Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 19 (6.5.1904)
- Date
- 1904-05-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 Wien, Freitag Jüdisches Yolkabktt. 6. Mai 1904 Seite 5 bürtiger Prager, trat im Jahre 1871 als Ingenieur vritter Klasse in den Dienst der Kriegsmarine. Gegenwärtig bekleidet er die Stelle eines Vorstandes der ersten Abteilung der marinetechnischen Kommission. GM. Schweitzer, der zu den tüchtigsten Offizieren der Armee gehört, war bis zu seiner Berufung auf den Brigadierposten Kommandant des 26. Infanterieregiments, das bekanntlich mehrere Jahre hindurch in Wien in Garnison lag. Es gibt aber in Oesterreich auch einen jüdischen Feldmarschall-Leutnant, Heinrich Porges, der bis vor kurzem Kommandant der Przemysler Festung war. Heber General Schweitzer wird uns noch gemeldet, das; er sich schon als junger Mann, anläßlich der Okkupation Bosniens und der Herzegoivina durch besonders Tapferkeit ausgezeichnet und namentlich durch eine Heldentat — indem er ein feindliches Belagerungsheer mit Lebensgefahr, verkleidet durcheilte und Entsatz hcrbeirief — sich berühmt gemacht. Man schlug den jungen Offizier zur Verleihung des Maria Theresien-Ordens vor, doch da dieser nur an Nichtjuden verliehen wird, lehnte er dankend ab imb erbat eine geringere Auszeichnung, die er auch erhielt. Bald darauf legte er die vorgeschriebenen Prüfungen ab und wurde Stabsoffizier. General Ritter v. Schweitzer ist einer der tüchtigsten Männer des Gcneralstabcs unserer Armee unb wird von Seiner Majestät bei jeder Gelegenheit durch huldvolle Ansprache ausgezeichnet. Israelitische Kultusgemeinde Wie«. Sonntag den 8. Mai a. c. vormittags 11 Uhr Oeffentliche Plenar-Sitzung des Vorstandes, I., Seitenstettengasse 4. II. Stock. Tagesordnung: Rechnungsabschluss pro 1903. Wien. (Theologischer Verein der Hörer der i s r. t h e o l. Lehranstalt.) Die am 28. April l. I. stattgcfundcne Wahl hatte folgendes Ergebnis: Herr H. Alperin, Präsident, Herr I. Stößler, Vizepräsident, Herr I. Alcalay, Kassier, Herr A. Frankfurter, 1. Schriftführer, Herr L. Freund, 2. Schriftführer. Wien. („I o r da n ia", Vereinigung jüdischer Hochschüler ans der Bukowina in Wien, 2. Bez., Josefinengasse 6/3.) Unser Verein veranstaltet am Sonntag den 8. ds. anläßlich des Lag- B'omer-Festes einen Ausflug: 1.30 Uhr Abfahrt von der Stadtbahnstation Schottenring nach Greifenstein, daselbst Besichtigung der Burgruine. Hierauf Fußpartie nach Hadersfeld. Hier längerer Aufenthalt. Hierauf Fuhpartie nach Klosterneuburg. Rückfahrt nach Wien. Jüdische Gäste (auch Damen) herzlich willkommen. Statt jeder schriftlichen Einladung. — Bei schlechter Witterung findet der Ausflug Sonntag den 22. ds. statt. Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Leopoldstadt", 2. Bezirk, Untere Augartenstraße 1 a. Mittwoch den 11. Mai 1904 Vortrag des Herrn Dr. Paul Weisengrün. Thema: Kapitalismus und Sozialismus. Beginn 8 Uhr abends. Gäste willkommen. Sonntag den 15. Mai 1904 findet im Lokale der Toynbee-Halle eine Vortragsakademie unter Mitwirkung hervorragender Kunstkräfte statt. Beginn 3 Uhr nachmittags. Regiebeitrag 60 Heller. Der Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter „Brigittenau" veranstaltet am 8. Mai 1904, 3 Uhr nachmittags, in Jos. Trabs .Restauration Meidling am Bach, Brandmeyerstraße, eine Vorrragsakademie und bittet alle Kollegen und Gesinnungsgenossen, sich an derselben zu beteiligen. Zusammenkunft: Stavtbahnstation Brigittabrücke um halb 2 Uhr nachmittags. Führer an blauweißer Masche zu erkennen I Entree 30 Heller. Bei ungünstiger Witterung findet das Fest eine Woche später statt. R. B. Die diesjährige ordentliche Generalversammlung der Jsr. Allianz in Wien findet Dienstag, den 10. Mai 1904, um 6 Uhr abends im Saale der isr. Kultusgemeiude, I., Seitenstettengasse 4, 1. Stock, statt. Tagesordnung: 1. Bericht über die Tätigkeit des Vereines im Jahre 1903, 2. Bericht über die finanzielle Gebarung im Jahre 1903, 3. Wahl von fünf Vorstandsmitgliedern mit vierjähriger Funktionsdauer (§ 6 der Statuten). Die Reihe zum Austritte trifft die Herren: Theodor C o h n, Adolf Klein, Rabbiner Dr. S ch m i e d l, Fritz Singer, Hofrat Sigmund T a u s s i g. 4. Genehmigung der nach § 6, Alinea 3 erfolgten Kooptation eines Vorstandsmitgliedes mit dreijähriger Funktionsdauer an Stelle des verstorbenen Herrn Heinrich N i erenstein, 5. Etwaige Anträge der P. T. Mitglieder (§ 8 der Statuten). Der soeben erschienene und dieser Tage an die Mitglieder zur Versendung gelangende Jahresbericht der Allianz pro 1903 ist besonders reichhaltig. Er enthält neben einer eingehenden Darstellung der Hilfsaktion für K i s ch e n e w und H o m e l, der Konferenz in Berlin, der Tätigkeit der Allianz für Rumänien, der Subventionen verschiedener Gemeinden, Vereine und Anstalten im Jnlande rc., roch drei besondere Beilagen unter dem Gesamttitel: K i s ch e n e w. und zwar: a) Bericht des britischen General-Konsuls in Odessa an Marquis L a n s d o w n e, Minister des Aeußeren in London, d) Aus dem Berichte des Sekretärs Herrn Rabbiner Dr. K aminka über die Situation in Kischenew und die Organisation des Hilfswerkes, c) die Prozesse gegen die Exzedenten in Kischenew (eine Uebersicht, welche, aus dem Manuskript des Jahresberichtes der Wiener Allianz ins Englische übertragen, hemmt und manchmal überhaupt nicht zum persönlichen Schaffen gelangen läßt. Die Brotarbeit, die leidige Sorge um die Existenzmittel, die Unsicherheit der materiellen Lage. So ist Kr e st in 35 Jahre alt geworden und hat viele seiner besten Werke unvollendet an die graue Atelierwand gehängt, um statt dessen irgend einen „Auftrag" fertigzustellen, der für ihn eben nur den — Geldwert hatte. Un so Hab' ich in seinem Atelier manches gesehen, was mir mehr von seinem großem Können erzählte, als die fertigen, zum Kaufe ausgestellten Bilder. Da hängt bei Pis ko ein großes Gemälde „Neueste Nachrichten^: — ein paar russische Juden, die auf einer Bank beieinander sitzen und einer von ihnen hält ein Zeitungsblatt in den Händen. Die einzelnen Gestalten, namentlich die ausdrucksvollen Köpfe und die Kleider sind sehr fein gemacht, gediegene fleißige Arbeit. Aber man glaubt diesen Leuten nicht, daß sie sich zu der Zeitung hindrängen, daß sie zuhören, was der eine daraus vorliest, daß sie überhaupt ein Interesse für die „Neuesten Nachrichten" haben. Dagegen die unfertige kleine Skizze zu dem Bilde, die der Künstler daheim in seinem Atelier behalten hat! Wie glänzend ist dort die gespannte Aufmerksamkeit, die Neugierde in der Bewegung der Personen zum Ausdruck gebracht. Das ist die erste künstlerische Impression, wie sie sich dem Maler in einem glücklichen Momente bot, während das große Bild eben eine fleißige Arbeit — vielleicht nach Modellen oder Studien — geblieben ist. Die beiden anderen Judenbilder, „Sabbatruhe" (P i s k o) und „Morgengebet" (Künstlerhaus) stelle ich bedeutend höher, an namentlich das letztere, weil es den Maler als Psychologen zeigt. — Ein alter Jude mit Gebetriemen und ein kleiner Junge, der dem Großvater das Gebet vorsagt. Wieviel stumme Zukunftssorgen, verschwiegene Fragen sprechen aus dem Blicke des Alten! Und um den süßen Kindermund des Kleinen, der mit weiten, glänzenden Augen in die Luft sieht, als lese er dort in großen, wohlbekannten Lettern das Gebet ab, zuckt es leicht — ganz fein und fast unmerklich ist die Bewegung des Mundes beim Sprechen angedeutet. Auf dem Gesichte des Knaben liegt heller Früslingssonnenschein, nichts von den grauen Wintersorgen, die das Antlitz des Goßvaters verdüstern; nichts von der tiefen, stillen Wehmut des leidgeprüften alten Juden, der vielleicht gerade über die Zukunft des Enkelkindes nachsinnt . . . Das ist die große Kunst, die ich auch in anderen Bildern Krestins bewundern durfte: die sichere Erfassung und Gestaltung des psychologischen Moments. Und darin erblicke ich die Hoffnung und Gewähr für seine Zukunft. -Sicher aber ist, daß da nicht einer aus Absonderlichkeit, „das alte Genre der Ghettomalerei" zu erneuern sucht, sondern daß hier ein Künstler durch seine ganz persönliche Begabung auf ein Gebiet geführt wurde, auf dem er ‘ seiner Natur und Entwick lung gemäß hoffentlich noch vieles ganz Vollwertige schaffen wird! v / V. F. Der „6ech" gegen die Juden. Der Prager klerikale „6ech" will einmal zeigen, daß er sich auch mit Volkswirtschaftslehre befaßt. — Da alle Blätter Böhmens über innere Kolonisation schreiben, darf er ja nicht Zurückbleiben! Die Ausführungen des Artikels vom 29. v. sind voll des rüdesten Antisemitismus. In einer Einleitung, die von völliger Unkenntnis der Sache zeigt, wendet sich der geistreiche Autor gegen die Ausführungen Bartolins, schimpft in gewohnter Weise auf die Juden, denen er die Schuld für alle Uebeltaten zuschreibt. Die Auswanderung nach Amerika aus Galizien und der Slowakei verschuldeten die Juden; vor den würgenden Klauen der räuberischen semitischen Rasse, fliehen die armen Slowaken und Polen, vor jener Rasse, die noch nirgends von erzener Arbeit sich zu ernähren zustande gebracht hat. Dann empfiehlt er die Kleinkolonisation des Ministers Daranyi und verlangt von den Bezirksvorschußkaffen, sie mögen das. Werk Die Judcnexzesse in Uhnow. Aus Lemberg wird geschrieben: Der Prozeß wegen der Judenexzesse in Uhnow wird nicht in Lemberg, sondern im Städtchen Uhnow stattfinden, wohin sich der Gerichtshof mit den Verteidigern für einige Wochen begeben wird. Die Verhandlung beginnt am 3. Juni. Die Armut in Krakau. Der „Hamizpah" entnehmen wir folgende, auf die Armut der Juden in Krakau bezughabende Daten: In Krakau (ohne Podgorze rc.) leben 27.000 Juden, ungefähr 6000 jüdische Familien. Hievon erhielten anläßlich der jüngsten Peffachtage 1490 Familien Unterstützungen sowohl in Geld, als auch in Naturalien. Bloß Geldunterstützungen, ohne Mazzot erhielten 700 Familien, so daß zusammen rund 2200 Familien, also ungefähr die Hälfte der Gesammtzahl, aus der Kassa der jüdischen Gemeinde unterstützt werden mußten. Hiezu muß noch jene große Anzahl von Familienhäuptern gerechnet werden, denen es derogiert, die Unterstützung der Gemeindekasse in Anspruch zu nehmen und von dem Bethause oder der Klaus unterstützt werden, welchen sie angehören. Aus der angeführten Zahl sind auch die alleinstehenden Greise, Greisinnen, Witwen und Waisen — ungefähr dreihundert — ausgeschlossen, welche während der acht Peffachtage ganz auf Kosten des Gemeindesäckels im öffentlichen Speisehause gespeist wurden. Der israelitsche Landes-Lehrerverein in Ungarn hielt am 2. d. M. zu Ehren des Andenkens seines gründenden Mitgliedes weiland Bernhard Lederer eine Festsitzung, in welcher die diesjährigen Zinsen der 4000 K. betragenden Lederer-Stiftung dem kranken Lehrer in Salgo- Tarjan Leopold Eckstein zugesprochen wurden. Die Familie des verstorbenen Gründers spendete aus diesem Anlasse weitere 100 K. für den an zweiter Stelle vorgeschlagenen kranken Lehrer. Die übliche Denkrede hielt auch diesmal der pensionierte Direktor der Präparandie' Abraham Lederer. Die Palästina-Ausstellung in Prag. Ende dieser Woche wird im Prunksaale des „Hotel Central", Hybernergasse, die Ausstellung von Erzeugnissen aus den jüdischen Dörfern in Palästina, welche im März und April in Wien gewesen ist, eröffnet werden. Wie in Wien haben sich auch in Prag die angesehensten Mitglieder des Kultusvorstandes, der beiden Logen, sowie des Volksvereines an die Spitze der Ausstellung gestellt. Ein Ehrendamen - Komitee ist ebenfalls in der Gründung begriffen. Bei dem außerordentlichen Interesse, das nicht nur in Prag, sondern auch in ganz Böhmen den jüdischen und speziell den Palästinensischen Fragen entgegengebracht wird, dürfte auch dort ein Erfolg zu erwarten sein. Auch diese Ausstellung wird von der Kommandit-Gesellin die Hand nehmen. Zum Schluß sagt der Verfasser: „Das zu gleicher Zeit im Werke „Russia at the Bar of the Americain People, A Memorial of Kischenef", New-Iork und London, schon erschienen ist). Der Bericht des Herrn Dr. Kaminka enthält unter anderem eine authentische Liste der Märtyrer von Kischenew unter Angabe der Hinterbliebenen Familienmitglieder und eine statistische Uebersicht der jüdischen Bevölkerung in Rußland. — Die diesjährige Generalversammlung der Alliance Israelite Universelle in Paris findet Sonntag, den 15. Mai 1904, im Saale der Ecole Normale Israelite Orientale, 59 rue d Anteilstatt. Lazar Krestin, der gegenwärtig bei Pisko und im Künstlerhaus ein paar Bilder ausgestellt hat, stammt aus Rußland. Auch für ihn sind die Eindrücke, die er als Kind empfangen — wie bei allen Künstlern — die Grundlage der ganzen Entwicklung geworden. Und die Szenen ^.»s dem Leben der russischen Juden malt er immer wieder mit mehr Glück als irgend ein anderes Motiv. Ganz einfach dc.nun, weil er da mit ganzem Herzen bei der Arbeit ist, weil er weiß, das hier das Gebiet liegt, auf dem er sein Bestes geben kann. Daß er uns nicht längst bekannt ist, daran ist Eines schuld, das gar viele in ihrem künstlerischen Werden wären keine falschen Spekulationen, sondern gesunde Unternehmungen, die diesen Anstalten einen ansehnlichen Nutzen bringen würden, besser vielleicht als manche verkrachte Zuckerfabrik/ (Einen besseren Nutzen gewiß, als die Wenzels- Borschußkasse ihren Mitgliedern!) Kultusgemeiude und jüdische Handwerker. Die Ku ltuS gem eind e in Dobuischt bei Prag baut eine neue Synagoge, selbstverständlich mit jüdischem Kapital und auch die Erhaltung dieses Bethauses wird den jüdischen Steuerträgern zur Aufgabe fallen. Da sollte man glauben, daß, wenn sich jüdische Handwerker rechtzeitig um die verschiedenen Arbeiten bewerben, soviel Rücksicht auf dieselben gekommen wird, daß sie zur Konkurrenz zugelassen werden. Dem ist aber nicht so. Einige jüdische Handwerker aus Prag, welche sich um verschiedene Arbeiten bewarben (in Dobuischt ist das Kunstgewerbe nicht vertreten), tüchtige erprobte Meister, welche bei verschiedenen derartigen Bauten Beweise ihrer Tüchtigkeit erbracht haben, wurden übergangen. Ohne von diesen Offerte zu verlangen, sind die Arbeiten vergeben worden und zwar eine der hervorragendsten — man würde es kaum glauben — an einen eingefleischten Antisemiten, der erst kürzlich in einem Lokal ganz unverhohlen sich ausgesprochen hatte, daß er absolut beim Juden nichts kauft und auch nichts arbeiten läßt. An solche Leute vergibt eine jüdische Gemeinde diverse Arbeiten, unterstützt die Antisemiten derart, dqß sie groß werden, während der jüdische Handwerkerstand sich nicht entwickeln kann und zugrunde geht. Es liegt klar auf der Hand, daß unsere Glaubensgenossen zu dem Verfall dieses Handwerkerstandes am meisten beitragen. Dieses beweist dieser Fall, der leider nicht vereinzelt dasteht. Er ist gar zu drastisch. Es würde wahrlich einer jeden Kultusgemeinde nur zur Ehre gereichen, wenn sie bei der Weihe des Tempels oder, einer anderen Festlichkeit mit Stolz darauf Hinweisen könnte, daß auch jüdisches Kunstgewerbe an diesem Bau beteiligt war. Auch liberale Katholiken äußerten sich mißbilligend, daß die Juden ihre Handwerker selbst zugrunde gehen lassen. Insbesondere die Betätigung im Kunstgewerbe, die sich gar selten bietet für den jüdischen Handwerker, sollte ihm nicht genommen werden. schüft „Karmel^, Wien, veranstaltet, deren Leiter auch in Prag derselben persönlich vorstehen wird. Anslarr-. Die Folgen der Verhetzung der „Nowoje Wremja" und Kruschewans. In der bessarabischen Stadt Bender, unweit von Kischenew, stürmten letten Samstag, während die Juden beim Gottesdienst waren, ungefähr 80 Kazagen das Judenbiertel. In der Nekresowgasse Zertrümmerte die Bande die Fensterscheiben der Judenhäuser, drangen dann in eine Wohnung ein, wo sie zwei Männer und ein 15jähriges Dlädchen töteten. Nach vollbrachter Mordtat zog die Bande in die P u s ch k i n st r a ß e, wo sie die Bevölkerung unter dem Rufe: „B l u t f ü r B l u tl Unserrussisches Blut wird jetzt im fernen Osten vergossen, weil die Juden in Amerika und England die Japan c r a n f h e tz t e n, f ü r K i s ch e n e w R a ch e z u n e h m e n" havanguierte. Hierauf stürzten sie in die Wohnung des Mehlhändlers Zlbraham Chortinski, warfen dessen Frau, die im W o chc n b e tt e lag, auf die Straße, während sie den Mann mit einem Axthiebe auf den Kopf lebensgefährlich verletzten. E r st n a chmittags um drei Uhr erschien der Polizeimeister mit einer Rotte Kosaken auf dem Schauplatze. Die Mordbuben widersetzten sich jedoch den Verhaftungsversuchen des Polizeimeisters. Erst als auf die telegraphische Meldung des Polizeimeisters an den Kischenewer Gouverneur desien Antwort eintraf: „Schießen!" wurde die Ruhe wiederhergestellt. Diese traurige Tatsache beweist wieder, daß die russische Regierung trotz ihrer Bemühungen in jüngster Zeit, den Geist, den sie selbst heraufbeschworen und in der „Nowoje Wremja" sowie in Kruschewans Sudelblättern so lange ungestört walten ließ, nicht mehr zu bannen vermag. Es läßt sich eben über wehrlose Juden leichter ein „Sieg" erringen, wie gegen beivaffnete — Japaner! „I. T." Die Gesamtorganisation der deutschen Juden, die seit mehreren Jahren die führenden Kreise in unseren Reihen auf das Lebhafteste beschäftigte, ist nunmehr zu einer freudig zu begrüßenden Tatsache geworden. Am verflossenen Sonntag wurde in Berlin der Verband der deutschen Juden in einer herzerhebenden Versammlung begründet, itn der mehr als 130 hervorragende Männer als Vertreter von Gemeinden und Verbünden aus allen Teilen Deutschlands teilnaymen. Ein gcschäftsführender Ausschuß, bestehend aus den Herren Justizrat Fuchs, Justizrat Breslauer, Justizrat Dr. Edmund Friedemann, Rechtsanwalt Dr. M. Horwitz, Professor Dr. M. Philippson, hatte nach mehreren vorbereitenden Konferenzen in Frankfurt a. M., Erfurt und Berlin diese konstituierende Versammlung zur endgiltigen Begründung eines Verbandes der deutschen Juden cinberufen. Dieselbe wurde vom Vorsitzenden des Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Rechtsanwalt Dr. Horwitz, eröffnet. Professor Philippson erstattete in eingehender und sachlicher Weise das Referat über die Gesamtorganisation, deren vorzüglichste Aufgabe die Wahrung der Ehre und der verfassungsmäßigen Rechte der Juden Deutschlands im ganzen und im einzelnen sein solle. Nicht allgemeine Politik sollte getrieben, kein jüdisches Zentrum gebildet, keiue prinzipielle Opposition angebahnt werden, sondern es handle sich unk eine Zusammenfassung der Hauptelemente der deutschen Juden zur Wahrung ihrer Interessen. Das Referat fand allgemeinen Beifall, unb in der sich daranschlietzenden Generaldiskussion, an der sich die Herren Justizrat Cassel, Friedmann-Glogan, RechtSaiuvalt Dr. Cohn-Dessau, Prof. Maybaum-Berlin, Stadtrat Hombnrger-Karlsruhe und verschiedene andere lebhaft beteiligten, wurden die einzelnen Punkte einer solchen Organisation, deren Zweck, Zusammensetzung, Oeffeirtlichkeit, Beitragspflicht usw. eingehend besprochen. In der Spezialdiskussion über die Statuten wurde Zunächst Paragraph 1 mit großer Majorität angenommen: