvereine, von den Propinationsgesehen und vielen Exekutiverlässen in ihrer Tätigkeit keine Einschränkung erfahren, was bei dem konzessionierten Schankgewerbe der Fall ist. Zwar sind sie nur zum Verkaufe von Originafflaschen (drei Zehntel Liter Inhalt) Alkohol besilgt; aber wer übt die Kontrolle aus, ob der Verkauf in der und nicht in anderer Form vor sich geht?" Die „Kolk, roln." befördern also direkt die Brantweinpest. Ob diese Pest weniger gefährlich ist, wenn sie uilter christlicher Flagge betrieben wird, wagen wir zu bezweifeln. In Rußland hat bekanntlich der Staa.t das Brantweinmonopol. Wir laden die „Reichspost" zum Besuche der Ausstellung des russischen Staates in der S p i r i t u s a u sst e l l u n g ein. Der Muschik trinkt christlichen Schnaps und es ist bekannt, daß nirgends der Schnaps ärgere Verwüstungen anrichtet als in Rußland. Dieselben Verhältnisse herrschen in Rumänien. Liebe „Arbeiter-Zeitung"! Es ist halt ein Malheur, daß wir, selbst wenn wir übereinstimmen, nicht übereinstimmen. So schreibst Du in der Nr. 127: „Mit Ausnahme der drei Wahlbezirke, wo nicht die Liberalen, sondern die Juden den Ausschlag geben, der Inneren Stadt, der Leopoldstadt und des Alsergrundes hat sie nur einen einzigen Bezirk behauptet: das kleine Döbling ragt einsam hervor, als der e i n z i g e Ort in Wien, wo es noch Liberale gibt." Schau, schau! Wir könnten ungefähr diese Wlorte gebrauchen; denn wir gehen erstens von dem Gedanken des j ü d i -- scheu Volkstums aus und zweitens stellen wir den Grundsatz ans, daß die Juden überall dort, wo sie die Mehrheit der Wähler bilden, nur bewußte Juden wählen sollen, die offen jüdische Interessen vertreten. W i r können also den Unterschied zwischen Liberale und Juden machen. Aber die „Arbeiter-Zeitung" verwirft in der Regel strenge diese Unterscheidung; für sie ist das Judentum doch nur der „Glauben derer, die nichts glauben", also etwas ganz Nebensächliches. Es ist also nicht schön von ihr, daß sie diese Unterscheidung hervorholt, nur, um den Liberalen eins ans Zeug zu flicken. Was würde sie z. B. sagen, wenn ein liberales Blatt den Mut gehabt hätte (der Fall ist allerdings ganz ausgeschlossen, also keine Furcht, liebe „Arbeiter-Zeitung), zu konstatieren, daß bei den letzten H a n d e l s g eh i lf e n wa h l e n nicht die Sozialdemokraten, sondern die Juden gesiegt haben?! Wie bitter würde sie gekränkt sein, wenn — natürlich nur, gesetzt den Fall — ein anderes liberales Blatt die Kühnheit gehabt hätte, zusagen, der Dc. Ellenbogen verdanke seine Wahl nicht Liberalen und nicht Sozialdemokraten, sondern Jude n? Aber um bei den letzten Ereignissen zn bleibell, der durchgefallene Kandidat Laurenz Widholz verdanke drei Viertel seiner Stimmen den Juden? Sofort tvürde sie erklären, sie kenne erstens den Unterschied: Jud — Liberaler, Jud — Sozialdemokrat nicht, zweitens kümmern sich die. Inden nicht um die Wahlen und drittens hätten die Juden für den Antisemiten gestimmt. Man lache nicht. Vor mir liegt die Nr. 19 des Floridsdorf er sozialdemokratischen «V o l k s b o t e n". Derselbe schreibt wörtlich über die Wahl in der Leopoldstadt: „Hat sich doch gerade in diesem Bezirke gezeigt, daß, wo es gilt, gegen Arbeiter vorzugehen, das reiche Bürgertum, Juden und Christen nichts verabsäumen, um die Arbeiter mit allen zu Gebote stehenden Mitteln niederzuringen. Und solche Mittel standen den Gegnern der Arbeiter doch in Hülle und Fülle zur Verfügung. „Wer die Macht hat, hat auch das Recht!" sagten sich die mit den Juden unter einer Decke befindlichen C h r r st l i ch s o z i a l e n." Nett, was? Das ist der Dank der Sozialdemokratie! — Kehren wir wieder zu der lieben „Arbeiter-Zeitung" zurück, die ja den antisemitischen Ton für die sozialdemokratische Provinzpresse angibt. In dem angezogenen Artikel wirft sie der antisemitischen Partei vor, sie sei — zu sehr antisemitisch? O nein! Die C h r i st l i ch s o z i a l e n sind der „A.-Z." zu wenig antisemitisch. Die „A.-Z." sagt wörtlich: „Die einzige (!) antisemitische Tat, der wir seit Jahr und Tag begegnet sind, ist der Heldenmut, daß einem Kaffeesieder ans »konfessionellen Gründer," die Erlaubnis verweigert wurde, Bänke auf dem Grunde der Stadt aufzuftellen; das i st, dünkt uns, alles." — Wirklich alles, liebe Arbeiter-Zeitung? Ist Dir also nicht bekannt, daß seit Jahr und Tag kein Jude in städtische Dienste ausgenommen wird, die wenigen, die sich schon dort befinden, nicht avanzieren, daß die jüdischen Unterlehrer nicht befördert werden und der jüdische Geschäftsmann von Seiten des Magistrats allerlei Texatipnen bei Erlangung von Konzessionen ausgesetzt ist, städtische Lieferungen und Bauten prinzipiell nicht Inden übertragen werden? Ist Dir, liebe „Arbeiter-Zeitung", das alles nicht bekannt? O nein, das ist Dir bekannt: aber das alles ficht die Herren, die beim sozialdemokratischen Wurstkessel sitzen, nicht an. Ihnen kann nichts geschehen. Und die Juden? Die dürfen wohl für die Sozialdemokraten stimmen, sie dürfen Geld hergeben, aber sonst haben sie nach der „A.-Z." zu kuschen. Qnod erat demonstrandrlml Chronik. Gedenktage. M a i. 16. 1823 geb. in Groebzig, Professor H. Steinthal. 17. 1779 st. i. Hannover der Math. Raphael Levi. 1898 st. Prof. Jae. Trier. 18. 1721 wurde iu Sevilla die Oüjähr. Maria Caritlo wegen Bevharreus im Judentum verbrannt. 1880 geb. zn Keszthely (ilng.), Komp. Carl G o l d m a r k. 10. 1871 st. i. Wien der Uebers. Dr. Max Letteris. 20. 1849 geb. in Ungarn Dr. I. Goldschmidt. 1880 st. in Rom Sam. Alatri, Abgeordn. 21. 1885 st. in Lyk Dav. G o r d o n, Red. des „Hamaggid". 22.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.