Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 6 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Wien, Freitag Jüdische« VolJwblatt. 15. April 1904 Nr. 16 Bürgermeisters besteht, und daß er sich vor dem Vorwurfe bewahre, den er »nd seine Partei mit Recht dem Dr. Lueger machen, daß er nämlich Bürgermeister einer Partei und nicht Bürgermeister der ganzen Gemeinde sei. Sein Kompliment an die nationalen Parteien quittieren wir mit gebührendem Danke, doch auch mit der gebotenen Vorsicht. Möge dem Worte auch die Tat folgen! AnStelle de-Dr. St er n wurde der bisherige zweite Vizepräsident Dr. Gustav Kohn zu« ersten, «nd kaiserlicher Rat Moriz Hirsch zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Herr Dr. Gustav Kobn, der «och vor kurzer Zeit seine AmtSmüdigkett verkünden ließ, scheint nun vollkommen geheilt zu sein. Er gehört auch zu de» arbeitsamen Vorsteher«, die einen großen Teil ihrer freien Zeit den Kultusangelegenheiten widmen. Wenn er nur seinen Namen nicht zu jeder nichtsnutzigen „liberalen* Mache hergeben würde, wäre ja gegen ih« nicht viel einzuwenden. Mit Genugtuung begrüßen wir Herr» kaiserliche» Rat Moriz Hirsch im Präsidium. Mit einer geradezu übermäßigen Bescheidenheit hat dieser energische Finanzminister der KultuSgemeinde die noch vor wenigen Jahren deronte« Finanzverhältniffe in Ordnung gebracht. Wir wollen hoffen, daß ihm seine neue Würde so viel Zeit läßt, um das begonnene Werk mit Erfolg weiterführen zu kövuen. Wir lassen hier den Bericht über den Verlauf der Sitzung folgen: Im Einlaufe befinden sich an Spenden: Von Herrn kais. Rat Leopold Sachs zum Andenken an seine jüngst verstorbene Schwester Fr. Sophie Prager: für das Versorgungs- und Siechenhaus 800 K-, für das Wölfler-Heim des Vereines zur unentgeltlichen Verpflegung Brustkranker auf dem Lande 400 K., zusammen 1200 K. Von Herr»! Moritz Edler von Kuffner zur Verteilung an Arme des 16. und 17. Bezirkes: Aus Anlaß des Sterbetages seines sei. Vaters Herrn Ignaz Edler von Kuffner 280 K., aus Anlaß der Pessachfeiertage 400 K., zusammen 680 K. Von Herrn kais. Rar Heinrich Klinger: für das Chorpersonale 60 K., für die Bethausdiener 60 K., für die Allianz 60 K., für die Talmud-Thora-Schule 40 K., für das „Ferienheim" 40 K., für den Mädchen-Unterstützungsverein 30 K., für den „Frauenhort" 40 K., für die israelitische Armenanstalt 160 K., für den Wöchnerinnen-Verband 60 K., zusammen 600 K. Von Herrn Hermann Freistadtl anläßlich des Sterbegedächtnistages seiner seligen Gattin zur Verteilung an wahrhaft bedürftige Arme 200 K. Von „Ch." anläßlich des christlichen Osterfestes für israelitische Arme 20 K. Von Herrn Josef Glaser für Arme 10 K. Von Herrn Dr. Rudolf Katz für Arme 10 K. Von der Redaktion des „Neuen Wiener Tagblatt" für die isr. Schulkinder der Brigittenau (Sammelspende) 10 K. Im Einlaufe befindet sich ferner ein Dankschreiben der Familie des verewigten Vorstehers Herrn Heinrich Teltscher für die Anteilnahme des Kultusvorstandes; ein Kondolenzschreiben des Bethausvercines „Chewra-Beth-Hatfilah" anläßlich des Hinscheidens des Herrn Heinrich Teltscher; ein Dankschreiben des Herrn kais. Rat Moriz Hirsch für die Kondolenz des Kultusvorstandes anläßlich des Hinscheidens seines Bruders, des Herrn Samuel Hirsch und ein Dankschreiben der Kultusgemeinde Protznitz aus dem gleichen Anlasse. Weiters ein Dankschreiben des Vereines „Karmel" für die Förderung der Ausstellung durch das Präsidium der Kultusgemeinde. An die Verlesung dieses Schreibens anknüpfend, richtet der Vorsitzende an die Versammelten die Einladung, die Ausstellung zu besuchen. Ferner ein Dankschreiben des Herrn Dr. Adolf HofftNann für die ihm seitens des Kultusvorstandes gewordene Gratulation anläßlich seines 80. Geburtstages. Hierauf wurde zur Wahl des Präsidenten geschritten, aus welcher Herr Dr. Alfred Stern als gewählt hervorging. Nach Publikation des Wahlresultates hielt der neugewählte Präsident folgende Ansprache: Nehmen Sie, meine hochgeehrten Herren, meinen innigen Vpd herzlichen Dank entgegen für die auf mich gefallene Wahl, für die Ehre und Auszeichnung, die Sie mir hiedurch erwiesen haben. Indem ich das Amt, auf welches mich Ihr so ehrendes Vertrauen berufen hat, gerne und bereitwillig annehme, glaube ich es unterlassen zu können, Ihnen ein Programm für meine künftige Tätigkeit zu entwickeln. Ein solches Programm ist durch meine nahezu 16jährige Tätigkeit im Vorstande gegeben. Eine Aenderung dieses Programmes ist in meinem Alter kaum mehr anzunehmen, umso weniger, als ich Ihre Wahl als eine gewisse Zustimmung zu demselben betrachte. Nahezu die Hälfte meiner Wirksamkeit im Vorstande fällt unter das Präsidium meines ausgezeichneten unmittelbaren Vorgängers, dessen unermüdliche Hingebung, dessen Pflichttreue und Gewissenhaftigkeit ich mir zum Vorbilde nehme. (Lebhafter Beifall.) Dieses Vorbild und meine eigene Erfahrung haben mich gelehrt, daß es der vollen Zeit, der vollen ungeteilten Arbeitskraft eines Mannes bedarf, um den fortwährend sich mehrenden Agenden des Vorstandes, speziell des Präsidenten, in gewissenhafter Weise gerecht zu werden und es ist leicht erklärlich, daß ich unter solchen Umständen auf manche mir lieb gewordene Tätigkeit im öffentlichen Leben verzichten muß und verzichten werde. (Oho!) Binnen wenigen Tagen werden Sie, meine Herren, wieder in öffentlicher Sitzung über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1003 beraten und Beschluß fassen. Sie werden ans demselben ersehen, was im abgelausenen Jahre geleistet wurde. Sie werden, meine Herren, aber auch ersehen, wie viele und große Aufgaben dem Vorstande noch obliegen, Aufgaben, deren Erfüllung mehr/oder weniger in den Finanzvorlagen, im Rechnungsabschlüsse, sowie im Budget der Gemeinde zum Ausdrucke kommen müssen. Das Gleichgewicht im Haushalte der Gemeinde ist eine Uotwendige Voraussetzung, ist das Mittel zum Zweck, um den bevorstehenden Aufgaben näherrreten zu können. Dieses Gleichgewicht herzustellen und dauernd zu erhalten, wird mein eifrigstes Bestreben sein. Die möglichste Ausgestaltung des Religionsunterrichtes, die Hebung unserer Kultus- und Wohlfahrtseiirrichtungen sind die wesentlichsten Aufgaben des Kultusvorstandes und nach lvie vor tvill ich im Vereine mit Ihnen, meine Herren, nach dieser Richtung tätig sein. Aber auch weitere Kreise sollen zur Mitarbeit an unseren Aufgaben herangezogen werden. Eine Reihe von Korporationen und Vereinen, die Bethausvorstände, die Bethaus- und Wohltätigkeitsvereine, neuestens die Bezirkskommissionen, sie alle sind in der Lage, innerhalb ihres (Gebietes Gutes und. Ersprießliches zu leisten. Diese Korporationen zu gerneinsamer Tätigkeit heranzuziehen, deren Wünsche und Anregungen entgegenzunehmerr, gewissenhaft zu prüfen und ihnen, wenn es im Interesse unserer Gemeinde gelegen ist. und die Einheitlichkeit? derselben rricht darunter leidet, nach Möglichkeit Rechnung zu tragen, wird mein stetes Bemühen sein. In unserer Gemeinde sind verschiedene Richtungen vertreten. Richtungen religiöser, Richtungen politischer Natur. In Einem sind wir alle einig: In dem Streben nach Erhaltung unseres Judentums, unserer glaubensbrüderlichen Ctemeinschaft, der ehrenvollen Tradition unserer Gemeinde, die mustergültig voranleuchten soll; in diesen gemeinsamen Zielen und Bestrebungen treffen wir uns alle, mögen auch die Wege, die wir gehen, verschieden sein. Die mehrtausendjährige ruhmvolle Tradition u n s e r e S Voltes unseren Nachkommen z n überliefern, wie sie uns von unseren Vorfahren überkommen, das Zusammengehörigkeitsgefühl aller Schichten unseres, durch gemeinsames Leid geeinigten Volkes zu heben und zu fördern, ist unsere große gemeinsame Aufgabe. Meine Herren, vor 37 Jahren, nach 36jähriger Amtstätigkeit, ist ein ausgezeichneter Mann, ein Mann, der in seinem ganzen Leben durch Wort, Schrift und Tat für das Recht unserer Glaubensgenossen, nicht bloß tu Oesterreich, eingetreten ist, und sich unvergängliche Verdienste erworben hat, von der Stelle geschieden, zu welcher Sie mich heute berufen haben. Josef Ritter von Wertheimer, an dessen Seite lange Jahre, bis zu seinem Tode gewirkt zu haben, zu meinen schönsten und unvergeßlichsten Erinnerungen gehört, er hatte damals die Vorsteher und Vertreter der Gemeinde um sich versammelt — keiner von ihnen weilt mehr unter den Lebenden — und in seinen Abschicdsworten als die Leitsterne aller seiner Handlungen bezeichnet: „Wahrung des Friedens, Hebung des Ansehens und der Würde der Gemeinde." Diese Worte waren die Grundsätze seines langen Wirkens, waren die Leitsterne aller seiner Amtsnachfolger, sie werden auch die Leitsterne für die Tätigkeit sein, zu welcher Ihr Vertrauen mich heute berufen hat. Nochmals herzlichsten Dank! Bei der hierauf erfolgten Wahl des ersten Vizepräsidenten wurde Dr. Gustav Kohn gewählt. Derselbe nahm die Wahl an und sagte: Gestatten Sie, daß ich in kurzen Worten für die nahezu einstimmig erfolgte Wahl zum ersten Vizepräsidenten Ihnen meinen wärmsten Dank ausspreche. Ich betrachte diese Wahl als ein Vertrauensvotum, als eine Anerkennung, daß Sie mit meiner bisherigen Tätigkeit nicht unzufrieden sind und 'ich verspreche Ihnen, meine Herren, nach wie vor mit meiner ganzen Kraft mich dem Dienste der Gemeinde zu widmen. So wie bisher an der Seite des allverehrten früheren, zu unserem lebhaften Bedauern aus Gesundheitsrücksichten aus dem Vorstände geschiedenen Präsidenten kais. Rat Klinger, so will ich von nun ab an der Seite unseres nunmehrigen, hochgeehrten Präsidenten Dr. Stern im Vereine mit jenem Kollegen, den Ihr Vertrauen zum zweiten Vizepräsidenten berufen wird, an der Leitung der Gemeinde Mitwirken. Zum zweiten Vizepräsidenten wurde kaiserlicher Rat Moriz Hirsch gewählt, der die Wahl in Begleitung folgender Worte annahm: Für die auf mich gefallene, so hochehrende Wahl zum zweiten Vizepräsidenten erlaube ich mir, Ihnen, meine Herren, meinen besten Dank zum Ausdrucke zu bringen. Ob ich den Erwartungen gerecht werde, die Sie vielleicht an meine Wahl knüpfen, weiß ich nicht; ich weiß nur, daß ich mit aller Kraft und aller Hingebung bemüht sein werde, Ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Es entspricht dem Prinzipe meiner bisherigen Wirksamkeit, in erster Linie auf die Aufrechterhaltung des Gleichgewichtes im Gemeindehaushalte zu sorgen und in diesem Sinne werde ich auch in Hinkunft zunächst tätig sein. Ich danke Ihnen, meine Herren, nochmals für die mich ehrende Wahl! In weiterer Beratung wurde beschlossen im 9. Bezirke einen Jugendgottesdienst einzuführen. Bei der Beratung über das Gesuch des Simmeringer Bethausvereines, daselbst auch einen Jugendgottesdienst mit je zweiwöchentlicher Exhorte einzuführen, kam es zufolge einer Bemerkung des Oberfinanzrates. ,Dr, R a p p a p o r t, d a ß e s sich wegen ungefähr 36 Schüler nicht lohne einen Exhortanten zu bestellen, zu einer lebhaften Debatte, an welcher sich die Herren K a u d e r s, Dr. Marcus Spitzer, kaiserlicher Rat Wilhelm P o l l a k und Dr. M. Steiner beteiligten, welche sich alle gegen diese Auffassung des Dr. Rappaport wendeten. Zum Schlnsse wurde die probeweise Einführung eines Jugendgottesdienstes mit zweiwöchentlicher Exhorte beschlossen. Das nächste Referat über den „Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen" hielt der Sekretär Dr. A d l er. Der Verband zur Unterstützung armer Israel. Wöchnerinnen verdankt der von der Kultusgemeinde im Jahve 1897 veranstalteten Enquete in Armensachen seine Begründung. Die damals gepflogenen Erhebungen haben die Mängel der bisherigen Wöchnerinnen-Unterstützung! bloßgelegt den Weg zu einer Reform gewiesen. Unter der Aegide und fordernden Teilnahme der Kultusge.meinde traten elf Wiener israel. Frauen-Wohltätigkeitsvereine zu einem Verbände zusammen, welchem seither weitere zwei Frauen-Wohltätigkeitsvereine beigetreten sind. Der Verband hat in seiner Praxis die Prinzipien der modernen Armenpflege zur Geltung gebracht: die Zentralisation, die persönlichen Erhebungen der Vorstandsdamen, die individualisierende Behandlung jedes einzelnen Falles, die Präventiv- und Naturalhilfe neben der Geldunterstühung. Der so geartete Versuch des Verbandes, die Wöchnerinnenpflege den Anschauungen der Gegenwart entsprechend zu reformieren, darf als vollkommen gegliickt und von den segensreichsten Folgen begleitet bezeichnet lrerden. Es wurde in der ersten ^monatlichen Tätigkeitsperiode (Dezember 1900 bis emschl. Dezember 1901) 700, in der zweiten 12monatlichen Tätigkeitsperiode (Jänner bis Dezember 1902) 690 und im Jahre 1003 688 armen jüdischen Wöchnerinnen in erfolgreicher, den normalen Verlauf des Wochenbettes sichernder Weise Beistand geleistet. Die angeführten Ziffern besagen in der Sprache der Statistik und laut amtlicher Nachweisung, daß 22 Prozent aller jüdischen Wöchnerinnen in Wien die Hilfs^ätigkeit des Verbandes in Anspruch zu nehmen genötigt sind, wobei jene armen jüdische,! Frauen, welche das Gebärhaus oder das Wöchnerinnenheim „Lucina" aufsuchen, außer Anschlag bleiben. Dieser erschreckende Prozentsatz eröffnet uns einen traurigen Einblick in das Anwachsen des jüdischen Pauperismus und bildet zugleich einen beredten Beweis für die Notwendigkeit der Existenz des Verbandes selbst. Was die Finanzlage des Verbandes betrifft, so ist zu bemerken, daß er kein eigenes Vermögen, keinen Stammfonds besitzt. Die Auslagen werden aus den Beiträgen der Verbands-Vereine, aus der Subvention der Kultusgemeinde und aus Spenden, die teils direkt einlaufen, teils vom Kultusborstande im Sinne des demselben zustehenden Dispositionsrechtes zugewiesen werden, bestritten. Die Ausgaben betrugen: 1000/1901 24 476.11 K., 1902 24 606.31 Kronen, 1003 24 626.— K. Die Einnahmen betrugen: 1900/1001 25 367.68 K.. 1902 K. 10 857.19 K.. 1903 21 626.— K. In diesen Einnahmen ist enthalten die Subvention der Kuttnsge,ncinde im Betrage von 6600.— K. und die Subvention aus der Dr. S. H. Goldschmidt-Verlassensrhaft im Betrage von 1200 K. Der restliche Betrag wird durch Beiträge der verschiedenen Fraueuvercine und durch Spenden aufgebracht. Zur Deckung des Gebarungs-Defizites pro 1902 votierte der Kultusvorstaud im Vorjahre eine außerordentliche Subvention von 4748.12 K. In der Gebarung des Jahres 1903 ergibt sich ein Fehlbetrag von K. 3000.—, dessen Bewilligung als außerordentliche Subvention das Vertreterkollegium beantragt. Der Antrag wurde angenommen. Heiter gestaltete sich das Referat des Baurats Ritter von Goldschmidt über Reformen tm Friedhofswesen, welche sich auf die Fixierung von Lohnwagen bei Klaffenbegräbniffen und Bestellung eines Ordners im Trauerhause beziehen. Wir kommen auf diesen Punkt der Tagesordnung noch in einem besonderen Artikel zurück und erwähnen heute bloß, daß diese „Reformen" zum Beschlüsse erhoben wurden. In der hierauf folgenden vertraulichen Sitzung wird der von dem Vorstande der Chewra-Kadischa gewählte Herr Salomon Simon zum Borstandsmitgliede derselben ernannt. Aus Rußland. (Orig.-Korr. des „Jüd. Volksblatt".) Kruschewan agitiert weiter. Noch immer genießt er das Monopol, in Kischenew allein eine Zeitung herausgeben zu dürfen, noch immer existiert die „Snamja". Beides ist nur dadurch erklärlich, das P l e h w e ihn moralisch (sit venig. verbo) und materiell hält. In Odessa nehmen die antisemitischen Agitationen ihren Fortgang, trotz aller Erlässe und Kundmachungen des Gouverneurs. Jeden Morgen kommen zirka 1500 Exemplare der „Snamja" an die Expedition de- S w j s t u n o f f, der zugleich die Expedition der „Odess. Lyst." leitet. Um das Planmäßige der Agitation zu verstehen, muß man bedenken, daß die alte« großen Petersburger Blätter nicht mehr als zirka 300 Exemplare nach Odessa senden. Die „Snamja" aber sendet, obwohl sie ein Petersburger Lokalblättchen ist, 1500 Exemplare nach Odessa. Jeder Kolporteur (denn bei uns ist die Kolportage gestattet) muß nun mindestens 2 Exemplare der „Snamja" nehmen, er erhält nämlich sonst kein Exemplar einer anderen Zeitung von Swjstunoff ausgefolgt. So sorgt man dafür, daß das Gift in das Volk dringt. So macht man Antisemiten. Denn bei der geringen Zahl von Blättern, die überhaupt in Rußland existieren dürfen, hat natürlich eine Zeitung, die gratis verteilt wird, wie die „Snamja" umsomehr Einfluß auf die Massen. Natürlich geschieht dies alles unter der Patronanz des N a w r o ck i, in dessen Haus sich die Expedition des Swjstunoff befindet. Es steht traurig mit den Juden in Rußland. Ich habe mit mehreren sehr ehrenwerten Christen gesprochen, die sich bei anderer Gelegenheit der Juden warm annahmen, aber jetzt schweigen. Sie haben das Gefühl, das Alles umsonst sei. Die Regierung will Massakres. So sprach ich jüngst mit dem Quästor der Odessaer Universität. Ich drückte mein Erstaunen aus, daß sich so viele jüdische Studenten an den Demonstrationen beteiligen, die einfachste Ueberlegung müsse doch ihnen sagen, daß sie sich jetzt ruhig verhalten sollten. Der Quästor lächelte: „Es ist ja gar nicht wahr, daß sich so viele Juden an den Demonstrationen beteiligen. Wir Habenaber von der Regierung den strikten Auftrag erhalten, überall und bei jeder Gelegenheit die Beteiligung des jüdischen Elementes bervorzuheben und muß eben Juden machen, auch wo keine find. Ich bin Beamter und muß die Aufträge der Regierung ausführen," fügte er entschuldigend hinzu. Ich glaube, das, genügt. Der Erlaß Plehwes betreffs Milderung bei der Handhabung des Ausweisungsgesetzes hat seine Vorgeschichte. Die amertkanischenBneiBriths h a b e n diesen Erlaß bei Plehwe durchgesetzt gegen die Verpflichtung, die Agitation gegen Rußland in Amerika einzustellon. Natürlich ist bei einem Plehwe immer die Gefahr, daß man düpiert wird. Es wird sich zeigen, wie die Behörden sich verhalten werden. Die „Nvwoje Wremja" berichtet aus Warschau, daß die dortigen Friedensrichter seit dem Ausbruche des Krieges, die streitenden Parteien besonders eindringlich zu Ausgleichen zu bewegen suchen. Wenn ein solche* zustandekommt, werden dann die versöhnten Parteien eingeladeu, Spenden für die Krieg-verwundeten zu machen. „Es fällt allgemein aus", ist die „Nowoje Wremjagezwungen zu konstatierenßl „daß von dieser Einladung beinahe ausschließlich d i e unteren Volksklassen und die Juden Gebrauch machen, während die „Intelligenz" entweder gar nichts oder lieber für andere Zwecke spendet". Das hindert aber natürlich nicht die liebe „Nowoje Wremja" andererseits einen christlichen Engländer, Law, der in der „National Review" die Russen angreift, zu einem Juden zu stempeln und die Inden deshalb anzngretfen. Und wenn er ein Jude wäre, sind denn die Juden der gesamten Welt verpflichtet, das Rußland Kischenews zu loben? * * * Die vor wenigen Tagen beendete Voruntersuchung in dem Prozeß über den Krawall in H « m e l hat ein geradezu niederdrückendes Ergebnis zu Tage gefördert. Die Untersuchnngsbehörde hat alle» getan, «m durch höhere Beeinflussung der Zeugen, nötigenfalls aber auch durch schamlose Anstiftung derselben zu lügenhaften Aussagen die wirklichen Vorgänge in Hömel zu verdunkeln. Die Untersuchungsrichter haben sich augenscheinlich zur Aufgabe gestellt, den Homeler Krawall so darzustellen, wie er seinerzeit in dem berüchtigten Kommunique der Regierung geschildert wurde. Es muß zuge» geben werden, daß ihnen die Lösung dieser Aufgabe im hohen Grade gelungen ist. Die Schlägerei am Marktplatze vom 29. August wird in den UntersuchungSprotokollen als ei» von den Jude« Wohlorganisterter Angriff auf die christliche Bevölkerung dargestellt. Es fanden sich „vertrauenswürdige" falsche Zeugen, welche bekunden konnten, daß der Angriff der Juden von diesen schon lange vor dem 29. August gut vorbereitet war, daß er zum Zweck hatte, den Christen den Krawall von Kischenew heimzuzahlen, und daß die Schlägerei auf dem Marktplatz nur die Einleitung und das Signal zum geplante» Angriffe war. Aus einer großen Reihe von geschickt untergeschobenen falschen Aussagen abgerichteter Zeugen geht eine