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Jüdisches Volksblatt · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · p. Seite 5

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 Wien, Freitag Voik&ktt. . 15. April 1904- Statte S ungeheuerliche Anklage gegen die unglücklichen Juden von Homel hervor. In dem Material zur Voruntersuchung werden die Juden als die dreisten und frechen Feinde aller friedlichen Christen sowohl wie der herrschenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung geschildert. Als sachverständige Spezialisten für die Psychologie der Juden werden Soldaten und Gendarmen vorgeführt. Diese Sachkundigen führen zwar sehr wenig tatsächliches Material an, dafür wiederholt aber jeder Einzelne von ihnen alle die Beschuldigungen, welche in der bekannten Ansprache des Gouverneurs Klingenberg so beredt zum Ausdruck gelangt sind. Obgleich die Voruntersuchung schon abgeschlossen ist, schmachten acht Juden (fünf aus der Schlägerei am 29. August und drei wegen der Vorgänge am 1. September) noch immer in der Untersuchungshaft, während die christlichen Plünderer, ja selbst die christlichen Mörder gegen Bürgschaft oder Kaution sich sämtlich auf freiem Fuße befinden. Die Homeler Anklage verspricht in noch weit höherem Grade zu einem tendenziösen politischen Prozeß zu führen, als selbst die Kischenewer Prozesse. Aus den Ergebnissen der Voruntersuchung läßt sich schließen, daß den Homeler Juden der Versuch der Advokaten, den Kischenewer Behörden und der dortigen „Intelligenz" die Maske herunterzureißen, aufs Kerbholz gesetzt werden soll. Ferner sollen sie zur Verantwortung dafür gezogen werden, daß sie die Frechheit besessen haben, mit bewaffneter Hand ihr Leben zu verteidigen, wie auch dafür, daß die sozialdemokratische Bewegung unter den Arbeitern in Homel so große Ausdehnung gewonnen hat. Man kann sich leicht vorstellen, welches Urteil über die angeklagten Juden unter solchen Umständen von dem Gerichtshof gefällt werden dürfte. Chronik. Inland. Die Konferenz des großen Aktions-Komitees. Aus zionistischen Kreisen wird uns gemeldet: Montag den 11. April wurde die Konferenz des großen Aktions-Komitees eröffnet. Es waren erschienen: Die Herren des engeren Wiener Aktions-Komitees, ferner aus Oesterreich: Dr. Krenberger, Dr. Goldwasser, Adolf Stand, Karl Resek. Aus Ungarn: Rabb. Roth. Aus Deutschland: Dr. Klee, Dr. Friedemann als Stellvertreter und Direktor Wolffsohn. Aus England: Greenberg und Cowen. Aus Rumänien: Samuel Pineles. Aus Serbien: Dr. Alkalay. Aus Belgien und Holland: Henry Grünau und H. Kann. Aus der Schweiz: Dr. Farbstein. Aus Rußland: Dr. Bruck, Dr. Jelsky, Prof. Mandelstamm, Jasynowsky, Dr. Jakobsohn, Dr. Kohan-Bernstein, Dr. Tschlenow, Dr. Belkowsky, Ing. Ussischkin^ .Rabb. Rabbinowitsch und die Herren Dr. Scheinen . und Dr. Rosenbaum als Stellvertreter. Aus Frankreich: Dr. Alexander Marmorek. Aus Amerika: Dr. Stephan S. Wise. Als Vertreter der zionistischen Kommission zur Erforschung Palästinas: Prof. O. Marburg. Nach Verlesung des Einlaufes, der Zustimmungskundgcbungen aus allen Ländern aufweist, werden die Protokolle der letzten Aktions-Komiteesitzungen verlesen und die Tagesordnung der Konferenz folgendermaßen festgesetzt: 1. Tag: a) Erklärung des Präsidenten, b) Debatte. 2. Tag: a) Fortsetzung der Debatte, b) Schiedsgerichtsfrage, c) Entwurf Bodenheimer-Farbstein. 3. Tag: a) Nationalfondsentwurf, Ref. Farbstein. b) Bank, Ref. Wolffsohn. c) Palästina-Kommission, Ref. Marburg: 1. Volksdömänen; 2. Landankauf; 3. Kischenewer Waisenschule; 4. Hamburger Gesellschaft; 6. Mädchenschule Jaffa. Die Resolution des großen Aktions- Komi t e e s. Das große Aktions-Komitee nimmt mit Befriedigung Kennt:ns von den fortwährenden Bemühungen des engeren Aktions- Komitees für Palästina. Das große Aktions-Komitee setzt voraus, daß das Aktions-Komitee im Sinne der Beschlüsse des 6. Kongresses für die Absendung der Afrika-Expedition Sorge tragen wird. Da jedoch über die Frage der Kolonisation Ostafrikas an sich erst auf dem 7. Kongresse zu entscheiden sein wird, so bleibt die Diskussion über diese Frage, wie über alle schwebenden Fragen überhaupt, gemäß den bisherigen Gepflogenheiten frei. Weiters hat das große Aktions-Komitee nach gründlicher Aussprache die Mißverständnisse geklärt und beigelegt, welche infolge einer von allen Seiten zu heftig geführten Polemik in den letzten Monaten entstanden sind und die Arbeit in unserer Bewegung gestört haben. Die nicht das Ostafrika-Projekt berührenden Anregungen russischer Aktions-Komitee-Mitglieder werden dem engeren Aktions-Komitee zur Erwägung und Berichterstattung an das große Aktions-Komitee überwiesen. Dr. Farbstein, Dr. A. Marmorek, Dr. E. W?. Tschlenow, M. Uussischkin, Dr. A. Klee. Z u s a tz a n t r a g d e s e n g e r e n A k t i o n s-K o m i t e e s. Die prinzipielle Erörterung der ostafrikanischen Frage steht jedem frei. Dabei verpflichten sich alle Aktions-Komitee-Mitglieder, alle persönlichen Angriffe nicht nur in den amtlichen Zirkularen zu vermeiden, sondern ihren Einfluß nach Tunlichkeit auszuüben, daß solche Angriffe und überhaupt eine untvürdige Form der Diskussion verhütet werden. Wie». Die vereinigten jüdischen Arbeiter-Organisationen des 2. Bezirkes in Wien veranstalten am 30. ds. im Saale „zum goldenen Widder", 2. Bez., Taborstr. 36, eine Akademie, unter Mitwirkung hervorragender Kunstkrüste. Karten sind im Vorverkäufe erhältlich in der Administration des „Jiid.- Arbeiter", 2. Bez., Untere Augartenstr. 9, sowie in den ineisten Kaffeehäusern und Trafiken des 2. Bezirkes. Wien. (Verein j' ü d. jugendlicher Arbeiieij! „L e o p o l d st a d t", 2. Bez., Untere Augartenstraße 10 (Cafe Mimischem.) Sonntag den 17. ds. Vereinsabend mit Vortrag des 'Herrn Leopold Seelenfried. Thema: „Die Chemie im täglichen Leben." Beginn präzise 6 Uhr abends. Gäste willkommen. Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien» 1. Bez., W»PPlingerstraße 26. Am Samstag den 23. ds., präzise 8 Uhr abends, filidet in Kuhners Saal-Lokalitäten, 1. Bez., Adlergasse 6, die 14. ordentliche Generalversannnlung des Vereines statt. Tagesordnung:1 1. Jahresbericht, 2. Kassabericht, 3. Bericht der Revisoren, 4. Aenderung des Paragraphen 10 der Statuten, 6. Vortrag des Hof- und Gerichtsadvokaten Herrn Dr. Leo Munk: „Der Geschäftsmann und die Steuerbehörde", 6. Anträge und Interpellationen. Chewra-Kadischa, Wien. Die diesjährige Generalversammlurg der „Chewra Kadischa" findet Sonntag, den 17. April 1904, 10 Uhr vormittags im Saale des „Hotel Post", I., Fleischmarkt, statt. Demission. Herr Maximilian P a u l - S ch i f f hat seine Stelle als Präsident der „Oesterr. Jsr. Union" niedergelegt. Der Vereinsausschuß hat die Demission in seiner jüngsten Sitzung zur Kenntnis genommen. Taufe. Mit Bezug auf diese Notiz in der letzten Nummer freuen wir uns, mitteilen zu können, daß Herr Dr. Leo M u n I erklärt h a t, daß die Nachricht von seiner Taufe, die uns von vertrauenswürdiger Seite mitgeteilt wurde, unrichtig sei; er fei Jude. „Jüdischer Schulverein für den IX. Bezirk". Am 17. d. M.. 10 Uhr vormittags, findet die öffentliche Prüfung an der Privat-Religionsschule dieses Vereines in dessen Vereinslokalitäten. IX. Bez., Pramergasse 5, statt. Gäste herzlich willkommen. Wien. (Mädchen- und Frauen-Verein „Bikur CH au lim".) Samstag den 16. ds., abends halb 8 Uhr, findet im Kongreßbureau, 9. Bez., Türkenstraße 9, 2. Stiege, 2. Stock, ein Vortrag des Herrn Dr. Sigm. Werner über „Der Nährwert unserer gebräuchlichsten Nahrungsmittel" statt. Gäste herzlichst willkommen- Jüdische Meisterschwimmer. In Ergänzung unserer Korrespondenz in Nr. 11 erhalten wir folgende Mitteilung: Löbliche Redaktion! „Wozu in di. Ferne schweifen, denn das Gute liegt so nah". Hier in Wi en haben wir einen jüdischen Meisterschwimmer Leopold Mayer, Mitglied des Wiener Amateur-Schwimmklub, der, obwol noch das Gymnasium besuchend, spielend fast alle Meisterschaften des vergangenen Jahres errang. Er gewann die M e i st e r s ch a f t von O e st e rreich über 100, über 200, über 500, und über 1609 Meter, ferner in Aböazia die 1000 Meter Salzwassermei st erschüft, die Europameisterschaft über 1609 Meter, den Ehrenpreis Se. Majestät des Kaisers Franz Josef!., die Donaumeisterschaft von Oesterreich, den Ehrenpreis des Erzherzogs Ferdinand Karl, er hatte ferner einen wichtigen Anteil an dem Siege der Mannschaft W.-A.-S.-Klub in der Polo-Meisterschaft von Oesterreich. Ich glaube das genügt. Aber auch sonst zeigt die jüdische Jugend, daß sie das Wasser nicht fürchtet". Ich erinnere nur an die Brüder Geza und Karl Keßler, vom Athleten-Sport-Klub und E. Bernhard (Austria.) Ihr A. PI. Jüdische Auswanderung aus Galizien. Doktor Pazdro, welcher sich viel mit statistischen Studien beschäftigt, versucht nachzuweisen, daß seit etwa zehn Jahren d i e I u d e n Ziemlich zahlreich Galizien verlassen, und daß der Prozentsatz jüdischer Auswanderer ein ungleich größerer ist, als jener der Polen und Ruthenen. Nach seiner Berechnung entfielen nämlich in Galizien im Jahre 1880 auf je 1000 Einwohner 115, im Jahre 1890 116 und im Jahre 1900 nur 211 Juden. Da der natürliche Zuwachs der' jüdischen Bevölkerung ein viel stärkerer ist, als bei den Polen und Ruthenen, denn in der zehnjährigen Periode 1870 bis 1880 betrug er bei den Polen und Ruthenrn nur 8 Prozent, bei den Juden aber 19 Prozent, so zieht er daraus den Schluß daß nur die zunehmende Auswanderung der Juden aus Galizien die Ursache der Herabdrückung des jüdischen Anteiles an der Gesamtbevölkerung des Landes von 116 auf 111 pro Millc sein kann. Der Ervgroßvater aus Mieslitz. (Eine verlassene Verlassenschaft.) Bei der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde erliegen seit vielen Jahren die Dokumente und sonstigen Belege für' eine große Verlassenschaft, die von dem in Mieslitz in Mähren vor langer Zeit verstorbenen Gerson Wertheim v. Neveu Gers herrührt. Die Erbberechtigten hatten sich bisher nicht gemeldet und nur durch einen Zufall ist die in Wjien wohnhafte Witwe Frau Regina Blau zur Kenntnis von diesem großen Nachlasse gelangt und hat in Erfahrung gebracht, daß sie, als direkter Nachkomme des Erblassers, berechtigt sei, die deponierte Erbschaft für sich zu beanspruchen. Frau Blau, die in Ottakring, Brunnengcrsse 70, wohnt, hatte vor einiger Zeit im Bureau der israelitischen Kultusgemcinde in der Seitenstettengasse zu hui. Sie gab dort dem Beamten Herrn Krauß ihre Generalien an und' nannte auch ihren Mädchennamen Wertheim. Bei Nennung dieses Namens erkundigte sich Herr Krauß um die Herkunft der Frau Blau. Diese erzählte, daß ihr Vater.in Mieslitz ansässig gewesen und von dort im Jahre 1800 nach Stampfen übersiedelt sei. In Stampfen habe er das Heimatsrecht erworben und geheiratet und dort sei er auch gestorben. Frau Mail äußerte sich auch, .als Kind von ihrem Vater oft gehört zu haben, daß er aus sehr guter Familie stamme und daß einmal seine Kinder oder Enkel noch eine große Erbschaft machen, würden- Er selbst loürde das kmim mehr erleben. Frau Regine Blau fragte hierauf den Beamten, weshalb er sich nach ihrer Lcbensgeschichte erkundige. Auf diese Frage erteilte Herr Krauß die Auskunft, daß bei dev Kultusgemeinde schon seit vielen Jahren die Dokumente für eine sehr große, aus dem vorigen Jahrhundert stammende Verlassenschaft erliege, die von einem in Mieslitz in Mähren verstorbenen Herrn Wertheim herstamme und daß sich bis jetzt kein Erbe gemeldet hätte. Frau Blau erzählte die Mitteilungen, die ihr der Beamte der Kultnsgemeinde gemacht, ihren Verwandten. Ein Cousin der Frau Blau ließ im Archiv uachschlagen und verfolgte derart die Geschichte der Familie Wertheim bis zunr Jahre 1678 zurück. Dadurch tvurde festgestellt, daß in diesem Jahre ein Simon Gerson aus Posen nach Franken einwauderte, wo er später Leibarzt des Grafen Löwenstein wurde. Mit behördlicher Bewilligung nahm er dann nach der Grafschaft Wertheim diesen Namen an. Seine Söhne blieben An Diensten des Grafen Löwenstein utib brachten es zu großem Ansehen und Reichtum. Ihre Kinder heirateten und siedelten sich in Darmstadt, Frankfurt, Coburg-Gotha und Köln an. Im Jahre 1723 wurde ein Jakob Gerson Wertheim von Kaiser Ferdinand dem Zweiten geadelt, erhielt den Titel von Neveu- Gers und war zur Führung eines Wappens berechtigt. In diesem Wappen durfte er für verdienstvolle Leistungen im Handelsstande den Anker und „für löbliche Taten" den Helm führen. Ein Moritz Gerson Wertheim übersiedelte im Jahre 1743 von Coburg-Gotha nach Mieslitz in Mähren und von ihm soll die große Verlassenschaft herrühren. Dieser Wertheim war der Großvater der Frau Regina Blau und mithin wäre sie die Erbberechtigte. Mit vieler Mühe hat sich Frau Blau diese Daten beschafft. Sie hat seither von der Kultusgemeinde keine weitere Nachricht erhalten und nun gedenkt sie Schritte einzuleiten, um ihre Rechte geltend zu machen. W. M. Z. Nufere Großjnden. Die „N. Fr. Pr." vom 11. ds. enthält folgende Nachricht: „Die Trauung des Dr. Armando Hötzl mit Fräulein Rena C z i n e r, Tochter des Dr. Armin Cziner, Direktors des Sanatoriums Löw, findet Samstag den 16. ds. um 12 Uhr mittags in der Votivkirche statt." Der Herr Direktor schrieb sich früher — 8 inner . . . Das Taufen scheint im Sanatorium Löw, in dem bekanntlich jetzt Nonnen als Wärterinnen füngieren, epidemisch zu sein. Der Eigentümer Dr. Löw ist auch getauft. . Boskowitz. (Ernennung.) Zufolge Erlasses der k. k. mähr. Statthafterer wurde der hiesige Rabbiner Herr Doktor S. Funk zum Landesrabbiner-Stellvertrkter ernannt. Powoloczyska. Auf Veranlassung des Vereines „Degel Jehuda" fand Samstag am 24. Nisan (9. April) im großen Bethause „Bct-Hamidrasch" eine Frauenandacht für die im vorigen Jahre in Kischenewermordetcn Glaubensgenossen statt; bei welcher die Gg. Nachman Podhorzer und stud. jur. David Denebaum vor einem zahlreichen Publikum sprachen. Dr. Theodor Kohn. Obwohl die Juden zum Olmützer Bistum, ohne dessen Zustimmung bis zum Jahre 1848 keine Synagoge in Mähren erbaut werden durfte, seit 60 Jahren gar keine Beziehungen pflegten, liehen sie dennoch aus ererbter Pietät und Dankbarkeit kein Jubiläum des jeweiligen Erzbischofs vorübergehen, ohne ihm ihre Ehrerbietung und Hochachtung auszudrücken. Der Vorgänger des Fürsterzbischofs Dr. Theodor Kohn, Kardinal Fürstenberg, zeigte sich erkenntlich für jede ihm erwiesene Aufmerksamkeit, die er in der höflichsten Form erwiderte. Hingegen verhielt sich Dr. Kohn schroff und ablehnend gegen jede Zuvorkommenheit der Juden. Offenbar wollte er dadurch seine Gleichgiltigkeit gegen das jüdische Volk manifestieren, von dem sich sein Großvater aus Rache gegen seine Glaubensgenossen losgesagt hatte. Als Zweitgeboreuer durste dieser nämlich keine Ehe eingehen; er heiratete aber ohne „Fmnilie" (Bewilligung), was sein ihm feindlich gesinnter Nachbar infolg eines Zwistes der Behörde anzeigte. Beim Einzuge des Dr. Kohn in die zweite Residenz Kremster begrüßte ihn der Sprecher der jüdischen Deputation mit dem Hinwei.se auf den in diesem Schlosse im Jahre 1848 versammelten Reichsrat, der die Gleichberechtigung der Israeliten beschlossen hat und äußerte den Wunsch, daß auch ferner aus. diesen Hallen durch den Mund des ersten Priesters der Diözese, das erlösende und verbrüdernde Wort der Duldung in die wahnbetörte'Menge dringen möge. Dr. Kohn versprach, auf die Geistlichkeit in dem Sinne zu wirken, daß der konfessionelle Friede stets erhalten bleibe. Man weiß es nicht, ob er sein Versprechen eingelöst hat. Genug, daß unter dem Einfluß des Klerus die Wogen des Antisemitismus nicht lange nachher über die Juden Holles ch aus sich ergossen haben. Von seinen Werken der Humanität waren die jüdischen Armen stets ausgeschlossen, schreibt die „A. Z. d. I.". Ein Ansuchen des jüdischen Frauenvereines um Unterstützung blieb unbeantwortet. An dem von ihm gegründeten Stipendium für Gymnasiasten sollten die Juden keinen Anteil haben. Mit Berufung auf seine in der „Deutschen Zeitung" veröffentlichten, an der theologischen Fakultät in Olmütz gehaltenen Vorlesungen, laut welchen der ulte Konzilbeschlutz, keinen Verkehr mit Juden zu pflegen, noch Geltung hätte, brachen selbst liberale Professoren ihre Besuche in jüdischen Häusern ab, um nicht den Unwillen des Oberhictcn zu erregen. Sicher brachte die Stammverwandtschaft mit diesem hohen kirchlichen Würdenträger dem Judentum nicht nur keinen materiellen Vorteil oder idealen Gewinn, sondern lud noch auf dasselbe den Haß und Spott der Bevölkerung. Seine Knauserei, Rechthaberei und Prozeßstlcht, welche mehr auf die bäuerliche Herkunft, seine vielgerühmte Kenntnis des Kirchenrechtes, die schlechten Ratgeber und Verteidiger, zurückzuführen sind, wurden seiner jüdischen Abstammung zur Last gelegt und das Judentum für alle seine Mißgriffe verantwortlich gemacht. Als er den Schloßpark eine Zeit lang absperren ließ, um sich dem Publikum als den eigentlichen Besitzer desselben zu zeigen, wurden von allen Seiten Beschimpfungen auf den „arroganten Juden, den jüdischen Parvenü und Eindringling" vernommen. Ja, es fehlte nicht viel und das über die unschuldige Verhaftung eines Geistlichen erbitterte Volk wäre, nachdem es die Fenster des Schlosses zerschlagen hatte, auch über die Judengasse hergefallen. Aber nicht nur das Volk, auch die höheren Stände hatten gleich den Vorwurf „Pharisäer, Jehovapriester" bei der Hand. Immer war de „Jude" Kohn der Prügelknabe. Aenßerte sich doch der erste politische Beamte unserer Stadt anläßlich der Rektus-Affäre: „In Dr. Kohn wütet der alttestamentliche Rachegott." Und wenn auch dieser, kurz nachher, als der Fürsterzbischof von der Einweihung der Realschule mit großem Pomp unter Musik nach HauseV begleitet wurde, an der Spitze der Bürger, welche vor dem Schloßtor Spalier bildeten und kniend den fürstlichen Segen empfingen, ehrfurchtsvoll dem Dr. Kohn seine Huldigung darbracyte, erblickte er dennoch in ihm den Juden und freute sich im Herzen über den ihm bevorstehenden Sturz. Dieses Vorurteil gegen die Juden begleitete Dr. Kohn bis nach Rom. Bedenkt man, daß ganz andere Fehler den Kardinal Fürstenberg beim Erklimmen der Stufenleiter der Hierarchie nicht gehemmt haben, dann ist die Annahme berechtigt, daß Kohu als Jndenstämmling auch geringe Vergehen hoch angerechnet wurden. Er teilte das Geschick der Glaubensbrüder seiner Ahnen, deren Fehler mit anderem Maßstab gemessen werden. Weder Purpur noch Thron schützten ihn gegen den Judenhaß, verhüllten seinen jüdischen Ursprung. Ohne es zu wollen, war er ein jüdischer Märtyrer. Als solcher hätte er die Achtung der Juden verdient, hätte er nicht alles aufgeboten, um jedes Band mit diesen gewaltsam entzweizuschneiden und das in seinen Adern rollende jüdische Blut zu verleugnen. Er hat während seiner zwölfjährigen Amtstätigkeit jede Gelegenheit gemieden, ihnen sein Wohlwollen zu bezeugen und sieh so eine dankbare'Erinnerung bei ihnen zu sichern. Sie habe:, daher seinen Abgang nicht zu bedauern. Wenigstens wird jetzt der jüdische Name nicht so oft im Munde des höheren und niederen Pöbels herumgetragen werden. Wege» 30 Kronen Kültnöstener konfessionslos erklärt. Man berichtet aus Jistebnitz: Unsere Gemeinde besteht aus sehr wenigen Mitgliedern und mau kann füglich sagen, daß dieselbe sich nur äußerst schwer erhält und den kleinen Gehalt des Rabbiners kaum erschwingen kann. Ungeachtet dessen haben sich hier die Eheleute Adolf Weiner und dessen Gattin konfessionslos erklärt. Der Bescheid hierüber wurde dieser Tage von der k. k. Bezirkshauptmannsihaft Tabor dem hierortigen Kultusvorstaude zugestellt. Diesen ungerechtfertigten Schritt unternahmen die Genannten, um den kleinen Betrag per 30 Kronen Kultussteuer jährlich zu ersparen, indem dieselben Vorgaben, daß sie keinen Rabbiner brauchten. Die genannten Eheleute Weiner sind durchaus nicht schlecht situiert, da

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