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Jüdisches Volksblatt · 1904-05-06 · 19 (6.5.1904) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
19 (6.5.1904)
Date
1904-05-06
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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feite* Wien, Freitag JiSfrebe# Voübbkrtt. 6. Mai 1904 Nr. 19 Die bisherige russische Politik war eine Polizeipolitik. Die Regierung konzentrierte ihre ganze Tätigkeit auf den Kampf gegen Juden, Finländer und Sozialisten. Die auswärtige Politik vernachlässigte sie. Nun erntet sie die Früchte ihrer Tätigkeit. Alexei. Brief aus Kroatie«. So mächtig, wie bei den Slaveu, ist das Gefühl der Stmnmessolidaritär wohl bei keiner anderen europäischen Rasse. Die politische Unselbständigkeit und oft auch ihre bedrohte Existenz innerhalb des Staatenbundes Lesterreich-Ungarns, die Schwäche der kleinen Staaten am Balkan, sind der Grund, weshalb die Slaven ihre Gefühle einander znwcnden, andererseits aber alle von dem mächtigen Repräsentanten des Slavcntums Rußland angezogen werden. Aber trotz dieses Strebens nach Einheit als Rasse, ist andererseits der Partikularismus ziemlich groß. So z. B. sind Kroaten und Serben sehr oft, besonders in neuerer Zeit, als eine Nation erklärt worden, die Serben aber, die im Königreiche Kroatien leben, fordern im Namen der Freiheit von den Kroaten solche nationale Konzessionen für sich, die gewiß eine starke Differenzierung, wenn auch nicht Scheidung beider Nationen hcrbeiführcn müßten. Und doch sind diese Serben schon seit Jahrhunderten in .Kroatien, haben dasselbe Blut, dieselbe Sprache und bloß eine andere Religion als die Kroaten. Und die Kroaten, wenigstens die Majorität derselben, die ganze Gelchrtcnwelt inbegriffen, mit Ausscheidung einer politischen Fraktion,- ist bereit ,ihre Wjünschc wenigstens teilweise zu erfüllen. Man sollte denken, daß bei solchen Verhältnissen wir Juden, die ganz anderes Blut in unseren Adern haben, doch fühlen müßten, daß wir nicht an unsere jüdische Abstammung vergessen und bloß als die reinsten Kroaten uns aufführen dürften. Es müßte doch einleuchten, daß es für uns einen kroatischen Patriotismus gibt, aber keine andere als die jüdische Solidarität. Gerade uns, die wir in einem kleinen Lande, in dem sich Schwesternationen so prägnant zu unterscheiden trachten, leben, müßte es einleuchten. Oder können wir so ganz aufrichtig für den Panslavismus sein, können tv i r f ü r Rußland schwärmen? Der größte Assimikant müßte es verneinen. Und doch sind dies integrierende Charakteristika des slavischen Kroatentums. Und dennoch trachten unsere Juden, vor diesen Tatsachen die Augen zu verschließen. Um jeden Preis will man sich vom wahrhaftigen Judentum abwenden. So trachtete man seit Jahren während anderswo sich ein wahrhaft jüdisches Leben entfaltete, diese Bewegung zu ignorieren. Der weit größte Teil weiß wenig von der jüdischen modernen Bewegung nichts, vom Zionismus kennen viele nur den Namen, das Jüdische interessiert sie viel weniger, als es die Nichtjuden interessiert, eine wahrhafte Angst haben viele, das moderne Judentum kennen zu lernen! Nationales Judentum? Darüber lachen sie. Gar viele, viele, leider, gab es und gibt es, die den Namen Morris Nosenfeld nie hörten (ich spreche aus persönlicher Erfahrung), weil sie eben kein Interesse am jüdischen Leben finden, und viele, deren Muttersprache nicht die kroatische ist, wollen Kroaten sein, waschechte Kroaten, ohne zu bedenken, welch kolossaler Unsinn solch eine Unkonseguenz ist! Am Zionismus, an der Poesie Jung-Judas, an all den inhaltvollen Jahren echten jüdischen Lebens nahm man nicht teil, man wußte nicht einmal, daß all dies bestehe, und wenn cm einen oder den andereii die Bewegung herankam, schloß er die Augen. Denn, nur der die Augen gewaltsam verschloß, sah nicht! Doch es wird anders. Langsam und langsam bahnen sich die neuen Ideen auch zu uns den Weg. Wir können auf zionistische Rabbiner hindcuten und es gibt eine kleine Zahl zionistischer Jpgend. Und auch Alte- Man beginnt, sich dafür zu interessieren, man will wisse n. Der Anfang ist getan. Jgnoii nulla cupido, doch wenn man es erteilnen wird, dann kommt in die jüdischen Herzen auch bei uns eine neue cupido, ein jüdisches Sehnen! Ein Uterarischer Verein ist seil einigen Monaten gegründet worden in Zagreb (Agram) und der Vizepräses verwahrte sich bei der Eröffnung gegen modern jüdische Einflüsse. Der Verein hätte wohl nur für Altertumskunde und Religion eine Stätte sein sollen! Doch der Präses, Oberrabbiner Dr. Jacobi, faßt die Zwecke desselben zum Glück anders auf. Und so hielt am 10. April die moderne jüdische Poesie und Bewegung in den neuen Verein ihren feierlichen Einzug. Alexander Licht sprach über Morris Nosenfeld und verband damit notwendigerweise andere Themata, den Zionismus, die jungjüdische Poesie, das jüdische Massenelend, den Jargon und manches Andere. Mit Wärme und Gefühl vorgetragen, wurde der Vortrag fast ausnahmslos von allen beklatscht. Und mn Ende kamen alle, alle, um dem Vorrragendcn die Hand zu drücken. Dr. Jacobi war der erste und die anderen nachher. Die jüdische Saite ist berührt worden und bei allen ohne Ausnahme erklang sie laut. Bei allen! Wie wird es erst sein, wenn alle'diese Menschen an den Quell gehen werden, um dort zu schöpfen? Wir Jungen werden unsere Pflicht tun. Wir haben schon den Anfang gemacht. Wir werden sie mahnen, daß es ein armes, geknebeltes, schwaches Volk gibt, das von der allgemeinen Humanität nichts zu erwarten hat, dem man die Sage vom Kapitalismus anbindet, damit man seine Hilfe nicht dem Juden angedeihen lasse. Wir werden sie ermahnen, daß ein jüdisches Gefühl der Zusammengehörigkcir und des Zusammenwirkens, unter w e l ch e m Titel immer, notivendig ist. An der Universität werden sich die Juden endlich in einen Klub vereinigen. Man hat schon vor Jahren damit probiert, den extremen Asstmilanten war es nicht recht und es kam nicht dazu. Nun doch! Es ist zwar kein zionistischer und kein jüdischnationaler Klub, Asfimilanten sitzen auch darin, aber ein jüdischer ist er notwendigerweise. Und daß der Zweck ein jüdischer sein tvird, dafür wird man schon sorgen. Was die Mittelschuljugend hier in Zagreb getan, machen wir ihr nach. Leicht ist das nicht, denn es gibt bloß etwas über 30 Juden an der Universität und auch von diesen wollen, leider, einige nicht einmal in einen solchen „gemischten" Klub treten, sie fürchten sich vor einem Separatismus! A. L. Palästina in der internationalen Politik. Von Rev. Dr. M. G a st e r. (Fortsetzung.) Ehe wir nun in der Anführung weiterer Stellen aus Oliphants Werk, in welchem die Tendenz Rußlands, konsequent südwärts vorzudringen nachgewiesen wird, fortfahren, erscheint eangezeigt, hier einige Bemerkungen über die angeführten Stellen einzuschieben. Weder der Berliner Vertrag, noch die Errichtung dieser kleinen Staaten waren geeignet, dem Vordringen Rußlands auch die geringsten Hindernisse in den Weg zu legen. Wer da glaubt, daß Rußland auch bei der sichersten Aussicht, den Zugang zu Alexandretta je früher zu gewinne», seine Hoffnungen auf Konstantinopel «ufgeben, oder aufhören würde, diesem Endziele zuzustreben, ist in Bezug auf die eigentlichen Ziele der Politik Rußlands stark im Irrtum. Es ist das Fundamentalprinzip des sogenannten Testaments Peters des Großen, welches, wenn ich nicht irre, vom Moldauer Prinzen Cantemir aufgesetzt wurde. Ueber diesen Punkt jedoch ein andermal. Die Eroberung Konstantinopels und die Schmückung des Zarenhauptes mit der alten Krone der Byzantinischen Kaiser, ist ein längst fixiertes Ziel der ruffischen Ambition. Die ruffischen Zare haben sich stets als die rechtmäßigen Erben der Kaiser von Byzanz betrachtet. Von den Herrschern Byzanz, haben sie mit dem Christentum gleichzeitig das Wappen mit dem Doppeladler übernommen. Konstantinopel wird in Rußland und bei den übrigen slavischen Völkern „Zarigrad* „die Stadt der Zare* genannt, und in der Einbildung der Russen lebt die Vision von der russischen Thronbesteigung in der alten Hauptstadt der orthodoxen Kaiser immer fort. Es hieße sich selbst den unangenehmen Enttäuschungen aussetzen, wenn wir uns einreden wollten, daß Rußland und die Russen, mögen sie der gegenwärtigen autokratischen oder einer zukünftigen liberalen oder radikalen Richtung angehören, wegen einer temporären Schlappe ihre Beharrlichkeit in den Versuchen, Konstantinopel an sich zu bringen, aufgeben würden. Es ist Zeit, daß man von dieser verfehlten Ansicht abkomme, denn diese Frage bildet eine der vielen fixen Posten bei der politischen Kalkulation der Zukunft. Es wird allgemein behauptet — ob es wahr ist oder nicht, sei dahingestellt — daß England diese Möglichkeit in Erwägung gezogen und seine Orientpolitik auf die Annahme basiert hat, daß Koustantinopel endgiltig von Rußland besetzt ist. Es dürfte, bis dies geschehen sein wird, wohl mehr Zeit verstreichen, als mancher annimmt, daß es aber so kommen werde, unterliegt kaum einem Zweifel. Was immer auch im fernen Osten eiutreten möge — nebenbei gesagt sind die Expanfionsbestrebungen Rußlands in dieser Richtung auch nichts anderes als die Folge des Berliner Vertrages und des demselben entspringenden Zwanges, das aggressive Vorgehen im nahen Osten momentan zu unterbrechen — möge Rußland in diesem Kampfe siegen oder nicht, das Aufgeben seiner Pläne im nahen Osten wäre mit dem Aufgeben seiner Großmachtstellung gleichbedeutend. Sollte Rußland im fernen Osten das Spiel verlieren, so wird es sich sicherlich im nahen Osten dafür entschädigen; kehrt es aber aus dem Kriege als Sieger heim, wer würde es dann wagen, seinen Ambitionen ein Ziel zu setzen? Früher oder später wird Rußland in Konstantinopel sich niedergelassen haben. In jüngster Zeit hat Deutschland einen sogenannten friedlichen Feldzug zum Zwecke handelspolitischer Eroberungen begonnen. Ohne auf den unsichtbaren Zweck erst näher eingehen zu müssen, welchen Deutschland durch die Gewährung von Begünstigungen an die Türkei erreichen gedenkt,, wird es jedem, der den Plan der neuesten Bagdad bahnen genau studiert hat, sofort klar, daß dieselben gewiß nicht den Zweck verfolgen, die englischen Bestrebungen zu fördern oder „das Vertrauen an die Stabilität der inneren Lage zu heben." Die Jsmid-Angora-Linie wurde bis Könieb ausgedehnt und soll sich eventuell bis Adana, welches ganz nahe bei Alexandretta gelegen ist, erstrecken. Mit dem Momente, wo ein größerer Hafen in die Hände eines anderen Staates fällt, z. B. Salonichi in diejenigen Oe st erreich s. Konstantinopel in Rußlands und Alexandretta in Deutschlands, wird die Bedeutung Egyptens als strategische und Handelsverkehrsader immer mehr gefährdet. Hiermit ist aber das Endziel noch immer nicht erreicht, denn die Okkupation dieser Plätze bildet nicht denEndz w e ck der politischen Bestrebungen in den verschiedenen Lagern. Der Endzweck! st dieKontrolleüber Palästina! Das ist der Schlüssel zur ganzen Situation! Ich lasse nun jene Stelle aus Lawrence Oliphants besagtem Buche folgen, an welcher er die Tätigkeit Rußlands im Zusammenhänge mit der politischen Zukunft P a l ä st i n a s so anschaulich beschreibt. Er sagt daselbst: „Was die russische Bevölkerung zu einem Kriege gegen die asiatische Türkei veranlassen könnte, wäre nicht die Aussicht auf den Besitz eines Hafens im Mittelländischen Meere, sondern vielmehr der Zauber eines religiösen Krieges, mit dem Zwecke, die heiligen Plätze in Jerusalem an sich zu bringen. Ungefähr viertausend Pilger, zumeist ausgediente Soldaten machen jährlich die beschwerliche und mühsame Reise zu den geheiligten Gräbern. Man kommt mit ihnen in der Karwoche häufig in Berührung, wobei man sich des gewaltigen Eindrucks, den ihr fanatischer Aberglaube auf den Beobachter macht, nicht erwehren kann. „Rußland kann bei Alexandretta (und ich füge hier in Klammern „auch bei Koustantinopel" hinzu) nicht stehen bleiben. Ein Vorrücken bis nach Jerusalem ist eine gebieterische Forderung der religiösen Gefühle des Landes. Und wenn man die Stelle betrachtet, welche Rußland für sein Hospiz gewählt hat, so gewinnt man schier den Eindruck, daß es bei Anlage desselben schon diese Möglichkeit in Betracht gezogen hat. Lieutenant Conder schreibt in seinem Buche: „Bentwork in Palestine" diesbezüglich: „Durch seine Lage dicht neben dem alten Psephinusturm beherrscht das russische Hospiz die ganze Stadt Jerusalem und viele sind der Ansicht, daß es in der Lage sei, als militärischeFestung verwendet zu werden-. Anderseits macht ein Schriftsteller in einem Tagblatt (St. James', 15. September 1880) mit einer Anspielung auf Palästina die zutreffende Bemerkung: „Sollte die Austragung des Konfliktes zwischen der Zivilisation des Westens und dem autokratischen Barbarismus des Nordens jemals den Waffen überantwortet werden, so wird die Entscheidung aller Wahrscheinlichkeit nach an jener Stelle fallen, welche die zwei Berbindungsstraßen zwischen dem Mittelländische» Meere und dem Indischen Ozean gleichsam bewacht." Ist aber Rußland erst im Besitz von Palästina, so beherrscht Rußland zwei Seen, denn es ist in diesem Falle als sicher anzunehmen, daß Akaba schon viel früher in seinen Grenzen eingeschloffen sein wird. „Die einzige Möglichkeit, das Vordrängen Rußlands am Roten Meere zu hemmen, wäre durch die Okkupation dieses Hafens; dies wäre aber mit großen Schwierigkeiten und Gefahren verbunden. Ist einmal das rnflische Arsenal in Haifa etabliert, so wäre der Weg nach Indien über Egypten praktisch geschloffen, und die strategische Position würde Rußland die Kontrolle über den ganzen Orient ermöglichen, denn bei einer solchermaßen beherrschten asiatischen Türkei könnte sich auch Persien nicht mehr lange halten und sowohl der Golf von Persien, wie auch das Rote Meer würden bald für die ruffische Flotte frei werden." So weit Mr. Lawrence O l i p h a n t. In den letzten zwanzig Jahren, welche seit jener Zeit, da diese Worte geschrieben wurden, verstrichen sind, ist die Aktivität Rußlands nach dieser Richtung an Kraft und Ausmaß nicht geringer geworden. Kloster auf Kloster wurden in Palästina gebaut und mit Mönchen angefüllt, welche, um ein Wort Oliphants zu gebrauchen, wie ausgediente Soldaten aussehen. Schulen für ruffischen Unterricht wurden im nördlichen Teile Palästinaerrichtet, ein Postamt in Jerusalem eröffnet und verschiedene andere Unternehmungen unter besonderer Protektion Rußlands gegründet. Die religiöse Flamme verlosch keinen Augenblick und eine kleine Brise genügt, sie zu einem lodernden Feuer anzufachen. Zogen die russischen Soldaten im Kriege gegen die Türkei singend auf ihrem Wege nach Konstantinopel, wie ich sie während des letzten ruffisch-türkischen Krieges selbst gehört habe, so würden sie vor Freude jubelnd marschieren, wenn sie ihre Schritte dem Lande zuführen würden, in welchem alle ihre religiösen Aspirationen zusammenlaufen. Die Glorie von „Zarigrad" und des heiligen Athosberges erbleicht zurBedeutungslosigkeit, verglichen mit dem Zionsberge mit seinen heiligen Gesellschaften und seinen in den Gemütern lebenden heiligen Traditionen. Ist auch die Periode der Kreuzzüge für den Westen schon abgeschlossen,' so kann man russischer Kreuzzüge im Orient sicher gewärtig sein! Rußland würde dann den religiösen Fanatismus zugunsten seiner politischen Ziele ausbeuten und im Falle der Eroberung Palästinas durch die Russen, wäre der ganze Orient der Gnade der ruffischen Waffen und der russischen Kriegsschiffe ausgeliefert. (Fortsetzung folgt.) Chronik. ArUamd. Gedenktage. Mai. 9. 1778 geb. Moses Philippsohn. 10. 181 ft. in Königsberg Moses Samuel Löwe, Maler und Kupferstecher. 11. 1884 st. in Perlin Sara Levy 91 'Jahre alt. 1886 st. m Newark (Amerika) Rabb. und Dichter Js. Kalisch. 12. 1862 st. in Bamberg Rabb. S. W. Nosenfeld. 13. 1872 st. in Oberdöbling DichterMoritzHartmann. 14. 1864 st. in London M. H. Breßlau, jüd.-engll Schriftst. 16. 18232 geb. in Münchengrätz L. K o m p e r t, d. Ghettodicht. I j a r. 17. 1793 st. i. Prag Oberrabb. Ezechiel Landau. 18. 1372 st. in Krakau R. Moses Jsserles (Nemo). 19. 1293 st. im Gefängnis N. Meir b. Baruch aus Rothenburg. 20. 1288 Judenverfolgung in Trohes. 21. 1887 st. in Meran Wilhelm Königswarter airs Fürth. Interpellation des Abg. Breiter. In der letzten Sitzung des Abgeordnetenhauses interpellierten Breiter und Genossen den Ministerpräsidenten und den Minister für Kultus und Unterricht über die bei der Baron H i r s ch - S t i f t u n g herrschenden M i ßst ä n d e. In der Interpellation wird ausgeführt, daß die Mißwirtschaft, welche in der Verwaltung dieser Stiftung Platz gegriffen hat, geeignet sei, deren gänzlichen Verfall herbeizuführen. Um das Kuratorium darauf aufmerksam zu machen, wie verhängnisvoll sein Vorgehen für die Stiftung werden kann, wurden in verschiedenen Zeitullgen diesbezügliche Artikel veröffentlicht, in welchen der verbrecherische Unfug, der in der Verwaltung der Stiftung herrscht, gebrandmarkt und zur Umkehr aufgefordert wurde. Es werden mehrere dieser Artikel, die sich vornehmlich mit den Behältnissen der Lehrer beschäftigen. welche an den von der Hirsch-Stiftung untierhaltenen Schulen angestellt sind, angeführt und die Frage gestellt, was die Minister zur Abstellung dieser Mißstände vorzukehren gedenken. Wien. (Verein jüd. H a n d e l s a n ge st e l lte r.) Dienstag den 10. ds. im Cafe Zentral. 2. Bez., Taborstraße 28 ordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Berichte. 2. Neuwahlen. 3. Eventuelles. Beginn 8 Uhr abends. Die Mitglieder werden ersucht, vollzählig zu erscheinen. Der Magistratsbeamte als Stänkerer. Bekanntlich fand diese Woche eine Gerichtsverhandlung gegen den Magistratsboamten Heinrich D e m e l statt, der bei der Eröffnung der Spiritusausstellung die Inden beschimpft hatte. Bernerkenswert ist das Urteil. Magistratssekretär Demel tvird der Uebertretung der Ehrenbeleidigung nach Paragraph 496 s ch u l d i g erkannt und unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrechtes zu 48 S tu n d e n Arrests verurteilt. Zugleich sprach der Richter die Abtretung des Aktes an die Staatsanwaltschaft ivegen vorliegenden Verdachtes des Vergehens der Aufreizung zu Feindseligkeiten gegen bestehende Religionsgenossenschaften nach Paragraph 302 St. G. aus. In seiner Urteilsbegründung bezog sich der Richter auf die Zeugenaussagen, die beit inkriminierten Tatbestand des Ehrenbeleidigungsfaktums vollständig erwiesen. Magistratssekretär Demel meldete gegen den Schuldspruch, Dr. Elbogeu gegen das Strafausmaß die Berufung an. GM. Schweitzer und Generalingenieur Popper. Durch die mit dem Mai-Avancement verlautbarte Beförderung des Oberstbrigadierö Eduard' Ritter v. Schiveitzer zum Generalmajor und des bisherigen Obersten Schiffsbauingenieurs der Kriegsmarine Siegfried Pvpper zum Generalingenieur haben die ersten Juden in der österreichisch-ungarischen Armee Generalsrang und das Jngenieurkvrps seinen ersten General erhalten. Siegfried Popper, ein ge-

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