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Jüdisches Volksblatt · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
6 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt. 15. April 1904 Nr. 16 dieselben hier ihr eigenes Haus samt Feldern besitzen, so auch mir einen einzigen Sohn haben, der sehr gut als Reisender bei Gebrüder Tauber in Prag angestellt ist. Der Kultusvorsteher kam den erwähnten Eheleuten sehr entgegen, indem er Herrn Weiner mehrmals tvarnte, einen derartigen Schritt nicht zll unternehmen uiid versprach, daß die Zahlung ihm nachgewartet werden tvürde. (Da sieht man, wie die Provinz zurück ist. In Wieri gibt es Ehrenmänner, die schon wegeli 20 K. Knltussteuer konfessionslos werden. Anm. d. Red.) Ter ungarische Auswanderungsskandal. In letzter Zeit verlautet es, dah Graf T i s z a dem ungeheuerlichen Austvanöenrngsskandal einen Riegel vorschieben würde. Die Oeffentlichkeit ist aber wenig darüber orientiert worin dieser finanzielle Eklat eigentlich besteht. Wir wollen diese Lücke hiemit ausfüllen. Die englische Counard-Linie, die in unmittelbarem Kontakt mit der ungarischen Schiffahrt-Linie „Adria" steht, genießt eine vcrkappteRcgier u u g s s u b v e n t i o n, wenn eine gewisse Zahl von Auswandernden, man spricht von 30 000, die teure Route über Fiume benützt. Die deutschen Transportnnternehmungen sind auch nicht faul und machen die hitzigsten Anstreirgungcn, den Auswandercrstrom über Hamburg und Bremen zu leiten. In englischen Städten haben sich oft Faustkämpfe um die „Abschüttler des Heimatsstaubes" abgespielt. Patrioten und Fremde befehdeten einander, um gemeinsam die Ungarn zum Verlassen der teuren magyarischen Erde zu bestimmen. Der ganze ekelhafte Vorgang rollt die Frage auf, worin der ungarische Patriotisntus eigentlich gipfelt. Ist die Counard-Linie patriotisch, weil sie die Stanrmcsangehörigen über Fiume nach Amerika befördert oder die Politiker, die man durch große Pauschalien zur Duldung des Skandals bewogen hatl Es ist unbedingt ein Charakteristikon, daß die Negierung für jeden über Fiume Auswandernden eiir Kopfgeld bezahlt, damit sich die Nation jenseits des Ozeans vermehre. Was nützt die Taufe? Ein heiteres und äußerst charakteristisches Taufgeschichtchen macht jetzt — wir uns aus Munka es berichtet wird —im Zemplener Komitat die Runde, welches wieder einmal beweist, daß der Jude für seine christlichen Mitbürger auch dann nur „der Jud" bleibt wenn er das Taufbecken passiert hat. Ein in einer Großge, meinde des Zewplener Komitates begüteter reicher Jude — erzählt man sich verliebte sich in die dortige schöne, katholische Schullehrerin. Er hielt um ihre Hand an, aber die holde Pädagogin war nur unter der Bedingung gewillt, die Frau des reichen Juden zu werden, wenn dieser die Religion seiner Ahnen verläßt und zum katholischen Glauben Übertritt. Der verliebte Assimilant machte nicht viel Federlesens- und wurde bald ein fleißiger, aber sehr ungeduldiger Schüler des Ortspfarrers. Die Taufe fand auch bald in Anwesenheit der „gesamten Intelligenz" unter großem Pompe statt. Als der Täufling stolz und in. der Hoffnung, nun bald, auch in den Schoß der alleinseligmachenden Lehrerin einkehren zu können, die Kirche verließ, richtete der Sakristeidiener, den bei dem ganzen Akte nur die Höhs des Trinkgeldes interessierte, an den vor der Kirchentüre stehenden Meßner ganz laut die Frage: „Du, hör' mül, wie viel hat der Irrd' springen lassen?" ' Ein Fremdrrrgesetz in Deutschland. Die preußisch e Regierung - erließ vor einiger Zeit eine Verordnung, welche auch für. jüdische Emigranten.von großer Bedeutung ist. Diese Verordnung bezieht sich auf solche Emigranten, weiche aus Amerika zurückkehren und in Deutschland bleiben wollen, jedoch keine deutschen Staatsbürger sind. Solchen Zurückkchrenden wird die Durchreise: hurch Deutschland nur in dem Falle gestattet, wenn die Schiffsgesellschaft, welche sie aus Amerika herüberbeförderte, sämtliche Reisekosten dieser Reisenden auf sich nehmen. Sollte ein solcher Reisender der öffentlichen Woltätigkeit aus dsulschem Gebiete zur Last fallen,, so wird )die Schiffsgesellschaft, welche ihn beförderte, zum Ersatz der Kosten herangezogen werden. Um den Transport, solcher Emigranten kontrollieren zu können, werden solche „Durchreisende" je nach ihrer Zahl in besonderen Zügen oder besonderen Waggons zw befördern sein. Für einzelne Reisende dieser Kategorie ist eine eigene Legitimation, eine Art Zwangspaß mir gebundener; Marschroute vorgesehen. Münchner Bilder. Bekanntlich ist der frühere Ministerpräsident Graf Crailsheim jüngst in den Aufsichcsrat der Bayerischen Vereinsbank gewählt worden. Die „Münch. Post" führt diese Wahl auf antisemitische Bestrebungen zurück. Das Blatt läßt sich von, einem „in das Bgnk-Dorado nicht ganz Uneingeweihten" schreiben:' „Im Laufe des vergangenen Jahres starben von den Aufsichtsräten der Bayerischen Vereinsbank 2 hervorragende Mitglieder, die Herren v. Hirsch und Wilmersdoerffer, beide Israeliten, der letztere Mitbegründer der Bank, der andere eine der Hauptstützen des Instituts durch den Uebergang seines Geschäftes in die Bant. Herr von Wilmersdoerffer hinterließ einen Sohn, der auch Jahre hindurch schon der Kompagnon seines Vaters, der ein durchaus erfahrener und erprobter Geschäftsmann war. Das Vertrauen, was dem Barer von verschiedenen Seiten gewährt, ward dem Sohn bewahrt, der recht antisemitische sächsische Hof ernannte ihn trotzdem und alledem zu seinem Konsul (als Nachfolger seines Vaters) und eine sehr hohe andere Persönlichkeit, die seit langen Jahren ihr Vermögen dcm Vater anvertraur, teilte sofort dem neuen Chef des Hauses mit, daß ihm diese Verwaltung mit bestem Zutrauen fürderhin gewährt werde. Taten das Fernerstehende, um wieviel mehr mußte Herr Wilmersdoerffer erwarten, daß die Vereinsbank rhu in den Äufsichtsrat berufen werde. Er erwartete es nicht anders und man sah dem Wahltag im Familienkreis mit großer Ruhe entgegen, war es doch selbstverständlich, dah der durchaus sachverständige, geschäftskundige Mann nicht „durchfallen" könne, der Sproß der Gründerfamilie, der Vertrauensmann sehr hoher Herren. Am Morgen ging Herr Wilmersdoerffer mit hoher Miene in sein Geschäft und e!rhoffte -die telephonische Benachrichtigung seines Sieges mit großer Seelenruhe. Endlich tönt das Klingelzeichen, Herr Wilmersdoerffer eilt an das Hörrohr — um zu erfahren, daß Graf Crailsheim soeben mit erdrückender Mehrheit in den Aufsichtsrat der Bayerischen Vereinsbank gewählt sei. Herr Wilmersdoersfer eignet sich nicht znm Äufsichtsrat der Vereinsbank — weil er Jude ist. An Stelle von Herrn v. Hirsch ist wenigstens ein geschäftskundiger christlicher Mann gewählt, an Stelle von Herrn v. Wilmersdoerffer Krafft Graf Crailsheim! Das Direktorium an der Veinsbank, einer Bank, von Juden mit jüdischem Kapital gegründet, von Juden unterstützt (Guggenheimer), hat seit Jahren das nicht geschriebene Gesetz sich gemacht, keinen Juden mehr, in was für eine Stellung immer, anzustellen. Ich weiß, die Herren! werden mir mit dem Direktor Selz dienen, aber Direktor Setz ist i nur als semitische Ausnahme bei der Vereinsbank, weil bei der Uebernahme des Geschäftes, dem Herr Selz angehörte, Vertragsmäßig seine Anstellung airsbedungen wurde. Es ist jetzt bei vielen \ Banken modern (siehe Hypothek- und Wechselbank), die Juden in gewisser Hinsicht „rechtlos" zu machen, sie glauben dadurch feiner zu werden. Diese Tatsache mutz konstatiert werden, weil sie zum Wesen > des modernsten Kapitalismus gehört. Selbst die Deutsche Bank 1 möchte gerne das gleiche Prinzip verfolgen, wenn eben Direktor Mankiewicz nicht gar zu unentbehrlich neben dem humanen Direktor Koch wäre. Der Fall Wilmersdoerffer war nun ganz besonders schwierig, denn hier konnte man anstandshalber die Wähl des Sohnes des Gründers nicht verhindern. Es galt also, ein „feines" Mittel zu finden, und man fand es, man kam auf die ingeniöse Idee, einen „großen, vornehmen Mann", einen „berühmten Staatsmann" als Kandidaten aufzustellen, dann konnte man dreist sagen, daß zum Ködern des Publikums dieser Name, dieser große Staatsmann, diese geschäftliche Null, sehr gut und sehr nützlich sei, darum mußte Wilmersdoerffer fallen. Und Krafft Graf v. Crailsheim, der „liberale" Minister, ließ sich für diesen Plan nur allzugern finden: 60 000 Mark Einkommen und Revennuen sind eben mehr als 36 000 Mark!" Kischenewer Kolonisten in Argentinien. Aus Kischenew wird gemeldet: Mehrere hiesige jüdische Familien! erhielten die Nachricht, daß btc* 14 jüdischen Familien, welche! vor einiger Zeit nach Argentien ausgewandert sind, dortselbst . bereits ankommen, und zum Teile in M o s e s v i l l e, zum j Teile in anderen Baron Hirsch'schen Kolonien angesiedelt wurden.! Das Ehrendiplom - der „Chowewei Zion". Die Odeffaer Chowewei Zion hat beschlossen, besonders würdige Mitglieder der Organisation dukch ein künstlerisch ausgestattetes Ehrendiplom auszuzeichnen. Zu diesem Zwecke hat die Gesellschaft eine Konkurrenz auf die künstlerische Ausstattung des Ehrendiploms ausgeschrieben. Die beste Zeichnung wird mit einem Preise von 200 Rübe l n belohnt. Nähere Mitteilungen sind bei dem Präsidium der Gesellschaft in Odessa zu erfragen. Oberst Goldsmid. Die Tage der Freude anläßlich unseres nationalen Befreiungsfestes sind durch eine traurige Nachricht verdüstert Wörden —^ einer der besten und treuesten Söhne des jüdischen Volkes, der englische Oberst Goldsmid, ist auf der Heimreise von der Riviera nach London in Paris an Darmverschlingung erkrankt und trotz der sofort vorgenommenen Operation, gestorben. . . . Tiefe und wahre Religiosität zeichnete den Maiin aus, der erst den Weg zum Judentume, dem seine Familie sich entfremde: hatte, aus eigener Initiative suchte und wieder gefunden hatte. Mr. Henry Edward Goldsmid, General-Seftetar der Bombayer Regierung und dessen Bruder, Sir Frederick Goldsmid, Generalmajor und wohlbekannt als Autorität in persischen und indischen Fragen, waren Christen geworden. Als 'Sohn Mr. Henry Edward Gvldsniids im Jahre 1846 geöoretf; wurde Albert Edward Goldsand im Christentume erzogen. Im Jahre 1855 übersiedelte seine Familie von Indien nach England. Damals gab es noch keinen Suezkanal) und man^ macht? zur Abkürzung des Weges die Fahrt vom röten -zum^MMäÄdischen Meere über Land: Zur Zeit wittettz. WHrMgeli'.'der Cholera, dem auch Mr. Henry Mwarw Goldsmid zum Opfer fiel. Aus dem englischen Friedhof ü-tt?!Kcüxo.<wurde erbegraben. Erst in seinem 11. Jahre erfuhr ÄME Edward Goldsmid, daß er jüdischer Abstammung sei.Dieser Gedanke. ließ den Knaben nicht mehr zur Ruhe kommen, und von diesen Kindheitstagen an reift in ihm der Entschluß, zM JndentMe zurückzukehren. Und kaum hatte er die Militärschule von Sandb.ürfl im Jahre 1866 mit glänzendem Erfylge -absolviert und ' war dem 4. Füsilier- Regiment« zugeteilt, als er seinen Entschluß auch ausführte und zum Judentzime übertrat, wobei er Heu jüdischen Namen Michael, erhielt.- Und dieser Schritt. war. durchaus nicht nach dem Sinne seiner - anhers j-tzukendM?FMftM herkni Mitglieds^,sowie auch seine Geschwister,Mäuben verblichen-. Seine gleichgesiynte, Frau wählte er ebenfalls aus eiri.exMyvramfchen Fapnlie,und. heiratete sie unter Bewältigung aller/ sich , entgegenstellenden Widerstände, nachdem sie Jüdin geworden war. Infolge feiner ausgezeichneten militärischen Qualitäten machte Goldsmid seine Karriere. Zuletzt nahm er als ' Oberst und Gen eral- Quartier m erster am südafrikanischen Feldzuge teil. Im Oktober 1903 wurde er, nachdem er die Altersgrenze erreicht hatte, pensioniert, wobei ihm die große Auszeichnung zuteil wurde, dast> sein.^ König ihn auf sein Schloß Balmoral ffür 3 Tage als - Gast ernlnd und ihm der dieser Gelegenheit den hohen Viktoria-Orden verlieh. Daß der Oberst bei seiner Gesinnung sich nicht nur darauf beschränkte, Jude zu sein, sondern sich auch'als solcher betätigte, ist fast selbstverständlich. Er nahm an dem Leben der engeren Gemeinde lebhaften Anteil, aber er kümmerte sich auch um alle Fragen der Gesamt-Judenheit und war überall im Vordergrund, wo es galt, seine Dienste derselÄn zur Verfügung zu stellen. Als Baron Hirsch die argentiuischemKvlonien gründete, war Colonel Goldsmid, der es übernahm, Dieselben einzurichten und er stand ihnen in den Jahren 1892' und 1893 als General-Direktor vor. Er, der große Sportefreund, der den Wert der körperlichen Ausbildung zu schützen wußte) scheute nicht die Mühe, als Kommandant der jüdischen Kriäöenbrigade zu wirken und damit die körperliche Ausbildung der-arg vernachlässigten Kinder des Ghetto zu fördern. Die erzielten Resultate, auf die er stolz war, werden auch von allen Seiten rühmlichst anerkannt. Er war ferner Vorstandsmitglied der „Anglo Jewish Association" und einer der Gründer und zületzt Präsident des „Maccabciean- Clubs", welcher für sich den Ruhmestitel in Anspruch nehmen darf, zu allererst in Landen einen Krystallisationspunkt jüdischen Lebens gebildet zu haben. In seinen Ansprachen bei den Zusammenkünften dieses Klubs kam Oberst Goldsmids zionistische Gesinnung stets zum feurigsten Ausdruck, denn Zionist war er mit Leib und Seele und an Zion dachte er immerdar, unbeschadet seiner Treue und Verehrung für das Land, unter dessen Fahnen er diente. Nachdem er den aktiven Militärdienst verlassen hatte, erklärte er sich auch bereit, in her zionistischen Organisation aktiv tätig zu sein und wurde sofort in den Vorstand der „English Zionist Federation" gewählt. Es sollte ihm nicht beschieden sein, sich in dieser Funktion lange zu betätigen. Um die Jahreswende 1904 erkrankte seine Frau an einer Blinddarmentzündung und mußte operiert werden. Nachdem diese Operation glücklich bestanden war, reiste er mit ihr und der unverheirateten Tochter an die Riviera. Und auf der Heimreise wurde er so jäh dahingerafft und das innigste Familienleben, das man sich denken kann, zerrissen. Voriges Jahr — in Aegypten — sehnte er sich darnach, wieder einmal Passah zu feiern. Durch die Teilnahme am südafrikanischen Kriege war er seit drei Jahren daran verhindert gewesen. Als gehorsamer Soldat, der er immer war, verzichtete er auch voriges Jahr auf die Freude, das schöne Fest im Kreise der Seinen zu feiern, da der Zionismus seiner Dienste in Aegypten bedurfte. Und heuer ist er vor den Feiertagen dahingerafft worden. Tiefe Trauer mag über diesen Verlust in Israel herrschen, denn einer der besten Söhne unseres Volkes ist heimgegangen. Was er geleistet hat, ist genug, um seinem Namen in der Ruhmeshalle unseres Volkes ein ewiges Gedächnis zu sichern. Jassy. Unser Rabbiner Dr. Nemirowcr, der in werten Kreisen der rumänischen Juden als hervorragender Talmudist, Redner nnd Mann der Tat bekannt ist, wurde ift Galatz zum Rabbiner und Prediucr M'wäblt. Stfiüvtvrtt itrtfpri’t. rti-nfe.«.», {ff Jassy fortsetzen. Eine Judcnhetze in Lompalanka. Am Sonntag den 3. ds. war unsere Stadt der Schauplatz antisemitischer Exzesse. Behördc trafen vor dem Leichenbegängnis alle Vorkehrungen zur Aufrechtcrhaltung der Ruhe, ließen die Straße zum sogenannten Judenviertel durch ein Kavalleriedctachcment besetzen und ordneten an, daß sich der Leichenzug direkt von der Kirche zum Friedhof zu begeben habe. Kaum aber war der Sarg aus der Kirche getragen, da ertönten Rufe aus der tausendköpfigen Menge: „Ans nach dem Jndenqnartierl" Der Mob setzte sich in Bewegung. Vor dem Kavallerie- Posten angelangt,wurden die Pferde durch das Getöse der Menge nnd durch Blechbüchsen, die man nach der Truppe schleuderte, scheu gemacht — es bildete sich in den Reihen des Militärs eine Lücke, durch die der Mob mit dem Sarg durchbrach, und dann ging's zum Judenviertel. Dort hauste der Pöbel in vandälrscher Art, alles ivurde zertrümmert, dann zog das Volk in die Judengasse/ wo fast alle Häuser böse mitgenommen wurden: keine einzige Fensterscheibe blieb ganz, die Fensterstöcke und' Türpfosten wurden herausgerissen, und was nicht zerstört wurde, wurde einfach fortgetragen. Das hier liegende Kavallerieregiment wurde zu spät auf den Platz beordert, konnte auch nichts ansrichten, 'weil erst die telegraphische Ermächtigung des Ministeriums zum Gebrauchter Waffen eingeholt werden mußte, und als diese eine Stunde später eintraf, war die Katastrophe schon vollzogen. Die Ruhe kehrte erst wieder, nachdem seitens der Behörde bekannt gegeben worden war, daß die Truppe beim geringsten Widerstand von' der Waffe Gebrauch machen werde. Das Elend unter den Opfern der Attacke ist groß: Auf Anordnung des Ministeriums wurde nnverweilt eine Kommission zur Unterbringung der Obdachlosen und Feststellung des Schadens gebildet. Der im Tempel angerichtete Schade beläuft sich auf etwa 11 OOÖ Franken. Viele Judenfamilien sind, teils temporär-' teils--für dis Dauer- , nach Mid-in-. und. -MstschM. MiZgzwarüM»; WG- FWht vor neuen Ausschreitungen an den griechischen Osterfeiertagen. Eine Wcbschule an dev Talmud-Thora- -Aus L o d z wird uns geschrieben: Wir berichteten seinerzeit davon, daß' in .der Generalversammlung der Mitglieder der.Handwerkerschule, der Talmud-Thora auch das Projekt wegen der Errichtung einer) Webschule, zu.welchem Zwecke die Kolonisationsgesellschaft- „Jca" in Paris von der Gesamtsubvention im Betrage von 30 000 Rubel einen Fonds in der Höhe von 6000 Rubel, sowie aufdie Dauer von 3. Jahren einen Jahresbeitrag von 8000 Rubel hergab, beraten wurde- Damals wurde -von der Generalversammlung beschlossen,'das Lehrprogramm auszuarbeiten,, einen Kostenanschlag irber .die. Einrichtung der Weberei anzufertigen, die erforderlichen Baupläne zu entwerfen und den Kostenpreis des Baues, zu berechnen.und dies alles besonders hierzu erwählten Kommissionen zur Äusführnng zu überlassen.., Die erste dieser.Kommissionen, bestehend,,ans den Herren: Ingenieur Stanislaw Steinhardt, Leopold Maybaum, A. Schwajcer, Alexander. Lourie. und Jsak Lourie beendete bereits ihre ’ Arbeiten und -stellte ihr Projekt der Verwaltung der Talmud-Thora vor. Dieses Projekt, umfaßt das Lehrprogramm, die Einrichtung der Weberei und dje Kosten des Unterrichtes. "Dem Sinne des. Projektes zufolge sollen die Schüler der Webschule. zu Webmeistern ausgebildet werden. In der Webschule werden Zöglinge der Talmud- Thora Aufnahme finden,.die den gangen allgemeinen Kursus dieser Anstalt beendet haben, nnd auch Kandidaten der mosaischen Könfefiio.it im Alter von 16 bis 10 Jahren, die gußer.der Handwerkerschule der Talmud-Thom stmrden, aber eine entsprechende Vorbildung empfingen. Der Lehrunterricht in der Schule-soll. 3 Jahre dauern;.die Oberaufsicht über dieselbe einem besonders hierzugua-» lifizierten Maschinen-Jngenieur übertragen) werden. Das Lehrpersonal soll bestehen: aus einem Lehrer mit eijiem Jahresgehalt von 2000 bis 3000 Rubel, aus dem Maschine,c-Jngcnienrmit einem Gehalt von 1600 bis 2000 Rubel, 1 Untermeister für die mechanischen Webstühle mit einem Gehalt von 600 Rubel pro Jahr. Im ganzen wurde somit der Unterhalt des Lehrpersonals auf 7100 Rubel berechnet. Das Schulprogramm wird folgende. Lehrfächer umfassen: Die Musterlehre, Musterzeichnerei, Wiarenkunde, Maschinenlehre, Kalkulationen nnd Fabriksbuchhalterei- Zeichnen, Fär- 30 Stunden verwandt lverden. Das Budget der Schule in seinen Ausgaben für Lehrer, Dienerschaft, Ankauf von Proben und/Wehstühlen usw. wurde auf die Summe von 0260 Rubel jährlich berechnet. Die einmaligen Anschaffungskosten der ,10^ verschiedenartigenmechanischen.Webstühle, Handwebstj'chle) Und,Hilfsmaschinen dürften 0000 Rubel betragen. Was den Entwurf des Bauplanes, die Ausarbeitung des Kosteuauschlages inklusive dev erforderlichen m-aschinellen Kraft znm Betriebe der Webstühle usw. betrifft, _ so wird die Kommission, bestehend aus den Herren: Stcynslaw Steinhardt, Gustav Landau, M. Drutowski, A. .Weichselfisch und Eö- Rosenthal diese Arbeiten in wenigen Tagen beenden. Das ganze Projekt soll dann in einer Sitzung der Berwaltungsmitglieder, die in etwa zwei Wochen stattfindet, einer Durchsicht.unterzogen lverden. Im Verlage von Richard S a t t-l-e r in V r a u n s chw o i g erschien soeben: „Wer hat Ernst Winter ermordet?" Eine psychologische Untersuchung von Stabsarzt a. D. Dr. W. Zelle, Kreisarzt in Lüben in Schlesien. Dem rätselhaften Morde in Kouitz, welcher trotz der ausgesetzten Belohnung von 30 000 Mark bis heute feine Lösung nicht gefunden hat, wird hier eine Beleuchtung von Seiten eines Mannes zu teil, der sowohl auf dom Gebiete sviupr Wissenschaft — der Medizin — wie auch auf historischem, wert-

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